»Es ist mir nie schwergefallen.«
»Doch, natürlich ist es das.« Er lächelte nachsichtig. »Sehen
Sie sich doch nur einmal an, Sir. Mit Ihrem sauberen Wams und so geben Sie eine gepflegte Erscheinung ab, doch jedermann kann Sie ohne große Mühe als Juden erkennen. Das muss doch eine schreckliche Bürde für Sie sein.«
»Eine erträgliche Bürde bisher.«
»Und so schrecklich diese Bürde doch sein mag, genießen Sie doch immerhin die Freizügigkeit eines Engländers, fast so, als wären Sie selber einer. Ist das nicht großartig? Freiheit ist, müssen Sie wissen, das Recht, den gewohnten Gang der Dinge in Frage zu stellen. Nehmen Sie doch zum Beispiel die ständige Veränderung des Marktes, wobei es wohl kaum eine Rolle spielt, ob es sich um den Markt für indisches Tuch oder für gestohlene Uhren handelt.«
»Ihre Einstellung zu diesem Thema ehrt Sie, Sir.« Ich schielte sehnsüchtig nach der Tür.
»Aber für einen Juden muss das doch eine ganz andere Sache sein. Freiheit verträgt sich nicht damit, eine Bürde mit sich herumzutragen. Wir müssen frei sein trotz unserer Bürde. Der Umstand, dass Sie Jude sind, hindert Sie doch gewiss daran, mit gewissen Gentlemen Umgang zu pflegen, wobei ich Ihnen versichern kann, dass ich mich nicht zu dieser Sorte zähle. Mir ist es gleich, sage ich Ihnen. Mir ist es gleich, ob Sie wie ein Jude aussehen oder als wenig mehr als ein Bittsteller zu mir gekommen sind, der mir mein gestohlenes Gut zurückbringt. Für mich hat das keine Bedeutung, und soll ich Ihnen auch verraten, warum?«
Ich hoffte, dass er es mir ersparen würde.
»Weil ich Sie im Ring habe kämpfen sehen, Sir. Ich weiß, von welchem Schlage Sie sind, auch wenn der Rest der Welt auf Sie spucken mag.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob Sie ...«
Aber er ließ mich nicht ausreden. »Für die Welt, Sir, sind Sie nichts als ein niederer Schnüffler, nicht wert, ihnen die Kamine zu kehren, während ich etwas viel Besseres in Ihnen sehe. Mir fällt gerade ein, was ich für Sie tun könnte. Möchten Sie es hören?«
Ich musste mich jedoch noch in Geduld fassen, denn es klopfte leise an der Tür, und ehe Ellershaw den Besucher hereinbitten konnte, wurde die Tür auch schon geöffnet und ein Dienstmädchen mit einem Tablett in Händen betrat den Raum. Auf diesem Tablett trug sie einen Topf mit einem dampfenden Gebräu, das nach Pilzen und Zitrone roch. Voller Abscheu erwartete ich, dass mir gleich davon angeboten würde, aber es war eigentlich nicht der sonderliche Tee, dem mein Augenmerk galt, sondern das Mädchen, denn bei dieser gebückten, demütigen Gestalt, die es offenbar gewohnt war, von den höheren Angestellten der East India Company brüsk herumkommandiert zu werden, handelte es sich um keine andere als jene Miss Celia Glade, die kecke junge Frau, die mir in ebendiesem Büro persönlich die Dokumente übergeben hatte.
Mit einem Knicks vor ihm stellte sie den Topf auf Mr. Eller-shaws Schreibtisch. Mir warf sie keinen einzigen Blick zu, aber ich wusste genau, dass sie mich erkannt hatte.
Nun, bei Tageslicht, ging mir auf, dass ich ihre Anmut noch unterschätzt hatte. Sie war groß und bemerkenswert gut gebaut, und trotz ihres weichen, runden Gesichts verfügte sie über markante Wangenknochen. Sie hatte eine hohe Stirn und rote Lippen, und ihre Augen waren so schwarz wie eine unergründliche Tiefe, womit sie von der zarten Blässe ihres Gesichts abstachen, aber gleichzeitig zu der Schwärze ihres Haares passten. Nur mit größter Mühe hielt ich mich davon ab, sie anzustarren - sei es nun aus Verwirrung oder Verzückung.
