»Es geht um Mrs. Ellershaws Tochter aus erster Ehe. Habe ich es richtig verstanden, dass ihr ein Unglück zugestoßen ist?«
Ohne eine Miene zu verziehen, musterte mich Ellershaw einen Moment lang mit ausdruckslosem Gesicht. »Das Mädchen ist davongelaufen«, sagte er schließlich. »Sie hat an einem Haderlumpen Gefallen gefunden, und trotz unserer Androhung, nach dieser Heirat keinen Penny mehr zu erhalten, gibt es allerhand Grund zu der Annahme, dass die beiden sich doch heimlich vermählt haben. Wir haben seitdem keine Nachricht mehr von ihr bekommen, aber das werden wir schon noch, worauf Sie sich verlassen können. Die beiden werden bestimmt warten, bis unser Zorn sich gelegt hat und dann wie die begossenen Pudel vor der Tür stehen.«
»Vielen Dank, Sir.«
»Falls Sie glauben, Sie könnten sich ein paar Schilling extra verdienen, wenn Sie sie finden, muss ich Sie enttäuschen. Weder mir noch Mrs. Ellershaw liegt etwas daran, je wieder von ihr zu hören.«
»Ich hatte keine solchen Absichten. Ich war bloß neugierig.«
»Es wäre uns besser gedient, wenn Sie Ihre Neugier mehr auf die Strolche im Craven House richten würden und weniger auf meine Familie.«
»Selbstverständlich.«
»Also, was Thurmond betrifft. Es muss ihm klargemacht werden, dass er uns nicht so einfach abschütteln kann. Es ist Zeit, dass er richtig Angst vor uns bekommt.«
Ich musste an Ellershaws Drohung mit dem glühenden Schür-eisen denken und erschauderte innerlich bei dem Gedanken, was für eine Gemeinheit er sich jetzt wieder ausgedacht hatte. »Es sind nur noch wenig mehr als zwei Wochen bis zur Anteilseigentümerversammlung«, gab ich zu bedenken. »Ich halte es nicht für klug, alles ausschließlich davon abhängig zu machen, dass es uns gelingt, Mr. Thurmond Angst einzuflößen.«
»Ha!«, rief er. »Sie wissen gar nichts, und ich habe auch nicht vor, Ihnen mehr als das zu verraten. Glauben Sie, das wäre das einzige Eisen, das ich im Feuer habe? Es ist nur eines von vielen, aber es ist das Einzige, das Sie etwas angeht. Von meinen Informanten im Unterhaus weiß ich, dass er heute Abend mit einem Geschäftspartner in der Nähe der Great Warner Street zum Essen verabredet ist. Während seiner Abwesenheit müssen Sie in sein Haus einbrechen und dort auf seine Rückkehr warten. Und wenn er sich dann zu Bett gelegt hat, nehmen Sie ihn sich tüchtig vor, Mr. Weaver. Nehmen Sie sich ihn so vor, dass er glaubt, sein letztes Stündlein hätte geschlagen, damit er lernt, dass mit dem Craven House nicht zu spaßen ist. Danach möchte ich, dass Sie seine Frau schänden.«
Ich saß regungslos da und brachte kein Wort hervor.
»Haben Sie nicht gehört?«
Ich musste schlucken. »Ich habe Sie gehört, Mr. Ellershaw, aber ich fürchte, ich habe Sie nicht richtig verstanden. Das können Sie doch nicht ernst gemeint haben.«
»Oh doch, sehr ernst sogar. Ich habe schon den Widerstand so mancher Männer brechen müssen, glauben Sie mir. In Kalkutta gab es unter den Schwarzen immer wieder Häuptlinge und Anführer, die meinten, sie könnten der East India Company die Stirn bieten. Sie haben die Konsequenzen zu spüren bekommen, und so muss es auch bei Thurmond sein. Denken Sie, es ginge um eine Lappalie? Die Zukunft des Unternehmens hängt von unserem Einsatz ab, und da die East In-dia Company der Bannerträger des freien Handels ist, sogar die der ganzen Welt. Sie und ich haben eine Verabredung mit der Ewigkeit, Weaver. Wir werden unseren Kindern eine Welt hinterlassen, in der es noch Hoffnung gibt, oder wir werden sie dazu verurteilen, den ersten Schritt in ein Jahrtausend der Finsternis zu tun. Sollten wir versagen, werden unsere Kinder und Kindeskinder wenigstens von uns sagen, dass wir die kurze Spanne unseres Daseins nutzbringend anzuwenden gewusst, das wir alles in unserer Macht Stehende getan haben.«
Ich unterdrückte meinen ersten Impuls, nämlich den, ihm zu sagen, dass ich größte Zweifel daran hegte, dass unsere Enkel uns dafür preisen würden, dass wir alte Männer geschlagen und alte Frauen geschändet haben. Stattdessen holte ich tief Luft und senkte ehrerbietig den Blick. »Sir, Sie sprechen nicht von einem Stammesführer unter Indern. Sie sprechen von einem hochangesehenen Mitglied des Unterhauses. Sie können nicht erwarten, dass so eine Tat keine Untersuchung nach sich ziehen wird. Und selbst, wenn Ihr Erfolg garantiert wäre, könnte ich keinen solchen Akt der Barbarei gutheißen, erst recht nicht, wenn es sich um einen alten Menschen handelt. Und ich würde mich gewiss niemals zu so etwas hinreißen lassen.«
