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Aadil kam auf mich zu. Er sah wie ein wütender Stier aus. »Du nichts über ihn sagen«, fauchte er. »Geht dich nichts an.«

»Ich hätte kaum einen Gedanken auf euer Gespräch verschwendet«, sagte ich, »wenn du nicht von mir verlangt hättest, dass ich es ignoriere. Wenn du nicht willst, dass sich die Leute Gedanken über dein Tun und Treiben machen, solltest du sie nicht mit der Nase darauf stoßen.«

»Ein Wort darüber, und es wird dir noch leidtun«, sagte er und stampfte davon. Seine schweren Stiefel knirschten auf der dünnen Eisschicht am Boden.

Im weiteren Verlaufe des Tages fand ich Gelegenheit, den fetten, gutmütigen Mr. Carmichael beiseitezunehmen. Nachdem ich mich geweigert hatte, ihn zu schlagen, war er unter den Wachleuten zu meinem engsten Verbündeten geworden, und das kam mir alles andere als ungelegen, denn er schien einen gewissen Einfluss auf seine Kollegen zu haben. Ich wusste, dass Aadil irgendwo auf der anderen Seite des Geländes seine Runde machte, also erzählte ich Carmichael, dass ich Aadil und Forester zusammen gesehen hatte und fragte ihn, was er davon hielte.

»Darum«, sagte er, »sollten Sie sich besser nicht kümmern.«

»Das hat Aadil auch gesagt.«

»Ebendrum sollten Sie sich nicht darum kümmern. Er und dieser Mr. Forester führen etwas im Schilde.«

»Und das wäre?«

Er schaute nach allen Seiten, um sich zu vergewissern, dass wir auch nicht beobachtet wurden. »Ich sollte Ihnen das vielleicht nicht alles erzählen, aber wenn es Sie von weiteren Nachforschungen abhält, ist es wohl doch besser so. Ich weiß nicht genau, was sie vorhaben, aber es hat etwas mit der zweiten Etage des südlichen Lagerhauses zu tun. Man nennt es Greene House, weil es mal von einem Gentleman namens Greene gekauft worden ist.«

»Und was treiben die da auf der zweiten Etage des Greene House?«

»Kann ich nicht sagen, weil niemand da hindarf. Nur Aadil und seine Männer dürfen von dort etwas holen oder dort etwas einlagern, und jedes Mal, wenn Aadil etwas holt oder bringt, ist Mr. Forester nicht allzu weit entfernt.«

»Hast du Aadil mal danach gefragt?«

»Ich werd' doch nicht meinen Kopf in den Rachen eines

Wolfes stecken. Man braucht doch nur hinzusehen, um zu merken, dass er nicht will, dass jemand ihm nachschnüffelt, und wenn man seine Arbeit hier behalten will, steckt man seine Nase besser nicht in die Sache.«

»Gehört es nicht zu meinen Aufgaben, meine Nase in das zu stecken, was in den Lagerhäusern vorgeht?«, fragte ich mit gespielter Einfältigkeit.

Er lachte. »Ich arbeite hier nun seit fast zwanzig Jahren, Mr. Weaver, und ich kann Ihnen eines verraten: Craven House ist ein Ort so voller Geheimnisse und heimlicher Verschwörungen und Machtgelüste, dass es einem Theaterstück Ehre machen könnte. Das war immer schon so. Diejenigen, die vorankommen wollen, müssen sich gegen die verbünden, die über ihnen stehen. Sie haben nichts zu gewinnen, wenn Sie dahinterkommen, was die beiden vorhaben, aber andererseits auch nichts zu verlieren, wenn Sie es nicht tun. Wenn Sie mich fragen, sollten Sie sich um Ihre Aufgaben kümmern und sich nicht um die anderer scheren.«

Was diese meine Aufgaben betraf, so war ich mir nicht ganz sicher, was ich zehn Stunden am Tag mit mir anfangen sollte. Sowie ich erst einmal den Dienstplan ausgearbeitet hatte, bedurfte es nur noch ein paar Stunden die Woche, um seine Einhaltung zu überwachen. Mir blieb nichts zu tun, als zwischen den Lagerschuppen umherzuspazieren und darauf zu achten, dass alles auf dem Posten war. Als ich dies Mr. Ellershaw gegenüber erwähnte, sagte er mir, ich solle mit meiner guten Arbeit fortfahren.

