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Cobb hatte mir genau so viel gesagt, wie er glaubte, dass ich wissen musste - und aus gutem Grund, wie ich annahm, nicht mehr. Ich sollte die Unterlagen eines Mr. Ambrose Ellershaw durchwühlen, der praktischerweise die nächsten beiden Tage auf seinem Landsitz verbringen würde. Ellershaw gehörte zur Geschäftsführung der East India Company, die derzeit mit den Vorbereitungen für die vierteljährliche Anteilseigentümerversammlung beschäftigt war, einer Zusammenkunft jener rund zweihundert Männer, in deren Händen das Wohl und Wehe der Gesellschaft lag. Jedem Angehörigen der Geschäftsführung oblag es, Zahlen vorzubereiten, die den Anteilseignern als Geschäftsbericht vorgelegt werden sollten, und Ellershaw war zuständig für die Zahlen betreffs der Einfuhr von Kleidungsstücken aus Indien und der Ausfuhr der in England verbotenen Ware, auf den kontinentaleuropäischen Markt und den der Kolonien. Um das Zahlenmaterial zusammenzustellen, das er brauchte, hatte er sich durch die gesamte Buchführung wühlen müssen.

Meine Aufgabe bestand darin, seinen Bericht an die Aktionäre zu finden und an mich zu nehmen. Ich vermochte nicht zu sagen, woher Cobb wusste, dass keine Abschriften davon existierten, und ich war auch klug genug, ihn nicht danach zu fragen. Ich hatte kein Interesse daran, meine Arbeit noch schwieriger zu gestalten. Cobb hatte gesagt, dass er nicht mit Sicherheit wüsste, wo Ellershaw seinen Bericht aufbewahrte, nur, dass er sich irgendwo in seinem Büro befinden musste und auf den ersten Blick zu erkennen wäre.

Also begann ich, die Unterlagen auf seinem Schreibtisch zu sichten, fand aber nur Geschäftskorrespondenz, und außerdem war es so dunkel, dass man kaum etwas lesen konnte. So rann mir die Zeit durch die Finger, und ich hatte jedes Gefühl dafür verloren, wie lange ich mich schon mit meiner hektischen Suche aufhielt, als die Uhr neun schlug. Ich war gerade bei den zwei oder drei letzten Dokumenten auf Ellershaws Schreibtisch angelangt. Den Seidenwebern blieb wohl noch eine halbe, höchstens eine Dreiviertelstunde, bevor sie zu ihrer eigenen Sicherheit den Rückzug antreten mussten. Und ich musste mich beeilen, das zu finden, wonach ich suchte.

Ich wollte gerade eine der Schreibtischschubladen öffnen, als ich ein schreckliches Geräusch vernahm - ein metallisches Knirschen, das ich sofort erkannte: Jemand betätigte die Türklinke.

Ich ging hinter dem Schreibtisch in die Hocke und machte mich so klein wie möglich. Es war nicht gerade das ideale Versteck - eine Ecke wäre besser gewesen, denn was konnte derjenige, der das Büro betrat, hier schon wollen, außer etwas vom Schreibtisch -, aber mir blieb keine andere Wahl. Ich lauschte angestrengt und hörte, wie die Tür geöffnet wurde. Dann schien der Raum plötzlich in helles Licht getaucht.

Ganz so hell war es denn doch nicht - es war nur eine einzelne Flamme von einer Kerze oder einer Petroleumlampe, so viel konnte ich sogar von meinem Versteck unter dem Schreibtisch aus erkennen, aber sie durchdrang die Finsternis, die mich verborgen hatte, und ich kam mir nackt und überrumpelt vor.

Mir blieb nur zu hoffen, dass der Unbekannte wegen eines Buches aus dem Regal oder wegen etwas, das auf dem Schreibtisch lag, gekommen war. Ich hörte ein gedämpftes Geräusch -vermutlich die Kerze, die auf den Tisch gestellt worden war.

»Oh«, sagte eine weibliche Stimme.

Ich blickte auf und sah, wie die junge Frau, die mir ihre Kerze gegeben hatte, mich voller durchaus verständlicher Neugier ansah.

Ich habe mich, wie ich gerne zugebe, schon früher in verzwickten Situationen befunden. Es ist nicht leicht, in solch einer Lage ohne eine gehörige Portion Improvisationstalent den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Anstatt mich geschlagen zu geben und mich von dem Wachpersonal zum nächsten Kon-stabler schleifen zu lassen, bat ich die junge Frau, mit der Kerze zu mir auf den Fußboden zu kommen. Als sie sich bückte, zog ich blitzschnell ein Taschenmesser aus meinem Rock und ließ es unter dem Schreibtisch verschwinden. Während sie mir Licht gab, machte ich tastende Bewegungen unter dem Tisch, als suchte ich nach dem Messer und erhob mich dann zu einer etwas ehrwürdigeren Haltung.

