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Mrs. Ellershaw schien sich in dem Glauben zu wiegen, ihr Mann hätte den Wunsch zu erfahren, wo ihre Tochter sich aufhielt, während er genau das Gegenteil behauptete. Wahrscheinlich war Ellershaws Interesse an seiner Stieftochter mehr als nur väterlicher Natur - und Bridgets Eheschließung nicht nur eine Herzensangelegenheit, sondern auch ein Fluchtversuch. In diesem Falle läge es auf der Hand, dass ihre Mutter ihren Aufenthaltsort vor ihm geheim zu halten wünschte.

Dann fiel mir aber noch etwas anderes auf: Mrs. Ellershaw fürchtete, dass ihr Mann die Wahrheit erfahren hatte - nicht, dass er den Aufenthaltsort der Tochter erfahren hatte oder diesen in Erfahrung zu bringen trachtete. Damit hatte sie angedeutet, dass es noch einen Umstand gab, von dem Ellershaw nichts ahnte, was bedeutete, dass die Information, die ich von Ellershaw bekommen hatte, entweder falsch oder unvollständig war.

Was Forester betraf, war der nicht nur gegen Ellershaw eingenommen, sondern hatte sogar Grund, ihn zu hassen - siehe die Turtelei mit seiner Frau. Hasste er den Ehemann seiner Angebeteten so sehr, dass er, nur um ihm zu schaden, geheime Absprachen mit Thurmond traf? Das bezweifelte ich nun aber doch. Vielmehr kam es mir so vor, als führe er Geschäfte aus, die von Ellershaws Niedergang oder vielleicht sogar dem der ganzen East India Company abhingen, doch um was es sich dabei handeln konnte, vermochte ich nicht zu sagen. Allerdings vermutete ich, dass es etwas mit der von Carmichael erwähnten verbotenen Etage in dem Lagerhaus zu tun hatte: ein Anreiz mehr, dieses Geheimnis zu lüften.

Wie immer behielt mich Aadil den ganzen Tag lang fest im Auge. Mit orientalischer Beharrlichkeit verfolgte er jeden meiner Schritte. Gegen Abend gelang es mir wenigstens unter der Vorgabe, ihn für ein angebliches Versagen bestrafen zu wollen, mich mit Carmichael in einem abgelegenen Winkel des Geländes unter vier Augen zu treffen.

Carmichael war wirklich ein grundanständiger Kerl - er folgte nicht nur sofort meinem Befehl, sich hinter dem Lagerhaus bei mir zu melden, sondern wirkte auch schon bei seinem Eintreffen ganz niedergeschlagen und schuldbewusst, obwohl ich noch keinen Vorwurf ausgesprochen hatte.

»Mach dir keine Sorgen«, beruhigte ich ihn sogleich. »Du hast nichts falsch gemacht. Ich habe das Gerücht nur ausgestreut, um ungestört mit dir sprechen zu können.«

»Ach, da bin ich aber froh, Mr. Weaver. Ich halte doch so viel von Ihnen und wünsche mir, dass auch Sie nicht schlecht von mir denken.«

»Das tue ich ganz bestimmt nicht. Du bist ein fleißiger Arbeiter und kennst dich in den Lagerschuppen gut aus.«

»Und so soll's auch bleiben, wenn's nach mir geht«, sagte er.

»Das hoffe ich auch, denn das, um was ich dich jetzt bitten werde, gehört genau genommen nicht gerade zu deinem Aufgabenbereich. Ich möchte, dass du mich zu den Waren führst, zu denen nur Mr. Forester Zugang hat, und mir hilfst, dort einzudringen.«

Er sagte nichts und stand nur mit offenem Mund da. Schließlich schüttelte er den Kopf. »Es ist sehr gefährlich, um was Sie mich da bitten. Ich könnte nicht nur meine Stellung verlieren, sondern mir auch noch diese Bestie Aadil zum Feind machen. Das möchte ich nicht, und wenn Sie klug sind, sollten Sie es für sich selber auch nicht wollen.«

»Ich weiß, dass wir ein Risiko eingehen, aber ich muss über den Inhalt dieses Verstecks Bescheid wissen, und das geht nicht ohne deine Hilfe. Du sollst für deine Bemühungen auch belohnt werden.«