Von Elias erfuhr ich, dass er bisher noch nichts von Eller-shaw gehört hatte, und ich hielt es auch für unklug, in dieser Angelegenheit nachzuhaken, also setzte ich meine Rundgänge fort, wechselte ein freundliches Wort mit den Wachleuten, hörte mir ihren Tratsch an und hoffte, einen Hinweis auf Cobbs mysteriösen Absalom Pepper zu bekommen. Aber niemand erwähnte diesen Namen, und ich wagte auch nicht, gezielt nach ihm zu fragen.

An dem Tag, an dem mir das Zwiegespräch zwischen Aadil und Forester aufgefallen war, blieb ich unter der Vorgabe, ein Auge auf die Nachtschicht werfen zu wollen, bis spätabends auf dem Gelände und versuchte noch einmal, unter Ellershaws Papieren etwas zu entdecken. Aber es hätte einer gehörigen Portion Glücks bedurft, zwischen so vielen Dokumenten auf einen ganz bestimmten Namen zu stoßen, und ein solches Glück war mir in diesem Falle nicht beschieden. Ich blieb beinahe die ganze Nacht wach und erntete für meine Bemühungen nur Kopfschmerzen davon, im Lichte einer einzigen Kerze meine Augen angestrengt zu haben.

An meinem vierten Arbeitstag jedoch hatte ich eine Begegnung, die mich ein gutes Stück voranbrachte. Am Vormittag kehrte ich den Schuppen den Rücken und begab mich in den Küchenbereich des Craven House, wo ich mich mit einem oder zwei Glas kräftigen Weines für die Aufgaben, die an diesem Tage noch vor mir lagen, zu stärken trachtete. Als ich die Küche betrat, traf ich hier niemanden außer der bezaubernden Miss Celia Glade an, die ich seit unserer Begegnung in Ellershaws Büro nur noch aus der Entfernung oder im Beisein anderer gesehen hatte. Sie war gerade damit beschäftigt, Kaffeegeschirr auf ein Tablett zu stellen, das zweifellos für irgendeinen Direktor bestimmt war. Ich lächelte ihr zu, spürte aber gleichzeitig, wie mir das Herz in die Hose sank, als wäre ich von großer Höhe hinuntergestoßen worden. Diese Frau kannte mein Geheimnis oder wusste zumindest, dass ich ein solches mit mir herumtrug. Ich konnte mich nur in Sicherheit wähnen, weil ich wusste, dass auch sie ein Geheimnis hatte.

»Guten Morgen, Miss Glade«, begrüßte ich sie.

Sie wandte sich mir zu, und augenblicklich spürte ich eine schreckliche Furcht in mir aufsteigen - die Furcht, ich könne mich dazu hinreißen lassen, ihren Reizen zu erliegen. Sie war bloß eine Frau, aber eine bemerkenswert schöne und mindestens ebenso bemerkenswert gescheit. Und wenn schon? War nicht ganz London voll von solchen Frauen? Trotzdem beschlich mich in ihrer Gegenwart die Ahnung, dass noch mehr an ihr war, weit mehr als nur Anmut und eine rasche Auffassungsgabe. Sie spielte, wie auch ich, ein Spiel, und sie spielte es geschickt. Ich hatte das Gefühl, einem Menschen gegenüberzustehen, der mir unter Umständen Knüppel zwischen die Beine werfen könnte.

Sie knickste vor mir und senkte artig den Kopf, fixierte mich jedoch nach wie vor mit ihren dunklen Augen. »Ach, es ist mir gar nicht recht, so höflich angeredet zu werden«, sagte sie und verfiel dabei in den eher saloppen Tonfall, dessen sie sich während der Tagesstunden bediente, wogegen sie sich die damenhafte Stimme, mit der sie bei unserem ersten Zusammentreffen in Ellershaws Büro gesprochen hatte, wohl für die späten Abendstunden vorbehielt. »Jeder hier nennt mich Celia, und meine Freunde sagen Celie zu mir.«

»Und? Bin ich Ihr Freund, Celie?«

»Olala! Ich hoffe doch, Mr. Weaver. Ich möchte mir keine Feinde machen.«

Ihre Stirn war in ihrem Eifer so gerunzelt, dass ich mich einen winzigen Augenblick lang fragte, ob dies dieselbe Frau sein konnte, der ich neulich abends begegnet war. Ich hatte überhaupt nicht den Eindruck, dass sie sich in irgendeiner Weise verstellte.

»Als wir neulich zum ersten Male miteinander sprachen, hat Ihre Stimme ein wenig anders geklungen, wenn ich mich recht erinnere«, sagte ich.