»Wie ich Mr. Ellershaw seine Medizin gebracht habe? Das wird mit meiner Arbeit zu tun gehabt haben oder so etwas.«
»Wie Sie meinen, Celie.«
»Ich muss mich nun um meine Pflichten kümmern, Mr. Wea-ver.« Aber als sie sich an mir vorbeischieben wollte, wäre sie beinahe mit ihrem Tablett gestolpert, und ich musste sie stützen. In diesem Augenblick der leichten Konfusion flüsterte sie mir zwei Sätze ins Ohr. »Sie haben ihre Ohren überall«, sagte sie so leise, dass ich es beim Klappern des Kaffeegeschirrs kaum verstehen konnte. Und dann: »The Duck and Wagon in St. Giles. Heute Abend.«
»Heute Abend kann ich nicht«, flüsterte ich.
Sie nickte. »Natürlich. Das Abendessen mit Mr. Ellershaw. Dann heute in zwei Tagen?«
»Heute in zwei Tagen«, bestätigte ich unsere Verabredung.
Wiederum nur für einen winzigen Augenblick nahm sie meine Hand. »Gut.«
Mein Herz schlug vor freudiger Erregung, als ich ihr nachsah. Es überraschte mich ein wenig, dass sie von meiner Einladung bei Ellershaw wusste. Noch ahnte ich nicht, was das für mich bedeutete - ebenso wenig, wie ich wissen konnte, ob es ein vernünftiges Unterfangen war, sich mit Miss Glade an dem von ihr vorgeschlagenen Treffpunkt zu verabreden. Im besten Falle konnte ich auf den Ansatz zu einer Erklärung für ihr geheimnisvolles Auftreten hoffen - im schlimmsten Falle würde ich in irgendeine Falle tappen.
12
Bevor ich mich für meine Einladung zum Abendessen umzog, begab ich mich zunächst noch zum Haus meines Onkels am Broad Court. Seit ich mich in die Gegebenheiten des Cra-ven House vertiefte, hatte ich meine Pflichten als Neffe arg vernachlässigt - teils, weil ich mir auf keinen Fall Cobbs Zorn zuziehen wollte, teils, weil ich einfach zu beschäftigt gewesen war. Dies waren die Erklärungen, die ich mir einredete, aber es steckte noch mehr dahinter, um ehrlich zu sein. Ich mied meinen Onkel, weil er mir als ein lebender Beweis dafür erschien, wie unvollkommen ich meine Angelegenheiten im Griff hatte. Seinen sich verschlimmernden Gesundheitszustand konnte mir niemand in die Schuhe schieben, wohl aber die rückläufige Entwicklung seiner finanziellen Verhältnisse - den Schuh musste ich mir wohl oder übel anziehen. Zu sagen, dass ich mich ihm gegenüber schuldig fühlte, wäre übertrieben, denn ich wusste schließlich, dass ich nichts getan hatte, um eine solche Entwicklung herbeizuführen; nichtsdestotrotz begriff ich, dass ich dafür die Verantwortung trug - wenn nicht für die Ursache seiner Probleme, dann doch dafür, dass diese aus der Welt geschafft wurden. Wenn es mir bis jetzt auch noch nicht gelungen war, meinem Onkel zu helfen, bestärkte mich dies nur in meinem Willen, die Suche nach einer Lösung voranzutreiben.
Bei meinem Eintreffen musste ich feststellen, dass die Dinge schlimmer standen, als ich befürchtet hatte. Im Schutze der Abenddämmerung trugen ein paar zwielichtige Gestalten eine Kommode aus dem Haus meines Onkels. Auf der Straße stand ein von zwei zottigen Pferden, die selber schon aussahen, als wären sie halb tot vor Hunger und Schinderei, gezogener Wagen, auf dem sich bereits mehrere Stühle und zwei Tische befanden. Eine Gruppe Passanten hatte sich eingefunden, um dem traurigen Spektakel zuzuschauen. Gefolgt wurden die Lastenträger von Mr. Franco, der sie anherrschte, ja vorsichtig zu sein und mit den Möbeln nicht gegen die Türrahmen zu stoßen, während er sie mit üblen Schimpfwörtern belegte.
»Was ist hier los?« Ich eilte hinzu und legte Mr. Franco eine Hand auf die Schulter.
Er schien mich nicht kommen gehört zu haben, denn er fuhr auf der Stelle wütend herum, und wenn es noch ein wenig dunkler gewesen wäre, würde er vermutlich die Faust gegen mich erhoben haben, um erst hinterher festzustellen, wem sein Hieb gegolten hatte.
