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»Sagen Sie nicht ab«, ermahnte mich Franco. »Wenn eine Teilnahme an diesem Abendessen Sie Ihrem Ziel auch nur einen Schritt näher bringt, bin ich sicher, dass Ihr Onkel es vorzieht, dass Sie die Einladung annehmen, anstatt den ganzen Abend mit kummervollem Gesicht an seiner Seite zu verbringen. Nein, Sie müssen die Kraft finden, Ihren Verpflichtungen nachzukommen. Ihre Tante und ich werden dafür sorgen, dass es Ihrem Onkel an nichts fehlt.«

»Was hat sein Arzt gesagt?«

»Nur, dass er, wie in der Vergangenheit, wieder auf die Füße kommt oder sein Zustand sich verschlechtert. Er meint, dieser Anfall sei schlimmer als alle bisherigen, aber was das genau bedeute, wisse er auch nicht.«

Wir unterhielten uns noch ein paar Minuten lang im Flüsterton. Ich versuchte, Mr. Franco darüber ins Bild zu setzen, was sich während der vergangenen Tage im Craven House zugetragen hatte, fasste mich dabei aber kurz, denn ich wollte zurück zu meinem Onkel, und außerdem hatte ich mich noch nicht ganz von der Erkenntnis erholt, dass selbst meine intimsten Unterredungen für Cobb kein Geheimnis blieben. Ich beschränkte mich also darauf zu erklären, dass ich mich auf Cobbs Geheiß bei der East India Company hatte anstellen lassen, wo ich Kenntnis von einigen internen Zwistigkeiten erlangen konnte. Allerdings, fügte ich hinzu, ob mir dies zum Vorteil gereichen würde, wüsste ich nicht, da Cobbs Pläne mit mir nach wie vor undurchsichtig blieben. Während unseres Gesprächs erschien meine Tante in der Tür zum Schlafzimmer meines Onkels. Sie wirkte ein wenig erleichtert. »Es geht ihm besser«, sagte sie.

Tatsächlich schien sich sein Zustand innerhalb der letzten halben Stunde gebessert zu haben. Obwohl er immer noch Schwierigkeiten beim Luftholen hatte, war die Farbe in sein Gesicht zurückgekehrt. Als er sich aufsetzte, wirkte er längst nicht mehr so, als stünde er an der Schwelle des Todes.

»Ich freue mich, dich so zu sehen«, sagte ich.

»Ja, es scheint aufwärts zu gehen. Sophia sagte mir, du wärest unten Zeuge dieser unerfreulichen Szene geworden.«

»Ja, Onkel, und ich kann nicht zulassen, dass das so weitergeht. Trotzdem weiß ich nicht, wie ich dir helfen soll, außer, indem ich mich nach Kräften bemühe zu tun, was Cobb verlangt.«

»Ja, du musst um alles in der Welt dafür sorgen, dass er das glaubt, aber du darfst nie aufhören, auch auf deinen Vorteil zu schauen.«

»Ich fürchte, was heute passiert ist, ist erst der Anfang«, sagte ich. »Können wir es uns leisten, diesem Mann etwas vorzumachen?«

»Können wir es uns leisten, dass er dich zu seinem Leibeigenen macht?«

»Es ist unser beider Wunsch, dass du ihm die Stirn bietest«, fügte meine Tante hinzu.

»Aber so, dass er es nicht merkt«, sagte mein Onkel.

Ich nickte. Sein Mut gab auch mir neuen Auftrieb, und ich sagte ihm, dass ich seinem Rat folgen wolle, dennoch fragte ich mich, ob wir es je verwinden könnten, wenn mein Onkel in tiefste Verzweiflung gestürzt würde - finanziell ruiniert und gesundheitlich am Ende. Er war nicht dumm, und er wusste, dass er sich auf einen Bund mit dem Teufel einließ. Ich für mein Teil war mir nicht sicher, ob ich durchhalten würde.

Ich blieb so lange wie möglich bei meinem Onkel und meiner Tante, aber irgendwann musste ich mich doch verabschieden, in meine eigenen Räume zurückkehren und mich für den Abend umziehen. Als ich mich präsentabel genug wähnte, nahm ich eine Kutsche für die Fahrt durch die Stadt und erreichte binnen Kurzem Ellershaws Haus an der New North Street, unweit der Kricketfelder von Conduit Fields.

Es erstaunte mich nicht, dass er ein prächtiges Haus sein Eigen nannte - von einem leitenden Angestellten der East India Company sollte man schließlich erwarten, dass er standesgemäß wohnte -, aber ich konnte mich dennoch nicht erinnern, jemals Gast in einer so noblen Villa gewesen zu sein, und ich muss zugeben, dass mich gänzlich unerwartet ein Gefühl der Verlegenheit beschlich. Ich besaß kein indisches Seidengewand, also steckte ich in meinem besten schwarzen, mit Gold abgesetzten Anzug aus englischer Seide, der allerdings seine Herkunft aus einer engen Dachkammer in Spitalfields oder der dunklen Halle einer Manufaktur nicht verhehlen konnte. Doch obwohl ich wusste, dass ich das Werk der Betrogenen und Unterdrückten am Leibe trug, hatte ich doch das Gefühl, dass ich darin eine gute Figur abgab. Wir sind alle Kinder Gottes, wie es so schön heißt, aber ein Gewand aus Seide macht schon einen gewissen Unterschied.

