»Ach, Sie schlagen sich schon auf die Seite der Damen, was? Sie sind ein hinterhältiger Kerl, Mr. Weaver. Ein sehr hinterhältiger Kerl, so hinterhältig, wie man es den Juden nachsagt. Wenn man die Vorhaut abschneidet, ist es, als würde man den Tiger aus seinem Käfig befreien, höre ich. Aber mir gefällt ein Mann, der es mit den Damen hält, und diese Celia ist wohl auch ein Leckerbissen ganz nach dem Geschmack der Männer, oder finden Sie nicht? Doch nun wollen wir diese Albernheiten lassen, denn Sie werden es im Craven House nicht weit bringen, wenn Sie an nichts anderes denken, als daran, einem Dienstmädchen unter die Röcke zu kriechen. Haben wir uns verstanden?«
»Absolut«, pflichtete ich ihm bei.
»Gut. Dann wenden wir unsere Aufmerksamkeit nun wichtigeren Dingen zu. Der Gedanke ist mir jüngst erst gekommen, so dass ich ihn noch nicht eingehender habe erwägen können, aber sagen Sie mir, Mr. Weaver, ob Sie je erwogen haben, für ein bedeutendes Handelshaus zu arbeiten, anstatt sich wie bisher von Tag zu Tag als unabhängiger Ermittler durchzuschlagen und sich stets fragen zu müssen, wo die nächste Mahlzeit herkommt?«
»Auf diesen Gedanken bin ich bis jetzt noch nicht gekommen.«
»Es ist mir gerade erst eingefallen, aber ich frage mich doch, wie diese Papiere haben verloren gehen können. Wie Sie vielleicht wissen, hat es neulich eines Abends einen Aufstand elender Seidenweber gegeben, und meine Wachposten waren allesamt damit beschäftigt, diesen Haderlumpen Verwünschungen entgegenzuschreien. In dem ganzen Durcheinander könnte einer der Schurken hier eingedrungen sein und sie genommen haben.«
Mit dieser Mutmaßung war er mir eine Spur zu nahe an der Wahrheit. »Aber was hätte man damit anfangen wollen? Ist sonst noch etwas weggekommen?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich finde es auch wenig plausibel, aber ich kann mir keine andere Erklärung denken. Selbst wenn ich mich irre, ändert das wenig an der Tatsache, dass unter unseren Wächtern Dutzende von zwielichtigen Burschen sind, wir aber niemanden haben, der das Wachpersonal im Auge behält. Der Spitzbube, der einen Arbeiter beim Verlassen des Geländes darauf untersucht, ob dieser auch nichts hat mitgehen lassen, wird am nächsten Tag von ebendem überprüft, der ihn am Vorabend unter die Lupe genommen hat. Der wunde Punkt unseres Unternehmens liegt also, um es kurz zu sagen, in den Machenschaften und den Unzulänglichkeiten ebenderjenigen, die dazu abgestellt sind, es zu bewachen. Also habe ich soeben gerade den Einfall gehabt, dass Sie der richtige Mann für den Postens eines Oberaufsehers sein könnten, der diesen Burschen auf die Finger schaut und dafür sorgt, dass sie nicht auf dumme Gedanken kommen.«
Mir fiel kaum etwas ein, was ich weniger gerne täte, aber ich wusste auch, dass man von mir erwartete, dass ich Eller-shaws Wünschen entgegenkam. »Ein früherer Offizier der Armee«, wandte ich ein, »wäre für diesen Posten aber doch bestimmt besser geeignet. Es stimmt schon, dass ich Erfahrungen damit habe, Diebe zu ergreifen, aber mir fehlt jede Erfahrung im Umgang mit Untergebenen.«
»Das ist kaum von Bedeutung«, verwarf er meinen Einwand. »Was sagen Sie zu vierzig Pfund im Jahr für Ihre Dienste? Wie finden Sie das, Sir? Ich kann Ihnen sagen, dass dies fast die Summe ist, die wir unseren Angestellten zahlen. Vielleicht sogar ein wenig zu großzügig, aber ich weiß es besser, als mich mit einem Juden auf Feilschereien einzulassen, was ich übrigens als Kompliment an Sie und Ihresgleichen zu verstehen bitte.«
»Es ist ein sehr verlockendes Angebot, und die Regelmäßigkeit der Arbeit und der Bezahlung käme mir auch sehr entgegen«, sagte ich. Ich wollte keine Entscheidung treffen, ohne vorher mit Cobb darüber gesprochen zu haben. »Doch ich muss darüber nachdenken.«
»Ja, Sie wollen natürlich nichts überstürzen, aber ich hoffe auf positiven Bescheid von Ihnen. Doch nun habe ich mich lange genug mit Ihnen aufgehalten. Ich habe viel zu tun.«
»Das Mädchen bringt noch den Tee«, erinnerte ich ihn.
