Und dann waren da natürlich die Wachposten. Man konnte sie von den Arbeitern unterscheiden, weil sie nichts in den Händen hielten und es auch nicht eilig hatten, irgendwohin zu kommen. Sie schlenderten nur auf dem Gelände umher und sahen gleichzeitig argwöhnisch und gelangweilt aus. Ab und zu hielten sie einen Wagen an, um dessen Inhalt zu überprüfen. Ich beobachtete, wie einer der Wächter von einem Kut-scher ein Ladepapier verlangte, aber daran, wie er es dann hielt, konnte man deutlich sehen, dass er gar nicht lesen konnte.
Ellershaw ging mit mir zu dem größten der Gebäude. Es befand sich in der Mitte des Geländes, genau dem Tor gegenüber. Die Wagen fuhren alle um den Schuppen herum zu dessen Rückseite, wo ich eine Rampe zum Be- und Entladen vermutete. Die Vorderfront ließ den Betrachter sich in der Illusion wiegen, es handele sich um ein Wohngebäude, aber diese Illusion wurde sofort zerstört, sowie man das Haus betrat. Es war innen entkernt worden; nur die Stützmauern waren erhalten geblieben, damit das obere Stockwerk nicht auf das untere stürzte. Hier gab es jede Menge Kisten und Kästen und Fässer - so ähnlich wie in dem Lagerhaus meines Onkels, wo es auch so lebhaft wie hier zugegangen war, bevor mit Mr. Cobb das Unheil über uns hereinbrach.
»Bewegt mal eure Ärsche«, rief hinter uns ein Mann und zwängte sich mit einer Ladung Kartons, die er drei oder vier Köpfe höher als der Hut auf seinem Haupt gestapelt trug, zwischen Mr. Ellershaw und mir hindurch. Falls ihm aufgefallen war, wen er so pöbelhaft angesprochen hatte, zeigte er jedenfalls keine Neigung, sich zu entschuldigen.
»Du da«, rief Ellershaw einem beleibten Burschen mit dicken Wülsten über den Augen zu, der sich an die Mauer lehnte und faul dem Treiben zusah. »Wie ist dein Name, du träge Missgeburt?«
Der Mann blickte auf, als bereite es ihm schon Schmerzen, auch nur den Kopf zu heben. Er war noch nicht richtig alt, aber auch nicht mehr der Jüngste, und er blickte drein wie jemand, der sein Leben lang im Dienste einer Sache gearbeitet hatte, an der ihm überhaupt nichts lag. »Carmichael, Sir.«
»Sehr schön, Carmichael. Und du überwachst hier alles?«
»Das tue ich, Sir. Stets zu Ihren Diensten.« Er machte eine zögerliche Verbeugung. Ihm war nicht entgangen, dass er mit jemandem sprach, der hier etwas zu sagen hatte. »Ich bin ganz zu Ihren Diensten und hier der Wächter, wie Eure Lordschaft schon selber festgestellt haben.«
»Ja, ja, ist schon gut. Nun ruf deine Kameraden zusammen. Ich habe ihnen etwas zu sagen.«
»Meine Kameraden? Verzeiht, Eure Lordschaft, aber ich verstehe nicht, was Eure Lordschaft meinen.«
»Was ich meine«, sagte Ellershaw, »ist, dass du deine Kameraden, die übrigen Wachmänner, zusammenrufen sollst. Geh und hole sie. Ich will, dass sie alle zusammenkommen.«
»Was Eure Lordschaft meinen, habe ich schon verstanden, aber wie Eure Lordschaft das meinen, bin ich mir nicht sicher. Wie soll ich denn meine Kameraden zusammenrufen?«
»Woher zum Teufel soll ich das denn wissen? Wie machst du das denn sonst?«
»Verzeiht, Eure Lordschaft, aber das tue ich nicht. Niemand tut das. Ich wüsste auch nicht, wie.«
»Mr. Carmichael«, ergriff ich das Wort, »wollen Sie damit sagen, dass Sie keine Möglichkeit haben, die verschiedenen auf dem Gelände verteilten Wachmänner zusammenzutrommeln?«
»Es ist, wie Eure Lordschaft das sagen«, lautete die Antwort.
»Wie werden denn dann Befehle und Informationen weitergegeben?«, bohrte ich nach.
