»Wollen Sie damit sagen, dass irgendwer eine Versicherung auf den Kopf eines anderen abschließen kann und der Betroffene von demjenigen nicht einmal verlangen kann, ihm Rede und Antwort zu stehen? Das ist ja teuflisch.«
»Wie kann es denn teuflisch sein, wenn es doch vollkommen mit den Gesetzen in Einklang steht?«
Seine Frage war so absurd, dass mir keine Antwort darauf einfiel.
9
A.m nächsten Vormittag begab ich mich wieder ins Craven House, wo ich zu meiner Enttäuschung feststellte, dass Mr. Ellershaw bereits drei Gentlemen zu Besuch hatte. Nichtsdestotrotz winkte er mich herein. Seine Gäste waren in feinstem Zwirn ausstaffiert - weite Mäntel mit breiten, reich mit Stickereien verzierten Ärmelaufschlägen, goldener Faden bei dem einen, silberner bei dem zweiten, beide Farben bei dem dritten. Alle drei befühlten Muster von feinster indischer Seide, die sie einander gegenseitig zureichten und ausführlich kommentierten.
Ellershaw stellte mich den drei Männern vor, in denen ich Persönlichkeiten aus der Welt der Schönen und Reichen Londons erkannte. Der eine war der Sohn eines Grafen, der zweite der eines vermögenden Grundbesitzers aus Sussex und der dritte ein junger Herzog. Sie schenkten mir keinerlei Beachtung, auch nicht, als Ellershaw auf die Bilder an den Wänden hinwies und den beachtenswerten Umstand anmerkte, dass ich auf den Drucken zu sehen war und mich gleichzeitig in voller Lebensgröße in seinem Büro aufhielt. Aber das interessierte die Männer überhaupt nicht - sie vertieften sich weiterhin mit der Akribie eines Putzmachers in die Betrachtung der Stoffproben.
»Sehr fein gewirkt«, lobte der junge Herzog. »Ich möchte mich sehr für das Geschenk bedanken, Mr. Ellershaw, doch was versprechen Sie sich davon? Dass wir diesen Stoff tragen, wird nichts am Stand der Dinge ändern.«
»Ich möchte einen Versuch wagen, Sir. Ich möchte, dass Sie drei sich in diesen neuen Stoff gekleidet in der Öffentlichkeit zeigen und es jeden wissen lassen, dass Sie sich darin wohlfühlen. Auf diese Weise hoffe ich eine Nachfrage nach diesem Tuch zu erzeugen, die es uns ermöglicht, noch vor Weihnachten unsere Lagerbestände abzuverkaufen.«
»Ein geschickter Zug«, bemerkte der Herzog. »Die beau monde soll einen Batzen Geld für etwas ausgeben, was sie nur noch einen Monat lang tragen kann. Ja, sehr geschickt, das muss man Ihnen lassen.«
Der Sohn des Grafen lachte. »Ich werde meinem Schneider sagen, dass er sich gleich ans Werk machen soll, und gegen Ende der Woche werde ich diesen Stoff tragen.«
Das Trio beglückwünschte sich gegenseitig und verließ dann unter Beifallsbekundungen den Raum.
Ellershaw trat an seinen Schreibtisch, wo er einen seiner braunen Klumpen aus der Schüssel nahm und ihn zerbiss. »Das, Weaver, ist es, was ich die Heilige Dreifaltigkeit nenne.« Er lachte über seinen eigenen Witz. »Diese eitlen Gecken bräuchten sich nur in das Bärenfell der amerikanischen Ureinwohner gekleidet in der Öffentlichkeit zu zeigen, und innerhalb von drei Tagen gäbe es in London keinen einzigen Gentleman mehr, der nicht in einem Bärenfell herumliefe. Ich habe auch eine Gruppe Ladys an der Hand, die ich mir auf ähnliche Weise zu Nutze mache. Ich muss Ihnen gratulieren, Weaver. Sie sind keine zehn Minuten in meinen Diensten und haben schon das Geheimnis des Handels mit indischen Stoffen kennengelernt - dass man seine Ware verschenken muss, damit ein paar modebewusste Herrschaften, denen ein jeder gerne nacheifert, eine bestimmte Vorliebe auslösen. Über diesen neuen Kleidungsstil wird in den Tageszeitungen und den monatlichen Gazetten berichtet werden, bald wird die Woge auch in die Provinzen überschwappen, und dann wird man sich um unsere Ware reißen. Sie werden uns anflehen, anflehen, sage ich, ihnen unseren Stoff zu verkaufen - zu jedem Preis, den wir nennen.«
»Klingt vortrefflich«, pflichtete ich ihm bei.
