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»Aber ein Mann, der sein ganzes Leben lang der East India Company gedient hat, kann doch nicht wegen des Verlustes von ein paar Buchhaltungsunterlagen einfach fallen gelassen werden. Das wäre doch allzu kleinlich.«

»Da haben Sie vollkommen recht. Diesen Leuten geht es hierbei wohl nur darum, mir etwas am Zeug flicken zu können. Die Grundlage, auf der sie ihren Angriff starten wollen, ist weit ernster. Das Gesetz von 1721.«

Ich sah ihn fragend an. Ich war nie sonderlich an Politik interessiert, obwohl mir bei der letzten Wahl eine schmerzhafte Lektion erteilt wurde.

»Es ist nicht zu übersehen, dass Sie wirklich nicht sehr viel Ahnung haben«, entrüstete er sich. »Nun ja, sei's drum. Hören Sie mir gut zu, Weaver, aber erwarten Sie keine allzu erbauliche Geschichte, denn hier geht es um Politiker, und die haben immer nur Schlechtes im Sinn. Politikern geht es ausschließlich darum, dem ehrlichen Kaufmann zu schaden, ihm sein Geld wegzunehmen. Und dabei sind Politiker dumm, Weaver, denn wenn sie nicht so dumm wären, würden die Handelsunternehmen sie einfach auf irgendeinen Posten setzen und weg wären sie. Soll ich Ihnen erzählen, was die ausgeheckt haben?«

»Nur zu.«

»Es sind schon manche Heilmittel entwickelt worden, obwohl es noch gar keine Krankheit dafür gab. Ab Weihnachten wird das Tragen von importierten Baumwollstoffen untersagt sein. Mit Ausnahme weniger Kleidungsstücke, wie Halstüchern oder bestimmten blauen Stoffen, die so sehr fester Bestandteil unserer Gesellschaft sind, dass das Parlament nicht wagt, auch nur das Geringste dagegen zu unternehmen, haben sich die Halunken im Unterhaus den Wollmanufakturen und den aufmüpfigen Seidenwebern gebeugt und gegen die East India Company votiert.«

Durch meine Bekanntschaft mit Devout Hale wusste ich, dass der Reichtum und der Einfluss des britischen Wollgewerbes sehr von besagter Aufmüpfigkeit profitiert hatten. Hale und seine Seidenweber hatten sich empört, demonstriert und dann die Sache in die eigene Hand genommen. Sie hatten auf offener Straße Männer und Frauen zu Boden geschlagen, die Kleidung aus bedruckter Seide trugen und die Schaufensterscheiben von Geschäften eingeworfen, die solche Kleidung verkauften. Der Modegeschmack im Lande hatte sich Schritt für Schritt von einheimisch produzierten Stoffen und Geweben abgewandt, aber die Seidenweber hatten ganze Arbeit darin geleistet, einem jeden, der mit einem im Ausland hergestellten Kleidungsstück auf die Straße trat, das Gefühl zu geben, er trüge eine Zielscheibe auf dem Rücken. Nun erfuhr ich, dass das Parlament auch dem Druck der Wollindustrie nachgegeben hatte, nachdem, wie Ellershaw mir erklärte, diese damit gedroht hatte, bei der nächsten Wahl die Unterstützung von Kandidaten zu streichen. Also durfte ich, wie jeder andere Bürger auch, ab dem 25. Dezember einen jeden, der sich in importiertem Stoff gekleidet auf der Straße blicken ließ, vor den Magistrat zerren. Wurde der Betreffende für schuldig befunden, winkte dem Kläger eine Belohnung von fünf Pfund.

Über all dies setzte Ellershaw mich ins Bild und pfefferte dabei seine Schilderung mit Verwünschungen der Seidenweber und den Interessengruppen der Wollindustrie sowie mit wiederholten Verweisen auf den Vorteil des Importgeschäfts für die englische Wirtschaft.

»Die Männer, die heute früh in meinem Büro gewesen sind, die Heilige Dreifaltigkeit, wie ich sie nenne, begriffen sehr wohl die Widrigkeit unseres Unterfangens - die Absurdität des Versuches, die Bevölkerung dazu zu bewegen, Dinge zu kaufen, für deren Benutzung sie demnächst mit einer Strafe belegt würden, aber wir werden unser Bestes tun. Wir müssen mit allen Mitteln versuchen, so viel zu verkaufen, wie wir können.«

Ich nickte, obwohl ich mit dem Herzen nicht dabei war.