Nun aber hielt er bei meinem Anblick inne und schien plötzlich am ganzen Körper zu erschlaffen. Er schüttelte den Kopf und senkte den Blick zu Boden. »Gläubiger, Mr. Weaver. Sie haben Blut geleckt. Ich fürchte, es wird nicht lange dauern, bis sie wie die Aasgeier über Ihren Onkel herfallen. Und sie hätten zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können, denn Ihr Onkel - nun, es geht ihm sehr schlecht.«
Ich wollte sogleich ins Haus stürzen, wobei ich einen Burschen übersah, der sich gerade bemühte, einen Sessel, der viel zu groß war, als dass ein einzelner Mann ihn hätte tragen können, hinauszuwuchten. Ich stieß ihn ziemlich heftig an, empfand aber keinerlei Belustigung bei seinem verzweifelten Versuch, nicht mitsamt dem Möbel aufs Pflaster zu stürzen.
In den vorderen Räumen brannten überall Kerzen - zweifellos, um den Trägern Licht zu schaffen. Ich hetzte die Treppe hinauf in die obere Etage, wo sich das Schlafzimmer meines
Onkels befand. Die Tür stand einen Spalt breit offen, also klopfte ich und hörte, wie meine Tante Sophia mich aufforderte, einzutreten.
Mein Onkel lag tatsächlich im Bett, doch wenn dies nicht sein Haus gewesen wäre, hätte ich ihn kaum erkannt. Seit ich ihn zuletzt gesehen hatte, schien er um zehn Jahre oder mehr gealtert zu sein. In seinen Bartwuchs mischten sich graue Strähnen, die vorher nicht da gewesen waren, und das Haar auf seinem unbedeckten Kopf war ganz dünn und brüchig geworden. Er hatte schwere Säcke unter seinen rot unterlaufenen, tief liegenden Augen, und mir entging nicht, dass jeder Atemzug ihm Anstrengung abverlangte.
»Habt ihr schon nach dem Arzt geschickt?«, verlangte ich zu wissen.
Meine Tante, die auf der Bettkante saß und die Hand meines Onkels hielt, nickte. »Er ist hiergewesen«, sagte sie mit ihrem starken Akzent.
Mehr war nicht aus ihr herauszubekommen, also nahm ich an, dass es auch nicht viel mehr zu sagen gab. Vielleicht brachte ihn mein Onkel zur Verzweiflung, vielleicht wusste sich der Arzt keinen Rat mehr mit ihm. Da meine Tante nichts über eine Aussicht auf Besserung äußerte, musste ich davon ausgehen, dass es keine solche gab.
Ich setzte mich auf die gegenüberliegende Bettkante. »Wie geht es dir, Onkel?«
Mein Onkel bemühte sich um ein schwaches Lächeln. »Nicht besonders gut«, sagte er. Aus seiner Brust drang ein rasselndes Geräusch, und seine Stimme klang angestrengt. »Allerdings bin ich diesen Weg schon einmal gegangen, und obwohl er dunkel und gewunden ist, habe ich doch zurückgefunden.«
Ich blickte meine Tante an, die mir fast unmerklich zunickte, also wolle sie damit sagen, dass er früher schon solche Schwächeanfälle gehabt hatte, wenn auch nicht ganz so ernst.
»Es tut mir so schrecklich leid, dass alles so hat kommen müs-sen«, sagte ich vage. War ihm überhaupt bewusst, was unten vor sich ging?
»Ach das«, quälte mein Onkel hervor, »spielt keine Rolle. Ein kleiner Rückschlag. Schon bald ist alles wieder gut.«
»Ganz gewiss«, pflichtete ich ihm bei.
In der Tür stand Mr. Franco. Er sah aus, als habe er etwas Dringendes mit mir zu bereden. Ich entschuldigte mich und verließ den Raum.
»Die Männer sind weg«, sagte er. »Sie haben mehrere Möbelstücke mitgenommen, aber ich fürchte, dass es damit nicht sein Bewenden haben wird. Wenn sich das erst herumspricht, werden die Gläubiger keine Gnade mehr kennen. Ihr Onkel, Sir, wird sein Haus verlieren, gezwungen sein, seinen Weinimport zu verkaufen, und das zu einem sehr wohlfeilen Preis bei der derzeitigen Geschäftslage.«
Ich fühlte, wie mein Gesicht heiß wurde. »Verdammt sollen sie sein.«
»Ich bin mir sicher, dass Sie tun, was Sie können. Und Ihr Onkel und Ihre Tante wissen das auch.«
»Heute Abend soll ich zu diesem verfluchten Essen, aber wie kann ich gehen, wenn mein Onkel so darniederliegt?«
»Wenn es sein muss, muss es sein«, sagte Franco. »Mit wem essen Sie denn?«
»Mit Mr. Ellershaw und noch ein paar Männern von der East India Company. Ich weiß kaum mehr. Ich muss Ellershaw eine Absage zukommen lassen. Cobb kann nicht von mir erwarten, dass ich nach seiner Pfeife tanze, während mein Onkel so schwer krank ist.«