Ich verbeugte mich ein drittes Mal. »Wie Sie wünschen«, sagte ich, ohne mir anmerken zu lassen, dass es mir nur gelegen kam, den Weg zum Hinterausgang gewiesen zu bekommen. »Sir«, sagte ich zum Zeichen meines Abschieds zu Forester, und beeilte mich dann, den Instruktionen der Dame des Hauses zu folgen. Schon kurz darauf stand ich in der abendlichen Kälte.
Ich vergeudete keine Zeit damit, meine Schlüsse aus dieser sonderbaren Begegnung zu ziehen, sondern eilte ums Haus herum, vor dem zwei Kutschen vorgefahren waren. Zu meinem Glück befand sich Thurmond noch nicht auf dem Heimweg, also hatte ich nicht nur nichts versäumt, sondern in der Zwischenzeit auch noch Erkenntnisse gewonnen, von denen ich hoffte, dass sie ein wenig Licht in das Dunkel bringen würden, in dem ich herumtappte.
Nun musste ich mich an Thurmonds Fersen heften. Dazu hielt ich Ausschau nach einer Möglichkeit, mich auf das Dach von Thurmonds Kutsche fallen zu lassen, wenn diese unter mir vorbeifuhr. Dies war eine Kunst, in der ich es in meinen Jugendjahren, als ich gezwungen war, mir meinen Unterhalt nicht unbedingt auf die ehrlichste Art und Weise zu verdienen, zur Meisterschaft gebracht hatte. Das Dach einer Kutsche oder Kalesche ist ein wunderbarer Ausgangspunkt für jemanden, der die darin Sitzenden überraschen möchte, vor allem, wenn in der Nähe ein Komplize mit einem zweiten Pferd für die Flucht auf ihn wartet.
Es gab aber keine Möglichkeit, mich in die nötige Höhe hinaufzuschwingen, und mich in der Kutsche verstecken zu wollen, erschien mir ziemlich aussichtslos. Der Kutscher und Ellershaws Diener waren in ein Gespräch vertieft, so dass es theoretisch möglich war, mich an ihnen vorbeizuschleichen und auf irgendeine Weise den Schlag zu öffnen, ohne dass die Scharniere quietschten, doch ich wollte mein Glück nicht überstrapazieren. Und wenn ich erst einmal im Inneren der Kutsche war, was dann? Wie sollte ich mich vor Mr. und Mrs. Thurmond verbergen?
Während ich noch andere Möglichkeiten erwog - etwa, ein Pferd zu stehlen oder in der Hoffnung, dass sie es nicht allzu eilig hatten, der Kutsche zu Fuß zu folgen -, kam ein Bediens-teter aus dem Haus und wies den Kutscher und Thurmonds Diener an, alles für die Abfahrt bereit zu machen, was sie auch sofort taten. Der Kutscher kletterte auf den Bock und nahm die Zügel, während der Diener sich hinten auf den Wagen stellte.
Ich folgte der Kutsche, während diese unmittelbar vor der Tür Aufstellung nahm. Dann jedoch war mir das Glück auf geradezu wundersame Weise hold, denn Thurmond half zwar seiner Gattin in den Wagen, machte aber keinerlei Anstalten, selber einzusteigen, sondern wechselte ein paar Worte mit ihr, gab dem Kutscher eine Anweisung und wandte sich dann zu Fuß von dem Haus ab und auf die Theobald's Row zu. Ich folgte ihm in sicherem Abstand, doch nahe genug, um zu sehen, wie er an der Ecke der Red Lion Street dem wartenden Diener eines anderen Gentleman eine Münze in die Hand drückte, damit dieser ihm eine Droschke besorgte.
Das wurde ja immer besser. Sobald Thurmond erst einmal seine Fahrgelegenheit bekam, war es ein Leichtes, hinten auf den Wagen zu springen und dort geduckt hocken zu bleiben, damit mich keiner sah. Und so kam es auch - ich hielt mich hinten am Aufbau fest, während die Kutsche im Schneckentempo durch die schmutzigen Straßen der Großstadt rollte. Zwar blieb ich von einigen der Huren und der Herumlungerer, an denen wir vorbeikamen, nicht unbemerkt, aber der Kutscher verstand ihr Gejohle entweder nicht oder wollte sich nicht darauf einlassen, so dass wir schließlich unbehelligt in der Fetter Lane ankamen. Hier stieg Thurmond aus und betrat das Brush and Pallet, ein Wirtshaus, das bevorzugt von Leuten mit künstlerischen Ambitionen frequentiert wurde.
Ich stieg von meinem Versteck hinunter und wollte einen Moment warten, ehe ich ihm folgte. Just in diesem Augenblick wandte sich der Kutscher nach mir um und fragte mich, ob ich die Fahrt als angenehm empfunden hätte.