»Lange Rede, kurzer Sinn, Mr. Weaver. Ich war Vorsitzender des Beirates, der dahingehend auf das Parlament einwirken sollte, dass ein solches Gesetz unterbunden würde, und nun, da das Jahr sich seinem Ende zuneigt und der bewusste Termin immer näher rückt, werden meine Gegner dieses Gesetz als Waffe gegen mich ins Feld führen und sich dabei sagen, dass sie im ureigensten Interesse der East India Company handeln. Wahrscheinlich sind sie davon sogar wirklich überzeugt.«

»So wird es wohl sein«, pflichtete ich ihm bei. »Nur streben solche Männer meistens nach ihrem eigenen Vorteil und scheren sich in Wahrheit kaum um das Wohlergehen des Unternehmens.«

Er nickte beifällig. »Da haben Sie ganz gewiss recht, Sir. Sie wollen mich auf dem Altar ihres Ehrgeizes opfern, obwohl diese Katastrophe nicht meine Schuld ist. Sie müssen wissen, dass ich meine Männer im Parlament hatte, meine Männer im House of Lords, und dass ich schwer daran gearbeitet habe, dies von uns abzuwenden. Aber da nun die Wahl vor der Tür steht, hat das Parlament feige den Schwanz eingekniffen.«

»Was gedenkt die East India Company jetzt zu unternehmen?«

Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ohne den heimischen Markt, wollen Sie sagen? Nun, ich kann Ihnen verraten, was meine Kollegen vorhaben. Sie meinen, wir werden uns auf die kontinentaleuropäischen Märkte und die in den Kolonien konzentrieren. Wir haben dort früher gut verkauft, und meine Kollegen glauben, dies wäre ein gutes Omen für zukünftige Geschäfte, aber sie haben ja keine Ahnung. Die Stoffe, die wir bisher verkauft haben, ließen sich nur deshalb an den Mann bringen, weil sie auf dem heimischen Markt die neueste Mode waren. Ohne eine britische Mode, der ganz Europa nacheifert, ist es unmöglich zu sagen, wie die Märkte reagieren werden.«

»Aber woher wollen Sie wissen, dass die Kleidung, die Sie verkaufen, hierzulande auch in Mode bleibt?«, erkundigte ich mich.

»Oh, das war ja gerade das Schöne. Als wir auf dem Inlandsmarkt noch gut im Geschäft waren, konnten wir die Moderichtungen steuern. Sagen wir mal, die kleinen dunklen Scheißer in Indien produzierten mehr Stoff mit roten Ornamenten, als uns lieb war. Es war kein Problem, Muster dieser Stoffe an meine Heilige Dreifaltigkeit oder an meine Damen zu verschenken. So konnten wir dafür sorgen, dass die Mode sich nach den Beständen in unseren Lagern richtete und wir nicht gezwungen waren, uns die Lager mit etwas vollzustopfen, weil es gerade in Mode ist. Wenn unser Hauptmarkt sich ins Ausland verlagert, wird es viel schwieriger, auf Modeströmungen Einfluss zu nehmen. Und worauf läuft alles hinaus? Wir müssen dafür sorgen, dass das Gesetz von 1721 rückgängig gemacht wird.

Wir müssen dem Parlament die Macht entziehen und sie wieder denen geben, denen sie gebührt.«

»Der East India Company, wollen Sie sagen?«

»Ganz genau. Die Macht gehört in die Hände der East India Company und der anderen königlich privilegierten Handelshäuser, in die Hände jener Männer von Vermögen und Einfallsreichtum, die die treibenden Kräfte unserer Wirtschaft sind. Sie müssen die Früchte des Erfolges ernten und nicht die Mitglieder des Parlaments. Indem wir der Regierung gestattet haben, zu viele Befugnisse an sich zu reißen, haben wir uns einen über uns thronenden Riesen an den Hals geholt, der die Pforten des Welthandels zustößt und die Wurzeln unserer Freiheit in Grund und Boden zu stampfen droht. Und wer wird uns zu unserer glorreichen Wiederauferstehung verhelfen? Der Engländer von Stand wird uns dabei helfen, mit unauffälliger Courage und gesundem Menschenverstand, beseelt von dem unsterblichen Glauben, dass wir bestimmend für die Zukunft dieser Nation sein werden, dass dem freien Handel und Wandel die Zukunft gehören wird.«

Für mich, der ich so viele Jahre meines Lebens Tür an Tür mit den Armen verbracht habe, an der Seite der Arbeiter, die jede Woche darum kämpfen mussten, genug Geld mit nach Hause zu bringen, um dem Hungertod zu entgehen, die in ständiger Heidenangst vor einer Krankheit oder einem Versiegen ihrer Arbeitsmöglichkeiten lebten, was den Ruin oder das Ende für sie und ihre Familien bedeuten würde, hatte diese Vorstellung etwas beinahe Groteskes. Wenn es mir auch schwerfiel zu glauben, dass das Parlament ganz und gar uneigennützig gehandelt hatte, erschien mir das Gesetz, gegen das Mr. Eller-shaw so vehement wetterte, doch als ein ganz und gar vernünftiges Korrektiv gegen die uneingeschränkte Macht von Unternehmen wie der East India Company, denn es beschützte die heimischen Arbeiter vor jenen in fernen Ländern und bevorzugte die heimische Bekleidungsindustrie gegenüber dem Im-porthandel. Es stellte das Wohl des englischen Arbeiters vor das von Ausländern und Handelshäusern. Doch so, wie Mr. Ellershaw es darstellte, konnte man glauben, dass es ein Verbrechen gegen die Natur war, diesen Handelshäusern mit ihrem immensen Reichtum zu verbieten, alles zu tun, um, notfalls auf Kosten des Gemeinwohls, noch mehr Reichtümer anzuhäufen.