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Gegen Abend hielt ich es in der Einsamkeit meiner vier Wände nicht mehr aus und begab mich in ein Gasthaus, das koschere portugiesische Gerichte servierte. Ich hatte zwar gar keinen Hunger, wollte aber dennoch etwas essen, um bei Kräften zu bleiben und besser nachdenken zu können. In dem Gasthaus traf ich mehrere Kameraden an, die mir zuriefen, ich solle mich zu ihnen gesellen, was ich höflich, aber bestimmt ablehnte. Diese Männer kannten mich gut genug, um zu wissen, dass ich kein Kind von Traurigkeit war, es aber von Zeit zu Zeit vorzog, ungestört meinen Gedanken nachzuhängen, so dass niemand sich übertrieben bemühte, mich zum Mittrinken zu bewegen, wofür ich dankbar war.

Ich hatte keine fünf Minuten an meinem Tisch gesessen, als ein Gentleman eintrat, der sogleich im Mittelpunkt des Interesses stand. Der Mann war Engländer, schlicht gekleidet und trug eine etwas affektiert wirkende, kleine Perücke auf dem Kopf und eine Ledermappe eng an sich gedrückt unter dem Arm. Er schien hier alles andere als in seinem Element zu sein, sich in Gegenwart von so vielen Juden sogar zu fürchten. Er wandte sich an den Wirt, der, um meinen Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden, wissend, zögernd in meine Richtung zeigte.

Der Engländer trat sogleich an meinen Tisch. »Sie sind Mr. Weaver, Sir?«

Ich nickte.

»Ihre Vermieterin sagte mir, Sir, dass ich Sie hier antreffen könnte.«

Ich nickte wiederum. Ich mutmaßte sofort, dass der Mann gekommen war, um mich für irgendwelche Ermittlungen zu engagieren, und ich wusste, dass ich ihm seinen Wunsch leider würde abschlagen müssen, da ich ja nur für Cobb arbeiten durfte.

Doch es erwies sich rasch, dass mir eine solche Absage erspart bleiben würde. »Mein Name ist Henry Bernis, Sir«, stellte sich der Unbekannte vor. »Darf ich einen Augenblick Ihrer Zeit in Anspruch nehmen?«

Ich nickte, behielt aber meinen mürrischen Gesichtsausdruck bei, denn er sollte ruhig merken, dass mir an Gesellschaft nicht gelegen war.

Ungefähr eine Minute lang stand Bernis nur da und schien mich zu mustern. Er reckte den Hals, um mich erst von der einen, dann von der anderen Seite zu betrachten. »Würden Sie bitte einmal für mich aufstehen, Sir?«

»Was wollen Sie denn von mir?«

»Nun machen Sie doch schon. Auf die Füße. Dann wollen wir Sie uns mal ansehen.«

Ich weiß auch nicht, warum ich gehorchte, aber ich war irgendwie neugierig, also erhob ich mich. Er bat darum, dass ich mich umdrehe, doch das verweigerte ich ihm. »Ich werde Ihnen hier nichts vortanzen«, sagte ich.

»Himmel, nein. Sie sollen doch nicht tanzen. Nichts dergleichen. Keine Kapriolen und Hüpfereien. Ich wollte mich nur vergewissern, dass Sie gesund sind. Man muss ja schließlich sein Kapital schützen. Darf ich einmal Ihre Zähne sehen?«

»Sie haben mich ja noch gar nicht engagiert«, wies ich ihn zurecht. »Und mir auch nicht gesagt, was Sie von mir wollen. Ich bin Ermittler, Sir, kein Pferd. Und ich werde mich auch nicht als solches hergeben, selbst wenn der König auf mir reiten wollte.«

»Sie engagieren? Um Himmels willen. Wozu sollte ich Sie engagieren? Was soll ich mit einem Ermittler?«

Ich setzte mich wieder. »Das kann ich Ihnen auch nicht sagen, aber Sie fangen an, mir auf die Nerven zu gehen, Mr. Ber-nis, und wenn Sie sich nicht klarer ausdrücken, werden Sie selber bald einen Arzt brauchen, der Ihre Knochen wieder zusammenflickt.«

»Bitte, keine Drohungen«, sagte er. »Ich hasse das. Und bitte keinerlei Art von Gewaltanwendung. Sooft Sie zu Gewalt greifen, riskieren Sie Ihre eigene Sicherheit, und das darf nicht geschehen. Sie müssen sich vor allem Schaden schützen, Sir. Ich bitte Sie darum.«

»Zum Teufel, was wollen Sie denn nun eigentlich?«

»Sie können mich mit Flüchen nicht erschrecken, Sir. Fluchen gefährdet weder Ihre noch meine Sicherheit, und wenn man fürs Fluchen in die Hölle kommt, sei's drum. Was mit Ihnen in Ihrem nächsten Leben geschieht, geht mich nichts an. Mir ist nur an Ihrem Wohlergehen in diesem Leben gelegen. Ich hoffe doch, Sie sind jüngst nicht etwa krank gewesen?«

