»Sie und ich hätten nicht zueinander gepasst, Onkel.«
»Ach was, Benjamin. Ich weiß, dass du immer noch ein Auge auf Miriam ...«
»Nein, das habe ich nicht«, widersprach ich ihm so überzeugend, wie ich vermochte. Und ich meinte es weitgehend ehrlich. »Mit ihr bin ich unwiderruflich auseinander.«
»Das scheint auch auf mich und die Lady zuzutreffen«, sagte er. »Ich höre sehr wenig über sie und nichts von ihr. Seit ihrer Konvertierung hat sie sämtliche Verbindungen zu unserer Familie abgebrochen.«
»Vor allem die zu mir.«
Er sah mich skeptisch an, denn er glaubte nicht, dass Miriams Glaubenswechsel und ihre Eheschließung das endgültige Ende unserer Freundschaft bedeutet hatten. Er sollte es auch gar nicht glauben. »Ich schätze, da ist nichts mehr zu flicken.«
»Nein«, sagte ich. »Nun kehren wir zu Mr. Franco zurück.«
Mein Onkel nickte. »Früher war er ein mäßig erfolgreicher Markthändler, hat es aber nie wirklich zu etwas gebracht. Er lebt bescheiden, hat sich meines Wissens aus dem Geschäftsleben zurückgezogen und begnügt sich mit Lektüre und Konversation.«
»Und«, musste ich zu meinem großen Bedauern hinzufügen, »falls er gerade genug zusammengespart hat, um einen einigermaßen bequemen Ruhestand genießen zu können, würde eine plötzliche Schuldenlast all sein Glück zerstören.«
»Genauso ist es.«
»Dann sollte ich wohl doch besser mal mit ihm reden.«
Mr. Franco besaß ein hübsches, geschmackvoll eingerichtetes Haus an der Vine Street, nur einen kurzen Spaziergang von meiner Wohnung und der meines Onkels entfernt. Es war zwar denkbar, sogar naheliegend, dass er um diese Uhrzeit entweder Gäste hatte oder ausgegangen war, doch ich traf ihn allein in seinem Haus und, so schien es, hocherfreut über die unerwartete Gesellschaft. Er führte mich in sein Wohnzimmer, wo er mir einen bequemen Sessel und einen Glühwein anbot.
»Es freut mich außerordentlich, Sie zu sehen, Sir«, versicherte er mir. »Ich hatte schon befürchtet, dass wir uns nach Gabriellas Abreise nach Saloniki nie wieder begegnen würden. Ich erwarte Sie übrigens bald zurück, worüber ich sehr froh bin, denn ein Mann sollte seine Familie um sich haben. Das ist ein großer Segen im zunehmenden Alter.«
Mr. Franco lächelte mir herzlich zu, und ich hasste mich selber und Cobb für das, was ich ihm gleich würde mitteilen müssen. Er war ein freundlich aussehender Mann, dessen rundes Gesicht eine gewisse körperliche Plumpheit vermuten ließ, von der aber keine Rede sein konnte. Wie mein Onkel ging er nicht mit der Londoner Mode und trug seinen Bart sauber gescho-ren, was die Aufmerksamkeit seines Gegenübers auf seine gütigen, klugen Augen lenkte.
Er war auf vielerlei Weise ein ungewöhnlicher Mann. Mein Onkel war nicht zuletzt so erpicht darauf gewesen, dass ich Mr. Francos Tochter den Hof machte, weil dieser im Gegensatz zu vielen anderen respektablen Londoner Juden eine Liaison seiner Tochter mit einem Mann, der sein Geld mit privater Ermittlungsarbeit verdiente, nicht als Beleidigung seiner Familie erachtete. Im Gegenteiclass="underline" Mr. Franco freute sich darüber, dass ich es unter den Nichtjuden der Stadt zu einiger Bekanntheit gebracht hatte und betrachtete meinen Erfolg - ein wenig zu optimistisch, wie ich finde - als ein Vorzeichen von besseren Zeiten für uns Juden.
»Nachdem die Verbindung zwischen Ihnen und meiner Tochter in die Brüche gegangen war, hatte ich schon befürchtet -nein, nein, lassen Sie mich ausreden. Ich weiß, dass Sie etwas dazu sagen möchten, aber es ist nicht nötig. Ich weiß, wie schön und wie anmutig meine Tochter ist, also brauche ich es nicht von Ihnen zu hören, und ich weiß auch, dass nicht jede schöne und anmutige Frau jedermanns Vorstellung von einer idealen Ehefrau entspricht, sonst würden wir in einer sehr sonderbaren Welt leben. Ich fühle mich dadurch keineswegs gekränkt. Sie und meine Tochter werden beide die passenden Partner finden, und besonders Ihnen wünsche ich, dass Sie schon recht bald Ihr Glück finden, denn ein Mann sollte die Freuden der Ehe genießen.«
»Das ist sehr freundlich von Ihnen.« Ich deutete in meinem Sessel eine Verbeugung an.
