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Ja, auch ich sah jetzt keinen Ausweg mehr. Das Schicksal dreier Männer - und im Falle von Franco und meinem Onkel, auch das ihrer Familien - hing von meiner Bereitschaft ab, Cobbs Befehle zu befolgen. Dass er mit diesen Befehlen mein Leben und meine Unversehrtheit aufs Spiel setzte, schien Männer wie ihn und seinen Neffen nicht zu kümmern. Sie taten so, als verlangten sie nichts von mir als eine kleine Gefälligkeit, aber in Wirklichkeit wollten sie, dass ich in ein Haus einbrach, das wie eine Festung gesichert war und das von Leuten mit solcher Macht und solcher Gier bewohnt wurde, dass mir alleine schon bei dem Gedanken daran der kalte Angstschweiß ausbrach.

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D ie British East India Company führte ihre Geschäfte vom Craven House an der Kreuzung der Leadenhall und Lyme Street. Hier befand sich nicht nur das Stadthaus der Direktoren, sondern auch das als India Yard bezeichnete Lager, das an der besagten Straßenkreuzung zunehmend mehr Raum einnahm und sich bis zur Grace Church Street im Westen und zur Fenchurch Street im Süden erstreckte. Je vermögender die British East In-dia Company wurde, umso größer wurde auch der Platzbedarf für die Gewürze, die Teesorten, die Leinenstoffe, Musselingewebe, die Seidenprodukte und anderen Schätze Asiens, die das Unternehmen importierte und für die die Menschen unseres Inselreiches einen unersättlichen Bedarf zu haben schienen. Zu dem Zeitpunkt, da ich diese Geschichte niederschreibe -viele Jahre nachdem sie sich zugetragen hat -, ist der Name der Firma geradezu ein Synonym für Tee geworden, so, wie er es zu meinen Jugendzeiten für Gewürze gewesen war. Zu der Zeit, in der diese Geschichte spielt hingegen, war die East India Company vor allem für ihre indischen Textilien berühmt.

Während der Tageslichtstunden der wärmeren Monate konnte man einen steten Strom von Lastenträgern und Lastkarren sehen, die sich wie menschliche Ameisen mit ihrer wertvollen Fracht zwischen dem India Yard und dem Dock an der Billingsgate, wo die Schiffe be- und entladen wurden, hin- und herbewegten. Nur an christlichen Feiertagen kam dieser Strom zum Erliegen, und selbst während der kalten Monate, wenn kaum Schiffe den Londoner Hafen anliefen, herrschte hier ein emsiges Treiben, denn der Götze namens Profit, dem die Direktoren huldigten, richtete sich nicht nach den Jahreszeiten.

Ich kannte mich nur wenig mit dem Geschäftsgebaren der East India Company aus, aber eines wusste ich: Das Gelände wurde geradezu von einer Armee bewacht, deren Aufgabe nicht nur darin bestand, den wertvollen Inhalt der Warenhäuser zu beschützen, sondern auch das, was im Craven House an sich aufbewahrt wurde. Im Gegensatz zu den übrigen Handelshäusern - der Africa Company, der Levante Company und natürlich der South Sea Company besaß die East India Company zwar nicht mehr das Monopol am Indienhandel, aber sie war seit über hundert Jahren etabliert und hatte wenige ernsthafte Mitbewerber. Trotzdem hatten die Direktoren guten Grund dazu, ihre Geschäftsgeheimnisse zu wahren. Nur ein törichter, ein sehr törichter Mann, würde es wagen, sich mit einem der großen Handelshäuser anzulegen. Ich mochte in der Kunst des Einbruchs behände und versiert sein, aber wenn jemand einer Macht in die Quere kommt, die mit Millionenbeträgen so umgeht wie unsereins mit Pennys, dürfte er gewiss den Kürzeren ziehen.

Genau aus diesem Grunde hatte ich einige Wochen zuvor das Angebot von Mr. Westerly abgelehnt, der mir vierzig Pfund (natürlich hatten Cobb und Hammond das, was durch meine Weigerung an zusätzlichen Spesen angefallen war, von meiner Entlohnung abgezogen) dafür geben wollte, dass ich etwas in meinen Augen unvorstellbar Törichtes tat - nämlich ins Cra-ven House einzubrechen, mich in das Büro eines der Direktoren zu schleichen und wichtige Dokumente für die bevorstehende Aktionärsversammlung zu entwenden. Die Gefahr, dabei gestellt zu werden, sei viel zu groß, hatte ich Mr. Westerly erklärt, und die Konsequenzen, die mir daraus erwüchsen, viel zu unerquicklich.