»Nein, aber ...«

»Irgendwelche früheren Verletzungen, die bis heute nachwirken? Mir ist bekannt, dass Sie sich im Boxring mal ein Bein gebrochen haben, aber das ist Jahre her. Haben Sie seitdem noch andere Brüche erlitten?«

»Nein, und ich glaube auch nicht .«

»Sie planen doch wohl keine Auslandsreise?«

»Nein, und das ist die letzte Frage, die ich beantworte, solange Sie mir nicht sagen, was Sie von mir wollen.«

»Ich möchte mich nur Ihres guten Gesundheitszustandes vergewissern.«

»Wozu?«

»Ach, Sie müssen entschuldigen. Habe ich es nicht erwähnt? Ich arbeite für das Seahawk-Versicherungsbüro. Ich stelle lediglich sicher, dass wir keinen Fehler gemacht haben.«

»Versicherung? Was erzählen Sie mir da?«

»Niemand hat so recht gemerkt, dass es passierte - zu viele Angestellte, die nicht miteinander reden -, aber es sieht so aus, als hätten wir in den letzten Tagen eine Reihe Versicherungspolicen auf Ihren Namen abgeschlossen. Wir wollten uns lediglich vergewissern, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Aber ich muss schon sagen, dass Sie sich einer bemerkenswert robusten Gesundheit erfreuen.«

»Was für Policen sind das?«, verlangte ich zu wissen.

Mr. Bernis zog das ganze Gesicht in Falten. »Lebensversicherungen natürlich.«

Ich kannte mich mit Versicherungen ganz gut aus, denn mein Onkel hatte oft welche für seine Schiffsladungen abgeschlossen. Von Lebensversicherungen hatte ich weniger Ahnung, doch einiges darüber gehört. Ich wusste, dass es sich um eine Art Glücksspiel handelte, bei dem man auf die Langlebigkeit einer berühmten Person, etwa des Papstes, eines Generals oder eines Königs setzte. Ich wusste ferner, das man damit sein Kapital schützen konnte. Wenn zum Beispiel ein Kauf-mann einen seiner Angestellten als seinen Agenten ins Ausland schickte und dieser Angestellte ganz besondere Fähigkeiten besaß, konnte man sein Leben versichern, so dass dem Kaufmann, falls sein Geschäftsträger ums Leben käme oder von türkischen Freibeutern entführt werden sollte, sein Verlust ersetzt würde. Aber ich konnte mir kaum vorstellen, warum jemand sich gegen meinen Tod versichern sollte.

»Wer hat die Versicherungen abgeschlossen?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, Sir. Ehrlich gesagt, ich weiß es selber nicht, und wenn ich es wüsste, dürfte ich es Ihnen nicht verraten. Ich wollte mich nur Ihrer Gesundheit vergewissern, mit der mir alles in Ordnung zu sein scheint. Ich danke Ihnen für Ihre Zeit.«

»Warten Sie einen Moment. Wollen Sie andeuten, dass es jemanden, ja vielleicht sogar mehrere Personen gibt, die Geld in eine Versicherung einbezahlt haben und einen Gewinn zu machen hoffen, wenn mir etwas zustößt?«

»Um Himmels willen, nein. Nichts dergleichen. Niemand würde in der Hoffnung, dass Sie bald sterben, eine Versicherung abschließen. Das wäre ja ungeheuerlich, Sir. In höchstem Maße ungeheuerlich. Nein, unsere Klienten haben eine Versicherung abgeschlossen, die sie im Falle Ihres Todes vor Verlusten bewahrt. Hier handelt es sich nicht um eine Art Wette, Sir, sondern um die Absicherung von Kapital.«

Als ich sein gekünsteltes Lächeln sah, wusste ich, dass er sich verplappert hatte. Ich hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.

»Wie viele solcher Policen gibt es?«

Er zuckte mit den Achseln. »Vielleicht fünf oder sechs.«

»Und wer ist der Begünstigte?«

»Wie ich schon sagte, weiß ich es nicht. In jedem Fall ist mir zu verstehen gegeben worden, dass die Inhaber der Policen anonym zu bleiben wünschen. Das respektiere ich, und ich denke, Sie sollten es ebenso halten.«

»Ich gedenke es so zu halten, dass ich Ihrem Büro demnächst mal einen Besuch abstatten werde.«

»Ich finde nicht, dass Sie damit Ihre Zeit vergeuden sollten. Es ist alles vollkommen legal, und Sie werden feststellen, dass es nicht unsere Politik ist, solche Informationen zu offenbaren.«