Ein paar Minuten, bevor es acht Uhr schlug, hörte ich eine Frau angsterfüllt aufschreien, und ich wusste, dass Devout Hale und seine Männer ihren Teil unseres Abkommens erfüllt hatten. Zusammen mit den anderen späten Käufern, von denen mehrere die Ablenkung dazu benutzten, den Markt zu verlassen, ohne für ihr schäbiges Grünzeug bezahlt zu haben, lief ich hinaus auf die Leadenhall Street und wurde Zeuge, wie ein Haufen von etwa dreißig oder vierzig Seidenwebern vor dem Gelände der East India Company in ihren viel zu dünnen Übermänteln in der Kälte ausharrten. Ein halbes Dutzend von ihnen hielt Fackeln in die Höhe, und ein weiteres halbes Dutzend oder so bewarf die das Gelände umgebende Mauer mit Steinen oder faulen Äpfeln. Sie brüllten der Umfriedung allerhand Verwünschungen entgegen, behaupteten, die Company verhalte sich unfair gegenüber einfachen Arbeitern, wolle ihnen die Löhne kürzen, ihre Absatzchancen verschlechtern und den guten englischen Geschmack mit fernöstlichen Luxusgütern korrumpieren. Aber auch Frankreich wurde nicht geschont, denn der Engländer muss erst geboren werden, der ohne eine verächtliche Bemerkung über jene Nation in den Ausstand zu treten weiß.
Obwohl so mancher Grund hätte, sich über die Langsamkeit zu beklagen, mit der die Mühlen der englischen Justiz mahlten, kam mir diese Trägheit in unserem Falle sehr zupass, denn um die Seidenweber dazu zu bringen, sich zu zerstreuen, hätte ein Konstabler eines Friedensrichters bedurft, der mutig genug war, um sich vor die Menge zu stellen und ihnen laut den Ge-setzesparagrafen betreffs unerlaubter Zusammenkünfte vorzulesen. Von diesem Punkt an blieb den Aufständischen genau eine Stunde, ehe die Armee hinzugerufen wurde, um den gewaltsamen Aufruhr zu beenden - ironischerweise durch Anwendung von Gewalt. Es war ein althergebrachtes System, aber eines, das sich über die Jahre als praktikabel erwiesen hatte, denn oft genug hatte sich gezeigt, dass das Abfeuern einer Muskete auf einen oder zwei Unruhestifter die Übrigen dazu brachte, schleunigst das Weite zu suchen.
Devout Hale hatte mir zugesagt, dass er und seine Männer so lange in meinem Sinne meutern würden, bis es zu gefähr-lich für sie wurde. Um meinetwillen würden sie kein Musketenfeuer über sich ergehen lassen, aber bis dahin würden sie damit fortfahren, mit toten Ratten um sich zu werfen.
Mehr konnte ich nicht von ihnen verlangen, und wenn auch ich mich in Sicherheit wiegen wollte, musste ich in das Gelände eindringen, mir greifen, was Cobb von mir haben wollte und meinen Rückzug antreten, bevor die Soldaten eintrafen. Daher schob ich mich durch die Menge, schwitzte unter der Glut der brennenden Fackeln, roch den kalten Schweiß der Arbeiter und eilte dann um die Ecke der Lyme Street. Die Dunkelheit hatte nun vollends eingesetzt, und da sämtliche Passanten sich dem Spektakel zugewandt haben durften und die Wachposten im Inneren der Mauer sich auf eine Belagerung durch die Seidenweber vorbereiteten, konnte ich hoffen, unbemerkt die Mauer zu überwinden. Im Falle meiner Entdeckung, so hatte ich entschieden, würde ich erklären, von einem übereifrigen Streikenden verfolgt worden zu sein, der meinte, ich hätte etwas mit der East India Company zu tun. Da das Unternehmen mir schließlich all dies Ungemach eingebrockt hätte, würde ich nun erwarten, dass es mir auch in der Stunde der Not beistand.
Um aber meine Erklärung glaubwürdig wirken zu lassen, durfte ich keinerlei Einbruchswerkzeug mit mir führen, denn ein unschuldiger Schaulustiger hatte selten solche Gerätschaften zur Hand. Stattdessen überwand ich die Mauer auf primitivere Art und Weise, so nämlich, wie sie Knaben und Amateure des Fachs praktizierten. Ich hatte mir tagsüber ein Bild von der Umgebung gemacht und dabei zahlreiche Risse und Sprünge in der Mauer entdeckt, die sich als Halt für Hände und Füße anboten. Die größte Schwierigkeit bei dieser Kletterpartie über die zehn Fuß hohe Mauer bestand darin, den ziemlich schweren Sack zu halten, den ich bei mir trug und in dem sich, unzufrieden ob ihres Loses, allerhand Lebewesen wanden und krümmten.
