Weil eine Dinnerparty in England nicht ohne ein ausgeglichenes Verhältnis der Geschlechter ablaufen kann, musste noch eine vierte Dame eingeführt werden, um meine Gegenwart zu saldieren. Zu diesem Zweck hatte Ellershaw seine Schwester eingeladen, ebenfalls eine reifere Matrone, die es uns unzweifelhaft wissen ließ, dass sie Karten für die Oper geopfert hatte, um der Einladung zu folgen, und dass sie alles andere als erfreut darüber war.
Ich will meine geneigten Leser nicht mit weitschweifigen Schilderungen des langweiligen Essens aufhalten; es war schlimm genug, dass ich es erdulden musste. Wie die meisten Gespräche bei solchen gesellschaftlichen Anlässen drehte sich die Unterhaltung hauptsächlich ums Theater und sonstige beliebte Kurzweil in der Stadt. Ich wollte mich ja an diesem Austausch beteiligen, doch sooft ich den Mund aufmachte, fing ich von Mr. Ellershaw einen derart missbilligenden Seitenblick ein, dass ich es für angebracht hielt, lieber zu schweigen.
»Sie können beim Essen ganz beruhigt zugreifen«, forderte er mich auf, nachdem er selber sich mit unzähligen Gläsern Wein gestärkt hatte. »Ich habe den Koch angewiesen, kein Schweinefleisch aufzutragen. Weaver ist Jude, wie Sie wissen müssen«, wiederholte er noch einmal für alle Anwesenden.
»Ich darf wohl bemerken, dass uns das nicht entgangen ist«, erwiderte Mr. Thurmond, der Interessenvertreter der Wollindustrie. »Sie haben uns ja bereits wiederholt darauf hingewie-sen. Und wenn Ihre hebräischen Freunde auf dieser Insel auch eine Minderheit darstellen mögen, sind sie dennoch keine so rare Spezies, als dass man ständig mit der Nase darauf gestoßen werden müsste.«
»Ja, aber es ist es doch wert, darauf hinzuweisen. Meine Frau hält es gemeinhin nicht für angebracht, Juden an unserer Tafel zu bewirten. Ist es nicht so, meine Liebe?«
Ich wollte etwas sagen, um von dem unangenehmen Thema abzulenken, doch Mr. Thurmond hatte bereits entschieden, dass er es sein wollte, der sich für mich in die Bresche warf. »Verraten Sie uns doch«, hob er eine Spur zu laut an, um damit weitere peinliche Kommentare Ellershaws im Keime zu ersticken, »wo sich Ihre bezaubernde Tochter aufhält, Mr. Eller-shaw.«
Mrs. Ellershaw wurde puterrot, und ihr Gemahl hüstelte sich verlegen in die Faust. »Nun, ja. Was das betrifft, so ist sie gar nicht meine Tochter. Mrs. Ellershaw hat sie mit in unsere Ehe gebracht, und ich darf mich dessen glücklich schätzen. Doch sie ist derzeit nicht zugegen.«
Über diese Tochter gab es bestimmt noch mehr zu sagen, aber Ellershaw beließ es dabei. Thurmond konnte kaum unangenehmer berührt sein, unwillkürlich ein so heikles Thema angeschnitten zu haben. Er hatte sich bemüht, eine Peinlichkeit zu überbrücken und war dabei in ein noch tieferes Fettnäpfchen getreten. Seine Frau jedoch rettete mit einem Lobgesang auf den gereichten Fasan die Situation.
Nachdem das Mahl beendet war und die Damen sich ins Nebenzimmer zurückgezogen hatten, kam Ellershaw auf den Punkt zu sprechen, der ihm auf der Seele lag. »Falls Mr. Summers, ein wahrer Patriot, eine Vorlage unterbreitet, das Gesetz von 1721 aufzuheben, und ich glaube, dass er dies in Kürze zu tun gedenkt, wäre es von größtem Wert, wenn diese Vorlage Ihre Unterstützung fände, Mr. Thurmond.«
Thurmond hatte dafür nur ein Lachen übrig, bei dem seine Augen aufblitzten. »Aber woher denn? Dieses Gesetz bedeutet einen gewaltigen Durchbruch. Warum sollte ich seine Aufhebung befürworten?«
»Weil es zu tun das Rechte wäre, Sir.«
»Aufhebung der Handelsbarrieren«, stimmte Mr. Forester mit ein.