Ich hätte ihm keine Beachtung schenken müssen, aber die Menschen dieser Stadt sogen Erkenntnisse in sich auf und atmeten sie als Enthüllungen wieder aus, und wenn ich vermeiden wollte, dass der Droschkenkutscher Thurmond atemlos seine Beobachtung mitteilte, musste ich mir sein Schweigen erkaufen. Zu meiner größten Freude regelte ein Sixpencestücke die Angelegenheit, und so konnten der Kutscher und ich als Freunde auseinandergehen.
Nun galt es, herauszufinden, was Thurmond in einer von Porträtmalern besuchten Lokalität vorhatte, doch ich ahnte schon sehr schnell, was ihn dorthin trieb, denn ich hatte zu bestimmten Zeiten den gleichen Trick angewandt. Warum besucht jemand eine Schänke, mit deren Gästen er nichts gemein hat? Weil er ungestört sein möchte.
Wiederum in sicherem Abstand folgte ich dem werten Thur-mond unauffällig und sah, wie er in einem Hinterzimmer Platz nahm und dem Wirt, einem buckligen Knaben in Thurmonds Alter, eine Anweisung gab. Nach kurzem Zögern wandte auch ich mich an ihn, vergeudete keine Zeit und steckte ihm eine Münze zu.
»Was hat der Gentleman gewollt?«, fragte ich.
»Wenn ein anderer Gentleman sich nach einem Mr. Thompson erkundigt, soll ich ihn zu ihm nach hinten schicken.«
Ich zog noch eine Münze hervor. »Gibt es einen Raum, der an diesen dort grenzt?«
»Gewiss. Drei Schilling, und ich halte ihn für Sie frei.«
Das war natürlich Wucher, aber der Mann wusste, dass ich ohne langes Gefeilsche bezahlen würde. So bekam ich meine Privatnische, wo ich, das Ohr an der Wand, darauf wartete, dass sich etwas tat.
Und es tat sich etwas. Nach weniger als einer halben Stunde hörte ich, wie noch jemand den hinteren Raum betrat. Trotz angestrengten Lauschens konnte ich nicht genau verstehen, worüber die beiden sprachen. Aber die Stimme von Thurmonds Besucher hatte ich sofort erkannt. Es war die zweite heimliche Zusammenkunft, bei der ich jenen Gentleman an diesem Abend ertappte.
Ich ging nicht davon aus, dass Mr. Forester von der East In-dia Company und Mr. Thurmond, der parlamentarische Vertreter der Wollkämmerer, sich hier trafen, weil sie in so vielen Punkten verschiedener Meinung waren. Ellershaw sah der Anteilseignerversammlung mit unguten Gefühlen entgegen, und es schien, als versorge dies seine Widersacher mit allerhand Gesprächsstoff.
Mir stellten sich nun einige Fragen. Sollte ich Ellershaw von Foresters Techtelmechtel mit seiner Frau berichten oder von seinem heimlichen Treffen mit dem Parlamentarier? Oder von beidem? Aber ich konnte mir auch von beidem keinen Vorteil versprechen. Es diente nicht meinen Zwecken, noch mehr Missgunst im Craven House zu säen, und es gab für mich auch nichts zu gewinnen, wenn Ellershaw mich noch mehr ins Vertrauen zog als bisher. Cobb würde ich auf jeden Fall nur von Mrs. Ellershaws Fehltritt erzählen. Das würde genügen, um ihm zu beweisen, dass ich seinen Wünschen entsprechend handelte, und er würde meine Freunde und meinen Onkel vorerst in Ruhe lassen. Gleichzeitig war ich mir sicher, dass Cobb aus solchem Wissen keinen Nutzen ziehen konnte und ich kein Risiko einging, indem ich davon sprach. Da ich ja nicht wusste, wer der größere Schuft von beiden war, fiel es mir auch schwer zu beurteilen, wie viel meines Wissens ich wem zu meinem besten Vorteil preisgeben sollte.
Am nächsten Morgen rief Ellershaw mich in sein Büro, schien aber nichts von Bedeutung mit mir zu besprechen zu haben. Ich hatte den Eindruck, dass er nur sehen wollte, in was für einer Stimmung ich war, nachdem er Thurmond am Abend zuvor so böse mitgespielt hatte. Ich für mein Teil sagte nichts dazu, also kamen wir auf meine Tage als Preisboxer zu sprechen. Ellershaw lachte über einige meiner Anekdoten, doch nach einer Viertelstunde meinte er, ich hätte ihm genug seiner Zeit gestohlen und sollte mich an meine Arbeit machen, damit ich nicht umsonst bezahlt würde.
»Gewiss, Sir«, sagte ich. »Aber darf ich mir zuvor noch eine persönliche Frage erlauben?«
Mit einer unwirschen Handbewegung gewährte er mir meinen Wunsch.