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Ich nahm ihr die Mappe aus der Hand. Woher wusste sie, wo Ellershaw sie aufbewahrte? Vermutlich lag ich mit meiner Theorie von der weiblichen Angestellten gar nicht so verkehrt.

»Morgen früh gibt es andere Dinge, denen ich meine Aufmerksamkeit widmen muss. Doch ich bedanke mich für Ihr Mitgefühl.« Ich trat einen Schritt vor, und sie trat einen zurück.

Mit der Dokumentenmappe unter dem Arm und der Kerze in der anderen Hand wollte ich auf die Tür zugehen.

»Wann hat Mr. Ellershaw Sie in seine Dienste gestellt, Mr. Ward?«

Ich blieb an der Tür stehen. »Erst letzte Woche.«

»Ist es nicht sehr ungewöhnlich, unmittelbar vor einer Aktionärsversammlung einen neuen Posten zu schaffen? Aus welchem Fundus bezahlt er sie denn?«

Ich wollte gerade antworten, dass ich keine Ahnung hätte, aus welchem Fundus er mich bezahlte, aber so etwas würde ein Gehilfe von Mr. Ellershaw doch wissen, oder nicht? Ich hatte auch keine rechte Vorstellung davon, was ein Gehilfe in der East India Company so tat und erst recht nicht, was von Mr. Ellershaws Gehilfen erwartet wurde, also sagte ich lieber gar nichts in dieser Richtung.

»Mein Posten ist noch nicht offiziell abgesegnet, und bis da-hin bezahlt er mich aus eigener Tasche. Zur Vorbereitung der Versammlung wollte er auf jeden Fall jemanden, der ihm hilfreich zur Seite steht.«

»Dann müssen Sie ihm ja unentbehrliche Dienste leisten.«

»Dies zu tun ist mein innigster Wunsch«, versicherte ich ihr und sagte, ich müsse nun gehen. Ich verschwendete keine Zeit darauf, die Kerzen auszupusten, eilte die Treppe hinunter und wandte mich der Hintertür zu. Sollte die Glocke doch läuten. Ich würde weit fort sein, ehe es jemanden argwöhnisch machte, dass ich das Gebäude durch den Hinterausgang verließ. Und außerdem war dies auch nur zu naheliegend, da nach vorne hinaus ja noch der Aufstand in vollem Gange war.

Ich nahm meinen Mantel und meinen Sack wieder an mich und stellte zu meiner Erleichterung fest, dass die Wächter immer noch anderweitig beschäftigt waren und mit den Seidenwebern Beschimpfungen austauschten. Auch von den Hunden war weit und breit nichts zu sehen, aber ich hielt den Sack mit dem Hasen fest umklammert, falls ich seiner noch bedürfte. Von der Vorderseite des Gebäudes hörte ich Verwünschungen, aus denen nun auch die Androhung herauszuhören war, dass die Soldaten bald eintreffen würden. Es war nicht anzunehmen, dass die Weber mit einem Einschussloch in der Brust noch die Kraft hätten, mit Dreck um sich zu werfen.

Ich kehrte zu meinem Hügelchen zurück und machte mich noch einmal daran, die Mauer zu überwinden. Es würde sehr viel schwieriger sein, auf der anderen Seite wieder herunterzukommen, es sei denn, ich wollte den Sprung aus zehn Fuß Höhe auf den harten Boden wagen. Stattdessen zog ich es vor, mich vorsichtig an der Mauer hinunterzuhangeln, bis ich in einigermaßen erreichbarer Tiefe Boden unter den Füßen wähnte, um mich dann fallen zu lassen. Die Landung würde nicht sehr angenehm sein, aber auch nicht allzu gefährlich, und als ich unversehrt auf der anderen Seite stand, befreite ich zunächst den Hasen aus dem Sack, damit er seine Freiheit genießen und das Beste daraus machen konnte. Wenigstens einem von uns sollte dies vergönnt sein.

Sofort eilte ich zur Leadenhall Street zurück, wo die Seidenweber nach wie vor mit Unrat warfen und sich auch nicht durch die Anwesenheit eines Trupps rot gewandeter Soldaten, aus deren Gesichtern Gelassenheit, aber auch Gewaltbereitschaft sprach, stören ließen. Während ich mich näherte, konnte ich sehen, wie der Kommandant der Abordnung zweimal einen Blick auf die Turmuhr der St. Michael's Church warf. Ich wusste, dass er nur auf den Moment wartete, da es ihm kraft des Gesetzes gestattet war, die Waffen sprechen zu lassen. Ich war daher froh, als ich Devout Hale fand und ihm sagen konnte, dass ich meine Aufgabe erledigt hatte und er und seine Männer die Belagerung abbrechen konnten. Er rief einen entsprechenden Befehl, und die Seidenweber ließen sofort von ihrem Tun ab und zogen friedlich von dannen, wobei sie von den Soldaten verhöhnt wurden, die ihnen nachriefen, sie wären nicht Manns genug, um sich dem Musketenfeuer zu stellen.