»Vielleicht darf Celia Ihnen etwas zu trinken bringen«, sagte Ellershaw und spuckte den Rest seines Klumpens in einen Eimer auf dem Boden. »Wünschen Sie Tee, Sir? Wir haben Tee, wie Sie sich wohl unschwer vorstellen können. Wir haben Tees, die Sie noch nie gekostet, von denen Sie noch nie gehört haben, Tees, die kaum ein Weißer außerhalb unserer Ge-sellschaft kennt. Wir haben Tees, die wir nur für unseren eigenen Gebrauch importieren, viel zu gut, um auch nur daran zu denken, sie zu verkaufen und damit ans gemeine Publikum zu vergeuden. So einen Tee würden Sie doch bestimmt gerne mal probieren?«
»Nun, ganz abgeneigt wäre ich nicht«, sagte ich, aber ich wünschte mir nur, das Mädchen würde den Raum verlassen und mir damit Zeit zum Nachdenken geben. Ich hatte sie für eine Art weibliche Angestellte gehalten, aber nun erwies sie sich doch nur als eine Dienstmagd. Aber wieso hatte sie dann so genau gewusst, wo Ellershaw seine Dokumente aufbewahrte und war sogleich bereit gewesen, sie mir zu überreichen?
Ellershaw jedoch ließ sich nicht beirren. »Natürlich möchten Sie Tee. Celia, bring dem Mann einen Topf von dem Grünen Tee, dem aus Japan. Ich wette, er wird sein Wohlgefallen finden. Mr. Weaver ist als Boxer berühmt, musst du wissen, aber nun ist er ein famoser Diebesjäger.«
Miss Glade wurde rot und machte ganz große Augen. »Er jagt nach Diebesgut? Das ist ein schlimmes Tun. Schlimm ist das.« Sie bediente sich nicht mehr der geschliffenen Ausdrucksweise einer Frau von Bildung - wie bei unserer ersten Begegnung. Sollte ich mich so in ihr getäuscht haben? Aber ich verwarf den Gedanken gleich wieder. Das Mädchen war etwas anderes, als sie zu sein vorgab, und sie wusste, dass es sich auch bei mir so verhielt.
»Nein, du dummes Ding. Doch kein Diebesgut. Er jagt Diebe. Er verfolgt sie, bis er sie gestellt hat, um sie dann ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Habe ich es richtig dargestellt, Sir?«
Ich nickte und wandte mich kühn der jungen Dame zu. »Allerdings ist das nur ein Aspekt meiner Tätigkeit. Ich decke auch betrügerische Machenschaften aller Art auf.«
Miss Glade sah mich ausdruckslos an, was wohl die Reaktion war, die Ellershaw von ihr erwartete. »Das ist bestimmt sehr gut, Mr. Ward«, stammelte sie unterwürfig, ließ aber nicht die
Gelegenheit aus, mich bei dem falschen Namen anzusprechen, den ich ihr bei meinem nächtlichen Raubzug genannt hatte.
»Weaver, Dummchen«, verbesserte Ellershaw sie, »und nun bring ihm seinen Grünen Tee.«
Sie knickste und verließ den Raum.
Das Herz schlug mir bis zum Hals - ich war noch einmal davongekommen. Aber vor was? Ich wusste es nicht zu sagen. Aber damit konnte ich mich jetzt nicht beschäftigen. Zunächst musste ich erfahren, was Ellershaw mit mir vorhatte. Leider hatte ich keine Ahnung, ob Ellershaw nicht etwa auf Anweisung Cobbs handelte. Wenn ich nun drauf und dran war, einen Fehler zu begehen? Aber das brauchte mich nicht zu kümmern, denn da Cobb mich nicht vor einem solchen möglichen Fehler gewarnt hatte, konnte er mich dafür auch nicht zur Verantwortung ziehen.
Ellershaw nippte an dem dampfenden Getränk, das das Mädchen ihm gebracht hatte. »Dies ist ein schauderhaftes Gebräu, Sir. Ausgesprochen schauderhaft. Aber ich muss es wegen meines Gebrechens zu mir nehmen, also wird keine Klage über meine Lippen dringen, obwohl es schmeckt, als hätte der Teufel höchstpersönlich es angerührt.« Er hielt mir die Kanne hin. »Versuchen Sie es, wenn Sie den Mut dazu haben.«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich verzichte lieber.«
»Verdammt, probieren Sie es doch mal.« Der Ton seiner Stimme passte nicht recht zu der Barschheit seiner Worte, aber mir wollte das trotzdem ganz und gar nicht gefallen, und ich hätte mich nicht so von ihm behandeln lassen, wenn ich die Freizügigkeit besäße, die er vorhin so betont hatte.
»Sir, ich habe nicht den Wunsch, es zu probieren.«
»Ha! Der große Weaver fürchtet sich vor einer Mischung medizinischer Heilkräuter. Was ist nur aus den Mutigen dieser Welt geworden? Wie ich sehe, ist dieser Trunk der David Ihres Goliaths. Er hat Ihnen ganz schön die Manneskraft genommen. Wo bleibt das Mädchen nur mit dem Tee?«
»Sie ist doch gerade erst zur Tür hinaus«, wandte ich ein.