Aber ich hütete mich, dergleichen laut zu äußern.
»Mr. Ellershaw«, sagte ich stattdessen, »Sie sprechen von dem Tun von Menschen und Institutionen, die weit mehr Macht besitzen als ich. Ich wüsste kaum, wie ich dazu beitragen sollte, das weitere Schicksal der East India Company oder die Entscheidungen des Parlaments zu beeinflussen.«
»Das überlassen Sie nur mir, Mr. Weaver. Ich sehe alles mit bemerkenswerter Klarheit vor mir. Sie werden der Prügel sein, mit dem ich aushole, Sir, und ich habe vor, mächtig auszuholen. Teufel, wir werden es diesen Schurken heimzahlen, und wenn die Versammlung der Anteilseigner zusammentritt, soll es ja keiner wagen, seine Stimme gegen mich zu erheben. Und deswegen, Sir, müssen Sie meine Einladung zum Abendessen annehmen. Glauben Sie etwa, ich wäre mir nicht über den Skandal im Klaren, einen Juden an seinen Tisch zu laden? Nicht einmal einen reichen Juden, was ja noch entschuldbar wäre, weil man ja vielleicht vorhätte, sich etwas von ihm zu leihen. Aber nein, einen Mann wie Sie, der kraft meiner Gnade nun vierzig Pfund im Jahr verdient. Ich weiß es, Sir, aber überlassen Sie das nur mir. Überlassen Sie alles nur getrost mir.«
11
Anschließend begab ich mich zum Haus von Mr. Cobb, denn ich hielt es für besser, ihm zu sagen, dass ich Mr. Ellershaw Elias' Namen genannt hatte. Da er ja nicht wollte, dass meine Freunde und ich die Köpfe zusammensteckten, konnte es ihm nicht behagen, dass ich meinen Kameraden und Mitbetroffenen ins Spiel gebracht hatte. Doch ganz im Gegenteiclass="underline" Cobb war von meinem Handeln recht angetan.
»Ich gehe davon aus, dass Sie Ihren Freund im Griff haben«, sagte er. »Er muss so schnell wie möglich herausfinden, was Ellershaw von ihm hören will und entsprechend reagieren. Der Mann muss auf jede erdenkliche Weise beruhigt werden. Erwerben Sie sich sein Vertrauen durch Ihren Arzt. Aber denken Sie nicht einmal im Traum daran, sich auch über andere Dinge mit ihm zu unterhalten. Sie mögen noch so sehr glauben, dass Sie unter vier Augen sind - ich kann Ihnen versprechen, dass wir von diesem Gespräch erfahren.«
Ich sagte nichts, denn dazu gab es nichts zu sagen.
Während der nächsten Tage begann sich eine gewisse Routine bei meiner Arbeit im East India House zu entwickeln. An meinem ersten regulären Arbeitstag war ich um zehn erschienen und von Ellershaw darüber aufgeklärt worden, dass von mir erwartet wurde, dass ich wie jeder andere Angestellte auch die offiziellen Dienstzeiten von acht bis sechs einhielt, doch ansonsten konnte ich schalten und walten wie ich wollte. Als Erstes ließ ich mir von dem peniblen Mr. Blackburn eine Liste aller bei dem Unternehmen angestellten Wachleute ausfertigen. Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass ich einen Schichtdienst einzuführen gedächte, war er mir sogleich ein wenig mehr zugetan und lobte meinen Sinn für Ordnung.
»Was wissen Sie über Aadil, den Inder?«, fragte ich ihn.
Blackburn blätterte eine Weile in seinen Papieren, ehe er mir verkündete, dass Aadil fünfundzwanzig Pfund im Jahr verdiene.
Ich musste das Missverständnis aufklären. »Nein, was für eine Art Mensch er ist, habe ich gemeint.«
Blackburn sah mich leicht verständnislos an. »Er bekommt fünfundzwanzig Pfund im Jahr ausbezahlt«, wiederholte er sich.
Ich merkte, dass ich mit der Sache nicht viel weiterkam, also wechselte ich das Thema. Ich hatte meine seltsame Begegnung mit dem Mann von der Seahawk-Versicherung nicht vergessen und hoffte, dass mir Mr. Blackburn vielleicht Aufklärung verschaffen konnte. Also fragte ich ihn, was er über die Gesellschaft wüsste.
