Vielleicht hätte ich mit dieser Wendung rechnen sollen. Aber ich habe es nicht getan. Cobb, so hatte ich geglaubt, ging es um diese Dokumente, und sowie er sie in der Hand hielt, würde er meiner nicht mehr bedürfen. »Wie lange wollen Sie mich noch in Ihre Dienste zwingen?«
»Ach, es ist eigentlich keine Frage der Zeit. Es hängt von den Zielen ab, die wir noch erreichen müssen. Ich benötige gewisse Dinge, die nur Sie mir besorgen können, auch wenn es Ihnen nicht gefällt. Unsere Zusammenarbeit ist erst beendet, wenn alle meine Wünsche erfüllt sind. So einfach ist das.«
»Ich werde nicht damit fortfahren, für Sie in Häuser einzubrechen.«
»Natürlich nicht, das sollen Sie ja auch gar nicht. Nichts dergleichen. Ich habe etwas weit Feinsinnigeres mit Ihnen vor.«
»Und was soll das sein?«
»Das darf ich Ihnen noch nicht verraten, jedenfalls nicht in all den Einzelheiten, die Sie gerne hören möchten. Dafür ist es noch zu früh, aber Sie werden meine Großzügigkeit schätzen lernen. Setzen Sie sich doch. Nehmen Sie wieder Platz.«
Ich weiß nicht, wieso, aber ich tat, wie mir geheißen. Vielleicht war es etwas in seiner Stimme, oder vielleicht war es die Erkenntnis, dass er mich vollkommen in der Hand hatte. Ich dagegen konnte ihm nichts anhaben, ohne damit mich und andere ins größte Unglück zu stürzen. Cobb hatte alles meisterhaft eingefädelt, und ich brauchte einfach mehr Zeit, um herauszufinden, wie ich ihn überlisten konnte. In keinem Fall durfte ich meine Fäuste benutzen, um das Ganze hier und heute zu beenden.
»Wie gesagt«, fuhr er fort, »Sie werden meine Großzügigkeit zu schätzen wissen. Sie werden vorerst keine anderen Aufträge mehr übernehmen. Ich werde Ihr einziger Arbeitgeber sein. Zusätzlich zu den dreißig Pfund, die ich Ihnen für diese Aufgabe zugesagt hatte, erhalten Sie von mir vierteljährlich weitere vierzig, was nun wirklich eine beachtenswerte Summe ist - ich schätze mal, ungefähr so viel, wie Sie in einer ähnlichen Zeitspanne verdienen könnten, wahrscheinlich jedoch erheblich mehr. Und außerdem brauchen Sie sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, wo Sie Ihren nächsten Auftrag herbekommen sollen.«
»Aber ich werde mir den Kopf darüber zerbrechen müssen, warum ich der Sklave eines anderen Mannes und seiner Launen bin und warum die Leben Unbeteiligter davon abhängen, ob ich es diesem Mann recht mache.«
»Sie sollten das mehr als einen Ansporn betrachten. Denken Sie doch einmal darüber nach, Sir. Wenn Sie mir ergeben dienen und mir keinen Anlass schaffen, Ihnen zu zürnen, wird keinem Ihrer Freunde ein Haar gekrümmt werden.«
»Und wie viele Vierteljahre werden Sie meine Dienste noch benötigen?«, fragte ich und musste mir Mühe geben, vor Wut nicht mit den Zähnen zu mahlen.
»Das kann ich leider nicht sagen. Einige Monate vielleicht. Vielleicht ein Jahr oder gar noch länger.«
»Ein Jahr oder gar noch länger«, äffte ich ihn nach. »Sie können meinen Onkel nicht noch ein Jahr in seiner prekären Situation belassen. Erstatten Sie ihm seine Lieferung zurück, und ich werde auf Ihre Bedingungen eingehen.«
»Ich fürchte, das wird nicht gehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie einem Mann gegenüber Ihr Wort halten würden, der Ihnen so übel mitgespielt hat, wie ich es getan habe. In ein paar Monaten vielleicht, wenn Sie sich so weit kompromittiert haben, dass es für Sie selber einfach zu viel zu verlieren gibt, können wir über Ihren Onkel reden. In der Zwischenzeit wird er dafür sorgen, dass Sie nicht von unseren gemeinsamen Zielen abweichen.«
»Und worin bestehen diese Ziele?«
»Kommen Sie mich in drei Tagen noch einmal besuchen, Weaver. Dann werden wir über alles reden. Bis dahin können Sie mit Ihrem Verdienst tun, was Sie wollen, und Ihre Freiheit genießen. Auf dem Weg nach draußen wird Edmund Sie für Ihren heutigen Erfolg belohnen und Ihnen auch schon Ihre erste vierteljährliche Zahlung aushändigen.«
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihm das gefallen wird.«
»Es interessiert mich nicht, was Edmund gefällt oder nicht.