Nichtsdestotrotz gelang es mir, obwohl ich den Sack abwechselnd in der Hand und zwischen den Zähnen halten musste, während ich mich die äußere Mauer hochwuchtete. Dann blieb ich einen Moment lang flach liegen, um mir einen Überblick zu verschaffen. Ganz meiner Vermutung entsprechend hatten die meisten der Wachmänner ihre Posten verlassen und betätigten sich nun in der männlichen Kunst, den Aufständischen Beschimpfungen zuzurufen, während diese ihnen Kadaver um die Ohren fliegen ließen. Doch es war nicht nur Geschrei zu vernehmen, sondern auch ein unaufhörliches metallisches Klappern - die empörten Seidenweber mussten sich irgendwie Trommeln besorgt haben; ein kluger Gedanke, denn je mehr Aufhebens und Lärm sie erzeugten, desto besser standen für mich die Möglichkeiten, ungestraft hinein- und wieder hinauszugelangen.
Dabei erwies es sich als schwieriger, die Mauer hinunterzu-klettern, als sie zu erklimmen, doch dann sprang mir ungefähr zwanzig Fuß weiter südlich ein kleiner Hügel ins Auge, der nur einen Sprung aus der ungefähren Höhe meiner Hüfte erforderlich machte, also glitt ich einer Schlange gleich auf die Stelle zu und bereitete mich darauf vor, das Gelände zu betreten.
In diesem Augenblick entdeckten mich die Hunde. Fünf drachenköpfige Mastiffs mit schrecklichen Fängen sprangen unter ohrenbetäubendem Bellen vor und wollten sich auf mich stürzen, aber ich griff in meinen sperrigen Leinensack, holte den ersten der drei Hasen hervor, die ich am Nachmittag auf dem Markt gekauft hatte, und warf ihn in den Hof. Kaum hatte der Hase sich so recht besonnen, da sah er auch schon die Hunde auf sich zurasen und flitzte davon. Er war im Vorteil, denn in dem Sack hatte er es schön warm gehabt, und die Hunde waren sichtlich steif von der abendlichen Kälte. Drei von ihnen nahmen die Verfolgung des Hasen auf, also setzte ich noch einen zweiten Hasen frei, dem die verbliebenen zwei Hunde nachhetzten. Den dritten Hasen behielt ich vorerst, denn ich nahm an, dass er mir auf meinem Rückzug noch von erheblichem Nutzen sein würde.
Dann ließ ich mich von der Mauer rutschen und federte mich gekonnt mit den Knien ab. In gebückter Haltung schlich ich mich zwischen die Lagerschuppen und das Craven House. Nun gestaltete sich mein Vorhaben zunehmend schwieriger, denn hier war alles erleuchtet, und obwohl ich mich so weit als möglich wie ein echter Gentleman gekleidet hatte, damit niemand, der mich sah, gleich vor mir davonlief, musste ich doch davon ausgehen, dass den Angestellten und Arbeitern im Haus ein fremdes Gesicht auffallen würde. Ich konnte nur hoffen, dass die meisten von ihnen bereits nach Hause gegangen waren - obwohl man mir zu verstehen gegeben hatte, dass die Angestellten der East India Company häufig Überstunden machen mussten - und dass die noch Anwesenden in einer Mischung aus Amüsement und Besorgnis den Weberaufstand verfolgten.
Ich huschte durch einen Garten, wobei ich mich, so weit es ging, im Schatten hielt, bis ich zu einer Hintertür gelangte, die wie ich annahm, in eine Küche oder eine ähnliche Räumlichkeit führte. Doch mir standen zwei Überraschungen bevor. Die erste bestand darin, dass die Tür nicht in eine Küche, sondern in einen Versammlungsraum führte, in dem wohl sechzig bis siebzig Personen aufrecht stehend Platz gefunden hätten, vorausgesetzt, dass nicht zu viele von ihnen besonders fettleibig waren. Hier fanden, wie ich vermutete, Auktionen für ausgewählte Kunden und Aktiengeschäfte statt, doch zu dieser abendlichen Stunde hielt sich natürlich niemand mehr in dem Saal auf, so dass ich mir bequem Zutritt verschaffen konnte.