In meiner Freude, dass die Zeit meiner Knechtschaft sich ihrem Ende zuneigte, entschloss ich mich, nicht bis zum Morgen zu warten, sondern auf der Stelle eine Droschke zur Swallow Street zu nehmen und an Mr. Cobbs Tür zu klopfen. Als Edgar mir öffnete und ich sein zerschundenes Antlitz erblickte, tat es mir sogleich leid, ihn so unsanft behandelt zu haben, obwohl ich bereit gewesen wäre, es sofort wieder zu tun, wenn er es verdient haben sollte. Auf jeden Fall wusste ich, dass ich mir einen Feind geschaffen hatte, einen, der nicht gewillt sein würde, mir zu vergeben, auch nicht, wenn sein Herr mich schon längst vergessen hatte.

»Weaver«, nuschelte er, weil ihm ein paar Zähne fehlten und seine Mund- und Nasenpartie geschwollen waren, was sein erpelähnliches Aussehen noch unterstrich. »Sie können sich ver-dammt glücklich schätzen, dass Mr. Cobb mir gesagt hat, ich dürfe Ihnen nichts tun.«

»Ja, da kann ich wirklich von Glück reden«, pflichtete ich ihm bei. »Und ich werde dir stets für deine himmlische Gnade dankbar sein, wem auch immer ich sie zu verdanken habe.«

Er warf mir ob meiner Worte nur einen wütenden Blick mit seinem unversehrt gebliebenen Auge zu, führte mich in das Besucherzimmer und verschwand ohne ein weiteres Wort, nachdem ich ihm meinen Mantel und die Handschuhe gereicht hatte, die er mit dem Ausdruck allergrößter Verachtung entgegennahm.

Nachdem im Craven House meine Nerven einer enormen Zerreißprobe ausgesetzt gewesen waren, kam es mir wie der höchste Luxus vor, mich in einem so gut geheizten und erleuchteten Raum aufzuhalten. In jedem Halter an der Wand und in allen Kandelabern brannten Kerzen, und ein gut geschürtes Feuer ließ die Kälte aus meinen Knochen weichen. Ja, es war schon ein teures Vergnügen, in einem solchen Luxus zu schwelgen - außer, Cobb hatte gewusst, dass er noch so spät Besuch erwarten durfte, was mich zu der Schlussfolgerung führte, dass er mir entweder jemanden zur East India Company nachgeschickt und von dem erfahren hatte, dass ich mich auf dem Wege zu ihm befand oder aber dass mit dem Eintreffen noch eines weiteren Gastes zu rechnen war.

Nach einer Zeit, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, betrat Cobb das Zimmer und reichte mir die Hand. Ich hätte die Geste gerne ignoriert, doch aus Gewohnheit erwiderte ich sie.

»Haben Sie es?«, fragte er.

»Ich denke schon«, sagte ich. Jetzt erst fiel mir ein, dass ich mir den Inhalt der Ledermappe gar nicht angesehen hatte. Wenn Miss Glade mich nun hereingelegt haben sollte? Ich konnte mir keinen Grund dafür vorstellen, aber andererseits konnte ich auch keinen Grund für all das erkennen, was mir in den letzten Tagen widerfahren war.

Cobb öffnete die Dokumentenmappe, nahm die darin enthaltenen Papiere heraus und überflog sie rasch. »Ah ja. Tatsächlich. Genau das Richtige.« Er packte alles wieder zurück und legte die Mappe auf den Tisch. »Gut gemacht, Weaver. Sie sind Ihrem Ruf mehr als gerecht geworden. Es gibt in der Stadt kaum ein besser bewachtes Gelände, und doch haben Sie sich auf irgendeine Weise dort Zutritt verschafft, haben sich genommen, was sie wollten und sich dann wieder entfernt. Ich kann Ihnen für Ihre Talente nur meine Bewunderung aussprechen, Sir.«

Ohne auf eine Einladung zu warten, setzte ich mich ans Feuer und streckte ihm meine Hände entgegen. »Ihre Lobpreisungen bringen mich nicht weiter. Ich habe getan, was Sie von mir verlangt haben, und nun ist es Zeit, mich und die anderen Männer aus Ihren Verpflichtungen zu entlassen.«

»Sie entlassen?« Cobb sah mich stirnrunzelnd an. »Warum sollte ich so etwas Dummes tun?«

Augenblicklich war ich auf den Beinen. »Keine weiteren Spielchen mehr. Sie haben mir gesagt, dass Sie all den Schaden, den Sie angerichtet haben, wiedergutmachen werden, wenn ich tue, was Sie von mir verlangen. Das habe ich hiermit getan.«

»Wenn ich recht erinnere, habe ich gesagt, dass Sie alles tun müssen, was ich von Ihnen verlange. Gut, den ersten Punkt können wir hiermit abhaken.« Er wich nicht vor mir zurück, schien kaum wahrzunehmen, dass ich mit geballten Fäusten vor ihm stand. »Es gibt noch mehr, viel, viel mehr, was Sie für mich erledigen müssen. Oh nein, Mr. Weaver. Wir stehen erst am Anfang unserer Arbeit.«