»Was? Sie haben nicht den Mut dazu? Da hätte ich aber mehr von Ihnen erwartet. Dies ist die Welt, in der wir leben, Mr. Weaver, eine Welt, in der Sie keinem über den Weg trauen können. Sie müssen die Keule schwingen - oder von ihr zerschmettert werden. Ich habe Ihnen gesagt, was ich will, und Sie sind mir zu Diensten, also werden Sie tun, was ich von Ihnen verlange.«
Schon wieder steckte ich in einer Zwickmühle. Ich musste mich entscheiden, ob ich meine Seele dem Teufel verkaufen und damit meine Freunde retten oder ob ich meine Seele retten und meine Freunde vernichten wollte. Es wäre schwierig gewesen, Cobb weiszumachen, dass ich es nicht über mich brächte, einen Lagerhausarbeiter zusammenzuschlagen, aber ich musste mir einfach sagen, dass selbst er nicht erwarten konnte, dass ich mich für einen so schamlosen Gewaltakt missbrauchen ließ - und sei es aus keinem anderen Grund, dass ein solches Verbrechen verfolgt werden würde und dass, wenn man mir auf die Schliche käme, diese Spur unweigerlich weiter zu ihm führen würde.
Letzten Endes, dachte ich, konnte ich vielleicht sogar von Glück reden. Es blieb mir nun nichts anderes übrig, als mich von Ellershaw abzuwenden, und Cobb vermochte mir daraus keinen Strick zu drehen. Zwar hatte ich das Gefühl, dass dieser Optimismus möglicherweise durch nichts gerechtfertigt sein könnte, aber er war im Augenblick alles, woran ich mich klammern konnte.
Ich zwang mich, ein wild entschlossenes Gesicht zu ziehen und erhob mich von meinem Stuhl. »Ich kann Ihnen diesen Wunsch nicht erfüllen, und ich werde auch nicht stillschweigend zusehen, wie Sie einen anderen damit beauftragen.«
»Wenn Sie mir jetzt in die Quere kommen, sind Sie die längste Zeit hier angestellt gewesen.«
»Dann bin ich eben die längste Zeit hier angestellt gewesen.«
»Sie wollen sich doch wohl die East India Company nicht zum Feind machen?«
»Lieber habe ich die East India Company zum Feind als mein eigenes Gewissen«, sagte ich und wandte mich der Tür zu.
»Warten Sie«, rief er mich zurück. »Gehen Sie nicht. Sie haben recht. Vielleicht bin ich zu weit gegangen.«
Ich stieß einen stummen Fluch aus, denn damit waren meine Hoffnungen zunichte - wenn auch nicht ganz unerwartet. Ich wandte mich zu ihm um. »Ich bin froh, dass Sie sich die Sache noch einmal überlegen.
»Ja«, sagte er. »Ich glaube, in diesem Punkt muss ich Ihnen recht geben. Wir wollen nicht ganz so brutal sein. Aber wir werden uns etwas einfallen lassen, Weaver. Darauf können Sie Gift nehmen.«
Auf dem Weg zu den Lagerhäusern fasste ich die Situation im Geiste noch einmal zusammen. Mal diente ich Cobbs Zwecken, mal denen von Ellershaw, mal meinen eigenen. Das bedeutete, dass ich auf einem schmalen Grat wanderte, und obwohl ich viel lieber mein eigener Herr gewesen wäre, wusste ich nur zu gut, dass ich diese bittere Pille schlucken musste, wenn sich alles noch zum Guten wenden sollte. Vor allem meine Machtlosigkeit brachte mich in Rage, aber da das Wohlergehen meiner Freunde und meines Onkels an einem seidenen Faden hing, musste ich zumindest den Eindruck der Unterwürfigkeit erwecken.
Wie konnte man so etwas erdulden, ohne daran zu verzweifeln? Nun wusste ich die Antwort: Ich würde mich nicht meinen Möchtegern-Herren widersetzen, sondern vielmehr meine eigene Taktik entwickeln. Ich musste herausfinden, was Forester in seinem geheimen Schuppen aufbewahrte. Ich musste dahinterkommen, wie Ellershaw die bevorstehende Anteilseigentümerversammlung zu überstehen plante. Und ich musste mehr über seine Tochter in Erfahrung bringen. Alles drei würde möglicherweise zu nichts führen, aber ich erinnerte mich, dass mehrere Akteure in meinem kleinen Drama - Mr. und Mrs. Ellershaw, Forester und Thurmond - auf eine Weise über sie gesprochen hatten, die mich ungemein neugierig machte. Vielleicht hatte es mit ihr gar nichts Besonderes auf sich, doch ich hatte schon oft erfahren, dass man manchmal nur an einem losen Faden ziehen musste, um einen ganzen Vorhang aufzuribbeln.