»Nächstes Mal zahlst du es ihm heim«, erklärte einer von ihnen gerade.
»Er hat dich beinahe gesehen. Er drehte sich gerade um, aber dann ist diese verfluchte Hure mit ihrem Balg gekommen«, sagte ein anderer.
»Es war verdammtes Pech, aber du kommst schon noch zum Zuge«, bekräftigte ein Dritter.
Dann löste sich ihr Oberhaupt aus der Gruppe seiner gutmeinenden Vasallen, ein grobschlächtiger Mann von Mitte vierzig mit zerzauster hellroter Mähne, aus dessen hellhäutigem Gesicht ein ungepflegter Bart wuchs. Er hatte Flecken im Gesicht - einerseits solche, wie sie seine Haarfarbe mit sich brachte, aber auch andere von weniger gefälliger Natur. Angenehm jedoch waren an ihm seine leuchtenden grünen Augen, und obwohl blaue Flecken, Schrammen und Narben in seinem Gesicht von unzähligen Reibereien zeugten, machte er doch den robusten Eindruck eines Mannes, der sich von seinem Missgeschick ebenso wenig unterkriegen ließ wie Achilles von seiner Ferse.
»Ich seid gute Freunde, Jungs«, pries er seine Spießgesellen. »Gute Freunde und Kameraden, und mit eurer Hilfe werde ich am Ende doch noch siegreich sein.«
Er trat einen Schritt vor und stützte sich auf die Tischplatte. Es war nicht zu übersehen, dass sich sein Gesundheitszustand seit unserer letzten Begegnung verschlechtert hatte, und damit erinnerte er mich unweigerlich an meinen Onkel, was eine weitere Woge des Kummers über mir zusammenschlagen ließ, denn ich bekam das Gefühl, als wäre jeder, den ich kannte und alles, was ich besaß, dem Verfall preisgegeben.
Obwohl er immer noch über breite Schultern und einen kräftigen Brustumfang verfügte, wirkte er infolge seines Ge-brechens doch irgendwie schwächlich. Die Schwellung an seinem Hals trat, obwohl er sie mit einem hellbraunen Tuch, das früher einmal weiß gewesen war, zu kaschieren versuchte, nun noch deutlicher zu Tage, und die blutigen Stellen in seinem Gesicht und an seinen Händen kündeten von den Verheerungen, die unter seiner Kleidung verborgen waren.
Unter größter Anstrengung schleppte er sich an einen Tisch, wo er zweifellos vorhatte, seinen Verdruss in Alkohol zu ersäufen, und ließ dabei mit dem argwöhnischen Auge eines Jägers, der einen noch schlimmeren Beutegeier als sich selber fürchtet, den Blick durch den Raum schweifen. Und dabei gewahrte er mich.
Es freute mich zu sehen, dass sein Blick sich ein wenig aufhellte. »Weaver, Weaver, willkommen, mein Freund, auch wenn du dir einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht hast, fürchte ich. Aber sei's drum, setz dich zu mir. Danny, holst du uns was zu trinken? Bist ein braver Junge. Komm, setz dich, Weaver, aber bitte mach mich nicht noch trauriger, ich flehe dich an.«
Ich tat wie mir geheißen, und obwohl ich eigentlich schon genug Ale intus hatte, ließ ich seinen Kameraden gewähren. Und ich hatte gerade Platz genommen, als die Krüge schon vor uns standen. Ich nippte nur an meinem, während Devout Hale seinen mit einem gierigen Schluck zur Hälfte leerte.
»Du darfst nicht glauben, dass ich dir aus dem Wege habe gehen wollen. Keineswegs, aber die Zeiten sind hart, und sowie die Familie gefüttert und die Gier des Vermieters befriedigt ist, die Kerzen gekauft sind und ein Feuer im Kamin brennt, bleibt einem kaum noch ein Pfifferling übrig. Aber bei des Teufels Titten, ich schwöre dir, wenn ich noch etwas hätte, würde ich es dir geben.«
Ich will nicht so weit gehen zu behaupten, ich hätte vergessen, dass Devout Hale mir noch etwas schuldete, aber diese kleine Verpflichtung mir gegenüber fiel nun auch nicht mehr ins Gewicht. Ich habe schon für viele arme Männer gearbeitet, die mich bezahlten, sowie sie die Mittel dazu aufbrachten. Letzten Endes habe ich von den meisten mein Geld bekommen, ob nun aus Dankbarkeit für meine Dienste oder aus Angst vor den Konsequenzen, vermag ich nicht zu sagen. Bei Devout Hale allerdings konnte ich mir nur aus dem ersteren Grund Hoffnungen machen. Er und seine Gefolgsleute bräuch-ten sich wohl kaum vor einem Einzelnen zu fürchten - nicht nach all den Widersachern, mit denen sie es aufgenommen und die sie niedergerungen hatten.
