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Weniger erfreulich war allerdings, dass an der Tür eine Glocke befestigt war, die jedem, der die Ohren aufsperrte, mitteilte, dass jemand den Raum betreten hatte.

Ich versteckte mich rasch auf der der Tür gegenüberliegenden Seite in einer schmalen Nische zwischen zwei Bücher-regalen und konnte mir nur wünschen, dass niemand mit einer Kerze kam, um nachzusehen. Aber es interessierte sich keiner für die Glocke, und nachdem ich mich ein paar Minuten lang im Dunkeln verborgen hatte, ging ich davon aus, dass ein Kommen und Gehen in diesem Raum nichts war, was die Angestellten in erhöhte Alarmbereitschaft versetzte. Am liebsten hätte ich natürlich den Schluss gezogen, dass sich außer mir überhaupt niemand mehr im Gebäude aufhielt, doch diese Hoffnung konnte ich sogleich wieder begraben, als ich über mir knarrende Schritte vernahm.

Ich zog meinen Mantel aus und stellte den Sack mit dem Hasen beiseite, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass er fest verschnürt war. Dann bereitete ich mich darauf vor, ins Herz des Gebäudes vorzudringen. Cobb hatte mich gnädigerweise darüber aufgeklärt, wie ich zu dem Büro fände, aus dem ich etwas stehlen sollte, denn er wusste, dass es sich in der südöstlichen Ecke der ersten Etage befand - mehr aber auch nicht, und nun durfte ich mich zunächst auf die Suche nach der Treppe machen. Ich schlich mich an den Wänden entlang, bis ich wiederum vor einer Tür stand. Ich wertete es als gutes Zeichen, dass durch die Ritzen kein Lichtschimmer drang, drückte die Klinke herunter und fand die Tür unverschlossen vor. Für den Fall der Fälle war ich darauf vorbereitet, so zu tun, als wäre ich in wichtigen Geschäften im Craven House und nicht als Einbrecher.

Am anderen Endes des Raumes gab es wiederum eine Tür, hinter der kein Lichtschimmer auszumachen war. Ein weiteres Mal nahm ich meinen Mut zusammen und öffnete sie; nun befand ich mich in einem Korridor. Ich schien auf dem richtigen Wege zu sein. Obwohl ich mich ja im Stockdunkeln zurechtfinden musste, hatte ich noch eine ungefähre Vorstellung davon, auf welcher Seite sich die Vorderfront des Gebäudes befand, wo ich vermutlich auch die Treppe finden würde. Ich hatte beinahe den halben Korridor hinter mich gebracht, als ich plötz-lich von einem Licht geblendet wurde. Nachdem ich ein paar Mal geblinzelt hatte, erkannte ich eine junge Frau, die mit einer Kerze in der Hand auf mich zukam. Selbst in dieser Finsternis war nicht zu übersehen, dass sie ziemlich hübsch war -ihre Haube bedeckte ihr schwarzes Haar nur teilweise, und sie hatte dunkle, ausdruckslose Augen, deren Farbe ich natürlich nicht erkennen konnte. Und obwohl ich wirklich wichtigere Dinge im Sinn hätte haben sollen, konnte ich doch nicht umhin, ihre frauliche Figur zu bewundern, die man auch unter dem schlichten Kleid, das sie trug, erkennen konnte.

»Ach, da sind Sie ja«, begrüßte sie mich. »Ich fürchtete schon, Sie könnten wegen des elenden Pöbels da draußen gar nicht aufs Gelände gelangen, aber Sie sind wohl gewitzter, als ich gedacht habe.«

Ich war drauf und dran, sie zu fragen, ob sie von Cobb geschickt war, hütete aber meine Zunge. Wenn Cobb eine Frau ins Craven House einschleusen konnte, damit sie ihm die Kastanien aus dem Feuer holte, hätte er meiner ja gar nicht bedurft. Nein, hier handelte es sich offenbar um eine Verwechslung. »Ich möchte gar nicht daran denken, wer Sie auf den Einfall gebracht haben könnte, ich sei nicht gewitzt«, sagte ich zu ihr.

In der Dunkelheit sah ich, wie sie ganz große Augen machte. »Sie müssen sehr entschuldigen, Sir. Ich habe Sie für jemand anderen gehalten.« Ich hatte das Gefühl, dass sie auch rot anlief. Auf jeden Fall war es ihr fürchterlich peinlich.

Mir lag bereits eine weitere schlagfertige Replik auf der Zunge, aber ich hielt es für besser, vorerst nichts weiter zu sagen. Schließlich sollte sie mich für einen Angestellten der East India Company halten, und diese Rolle musste ich jetzt spielen, nicht die Rolle des Mannes, der zufällig einer liebreizenden jungen Dame begegnet. »Machen Sie nächstes Mal die Augen auf«, sagte ich und drängte mich auf die unwirsche Art und Weise, von der ich hoffte, dass sie unter den männlichen Angestellten im Craven House gang und gäbe war, an ihr vorbei.