»Einer sagt's dem anderen. So, wie das immer schon gemacht worden ist.«
»Das gibt ja ein schwaches Bild ab«, sagte ich mit ernster Miene zu Ellershaw und schlüpfte damit voll und ganz in die Rolle, die ich nach Cobbs Willen spielen sollte. »Ein äußerst schwaches Bild. Der Mangel an Organisation ist ja katastrophal. Jetzt grast du das ganze Gelände ab und rufst alle Wachmänner, die du findest, hierher zusammen«, sagte ich zu Car-michael.
Dieser machte eine so tiefe Verbeugung, dass er mit seinem fetten Bauch fast vornüberfiel und schlurfte hinaus. Während wir warteten, lobte mich Mr. Ellershaw dafür, wie ich mit dem Burschen umgesprungen war und bat mich dann darum, ihn mit ein paar Geschichten aus meiner Zeit im Ring zu erfreuen. Das tat ich gern, und nach ungefähr einer Viertelstunde war eine genügende Anzahl von Männern zusammengekommen, so dass Ellershaw seine Ankündigung machen konnte.
Ich zählte die Köpfe. An die zwei Dutzend. »Wie viele Wachleute arbeiten gleichzeitig? Wie viele fehlen?«, fragte ich ihn.
»Ich habe keine Ahnung.«
Also stellte ich die Frage der versammelten Mannschaft, aber sie wussten es ebenso wenig wie Mr. Ellershaw, der nun das Wort ergriff.
»Wachmänner«, rief er, »ihr habt eurem Namen nicht gerade Ehre gemacht, denn mir ist etwas Wichtiges abhandengekommen, und das kann ich nicht dulden. Ich habe mich daher entschlossen, euch unter die Aufsicht eines Mannes zu stellen, der euer Kommen und Gehen und eure Pflichten organisiert. Mit der Faulenzerei auf Kosten der East India Company ist ab heute Schluss, das kann ich euch versprechen. Als euren Aufseher habe ich den berühmten Faustkämpfer Benjamin Weaver eingestellt, der keinerlei Schurkenstreiche durchgehen lassen wird. Er wird nun zu euch sprechen.«
Ein Raunen ging durch die Reihen, und mein erster Gedanke war, dass sie gar nicht wussten, was ein Aufseher war, doch ich merkte schnell, dass ich mich getäuscht hatte.
»Verzeiht, Eure Lordschaft«, sagte Carmichael, der zaghaft einen Schritt vorgetreten war. »Aber Ihr wisst vielleicht nicht, dass wir schon einen Aufseher haben.«
Ellershaw sah die Männer verständnislos an, bis, wie als Antwort auf eine Frage, die er nicht zu stellen gewagt hatte, ein weiterer Mann vortrat, und was für einer. Er maß über sechs Fuß, hatte einen gewaltigen Bizeps und ein sehr entschlossenes Auftreten. Er war dunkelhäutig, fast so dunkelhäutig wie ein Afrikaner, aber gekleidet wie ein englischer Arbeiter bei schlech-tem Wetter - raue Wollsachen, ein schwerer Übermantel und ein Tuch um den Hals. Sein Gesicht jedoch war das Beeindruckendste an ihm. Er hatte eine gewaltige, flache Nase, kleine, stechende Augen und einen breiten, höhnisch verzogenen Mund, was aber alles nicht von seinen mannigfachen Narben ablenken konnte. Er sah aus, als wäre er aufs Gesicht gepeitscht worden. Die Wangen, die Haut um die Augen herum, selbst die Oberlippe - alles war voller tiefer Krater und Spalten unbekannter Herkunft. Auf der Straße hätte ich mich gefragt, was für ein Landsmann er wohl sei, aber hier, an diesem Ort, gab es keinen Zweifel. Der Mann stammte aus Indien.
»Was dies?«, verlangte er zu wissen, indem er stolz vortrat. »Oberaufseher für Warenlager? Ich Oberaufseher von Warenlager.«
»Und wer zum Teufel bist du?«, fragte ihn Ellershaw. »Wie der Teufel siehst du mir nämlich aus.«
»Ich Aadil. Ich Oberaufseher von Warenlager.«
»Das ist Aadil«, meldete sich Carmichael zu Wort. »Er ist der Oberaufseher des Warenlagers, den wir schon haben. Wofür brauchen wir denn noch einen?«
»Oberaufseher des Warenlagers?«, kläffte Ellershaw. »So etwas gibt es hier nicht.«