»So läuft das Geschäft in der heutigen Welt. Sie sind ja selber noch ein ziemlich junger Mann, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf. Als Sie geboren wurden, haben die Männer noch ihr eigenes Bier gebraut und die Frauen noch ihr eigenes Brot gebacken und die Kleider für ihre Familien genäht. Aber Bedarf weckte Nachfrage. Heutzutage kauft man all diese Dinge, und nur der letzte Hinterwäldler käme noch auf die Idee, selber zu backen oder zu brauen. Dank meiner Rührigkeit ist es nun nicht mehr Bedarf, sondern Habgier, die den Handel in Schwung bringt. In meiner Jugendzeit hat so mancher noch gemordet, um genügend Silber für den Unterhalt seiner Familie zu ergattern. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt von so etwas gehört habe, aber es vergeht keine Woche, in der man nicht über einen hinterhältigen Raub liest, nur weil jemand Geld für ein neues Kleid oder ein Schmuckstück oder einen modischen Hut oder eine modische Haube für die Lady braucht.«
Ich beglückwünschte ihn zu der Rolle, die er darin gespielt hatte, einen solchen Fortschritt in die Wege zu leiten.
»Ja, der größte Fortschritt, den die Welt je gesehen hat, ist das Gedeihen von Industrie und Reichtum. Und dieses Wachstum kennt keine Grenzen, denn auch für das, was wir Engländer vollbringen können, gibt es keine Grenze. Und das trifft wohl auch auf Sie zu.«
Voller guter Worte füreinander nahmen wir Platz. Um nicht in den Verdacht der Selbstverliebtheit zu geraten, vermied ich es, allzu oft einen Blick auf die Bilder an den Wänden zu werfen, die mich und meine Taten priesen. Trotzdem ist es ein sonderbares Gefühl, sich auf diese Weise glorifiziert zu sehen, und wenn ich mich auch geschmeichelt fühlte, war es mir doch gleichzeitig in zunehmendem Maße unangenehm.
»So, Weaver, Sie haben sich also entschieden, zu unserer Bruderschaft hier im Craven House zu stoßen, der Ehrenwerten Gesellschaft zu dienen, als die wir uns betrachten«, sagte Ellershaw und kaute wieder zufrieden auf einem dieser merkwürdigen Klumpen herum. »Genau das Richtige für Sie. Eine einmalige Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Für uns beide, glaube ich. Wissen Sie, ich sitze dem Unterkomitee vor, das für den Warenbestand verantwortlich ist, und ich schätze, ich werde die Zustimmung der Versammlung der Anteilseigner erhalten, wenn ich diese darüber in Kenntnis setze, dass ich Sie mit an Bord geholt habe. So, nun wollen wir uns einmal alles ansehen.«
Er führte mich den Flur hinunter und in eine kleine, fensterlose Kammer, in der ein junger Mann über einen Stapel Papiere gebeugt an seinem Schreibtisch saß und etwas in einem dicken Hauptbuch notierte. Er war höchstens Anfang zwanzig, wirkte aber sehr beflissen und runzelte in seinem Eifer die Stirn. Mir fiel gleich sein zierlicher Körperbau mit den herunterhängenden Schultern und den eigentümlich dünnen Handgelenken auf. Er hatte dunkle Ränder unter seinen blutunterlaufenen Augen.
»Als Erstes muss ich Sie mit Mr. Blackburn bekanntmachen«, sagte Ellershaw, »damit er später nicht Erklärungen von mir verlangt. Nein, ich möchte Sie nicht im Ungewissen belassen, Mr. Blackburn.«
Der junge Mann betrachtete mich eingehend. Sein Gesicht war finsterer, als es zunächst den Anschein gehabt hatte; er hatte fast raubtierähnliche Züge, ein Eindruck, der durch seine heftig gekrümmte Habichtsnase noch verstärkt wurde. Ich fragte mich, welche Anstrengung seine Tätigkeit ihm abverlangte, denn er wirkte so abgezehrt wie ein Mann von doppelt so viel Jahren. »Ungewissheit führt zu drei Dingen«, sagte er und hielt die Finger in die Höhe. »Erstens Ineffektivität. Zweitens Unordnung. Und drittens geschmälerten Profit.« Bei jedem Punkt drückte er die Fingerkuppen seiner rechten Hand mit dem Daumen und dem Zeigefinger seiner linken. »Ich schätze Ungewissheit nicht.«
»Das weiß ich, also bemühe ich mich stets darum, dass Sie über alles im Bilde sind. Dies ist Mr. Weaver. Er wird für mich arbeiten und die Aufsicht über das Wachpersonal auf dem Gelände übernehmen.«