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»Ich Oberaufseher von Warenlager«, betonte Aadil noch einmal und schlug sich mit der Pranke auf seine kräftige Brust.

»Wie kommt es, dass ich nie etwas davon gehört habe?«, verlangte Ellershaw zu wissen. Eine berechtigte Frage, vor allem, da er doch dem Unterkomitee für die Warenbestände vorsaß. Da niemand eine Antwort parat hatte, ging Ellershaw davon aus, dass die Runde an ihn gegangen war. »Da haben wir es also«, sagte er. »Du bist schuld.« Er pochte dem Inder mit dem Finger auf die Brust. »Du hast deine Arbeit schlecht gemacht, und daher degradiere ich dich, Bursche. Du bist wieder ein einfacher Wachmann. Weaver hier ist der neue Oberaufseher.«

Aadil sah uns beide wütend an, sagte aber nichts. Er schien seinen Gesichtsverlust mit der stoischen Gelassenheit des Orientalen hinunterzuschlucken. Zumindest hoffte ich, dass es so war, denn dem Burschen mochte man nicht im Dunkeln begegnen, und ich hatte keine Lust, einen rachsüchtigen Barbaren unter meinen Untergebenen zu wissen.

»Da das nun erledigt wäre«, sagte Ellershaw zu mir, »ist es vielleicht das Beste, wenn Sie ein paar Worte an Ihre Männer richten.«

Ich wandte mich der Versammlung zu, hatte aber keine Ahnung, was ich zu den Wachposten sagen sollte. Mir war nicht bewusst gewesen, dass ich eine Rede ans Volk hätte vorbereiten müssen, also blieb mir nichts anderes übrig, als das Beste aus der Situation zu machen. »Männer«, hob ich an, »es sind in der Vergangenheit Fehler vorgekommen. So viel ist klar. Aber man hat euch eine schwierige Aufgabe zugeteilt, und der Mangel an Organisation hat sie euch auch alles andere als leichter gemacht, doch das wird sich nun ändern. Ich bin nicht hier, um euch zu piesacken, sondern um euch eure Pflichten verständlicher zu machen. Ich hoffe, euch in Kürze mehr dazu sagen zu können, doch bis dahin vertraue ich darauf, dass ihr eurer Arbeit so gut wie möglich nachgeht.« Weil ich nicht wusste, was ich noch sagen sollte, trat ich einen Schritt zurück.

Mr. Ellershaw schien auch nichts Besseres einzufallen, und wir standen eine Weile verlegen da. Dann beugte sich einer der Männer nach links und flüsterte etwas in Carmichaels Ohr, worauf dieser viel zu laut und schrill zu kichern anfing.

Ellershaw lief auf der Stelle puterrot an und zeigte mit seinem Gehstock auf den lachenden Mann. »Du da«, polterte er. »Tritt vor.«

»Verzeiht, Eure Lordschaft«, stammelte Carmichael nervös. Ihm schien bewusst, dass er über die Stränge geschlagen hatte. »Ich habe es nicht böse gemeint, Sir.«

»Was du meinst, kann ich nicht beurteilen«, sagte Ellershaw. »Dein Benehmen ist es, das mich stört. Um zu demonstrieren, dass unter Mr. Weavers Anleitung mehr Ordnung einkehren wird als unter der dieses dunkelhäutigen Burschen, ordne ich ein paar kräftige Schläge für diesen Mann an. Das ist nur gerecht, und es wird Mr. Weaver eine gute Gelegenheit geben, seine Fähigkeiten als Faustkämpfer wieder einmal unter Beweis zu stellen.«

Ich sah ihn an und hoffte in seinem Gesicht ein untrügliches Anzeichen dafür zu finden, dass er bloß gescherzt hatte. Das Blut pochte in meinen Schläfen. Wie konnte ich Ellershaw zufriedenstellen - und damit Cobb, meinen wahren Herrn und Meister -, wenn ich vor dieser grausamen Bestrafung zurückschreckte? »Das ist doch wohl etwas übertrieben«, wagte ich einzuwenden.

»Unsinn«, sagte Ellershaw. »Ich habe schon in Indien Männer unter meinem Kommando gehabt. Ich weiß etwas darüber, wie man Disziplin bewahrt.« Er wählte zwei Männer aus der Gruppe aus, die Carmichael festhalten sollten, dessen Augen feucht vor Angst geworden waren. »Versohlen Sie diesem Kerl das Gesäß«, wies er mich an. »Und keine Zurückhaltung. Hier ist ein kräftiges Stück Holz. Das wird ihn Mores lehren.«

Ich nahm die Planke entgegen, machte aber keine Anstalten, sie zu benutzen, sondern starrte nur vor mich hin.