Und Sie irren sich, wenn Sie glauben, Sie könnten sich meinen Unmut damit zuziehen, indem Sie ihn verprügeln, also können Sie es ebenso gut auch bleiben lassen.«
»Dann nennen Sie mir einen besseren Grund dazu.«
»Wenn es Ihre Stimmung aufhellt, meinen Diener zusammenzuschlagen, dann dreschen Sie so viel auf ihn ein, wie Sie wollen. So ist er wenigstens seinen Lohn wert. Und noch etwas. Ich nehme an, dass Sie neugierig sind, wieso ich zu solchen Mitteln greife, um meine Ziele zu erreichen. Sie werden mehr über diese Dokumente und Mr. Ellershaw und so weiter erfahren wollen. Mein Rat an Sie wäre, Ihre Neugier zu zügeln, ja, noch besser gar keine Fragen mehr zu stellen. Solche Fragen könnten einen Funkenschlag auslösen, der sich zu einer verheerenden Feuersbrunst auswächst, die Sie mitsamt Ihren Freunden verschlingen könnte. Ich möchte nicht, dass Sie sich zu viele Gedanken um mich und meine Ziele machen. Sollte ich herausfinden, dass Sie diesen Rat nicht beherzigen, wird einer Ihrer Freunde leiden müssen, damit Sie vom Ernst meiner Worte überzeugt sind. Sie müssen sich mit Ihrer Unwissenheit abfinden.«
Damit war ich entlassen. Ich erhob mich und ging in die Halle hinaus, aber Cobb rief mich noch einmal zu sich zurück.
»Sie haben etwas vergessen, Weaver.« Er hielt mir die Dokumentenmappe hin.
Ich starrte auf die Unterlagen in seiner Hand. »Sie wollen sie nicht?«
»Sie sind wertlos für mich. Nehmen Sie sie mit, aber bewahren Sie sie gut auf. In ein paar Tagen werden Sie sie brauchen.«
An der Tür gab mir Edgar meine Sachen und drückte mir wortlos einen Geldbeutel in die Hand. Es war nur gut, dass die Diebe, die auf diesen Straßen ihr Unwesen trieben wie hungrige Wölfe, kein Silber riechen konnten, denn sonst wäre ich in dieser Nacht eine leichte Beute für sie gewesen. Ich war viel zu benommen, um mich zur Wehr setzen zu können oder eine drohende Gefahr auch nur wahrzunehmen.
7
Für den nächsten Abend lud ich Elias zu einem Treffen in das Haus meines Onkels ein. Wir waren die drei Personen, die am meisten von diesen Machenschaften betroffen waren - abgesehen von Mr. Franco, auf den ich später noch zurückkommen werde. Da saßen wir also im Arbeitszimmer meines Onkels und tranken seinen Wein - wobei es in Elias' Fall wohl passender wäre, davon zu reden, dass er ihn kippte, denn Elias hatte seine Schwierigkeiten damit, die dringend notwendige Klarheit im Kopf mit der grenzenlosen Verfügbarkeit von Cla-ret im Hause eines Weinhändlers in Einklang zu bringen.
»Es ist mir nicht gelungen, etwas über den Mann, diesen Mr. Jerome Cobb, in Erfahrung zu bringen«, sagte mein Onkel. Er wirkte klein und zerbrechlich und wurde ständig von Hustenkrämpfen geschüttelt. Obwohl er direkt neben dem Kaminfeuer saß, wärmte er sich zusätzlich noch mit einigen Lagen schwerer Decken und einem Schal um den Hals. Seine Stimme war nur noch ein pfeifendes Keuchen, was mich sehr um seine Gesundheit besorgt sein ließ. »Ich habe mich erkundigt, äußerst diskret natürlich, aber die Erwähnung seines Namens rief stets nur ratlose Blicke hervor.«
»Könnten die, bei denen du dich erkundigt hast, ihn eventuell nicht kennen wollen?«, fragte ich. »Möglicherweise haben sie solche Angst vor Cobb, dass sie es sich auf keinen Fall mit ihm verderben möchten.«
Mein Onkel schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Ich bin nicht all die Jahre Kaufmann gewesen, um mich von jedem Schwindel täuschen zu lassen - oder es zumindest nicht zu merken, wenn jemand unsicher wird. Nein, der Name Cobb war denen, die ich gefragt habe, gänzlich unbekannt.«