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Obwohl ich genau wusste, wo ich Ellershaws Büro finden würde, erkundigte ich mich danach, damit ich als Besucher glaubwürdig wirkte und stieg dann die Treppe hinauf. Als ich an die geschlossene Tür klopfte, forderte eine mürrische Stimme mich auf einzutreten.

Das war also das Zimmer, das ich im Schutze der Dunkelheit durchwühlt hatte. Im hellen Tageslicht sah ich nun, dass der Schreibtisch und die Bücherregale aus Eichenholz und mit allerhand Schnitzereien verziert waren. Von seinem Fenster aus hatte er nicht nur einen Blick auf die Lagerhäuser, sondern auch auf den Fluss in der Ferne und die Schiffe, die von weither wertvolle Güter brachten. Und während ich im Dunkeln nur vage ausmachen konnte, dass an den Wänden Bilder hingen, erkannte ich im Licht der Nachmittagssonne nun auch, was sie darstellten.

Jetzt begriff ich langsam, warum Cobb so darauf bestanden hatte, dass ich, und nur ich allein, Ellershaw seine vermissten Unterlagen zurückerstattete. Zwar hatte ich nach wie vor keine Ahnung, in welche Machenschaften Cobb mich verwickeln wollte, aber die Bilder in Ellershaws Büro sprachen Bände.

Nicht alle, muss ich hinzufügen - eine ganze Reihe davon zeigten Landschaftsszenen aus Indien -, aber die meisten hatten ein bestimmtes Thema. Ich erblickte über ein Dutzend Holzschnitte und Zeichnungen, die keinen Geringeren als Benjamin Weaver und seine Taten würdigten.

Sie spiegelten meine gesamte Laufbahn wider. Ellershaw besaß einen Druck, der mich in meinen frühen Tagen als Preisboxer zeigte, als ich gerade anfing, mir einen Namen zu machen, und einen, der mich in meinem letzten Kampf gegen den Italiener Gabrianelli darstellte. Ich entdeckte sogar eine ziemlich groteske Illustration, die mich ohne einen Fetzen Kleidung am Leibe bei meiner Flucht aus dem Gefängnis von Newgate zeigte, wo ich wegen einer unglückseligen Verstrickung in die Parlamentswahlen des bewussten Jahres gelandet war.

Kurz gesagt - Mr. Ellershaw war ein Kenner des Lebens von Benjamin Weaver. Im Verlaufe meiner Tätigkeit als Privatermittler war ich dem einen oder anderen begegnet, der mich noch aus meiner Zeit im Ring kannte, und ich darf mit Stolz behaupten, dass mehr als einer davon sich noch ehrfurchtsvoll an meine Kämpfe erinnerte und meiner Person mit Respekt gegenübertrat. Aber mir war noch nie ein Mann über den Weg gelaufen, der Bilder von mir auf die Weise sammelte wie andere Knochen oder Versteinerungen oder sonstige Kuriositäten aus fernen Ländern.

Ellershaw blickte mit einem Ausdruck freudiger Überraschung von seiner Arbeit auf. »Aha, Sie sind also Benjamin Weaver. Ich bin Ambrose Ellershaw und stets zu Ihren Diensten. Nehmen Sie doch Platz.« Er sprach mit einer merkwürdigen Mischung aus Schroffheit und Herzlichkeit. Als er merkte, dass mein Blick über seine Bildergalerie wanderte, errötete er sichtlich. »Wie Sie sehen, bin ich mit Ihrer Karriere, Ihrem Verschwinden und Wiederauftauchen vertraut. Ich weiß eine Menge über Benjamin Weaver.«

Ich setzte mich ihm gegenüber und schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln. Diese Scharade, in der ich nun zurückbringen sollte, was ich selber gestohlen hatte, und seine Begeisterung, mich zu sehen, machten mich verlegen. »Ich freue mich, dass Sie mir so viel Interesse zollen - und bin gleichzeitig auch ein wenig überrascht.«

»Oh, ich habe Sie in vielen Kämpfen gesehen, sogar bei Ihrem letzten, gegen Gabrianelli - das war der Kampf, in dem Sie sich das Bein gebrochen haben, wie Sie sich ja sicherlich erinnern.«

»Gewiss«, bestätigte ich ein wenig dümmlich, denn wie konnte er glauben, mir wäre entfallen, dass ich mir im Ring das Bein gebrochen habe?

»Ja, ich werde den Anblick dieses Beinbruchs nie vergessen. Ich freue mich, dass Sie gekommen sind. Darf ich einmal sehen?«

»Das Bein?«, fragte ich voller Verwunderung.

»Nein, Sie Holzkopf«, sagte er barsch. »Den Bericht. Geben Sie ihn mir.«

Ich ließ mir mein Erstaunen über seinen plötzlichen Stimmungswandel nicht anmerken und reichte ihm die Unterlagen.