Ich hingegen hatte ihm einen guten Dienst erwiesen, und darauf konnte ich bauen. Dass er mir noch vier Schilling dafür schuldete, bedeutete nur, dass er meinem Vorschlag ein noch geneigteres Ohr schenken würde. Vor ungefähr drei Monaten war einer seiner Männer spurlos verschwunden, und Hale hatte mich gebeten, Nachforschungen nach seinem Verbleib anzustellen. Bewusster Mann lag ihm besonders am Herzen, denn es handelte sich um den Sohn eines seiner Vettern, und die Familie war in größter Sorge. Wie es sich herausstellte, gab es dafür keinen Anlass - der junge Mann war mit einem übel beleumundeten Dienstmädchen davongelaufen, und die beiden hatten in Covent Garden Quartier bezogen, wo sie ihrer trauten Zweisamkeit frönten und ihren Lebensunterhalt durch die uralte Kunst des Taschendiebstahls bestritten. Obwohl Hale bitter enttäuscht und verärgert über die Mätzchen seines Verwandten gewesen war, überwog doch seine Erleichterung ob dessen Unversehrtheit.
»Ich kann mich kaum erinnern, dass es je so schwer gewesen ist, seine Familie zu ernähren«, sagte Hale. »Vor allem, wenn man im Wettbewerb mit den billigen Kleidern aus fremden Ländern steht, wo die Menschen für nichts arbeiten müssen und viele Londoner ihr Geschäft nach außerhalb der Stadtgrenzen verlegen, damit sie nicht an die hiesigen Regeln gebunden sind. Diese Burschen arbeiten für die Hälfte des Geldes, das unsereins benötigt, um nicht zu verhungern, und wenn die Arbeit, die sie abliefern, minderwertig ist, so gibt es doch genug Leute, die das nicht stört. Sie kaufen billigere Stoffe ein und verkaufen sie, als wären sie von edelster Güte. Es gibt zehntausend von uns, zehntausend, die in London dem Schneiderhandwerk nachgehen, und wenn sich an den Verhältnissen nicht bald etwas ändert, wird es in Bälde zehntausend Bettler mehr in London geben. Mein Vater ist Schneider gewesen, und sein Vater vor ihm auch, aber es kümmert niemanden, ob es noch eine weitere Generation geben wird, die den Leuten ihre Kleidung näht, solange sie sie nur weiterhin so billig erwerben können wie jetzt.«
Ich wusste, dass es nun an der Zeit war, ihn zu beruhigen. »Ich bin nicht gekommen, um Schulden einzutreiben. Im Gegenteil. Ich bin hier, um dir Geld anzubieten.«
Er blickte von seinem Krug auf. »Damit hatte ich nicht gerechnet.«
»Ich würde dir gerne fünf Pfund als Gegenleistung für einen Dienst offerieren.«
»Ich kann es gar nicht erwarten zu hören, welcher Dienst ein solches Vermögen wert sein soll.« Er sah mich skeptisch an.
»Ich möchte, dass du gegen die East India Company in Ausstand trittst.«
Devout Hale ließ ein lautes Lachen ertönen und schlug die Hände zusammen. »Weaver, wenn mich das nächste Mal der Kummer erfasst, werde ich sofort nach dir schicken, denn du machst mir gleich wieder gute Laune. Es ist wundervoll, wenn einem jemand fünf Pfund für etwas anbietet, das man nur zu gerne auch ohne Entlohnung täte.«
Devout Hale war sein ganzes Leben lang Seidenweber gewesen, und er war ein Meister seines Handwerks. Durch seinen Fleiß und dadurch, dass er nicht davor zurückschreckte, seine Feinde mit Steinen zu bewerfen, war er so etwas wie ein inoffi-zieller Arbeiterführer geworden. Er und seine ihm treu ergebene Gefolgschaft befanden sich nun seit beinahe einem Jahrhundert im Aufstand gegen die East India Company, denn die Güter, die die Company auf die Insel importierte - ihre feinen indischen Stoffe - fraßen heftig an dem Profit, für den diese Männer so schwer schufteten. Das hauptsächliche Mittel ihres Protestes - der Ausstand - hatte ihnen in der Vergangenheit gute Dienste geleistet, und das Parlament hatte bei mehr als einer Gelegenheit den Forderungen der Seidenweber nachgeben müssen. Natürlich wäre es töricht, davon auszugehen, dass die Arbeiter auf immer und ewig mit einem kleinen Ausstand ihren Willen würden durchsetzen können, aber es gab im Königreich genügend Männer von Macht, die befürchteten, die East India Company könne auf Dauer dem Weber- und Schneiderhandwerk im Lande Schaden zufügen, indem sich eine einzige Handelsgesellschaft zum Nachteil eines ganzen Berufsstandes bereicherte. So hatten die Unbeugsamkeit der Seidenweber und die Ränkeschmiederei im Parlament zusammengenommen ein einigermaßen handfestes Instrument geschaffen, mittels dessen man der Gier der Geschäftemacher im Craven House entgegenwirken konnte.