»Sir«, rief sie hinter mir her, »Sir, warten Sie doch einen Moment.«

Mir blieb nichts anderes übrig, als stehen zu bleiben, denn wenn ich vor ihr davongerannt wäre, hätte sie natürlich gemerkt, dass ich nicht ins Haus gehörte. Wäre sie ein Mann gewesen, hätte ich sie, um kein Risiko einzugehen, mit einem Hieb ins Reich der Träume geschickt, aber ich bin zu zart besaitet, um einem solchen hübschen Ding wehzutun, also drehte ich mich zu ihr um und sah sie mit dem ungeduldigen Blick eines überaus beschäftigten Angestellten an, der drei Dinge gleichzeitig zu erledigen hat.

»Was ist denn noch?«

Sie hielt mir ihre Kerze entgegen, vermutlich, um mich näher in Augenschein zu nehmen, wie ich glaubte, aber dann ging mir auf, dass ich natürlich dachte wie jemand, der etwas zu verbergen hat, während ihre Denkweise eher die einer braven Dienstmagd sein würde. »Ich sehe, Sie haben kein Licht, und da es hier nur wenig Kerzen gibt, wollte ich Sie fragen, ob Sie meine haben wollen. Verzeihen Sie, dass ich Sie angesprochen habe, Sir, aber wegen des Packs da draußen habe ich um Ihre Sicherheit gefürchtet.«

Sie hielt mir die Kerze viel zu dicht unter die Nase, und für einen Augenblick war ich halb von der Flamme und halb von ihrem Liebreiz geblendet. Wieder lag mir eine charmante Bemerkung auf der Zunge, etwas davon, dass kein schlichter Talg mit einem Docht darin ein helleres Licht spenden könnte als ihre strahlende Schönheit, aber ich nahm mich zusammen, denn eine solche Anzüglichkeit hätte nicht zu der Person gepasst, die ich zu sein vorgab. Stattdessen schnappte ich mir die Kerze, bedankte mich knapp und fragte mich dabei, was für ein Mann wohl einer Dame ihre Kerze abnähme, wenn Gefahr im Verzuge war. Sogleich fiel mir die Antwort ein: ein Mann, der bei der East India Company etwas zu sagen hat. Dann setzte ich meinen einmal eingeschlagenen Weg fort.

Die Kerze wollte ich eigentlich gar nicht haben, und ich pustete sie aus, sowie das Mädchen um eine Ecke verschwunden, aber ich konnte ihr dankbar für die nützliche Information sein, mit der sie mich versorgt hatte: dass das Haus nämlich weitgehend verlassen war. Dieses Wissen verlieh meinem Mut Flügel und ließ ihn an Leichtsinn grenzen. Ich stolzierte munter drauflos und fand auch sogleich die Treppe, ganz so wie jemand, der häufig und mit vollem Recht im Craven House verkehrte.

Am oberen Treppenabsatz hielt ich inne, um mich zu vergewissern, dass ich auch keine unerwünschten Zuschauer hatte, aber hier war alles so dunkel und verlassen wie im Erdge-schoss. Nachdem ich mich orientiert hatte, entdeckte ich auch rasch das bewusste Büro, oder jedenfalls ein Büro, das ich für das bewusste hielt, denn sicher war ich mir noch lange nicht. Ich konnte nur hoffen, am richtigen Ort zu sein, betrat den Raum und fand ihn ebenso verlassen wie alles andere vor. Hier konnte ich mich nach Herzenslust bedienen.

Allerdings gab es ein paar Hindernisse, die mir die Arbeit erschwerten: Es war dunkel, und ich kannte weder die Dokumente, nach denen ich suchen sollte, noch die Gewohnheiten des Mannes, dessen Eigentum sie waren. Mir blieb außerdem nur begrenzte Zeit, das zu finden, was Cobb haben wollte, und mir war sehr unwohl zumute bei dem Gedanken, ertappt zu werden - oder mit leeren Händen wieder von dannen ziehen zu müssen.

Inzwischen hatten sich meine Augen allerdings an die Dunkelheit gewöhnt. Zu Hilfe kamen mir auch die Fackeln der Seidenweber, die den Raum ein wenig erhellten. Ich hörte die Aufständischen auf der anderen Seite der Mauer krakeelen, achtete aber nicht weiter darauf und machte mich auf die Suche. Das Licht reichte aus, um einzelne Möbelstücke ausma-chen zu können - einen Schreibtisch, ein paar Stühle, Bücherregale, Beistelltischchen -, aber nicht, um die Titel der Bücher zu lesen oder zu erkennen, was die Bilder an den Wänden zeigten, es sei denn, man näherte sich ihnen auf Nasenlänge. Auf dem Schreibtisch lagen ein paar Stapel mit Papieren. Mit ihnen wollte ich anfangen.