Ich erinnerte mich an einen Zwischenfall, der vor einigen Jahren in aller Munde gewesen war: Einem Schurken namens Thomas Abraham war es gelungen, 16 000 Pfund aus dem Craven House zu stehlen. Er hatte sich über Nacht in dem Haus einschließen lassen, nachdem er sich tagsüber als falscher Geschäftsmann Zugang verschafft hatte. Unseligerweise hatte er sich zuvor Mut angetrunken und es dabei ein wenig zu gut gemeint, so dass er sein sicheres Versteck verlassen musste, um Wasser zu lassen - wobei er ertappt worden war. Für diesen Einbruch sollte Mr. Abraham am Galgen baumeln, doch in einem seltenen Akt von Großmut sorgte die East India Company dafür, dass sein Urteil in lebenslange Zwangsarbeit an einem ihrer ostindischen Außenposten umgewandelt wurde. Ich betrachtete das Leben als Sklave in tropischen Gefilden mit Hitze, Krankheiten und Hungersnot nicht unbedingt als Gnade und hoffte sehr, dass mir ein ähnliches Schicksal erspart bleiben würde.

Allerdings musste ich zugeben, dass Mr. Cobb durchaus Verständnis für die Schwierigkeiten hatte, denen ich mich gegenübergestellt sah, und weil er so erpicht darauf war, meine Mission von Erfolg gekrönt zu sehen, willigte er ein, mir gewisse Gelder vorzustrecken, die ich zur Durchführung derselben benötigen würde, vorausgesetzt, dass ich ihm die Notwendigkeit glaubhaft machen konnte. Somit verließ ich sein Haus mit der Zusage finanzieller Unterstützung, doch gleichzeitig mit einem Vorgefühl, dass mein weiterer Weg mich in eine Katastrophe führen würde.

Vor der Tür musste ich über Edgar hinwegsteigen, der zwar noch atmete, wie ich am Heben und Senken seiner Brust erkennen konnte, dem aber von den Straßenjungen ziemlich übel mitgespielt worden war. So hatten sie ihn zum Beispiel vollkommen entkleidet, was zu solch einer Jahreszeit mit Bodenfrost von ziemlicher Rohheit zeugte; außerdem hatte man ihm um die Augen herum Schnitte und Hiebe zugefügt, die nicht von meinem Faustschlag stammten. An seine möglichen inneren Verletzungen mochte ich gar nicht erst denken. Ich würde sehr darauf achten müssen, Edgar gegenüber kein Anzeichen von Schwäche durchblicken zu lassen, denn er würde gewiss sein Mütchen an mir zu kühlen trachten.

Ich ließ mich von einer Droschke nach Spitalfields bringen, wo ich eine Schankwirtschaft namens The Crown and Shuttle aufsuchte, das Stammlokal eines Mannes, den ich dringend sprechen musste. Ich wusste, dass ich zu früh dran war, aber da ich im Augenblick nichts anderes zu tun hatte, bestellte ich mir ein Ale und sann über die Schwierigkeiten nach, die mir bevorstanden. Ich war wie gelähmt vor Wut und Zorn; der Gedanke, derart benutzt zu werden, erfüllte mich mit einem schwelenden Groll, der mich auch nicht losließ, wenn ich versuchte, meine Gedanken anderen Dingen zuzuwenden. Doch konnte ich nicht umhin, zuzugeben, dass ich gleichzeitig auch neugierig war. Cobb hatte mich vor eine schwere Aufgabe gestellt, eine sehr schwere Aufgabe, und es war nun an mir, eine Lösung dafür zu finden. Obwohl ich Mr. Westerly gesagt hatte, dass sein Ansinnen unmöglich auszuführen wäre, war ich nun zu der Überzeugung gelangt, dass ich das Problem möglicherweise überschätzt hatte. Nein, ganz und gar unmöglich war es nicht - eher unwahrscheinlich, dass es mir gelingen würde. Mit entsprechender Planung konnte ich vielleicht doch vollbringen, was von mir erwartet wurde, und vielleicht würde es auch gar nicht so schwierig sein.

Über diese Dinge sann ich während der folgenden zwei oder drei Stunden über fünf oder sechs Krügen Ale nach. Ich gebe zu, dass ich nicht mehr im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte war, als plötzlich die Tür der Schankwirtschaft aufgestoßen wurde und ein halbes Dutzend stämmiger Burschen hereinkamen, die sich alle um eine Gestalt in ihrer Mitte scharten. In dieser Gestalt erkannte ich keinen anderen als Devout Hale höchstpersönlich, den Mann, den zu treffen ich gekommen war. Er machte keinen Hehl aus seinem Elend, hielt Kopf und Schultern gesenkt und ließ sich von seinen in grobes Leinen gekleideten Kameraden stützen.