»Wenn ich nicht irre, gab es da doch auch eine Verbindung zu der Schwiegertochter Ihres Onkels«, fragte er forschend. »Steht diese Frau vielleicht zwischen Ihnen und meiner Tochter?«
Ich seufzte. Würde man mich denn nie mit diesem unerquicklichen Thema in Ruhe lassen? »Zu einer gewissen Zeit hatte ich in der Tat den großen Wunsch, die Dame zu meiner Frau zu machen«, gab ich zu, »doch sie hat ihr Glück anderweitig gesucht und steht zwischen niemandem und mir.«
»Sie ist zur Church of England übergetreten, wie ich höre.«
Ich nickte nur.
»Aber wenn ich recht unterrichtet bin, ist sie inzwischen schon wieder verwitwet?«
»Sie sind korrekt unterrichtet«, konnte ich nur bestätigen.
Er lachte leise. »Und gehe ich auch recht in der Annahme, dass Sie nicht den Wunsch verspüren, dieses Thema weiter zu erörtern?«
»Bitte seien Sie frei, jedes Thema Ihrer Wahl mit mir zu erörtern, Mr. Franco. Ich weiß, dass ich keinen Anstoß daran nehmen kann, wenn ein Mann von Ihrer Herzensgüte ein offenes Wort mit mir sucht.«
»Ach, legen Sie nur die Förmlichkeiten ab, denn ich erwarte nichts Dergleichen von Ihnen, Sir. Als Sie und Gabriella Ihre Verbindung nicht vertieft haben, befürchtete ich schon, auch wir könnten nun nicht länger Freunde bleiben. Ich hoffe, das ist nicht der Fall.«
»Auch ich habe mich geschmeichelt gefühlt, mich Ihren Freund nennen zu dürfen, obwohl Sie, wenn Sie gehört haben, was ich Ihnen zu berichten habe, sich vielleicht wünschen werden, mich nie in Ihr Haus eingeladen zu haben. Ich fürchte, dass ich Sie, auch wenn es mir widerstrebt, nicht über alle Einzelheiten in Kenntnis setzen kann, aber die Sache ist die, Sir, dass jemand droht, Ihnen Schaden zuzufügen, um damit wiederum mir zu schaden.«
Er beugte sich vor, und ich erschrak beim Knarren seines Sessels. »Uns beiden Schaden zuzufügen? Wie darf ich das verstehen?«
Es war mir im höchsten Maße unangenehm, aber ich musste ihm, so gut es ging, erklären, dass meine Feinde ein paar mir am Herzen liegende Menschen aufs Korn genommen hatten, deren Finanzen sie durcheinanderbrachten. »Es scheint, dass man wegen meiner häufigen Besuche in Ihrem Hause auf den Gedanken gekommen ist, wir würden einander äußerst nahestehen.«
»Aber mit meinen Finanzen ist alles in Ordnung.«
»Haben Sie Schulden, Mr. Franco?«
»Wer hat keine?« Seine Stimme klang schon ein wenig beunruhigt.
»Natürlich. Aber diese Männer haben höchstwahrscheinlich sämtliche Ihrer Schulden, derer sie habhaft werden konnten, aufgekauft. Würde es Sie in eine schlimme Zwangsage bringen, wenn Ihre sämtlichen Schulden auf einen Schlag eingefordert würden?«
Ein paar Augenblicke lang sagte er nichts, war aber ganz blass geworden, und seine Finger, die seinen Becher umklammert hielten, nahmen eine elfenbeinerne Farbe an.
»Ich schäme mich sehr, das über Sie gebracht zu haben«, sagte ich und wand mich innerlich angesichts dieser hohlen Worte.
Er schüttelte den Kopf. »Ihrer Erzählung nach trifft Sie keine Schuld. Diese Männer haben sich in all ihrer Niedertracht gerade auf Ihren guten Charakter verlassen, weil Sie so manche Unbill auf sich nehmen, es aber nicht ertragen, andere für sich leiden zu lassen. Das macht mich sehr wütend, Mr. Weaver, aber nicht auf Sie, denn Sie können nichts dafür.«
»So viel Verständnis habe ich nicht verdient, aber ich bin trotzdem sehr dankbar für Ihre Güte.«
»Schon gut, aber ich würde gerne mehr darüber hören. Wer sind Ihre Peiniger? Was wollen sie von Ihnen?«
»Ich denke, es ist besser, wenn Sie nicht in alles eingeweiht sind. Jedenfalls verlangen sie von mir Dienste, die ich normalerweise weit von mir gewiesen hätte.«
»Was sind das für Dienste? Selbst, wenn es Ihnen darum geht, mich vor dem Schuldturm zu bewahren, dürfen Sie nichts tun, was Ihren moralischen Pflichten oder den Gesetzen dieses Königreiches entgegenläuft.«