Blackburn errötete ein wenig. Zuerst dachte ich, es wäre ihm aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen peinlich, merkte aber rasch, dass es ein Anzeichen von Zorn war. »Für Sie arbeiten?«, fragte er. »Jetzt? Wie können Sie jetzt jemanden neu einstellen? Die Anteilseignerversammlung hat keinen solchen Posten genehmigt, und ohne ihr Einverständnis kann keine neue Kostenstelle geschaffen werden. Das begreife ich nicht, Sir. Es ist ein höchst ungewöhnlicher Vorgang, und ich weiß nicht, wie ich ihn in den Lohnlisten verbuchen soll.«
»Ungewöhnlich, das stimmt«, gab Ellershaw ihm mit besänftigender Stimme recht. »Und weil die Anteilseigner noch nicht darüber entschieden haben, wird Mr. Weaver bis auf Weiteres seine Bezahlung von mir erhalten.«
»Seine Bezahlung von Ihnen erhalten?«, entrüstete sich Blackburn. »Es gibt bei der East India Company keine Angestellten, die von anderen Angestellten bezahlt werden. So etwas habe ich ja noch nie gehört. Ist das eine neue Art der Lohnbuchhaltung? Soll ich ein eigenes Buch für ihn anlegen, Sir? Eigens für ihn? Sollen wir bei jeder Schrulle eines höheren Angestellten die gesamte Buchführung auf den Kopf stellen?«
»Ich hatte vorgehabt«, setzte sich Ellershaw zu Wehr, »Mr. Weaver in den Büchern gänzlich unerwähnt zu lassen.« Mir fiel auf, mit welch ruhiger Stimme Ellershaw sprach, da Black-burn doch offensichtlich sein Untergebener war und er sich dennoch von ihm ins Gebet nehmen lassen musste.
Blackburn schüttelte den Kopf und hielt zwei Finger in die Höhe. »Zwei Dinge, Sir. Zunächst bleibt niemand in den Büchern unerwähnt.« Er tippte auf die in schweres, schwarzes Leder eingebundenen Wälzer im Folioformat. »Jeder taucht in den Büchern auf. Sowie wir erst einmal damit anfangen, Ausnahmen zu machen und die Vorschriften nach unserem Gutdünken zu beugen, sind diese Bücher für die Katz, und meine Arbeit ist nichts mehr wert.«
»Mr. Blackburn, Sie können sich entweder die Zeit nehmen, Mr. Weavers ausgefallene Position als die meines persönlichen Angestellten in Ihre Annalen mit aufzunehmen oder sich mit der Tatsache abfinden, dass er sich außerhalb Ihrer Zuständigkeit befindet. In diesem Falle können Sie ihn guten Gewissens ignorieren, wie Sie es mit meinem Lakaien oder meinem Koch täten. Wie wollen Sie sich entscheiden?«
Der Angestellte schien sich seiner Sache nicht mehr ganz so sicher zu sein. »Ihr Diener, sagen Sie? Ihr Koch?«
»Genau. Er hilft mir, meine Arbeit effizienter zu erledigen, und daher ist es meine Entscheidung gewesen, ihn einzustellen, und es ist auch mein Wunsch, ihn von meinem eigenen Geld zu bezahlen. Sie brauchen ihn überhaupt nicht in die Bücher zu nehmen.«
Blackburn gab Ellershaw mit einem kurzen Kopfnicken zu verstehen, dass er einverstanden war.
»Sehr gut, Blackburn, sehr gut«, sagte Ellershaw. »Aber eine Sache noch. Es wäre mir angenehm, wenn Sie mit niemandem über die Angelegenheit sprechen würden. Wenn jemand Sie fragt, sagen Sie einfach, alles hätte seine Ordnung. Ich denke, die Meisten werden sich mit dieser Antwort zufriedengeben, weil sie keine Lust verspüren, sich mit Zahlen und Kolumnen auseinanderzusetzen, von denen sie keine Ahnung haben. Können Sie es also für sich behalten?«
»Selbstverständlich«, sagte Blackburn. »Auch ich habe kein Interesse daran, diese Unregelmäßigkeit in die Welt hinauszu-posaunen.« An mich gewandt fügte er hinzu: »Sie stören die Ordnung hier, Mr. Weaver, und Unordnung kann ich nicht ausstehen. Ich schätze es, wenn alles seinen regulären Gang geht und Rechnungen am Ende aufgehen. Ich hoffe sehr, dass Sie hier keine Unordnung hereintragen.«
»Das hatte ich ursprünglich vor«, sagte ich, »aber wenn Sie mich so nett bitten, will ich davon Abstand nehmen.«
Als wir das Büro von Mr. Blackburn verließen, wären wir auf dem Gang beinahe mit einem hochgewachsenen Gentleman zusammengestoßen, der auf uns gewartet zu haben schien.
»Ah, Forester, das trifft sich gut«, sagte Ellershaw und legte ihm die Hand auf den Arm. »Darf ich Sie mit Mr. Weaver bekanntmachen? Er wird mich bei meiner Arbeit unterstützen.«
Der Blick aus Foresters blassblauen Augen streifte über Eller-shaws Hand an seinem Arm, bevor er ihn auf mich richtete. Es hätte kaum deutlicher zu Tage treten können, dass Ellershaw ihm ziemlich gleichgültig war, aber das leicht dümmliche Grinsen meines neuen Arbeitgebers verriet mir, dass er von dieser Animosität noch nichts bemerkt hatte.