»Es geht mir nicht um eine Belohnung, das dürfen Sie nicht glauben. Es geht mir um meine Arbeit, die ich nicht verlieren will. Sie mögen ja der Aufseher über die Wachmänner sein, aber wenn Aadil oder Mr. Forester mich hinauswerfen, ohne mir meinen Lohn zu zahlen, hält nichts und niemand sie davon ab.«

»Dazu wird es nicht kommen«, versicherte ich ihm und fragte mich im selben Moment, wie ich es verhindern wollte. Wenn Carmichael unter Beschuss geriet, weil er mir geholfen hatte, sagte ich mir, würde ich dafür sorgen, dass er für seine Hilfsbereitschaft nicht zu leiden hätte. Ich besaß genügend Freunde und genügend Einfluss, um ihm woanders einen zumindest gleich bezahlten Posten beschaffen zu können.

Er sah mich an und schien zu erwägen, ob mein Optimismus begründet war. »Um ehrlich zu sein, Mr. Weaver, ich fürchte mich davor, es mir mit denen zu verderben.«

»Ich muss aber wissen, was dort versteckt ist. Wenn du mir nicht helfen willst, finde ich einen anderen, der es tut, aber ich würde dich vorziehen, weil ich dir vertraue.«

Er gab einen tiefen Seufzer von sich. »Das können Sie, Sir. Das können Sie wirklich. Wann soll es passieren?«

Ich hatte für diesen Abend eine Verabredung, die ich um keinen Preis verpassen wollte, also sprachen wir ab, uns am darauffolgenden Abend Schlag elf hinter dem größten der Lagerhäuser zu treffen. Obwohl er protestierte, drückte ich ihm eine Münze in die Hand, doch ich befürchtete sogleich, damit seine Entschlossenheit eher geschwächt zu haben. Carmichael wollte mir helfen, weil er mich mochte. Wenn ich nur jemand für ihn wurde, der ihm für seine Dienste Geld gab, konnte dies sein Zutrauen schmälern, und ich brauchte jeden treuen Gefährten, dessen ich habhaft werden konnte.

14

In der Hoffnung, dass niemandem meine Abwesenheit auffallen und dass Mr. Ellershaw mich nicht zu sich bestellen würde, verließ ich Craven House an diesem Abend ein paar Stunden vor der Zeit. Wie verabredet traf ich Elias in der Two Schooner's Tavern an, wo er sich bereits ein Ale und eine Mahlzeit bestellt hatte, die ich, wie ich vermutete, bezahlen sollte. Als ich mich setzte, tunkte er mit seinem letzten Stück Brot gerade den Rest Fett von seinem Teller.

»Bist du dir sicher, dass ich mir damit keine Scherereien aufhalse?«, fragte er.

»Einigermaßen sicher«, räumte ich ein.

Darauf ging ich noch einmal mit ihm meinen Plan durch, den ich für ziemlich geradlinig und einfach zu bewerkstelligen hielt - zumindest Elias' Teil davon. Elias wischte sich den Mund ab und stand auf, um sich auf den kurzen Weg zur Throgmor-ton Street zu machen, wo die Seahawk-Versicherung ihre Büroräume unterhielt. Auch ich bestellte mir einen Krug, an dem ich mich ungefähr ein Drittel einer Stunde festhielt, um dann die Rechnung zu begleichen und Elias zu folgen.

Ich betrat das Gebäude und fand mich in einer großen Halle mit mehreren schweren Schreibpulten wieder, an denen mehrere Angestellte noch bei ihrer Arbeit saßen. Dann fiel mir eine Tür zu meiner Linken auf, hinter der ich Mr. Ingrams Büro vermutete. Ich hatte mich unter Elias' Namen bereits früher am

Tag mit ihm in Verbindung gesetzt und um einen Termin gebeten. In diesem Augenblick hielt sich Elias selber gerade in dem Büro auf, wo er versuchte, Lebensversicherungen für mehrere ältere Kapitäne zur See abzuschließen. Mr. Ingram würde vollends damit beschäftigt sein, ihn mit weitschweifigen Ausflüchten abzuwimmeln, was mir die nötige Zeit gab, unseren Plan in die Tat umzusetzen.

Ich wandte mich an einen der Angestellten, einen buckligen Gentleman von reiferen Jahren, dessen Augen hinter seiner dicken Brille kaum zu erkennen waren. Er trug in sichtlicher Eile, aber sehr akkurat, Ziffern in ein Kontobuch ein und war so eifrig damit beschäftigt, dass er mein Nähertreten zunächst gar nicht bemerkte.

»Ingram«, sagte ich zu ihm.