Falls Ellershaw mein Zögern auffiel, ließ er es sich nicht anmerken. Stattdessen wandte er sich Carmichael zu. »Du hast Glück, mein Junge. Du wirst gleich von einem der gefeiertsten Boxkämpfer dieses Königreiches verprügelt werden. Das kannst du später deinen Enkelkindern erzählen. Also los, Mr. Weaver.«

»Ich halte es für eine übertriebene Grausamkeit«, sagte ich. »Ich verspüre nicht den Wunsch, diesen Mann zu schlagen.«

»Aber ich möchte, dass Sie es tun«, drängte Ellershaw. »Wenn Sie Ihren Posten behalten wollen, sollten Sie auf mich hören.«

Wenn ein Mann in eine Rolle schlüpft und sich als etwas ausgibt, was er nicht ist, muss er sich nicht wundern, wenn er mit solchen Situationen konfrontiert wird, allerdings nicht unbedingt mit derart scheußlichen Konsequenzen für einen anderen Menschen. Wenn ich so handeln würde, wie ich es für richtig hielt, müsste ich Ellershaws Befehl verweigern und damit riskieren, Cobb gegen mich aufzubringen. Wenn ich mich weigerte, den Unglücklichen zu schlagen, würde ich damit meinen Onkel und meine Freunde in Gefahr bringen; andererseits konnte ich nicht mit gutem Gewissen mit einem schweren Stück Holz auf einen Menschen einprügeln, nur, um Ellershaws Bedürfnis zu befriedigen, einen zerschundenen Hintern zu sehen.

Ich rang mit mir, um zu einer Lösung zu gelangen, fand aber nur zu einer Rechtfertigung vor mir selber. Ich hatte hier zwar eine Rolle auszufüllen, doch konnte ich dazu nicht aus meiner Haut schlüpfen, und ich glaube, behaupten zu können, dass alle, die mich kennen, nicht daran zweifeln würden, wie ungern ich jemanden schlug, der mir nichts getan hatte. Mr. Ellershaw hatte Benjamin Weaver eingestellt, und man konnte mir nicht vorwerfen, wenn ich auch wie Benjamin Weaver handelte, denn sonst würde ich mich ja selbst verleugnen. Diese Erklärung würde Cobb einsehen müssen und auch, dass Ellershaw mit seinem Befehl zu weit gegangen war. Ich hoffte, damit meinen Freunden den Kopf aus der Schlinge ziehen zu können.

Ich gab Ellershaw das Holzbrett zurück. »Ich halte eine Prügelstrafe für unangebracht«, sagte ich. »Ich werde es nicht tun.«

»Damit riskieren Sie Ihre Stellung bei uns.«

Ich schüttelte nur den Kopf. »Dieses Risiko bin ich bereit, einzugehen.«

Ellershaw sah mich finster an. Einen Augenblick lang dachte ich, er wolle Carmichael selber schlagen, aber stattdessen warf er die Planke auf den Boden und fuhr mit der Hand durch die Luft. »Lasst den Kerl los«, befahl er den Wachmännern, die Carmichael festhielten.

Die Männer stimmten ein Jubelgeschrei an, aus dem auch mein Name herauszuhören war. Ellershaw blickte mürrisch von mir zu den Männern. »Warten Sie bitte draußen vor dem Haus auf mich«, sagte er. »Dort werde ich hoffentlich eine Erklärung für Ihre Weigerung bekommen.«

Ich verbeugte mich und zog mich dann unter den Lobpreisungen der Männer zurück.

Sie schienen mich für meinen Akt der Courage ins Herz geschlossen zu haben. Nur Aadil, der Inder, hielt sich zurück und sah mich weiterhin bedrohlich an. Ich meinerseits befürchtete, von Ellershaw auf der Stelle entlassen zu werden und dass ich dann all dies Cobb erklären müsste. Aber darin hatte ich mich getäuscht, denn mein Vorgesetzter folgte mir mit einem breiten Grinsen und gab mir sogar einen Klaps auf die Schulter.

»Wunderbar gemacht«, sagte er. »Die Männer haben Sie jetzt fest auf Ihrer Seite, und Sie werden alles tun, was Sie von ihnen verlangen.«

Ich war einen Augenblick lang sprachlos. »Ich verstehe nicht - haben Sie gewollt, dass ich den Mann nicht schlage? Ich wünschte, Sie würden mich mehr in Ihre Gedankengänge einweihen, denn ich hatte es so empfunden, dass ich Sie vor allen Leuten bloßgestellt habe.«

»Ja, das haben Sie natürlich. Und ich hatte keineswegs vor, den Knaben ungeschoren davonkommen zu lassen, aber was unter dem Strich dabei herausgekommen ist, ist vorzüglich, und ich werde nichts daraus machen. Nun denn, begeben wir uns zurück in mein Büro. Es gibt etwas sehr Wichtiges zu besprechen.«

»Und um was handelt es sich dabei?«

Er hörte aus meiner Stimme heraus, wie unwohl mir zu Mute war, und lachte. »Ach, Sie müssen das mit der Bewachung des Lagers nicht zu ernst nehmen. Nein, ich möchte mit Ihnen über den wahren Grund sprechen, aus dem ich Sie eingestellt habe.«