Ein höflicher, wenn auch auffällig gravitätisch wirkender Diener nahm mich an der Tür in Empfang und führte mich in ein Zimmer, in dem ich kurz darauf von Mr. Ellershaw begrüßt wurde. Er war aufs Erlesenste und nach der neuesten Mode gekleidet und krönte seine Erscheinung mit einer Allongeperücke. Selbst für meine wenig kennerhaften Augen war offensichtlich, dass sein Seidenwams mit seinem in unbeschreiblicher Feinarbeit gestickten prachtvollen blauen, roten und schwarzen Blumenmuster aus Indien stammte.

»Ja, dies ist ein äußerst wichtiger Abend, Mr. Weaver. Von allergrößter Wichtigkeit, müssen Sie wissen. Mr. Samuel Tur-mond, der parlamentarische Vertreter der Cotswolds, ist zugegen. Er ist einer der vehementesten Verfechter der Sache der Wollindustrie gewesen, und es ist nun an uns, ihn davon zu überzeugen, dass er unseren Vorstoß im Unterhaus vertreten muss.«

»Die Aufhebung des Gesetzes von 1721, nehme ich an?«

»Genau.«

»Und wie wollen wir das bewerkstelligen?«

»Dieser Punkt braucht Ihnen im Moment keine Sorgen zu bereiten. Lassen Sie mich nur machen, und alles wird gut. Da Sie als letzter Gast eingetroffen sind, bitte ich Sie, mir nun ins Speisezimmer zu folgen. Ich hoffe, Sie werden doch nichts tun, womit Sie mich vor meinen Gästen blamieren?«

»Ich werde versuchen, mich so zu benehmen, wie Sie es von mir erwarten.«

»Nun, gut. Gut.«

Durch einen Irrgarten aus verwinkelten Korridoren führte Mr. Ellershaw mich in einen großen Saal, in dem eine Anzahl Gäste auf Sofas und Sesseln saßen und an ihren Weingläsern nippten. Die einzige mir bekannte Person in dem Raum war Mr. Forester, der es überzeugend fertigbrachte, mir keinerlei Beachtung zu schenken.

Ich wurde rasch Mrs. Ellershaw vorgestellt, einer bemerkenswert schönen Frau, die mindestens zwanzig Jahre jünger war als ihr Mann, aber zweifelsohne doch schon mindestens Mitte dreißig. »Dies ist Weaver, mein neuer Mitarbeiter«, sagte Ellershaw. »Er ist Jude, musst du wissen.«

Mrs. Ellershaws Haar war so hellblond, dass man es fast als weiß bezeichnen konnte; sie hatte einen porzellanfarbenen Teint und auffällig glänzende und lebhafte hellgraue Augen. Mit einem Knicks nahm sie meine Hand und sagte, wie erfreut sie wäre, mich kennenzulernen, aber ich wusste, dass das eine Lüge war. Es brauchte nicht viel Einfühlungsvermögen, um zu merken, dass sie meine Anwesenheit nicht schätzte.

Ellershaw schien sich nicht zu erinnern, dass ich mit Forester bereits bekannt war, und auch der ließ sich nicht anmerken, mir schon einmal begegnet zu sein. Er stellte mich seiner Frau vor, aber während Ellershaw mit seiner Eheschließung das große Los gezogen hatte, war an Mr. Forester eine Niete gefallen. Er selber war ja noch jung, gut aussehend und von männlicher Erscheinung, aber seine Frau zählte allerhand Jahre mehr als er. Es wäre keine Übertreibung gewesen, sie als ältere Frau zu bezeichnen. Sie hatte eine ledrige Haut, tief eingesunkene, blassbraune Augen und gelblich verfärbte, lückenhafte Zähne. Und doch schien sie im Gegensatz zu Mrs. Ellershaw von fröhlicher Natur zu sein. Als sie mich ihrer Freude über unsere Begegnung versicherte, wirkte es ehrlich gemeint.

Sodann wurde ich Mr. Thurmond und seiner eleganten Gattin vorgestellt. Das Parlamentsmitglied war weit älter als

Ellershaw, vielleicht schon in den Siebzigern, und seine Gesten wirkten gebrechlich. Er musste sich beim Gehen heftig auf seinen Stock stützen und hatte einen zittrigen Händedruck, wusste aber auf andere Weise zu überzeugen. Er erwies sich als aufgeschlossen und geistreich im Gespräch und war unter allen Männern im Raum derjenige, zu dem ich am meisten Zuneigung fasste. Seine ganz in Wollstoff gewandete Frau, die sich für ihr Alter gut gehalten hatte, lächelte gütig, sagte aber wenig.