»Oh ja. Sie haben ihre Büroräume in der Throgmorton Street, in der Nähe der Bankside. Mr. Slade, der Direktor, wohnt eine Etage höher. Ein anständiges Geschäft.«
»Woher wissen Sie das?«
Er errötete ein wenig. »Meine Dienste sind nicht nur bei den Gentlemen hier im Craven House gefragt, Sir. Gelegentlich werde ich von verschiedenen Unternehmen gebeten, Ordnung in ihre Bücher zu bringen, denn ich genieße einen guten Ruf sowohl in der Welt der Handelshäuser wie auch der der Versicherungen. Letztes Jahr habe ich mehrere Sonntage hintereinander damit verbracht, die Bücher von Seahawk auf Vordermann zu bringen.«
Das hörte ich gerne, aber um nicht seinen Argwohn zu erwe-cken, durfte nicht zu erpicht auf nähere Informationen erscheinen. »Können Sie mir sagen, wie Sie dabei zu Werke gehen? Ich habe keine Ahnung, wie man die Bücher eines fremden Unternehmens sichtet.«
Mit keiner anderen Frage hätte ich ihm eine größere Freude bereiten können, aber leider brachte sie mit sich, dass ich mir einen staubtrockenen Vortrag anhören musste, der sich über die längste Stunde, die ich je in meinem Leben habe erdulden müssen, ausdehnte. Dennoch brachte ich ein paar höchst wertvolle Einzelheiten in Erfahrung. So erlangte ich die Kenntnis, dass die Geschäftsunterlagen von Seahawk in der unteren Etage im Büro eines Mr. Samuel Ingram aufbewahrt wurden, einem der wichtigsten Männer in dem Unternehmen, der für die Einschätzung besonders prekärer Risiken zuständig war.
Nachdem ich diese Information erhalten hatte, zog ich mich bei erstbester Gelegenheit zurück. Auf jeden Fall hatten meine Erkundigungen ihn keineswegs argwöhnisch gemacht, sondern mir im Gegenteil seine verstärkte Sympathie eingetragen.
Zwei Tage später hatte ich einen Dienstplan ausgearbeitet, den ich am größten der Lagerschuppen aushängte. Daraus war zu ersehen, wer wann und wie lange arbeitete und welche Runde ein jeder Wachtposten abzuschreiten hatte. Gleichzeitig verpflichtete ich die Männer, die lesen konnten, diejenigen unter ihren Kollegen, die des Lesens nicht mächtig waren, über ihren vorgeschriebenen Dienst zu unterrichten. Bei vielen stieß dieses neue System zunächst auf Unverständnis, aber sie merkten bald, dass sie durch die Aufteilung der Pflichten weniger Arbeitsstunden abzuleisten hatten. Nur Aadil und drei oder vier weitere Männer, die wohl zu seinen engeren Kameraden gehörten, brachten ihren Missmut zum Ausdruck.
Trotz der nicht unbedeutenden Tatsache, dass er weiterhin fünf Pfund mehr im Jahr verdiente als seine Untergebenen, nahm es nicht Wunder, dass Aadil mir mein Eindringen in sein kleines Königreich nachtrug. Und es kam für mich auch nicht überraschend, dass viele seiner Gefolgsleute ihn nach wie vor als ihren Führer ansahen. Verwundert war ich jedoch darüber, wie weit sein Einfluss offenbar reichte. An meinem zweiten Arbeitstag traf ich ein wenig zu früh ein und sah zwei Gestalten, die vor dem Tor eines der Lagerhäuser die Köpfe zusammensteckten und sich weder durch die Kälte noch durch den einsetzenden Eisregen stören ließen. Es waren Aadil und kein anderer als Mr. Forester, der junge Direktoriumsassistent, der für Ellershaw offenbar nur Verachtung übrig hatte. Die beiden waren in ein leises, aber sehr intensives Gespräch vertieft, wobei Aadil, der nicht nur hochgewachsen, sondern auch breitschultrig war, sich zu Forester hinunterbeugen musste wie ein Riese zu einem Erdenwurm.
Ich verspürte keine Neigung, mich ihnen auf Hörweite zu nähern, denn obwohl ich mir kaum vorstellen konnte, was ausgerechnet diese zwei miteinander zu bereden haben sollten, stand es mir doch nicht an, mich ihnen aufzudrängen. Dementsprechend wandte ich mich ab und tat so, als hätte ich in einem der anderen Lagerhäuser etwas zu erledigen. Aber ich merkte, dass die beiden mich beobachteten. Aadil warf mir einen hasserfüllten Blick zu, während Forester erschrocken darüber zu sein schien, dass ich ihn mit dem Inder gesehen hatte. Er wurde ganz weiß im Gesicht, wandte sich rasch ab und beschäftigte sich damit, die winzigen Eisklümpchen, die auf seinem Übermantel gelandet waren und darauf zu schmelzen begannen, abzuwischen.