Er öffnete die Mappe und überprüfte den Inhalt mit sichtlicher Befriedigung auf dessen Vollständigkeit. Dann nahm er aus einer mit einem orientalischen Muster verzierten Tonschale einen harten, bräunlichen Klumpen und begann, bedächtig darauf herumzukauen, als handele es sich um etwas ausgesprochen Scheußliches und gleichzeitig unwiderstehlich Wohlschmeckendes. »Sehr gut«, murmelte er zwischendurch. »Alles an Ort und Stelle, was ich ein Glück nenne. Es wäre eine Heidenarbeit gewesen, das alles neu zusammenzustellen. Als ich das Fehlen der Mappe entdeckte, dachte ich, dies böte eine Gelegenheit, Weaver bei der Arbeit in seinem neuen Metier zu erleben, aber ich war mir gleichzeitig auch nicht ganz sicher, ob ich sie nicht doch in meinem Landhaus zurückgelassen hatte. Ich hatte deswegen schon nach meinem dortigen Bediensteten geschickt, damit er sich auf die Suche mache und erwartete jeden Augenblick Nachricht von ihm, als ich stattdessen Ihren Brief erhielt. Was für ein Glück. Wo haben Sie diese Sachen gefunden?«

Ich hatte mir bereits eine Ausrede zurechtgelegt und konnte seine Frage überzeugend beantworten. »Ich stand kurz vor der Ergreifung eines berüchtigten Hehlers, als ich auf eine Anzahl persönlicher Dinge stieß. Als ich diese Dokumente durchsah, wusste ich sofort, dass sie von Bedeutung sein mussten, und ahnte, wie glücklich sich ihr Eigentümer schätzen würde, sie zurückzuerhalten.«

»In der Tat, das bin ich«, sagte er und fuhr fort, seinen braunen Klumpen mit den Zähnen zu bearbeiten. »Sehr umsichtig von Ihnen, sich damit sofort bei mir zu melden. Wissen Sie, das ist das große Geschenk, das diese Insel dem Rest der Welt machen kann. Unsere Freiheit. Kein Waffenlager oder keine Waffe in den Arsenalen der Welt ist so mächtig, dass damit ein freier, moralischer Mensch korrumpiert werden könnte.«

»So hatte ich das noch gar nicht gesehen«, sagte ich.

»Gewiss nicht. Nun, was kann ich Ihnen zum Dank für Ihre Bemühungen anbieten?«

Ich tat so, als erwöge ich die Antwort sorgfältig. »Diese Papiere stellen für sich allein genommen keinen Wert dar, und für gewöhnlich berechne ich eine Guinee für die Rückerstattung solcher Gegenstände, aber da Sie mich nicht mit der Suche nach Ihren Unterlagen beauftragt haben und ich sie im Rahmen dessen, was zu tun ich ohnehin beauftragt war, gefunden habe, kann ich mit gutem Gewissen keinen Lohn dafür fordern. Meine einzige Bitte wäre, dass die East India Company, wenn diese in Zukunft an den Diensten eines Mannes mit mei-nen Fähigkeiten Bedarf haben sollte, nicht zögert, auf mich zurückzugreifen.«

Ellershaw schien, während er diesen sonderbaren Klumpen, der inzwischen seine Zähne mit einer braunen Schicht bedeckt hatte, weiter zermahlte, mein Anerbieten zu erwägen. Dann zog er sorgenvoll die Stirn in Falten. »Oh nein, das reicht mir nicht. Das reicht mir ganz und gar nicht. Wir können die Angelegenheit nicht einfach so auf sich beruhen lassen.«

Ich erwartete, dass er noch etwas hinzufügen würde, aber unser Gespräch wurde jäh unterbrochen, als er mit einem Male anfing, sich in seinem Sessel zu winden, als hätte ein plötzlicher, quälender Schmerz ihn gepackt. Er hielt sich am Rand seines Schreibtisches fest, kniff die Augen zusammen und biss sich auf die Unterlippe. Nach ein paar Sekunden schien der Anfall nachzulassen.

»Diese verdammte Krankheit. Ich muss meine Medizin nehmen.« Er zog an der Quaste einer Schnur, die neben ihm von der Decke hing, und in der Ferne hörte ich eine Glocke läuten. »Welche Art Anstellung schwebt Ihnen denn vor?«, fragte er mich.

»Ich bin in der glücklichen Lage, an keinem Mangel der Nachfrage nach meinen Talenten zu leiden, Sir. Ich bin nicht hergekommen, um Sie um eine sofortige Anstellung zu bitten - nur dass Sie in Zukunft an mich denken, wenn sich Bedarf einstellen sollte.«

»Nein, das reicht mir nicht. Ich bin zu glücklich, Sie endlich kennengelernt zu haben, als dass ich Sie mit einer so unsicheren Zusage wieder fortgehen lassen könnte. Ich weiß, dass Sie ein Mann von Stolz sind - ein Kämpfer mit der Faust. Sie wollen es mir gegenüber nicht zugeben, aber es kann doch nicht leicht sein, sich von einem Auftrag zum nächsten durchzuschlagen.«