»Danke, meine Liebe«, sagte ich. »Dieses Messer mag zwar nach keinem großen Wert aussehen, aber es hat schon meinem Vater gehört, und ich wäre sehr unglücklich gewesen, wenn ich es verloren hätte.«

»Ja, wenn Sie Ihre Kerze nicht gelöscht hätten ...«

»Ach ja, ein vertrackter Zufall. Erst ist meine Kerze ausgegangen, dann ließ ich mein Messer fallen - Sie wissen ja, wie das so ist. Ein Unglück zieht das andere nach sich.«

»Wer sind Sie, Sir?« Sie musterte mich eine Spur eingehender. »Ich glaube nicht, Sie schon einmal gesehen zu haben.«

»Ja, ich bin hier noch ziemlich neu. Mein Name ist Ward«, sagte ich. Schon im nächsten Moment war mir schleierhaft, wieso mir ausgerechnet der Name dieses Verfassers anstößiger Verse als Allererstes in den Sinn gekommen war. »Ich bin der neue Gehilfe von Mr. Ambrose Ellershaw. Sie habe ich hier übrigens auch noch nicht gesehen.«

»Mich? Mich kann man fast jeden Tag hier antreffen, das kann ich Ihnen versichern.« Sie stellte die Kerze ab, ließ mich aber nicht aus den Augen.

»Setzen Sie sich doch, Miss ...« Aber ich kannte ihren Namen ja gar nicht.

»Miss Glade«, stellte sie sich vor. »Celia Glade.«

Ich machte eine Verbeugung, und dann standen wir einander verlegen gegenüber. »Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Glade.« Wer mochte diese Frau sein? Sie bediente sich einer gepflegten Ausdrucksweise, hörte sich überhaupt nicht an wie eine einfache Bedienstete. Konnte sie so etwas wie eine weibliche Angestellte sein? Konnte es sein, dass man bei der East India Company derart fortschrittlich eingestellt war?

Meine Verwirrung wurde noch dadurch verstärkt, dass ich mich in einem dunklen, engen Raum in Gegenwart einer bemerkenswert attraktiven Frau von offenbar guter Herkunft befand.

»Was führt Sie so spät noch in Mr. Ellershaws Büro, Mr. Ward? Wollen Sie nicht lieber draußen sein und zusehen, wie die Weber Kuhmist nach den Wachen werfen?«

»Es wäre verlockend, gewiss, aber ich muss die Arbeit vor das Vergnügen stellen. Mr. Ellershaw, von dem Sie ja wissen, dass er die nächsten beiden Tage nicht in der Stadt sein wird, hat mich gebeten, seinen Bericht für die Aktionärsversammlung noch einmal durchzusehen. Ich hatte den Tag über außer Haus zu tun und wollte gerade heimgehen, als mir der Bericht wieder einfiel. Da bin ich noch einmal umgekehrt, um ihn zu holen und ihn dann zu Hause zu lesen. Ja, und dann ist mir mein Messer heruntergefallen und so weiter. Aber ich bin froh, dass Sie mich gehört haben und gekommen sind, um mir zu helfen, meine Kerze wieder anzuzünden.«

Ich nahm meine Kerze und hielt den Docht gegen die Flamme der ihren. Es war eine so unterschwellig amouröse Geste, dass ich fürchtete, es könne nicht nur zwischen den beiden Kerzen ein Funke überspringen. Ich stellte meine Kerze wieder hin. »Wenn ich mich doch bloß erinnern könnte, wo Mr. Ellershaw das verfluchte Zeug hingetan hat. Verzeihen Sie mir meine grobe Ausdrucksweise, Miss Glade.«

Sie gab ein wohlklingendes Lachen von sich. »Denken Sie sich nichts dabei. Ich arbeite mit Männern zusammen und muss mir so etwas den ganzen Tag lang anhören. Ja, wo mögen nun die Unterlagen sein?« Sie trat an den Tisch, wobei sie mir so nahe kam, dass mir ihr fraulicher Duft in die Nase stieg. Dann zog sie eine der Schubladen auf und holte eine dicke Ledermappe hervor. »Das müsste Mr. Ellershaws Bericht an die Anteilseigner sein«, sagte sie. »Ein ziemlicher Packen. Ihnen steht eine lange Nacht bevor, wenn Sie ihn heute noch durchgehen wollen. Es wäre vielleicht klüger, ihn hierzulassen und alles morgen zu lesen.«