»Was? Ist das hier etwa ein Gasthaus, in dem Sie dies und jenes nach Ihrem Gutdünken bestellen können? Sir, wenn Sie hier arbeiten wollen, müssen Sie als Allererstes begreifen, dass hier Geschäfte getätigt werden.«
Ich entschuldigte mich für meinen Einwand, aber Ellershaw hatte nur einen feindseligen Blick für mich übrig, also sah ich zu, dass ich hinauskam. Ich wand mich zwischen eiligen Bediensteten, Trägern, Dienstboten mit Tabletts sowie sich wichtig gebenden und in der Regel, wenn auch nicht ausnahmslos, plumpen Männern, die in ein Gespräch miteinander vertieft waren, hindurch, die sich allesamt mit solcher Entschlossenheit bewegten, als handele es sich um ein Regierungsgebäude und nicht um ein Handelshaus. Es missfiel mir und beruhigte mich gleichzeitig, dass ich Miss Glade nicht noch einmal zu Gesicht bekam, denn ich wurde aus der Dame nicht recht schlau. Sollte ich jedoch regelmäßig in diesem Haus verkehren, würde es irgendwann zu einem Gespräch mit ihr kommen müssen - das war mir klar.
Sowie ich dem Craven House den Rücken gekehrt hatte, blieb mir keine andere Wahl, als mich zu Mr. Cobb zu begeben und ihm Bericht zu erstatten, was mir widerfahren war. Ich hasste den Gedanken, denn mir missfiel nichts so sehr, wie zu meinem Herrn und Meister gerannt zu kommen und ihm zu erzählen, wie ich ihm gedient hatte, und mir von ihm sagen zu lassen, was ich denn als Nächstes für ihn tun konnte. Jedoch gemahnte ich mich wiederum an das eine: Je eher ich dahinterkam, was Cobb von mir wollte, desto eher hatte ich ihn vom Hals.
Allerdings verspürte ich nicht die geringste Lust, mich wieder mit seinem malträtierten und mir alles andere als wohlgesonnenen Diener abzugeben, also setzte ich mich in ein Schanklokal und schickte einen Jungen mit der Nachricht zu Cobb, dass er mich dort treffen solle. Ich fand es keineswegs zu viel verlangt, dass er sich zur Abwechslung einmal zu mir bemühen sollte, da er mich doch ansonsten als seine Marionette behandelte. Und in Wahrheit genoss ich es, ihn ein wenig herumzukommandieren, denn es war für mich wie das Zuckerbrot nach der Peitsche, und noch dazu ein Zuckerbrot, das mir half, die bittere Pille meiner Knechtschaft zu schlucken.
Als ich gerade vom meinem dritten Ale saß, ging die Tür der Taverne auf, und herein kam ausgerechnet Edgar der Diener, das zerschundene Gesicht vor Wut verzerrt. Er kam auf mich zu wie ein gereizter Kampfstier und baute sich drohend vor mir auf. Zunächst sagte er nichts, sondern hob die Hand und öffnete über meinem Tisch die Faust. Sogleich kamen ungefähr zwei Dutzend winzige Papierfetzen auf mich heruntergeregnet. Ich brauchte nicht lange zu raten: Das war die Nachricht, die ich Cobb hatte zukommen lassen.
»Sind Sie so ein Idiot, dass Sie uns Botschaften überbringen lassen?«, verlangte er zu wissen.
Ich nahm einen der Papierfetzen und tat so, als nähme ich ihn näher in Augenschein. »Sieht fast so aus«, sagte ich.
»Tun Sie das nie wieder. Wenn Sie etwas zu sagen haben, sollen Sie zu uns kommen und nicht einen Bengel aus einer Kaschemme schicken. Habe ich mich verständlich ausgedrückt?«
»Ich fürchte nicht«, sagte ich.
»Stellen Sie sich nicht dumm«, schnaubte er wütend. »Und stehlen Sie Mr. Cobb gefälligst nicht seine Zeit.«
»Was stört ihn daran, wenn ich einen Jungen schicke?«
»Es stört ihn, weil er es nicht gestattet hat. Nun stehen Sie auf und folgen Sie mir.«
»Ich trinke erst meinen Krug aus«, versetzte ich.
»Eben nicht.« Mit einer Armbewegung fegte er meinen Krug vom Tisch. Er flog gegen die Wand, wobei ein paar der anderen Gäste, die über ihre eigenen Getränke gebeugt dasaßen, mit Bier bespritzt wurden. Sie starrten mich und Edgar an. Alle starrten uns an - die Gäste, der Wirt, die allgegenwärtige Hure.
Ich sprang von meinem Schemel hoch, packte Edgar beim Kragen und drückte ihn auf die Tischplatte. Dann hob ich die Faust, damit er wusste, was ihm blühte.
»Ha!«, sagte er. »Sie werden mich nicht mehr schlagen. Mr. Cobb lässt es nicht zu. Die Tage, in denen Sie mich misshandeln konnten, sind gezählt. Oder wollen Sie, dass Ihre Freunde leiden müssen? Jetzt lassen Sie mich los, Sie dreckiger Lump, oder Sie sollen mich kennenlernen.«