»Genau darum geht es«, griff Ellershaw den Einwurf auf. »Freier Handel. Möglicherweise haben Sie die Schriften von Mr. Davant und Mr. Child darüber gelesen, wie von einem freien Welthandel sämtliche Nationen profitieren können.«
»Sowohl Davant als auch Child sind unmittelbar im Ostindienhandel involviert«, konterte Thurmond, »und können wohl kaum als unparteiische Vertreter einer Sache gelten.«
»Ich bitte Sie. Wir wollen doch nicht kleinlich sein. Sie werden selber schon noch sehen, ob dieses unselige Gesetz Bestand haben wird. Der Handel mit importierten Stoffen mag hierzulande eine geringe Zahl Arbeitsplätze kosten, aber auch ohne ihn werden die Erwerbsmöglichkeiten eingeschränkt. Ich bin überzeugt, dass der Ostindienhandel mehr Arbeitsplätze schafft als nimmt. Was ist mit den ganzen Färbern und Stickern und Schneidern, die ohne ihn ihre Beschäftigung verlieren?«
»Dies ist nicht der Fall, Sir. Diese Menschen werden weiterhin mit dem Färben und Besticken und Schneidern von Kleidung aus englischer Seide und Baumwolle ihren Lebensunterhalt bestreiten.«
»Das kann man wohl kaum vergleichen«, wandte Ellershaw ein. »Es geht doch auch um die Freude am Tragen der Kleidung. Nicht der Bedarf bestimmt den Markt, Sir, sondern die Mode. Es ist nie die Gepflogenheit der East India Company gewesen, jedes Jahr neue Moden einzuführen. Wir beschränken uns auf neue Muster oder Schnitte oder Farben, mit denen wir die Modebewussten im Lande einkleiden, und verfolgen dann, wie der Rest der Nation bestrebt ist, ebenfalls nach der neu-esten Fasson gekleidet zu sein. Unsere Lagerbestände müssen Bewegung in den Handel bringen, und nicht die Vorlieben des Volkes.«
»Ich darf Ihnen versichern, dass sich Moden auch aus anderen Materialien als den aus Indien importierten speisen«, sagte Thurmond selbstzufrieden. »Es wird immer neue Moden und Strömungen geben, und zwar ganz ohne Ihre Versuche, diese zu manipulieren. Erlauben Sie mir, Ihnen etwas zu zeigen, was ich mitgebracht habe, weil ich bereits vermutet hatte, dass Sie das Gespräch in diese Richtung lenken werden.« Er griff in seine Tasche und zog ein blaues, mit gelben und roten Blumenmustern verziertes Stück Stoff von etwa einem Fuß Durchmesser daraus hervor, eine auffällig schöne Arbeit.
Forester nahm es dem älteren Gentleman ab und betrachtete es. »Das ist indische Seide. Na und?«
»Das ist es eben nicht!«, fuhr Ellershaw dazwischen, entriss es Forester und hielt es kaum zwei Sekunden lang in den Händen, als sich sein Gesicht auch schon zu einer Grimasse verzog. »Ha, Sie schlauer Hund! Indische Seide, was? Das hier ist aus amerikanischer Baumwolle gesponnen und hier in London bedruckt worden, wie ich an seiner rauen Beschaffenheit erkenne. Ich kenne jedes indische Muster, und dieses ist eines aus London, das garantiere ich. Mr. Forester ist noch neu im Indienhandel, und nur einem Unbedarften wie ihm könnte ein so alberner Fehler unterlaufen. Indische Seide! Dass ich nicht lache! Was wollten Sie uns damit beweisen, Sir?« Er reichte das Stück Stoff zurück an Thurmond.
Dieser ließ sich kaum aus der Ruhe bringen. »Mr. Foresters Fehler ist nur zu verständlich, denn dieser Stoff ist dem aus Indien sehr ähnlich.«
»Dieser Stoff ist grob genug, um damit den Ruß von einem Schornsteinkehrer abzureiben«, entrüstete sich Ellershaw. »Forester hat keine Ahnung, sage ich. Er mag sich mit dem Geschäft auskennen, aber nicht mit unseren Rohmaterialien.
Nicht böse gemeint, Forester. Ich habe den größten Respekt vor Ihnen, und so weiter und so fort, aber selbst der geschliffenste Verstand mag versagen, wenn es um Tuche und Stoffe geht.«
Forester war rot im Gesicht geworden, entgegnete aber nichts.
»Wie uns Mr. Forester gezeigt hat«, fuhr Thurmond fort, »kann amerikanische Baumwolle mit zunehmender Fertigkeit so fein gesponnen werden, dass der Stoff den Importen aus Indien ähnelt. Dieses Beispiel mag einen wahren Kenner wie Sie bei der Auswahl eines Tuches nicht überzeugen, aber sehr wohl die durchschnittliche Dame. Und selbst wenn dies jetzt noch nicht gelingt, so lässt sich der Fortschritt nicht aufhalten, und bald wird es unmöglich sein, amerikanische Baumwolle von indischer Seide zu unterscheiden. Unsere einheimischen Stoffe werden ständig leichter und den indischen ähnlicher, und von geschickter Hand lassen sich Wolle und Leinen sehr wohl miteinander verarbeiten. Ja, Mr. Foresters Versehen war nur zu verständlich. Zumal, da die Tage des Imports aus Indien ohnehin bald gezählt sind.«