Forester nickte. »Das ist gut, denn die Lagerbestände bedürfen einer genaueren Kontrolle.«
»Natürlich, natürlich. Denken Sie sich also nichts dabei, wenn Sie Mr. Weaver hier auf dem Gelände sehen. Er ist ein guter Freund von mir. Alles ist so, wie es sein sollte.«
Aus irgendeinem Grund veranlassten diese Worte Forester, mich scharf anzusehen. »Ein guter Freund?«
»Gewiss, gewiss. Kein Grund zur Sorge«, sagte Ellershaw, und dann, an mich gewandt: »Mr. Forester ist erst jüngst als Assistent ins Direktorium gekommen. Für ihn ist alles noch neu. Aber sein Vater, ahem, Hugh Forester, der war ein bedeutender Mann in den Diensten der Ehrenwerten Gesellschaft. Er hat sowohl in Indien als auch in London großartige Arbeit geleistet. Sein Sohn wird einiges zu tun haben, um in seine Fußstapfen zu treten, fürchte ich.« Bei diesen Worten zwin-kerte er mir zu - ohne sich auch nur die geringste Mühe zu geben, dies vor Forester zu verbergen.
Forester ging seiner Wege, aber Ellershaw blieb stehen. Er hatte immer noch das dämliche Grinsen eines jungen Galans im Gesicht, der gerade charmante Nettigkeiten mit der Dame seines Herzens ausgetauscht hat. »Ich mag diesen jungen Mann«, sagte er schließlich zu mir. »Sehr sogar. Ich glaube, mit meiner Hilfe wird er es weit bringen.«
Es überraschte mich, dass er so große Stücke auf Forester hielt. Forester hatte sich, höflich ausgedrückt, Ellershaw gegenüber indifferent gezeigt. Wie konnte Ellershaw die Verachtung entgehen, mit der dieser junge Mann ihn betrachtete?
Weil mir nichts Tiefgründigeres einfiel, bemerkte ich, dass Ellershaw die Charaktere der Männer, mit denen er zusammenarbeitete, bestimmt sehr gut kenne.
»Ja, das kann man wohl sagen. Ich pflege gerne Kontakte zu meinen Kollegen, und zwar sowohl bei der Arbeit als auch privat. Übrigens habe ich heute in vier Tagen Gäste zu mir eingeladen. Ich würde mich freuen, wenn Sie so gut wären, sich uns anzuschließen.«
Ich hätte nicht verblüffter sein können. Ich war Ellershaws Untergebener, hatte gerade erst für ihn zu arbeiten begonnen, und schon lud er mich zu sich nach Hause ein. Ich argwöhnte, dass er diese unerwartete Einladung nur ausgesprochen hatte, weil er mich seinen Freunden vorführen wollte - wie etwas, was seine Gäste bestaunen sollten. Und doch konnte ich der Einladung schlecht aus dem Wege gehen, denn das hätte gegen Cobbs Anweisungen verstoßen. Außerdem hatte ich Blut geleckt. Ellershaw war das typische Beispiel für einen wenig liebenswerten Mann und trotz seiner hohen Stellung irgendwie faszinierend in seiner Unbedarftheit. Er wollte mich vorführen, und das Gleiche hätte ich gerne mit ihm gemacht.
»Zu viel der Ehre«, sagte ich.
»Unsinn. Sie werden kommen.«
Ich verbeugte mich und sagte, dass es mich sehr freue, und indem ich das tat, setzte ich eine der wichtigsten Wendungen in dieser Geschichte in Gang.
Als Nächstes führte Ellershaw mich die Treppe hinunter und zu der Hintertür, durch die ich bei meinem ersten Besuch im Craven House eingedrungen war. Bei Tageslicht betrachtet kam einem das Gelände der East India Company fast wie eine eigene kleine Stadt oder wie einer ihrer Außenposten in Indien vor. Drei oder vier große Gebäude - umgebaute Wohnhäuser, wie ich erfahren sollte - ragten in die Höhe. Von außen sah man ihnen die Veränderung, die seit ihrer Übernahme durch die East India Company mit ihnen einhergegangen war, kaum an, aber in ihrem Inneren hatten sie jegliche Wohnlichkeit verloren. So waren die Fenster in der unteren Etage zugemauert - einerseits eine Sicherheitsmaßnahme, andererseits eine Möglichkeit, der Glassteuer zu entgehen. In diesen Häusern wohnte niemand mehr, und doch wimmelte es in ihnen wie in einem Haufen exotischer Riesenameisen. Träger mit oder ohne Karren, die Waren von den Docks unten am Fluss holten oder brachten, gingen ein und aus. Die Luft war erfüllt von Ächzen, Rufen und geschrienen Befehlen, dem Quietschen von Rädern, dem Knarzen der hölzernen Wagen. Aus den Schornsteinen stieg Rauch empor, und von irgendwo nicht zu weit her hörte ich auch das metallische Hämmern eines Schmiedes bei der Arbeit, der vermutlich eine bis zum Bruch geschundene Achse wieder herrichtete.