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Während ich Ellershaw etwas vormachte, Cobb Informationen vorenthielt, mich mit Carmichael verschwor und mit Elias' Hilfe mein Ränkespiel weitertrieb, war es mir nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen, dass gewisse französische Spitzbuben sich meines bevorstehenden Unterganges so sicher wähnten, dass sie sogar einen Einsatz darauf wagten. Der Gedanke war zumindest unerfreulich, aber wie ich vor gar nicht so langer Zeit in Kingsley's Coffee House hatte feststellen dürfen, sollte man sich seiner Sache nie allzu sicher sein, und ich hatte allen Grund zu der Hoffnung, dass diese Gecken ihr Geld in den Sand setzen würden.
Gerne hätte ich mehr Zeit für Elias gehabt, denn obwohl es uns keine fünf Minuten gekostet hatte, eins und eins zusammenzuzählen, benötigen manche Erkenntnisse Zeit, sich erst einmal zu setzen und dann zu reifen, bevor wir sie voll und ganz auskosten können - wie eine gute Flasche Wein etwa. Den Luxus eines langsamen Gärprozesses konnte ich mir allerdings nicht leisten, denn ich hatte eine Verabredung, und obwohl ich dem Treffen mit gemischten Gefühlen entgegensah, wollte ich nicht zu spät kommen.
Ich hatte den ganzen Tag lang an kaum etwas anderes gedacht, und sowie ich ohne aufzufallen Craven House den Rücken gekehrt hatte, begab ich mich sogleich nach St. Giles-in-the-Fields. Meinen geneigten Lesern dürfte bekannt sein, dass es sich dabei nicht um einen der angenehmsten Stadtteile der Metropole London handelt, und obwohl ich es gewohnt bin, in anrüchigen Vierteln zu verkehren, stellt St. Giles mit seinen gewundenen Straßen und seinem Labyrinth von Gassen doch selbst die profundeste Ortskenntnis auf die Probe. Trotzdem fand ich mich ganz gut zurecht, und ein paar Münzen in der Hand einer mitteilsamen Straßendirne halfen mir denn auch, das Duck and Wagon zu finden.
Das Wirtshaus stellte, jedenfalls in Hinblick auf die Umgebung, in der es sich befand, sogar einigermaßen etwas dar, und mein Eintreten rief kaum Aufmerksamkeit hervor außer bei den Spielern und Huren und Bettlern, die allesamt auf Geldbeutel und ihre unbedarften Besitzer lauerten. Ich aber war nicht fremd in solchen Etablissements, und ich wusste mir einen bedrohlichen Anschein zu geben, so dass diejenigen, die in solch trüben Wassern nach leichter Beute fischten, sogleich witterten, dass sie es mit einem Hai unter den Ihrigen zu tun hatten und sich tunlichst fern von mir hielten.
Rasch erkannte ich, dass das Duck and Wagon zu der Sorte Spelunken gehörte, die sich Speisewirtschaft schimpften. Dementsprechend war in der Nähe der Küche ein Bottich von der Größe, dass ein ausgewachsener Mann darin hätte ein Bad nehmen können, aufgestellt, um den sich ungefähr zehn mit langen Messern bewaffnete Männer scharten. Sie alle hatten ihre drei Pennys bezahlt, um mit dem Messer zwei oder drei Mal - je nach den Regeln des Hauses - in den Bottich hineinstoßen zu dürfen. Ein Gewinner in diesem Glücksspiel würde am Ende ein Stück Fleisch aufgespießt haben, während die Verlierer sich mit einer Karotte oder einer Rübe bescheiden mussten.
Ich suchte mir einen Tisch in einer dunklen Ecke abseits des Trubels um besagten Bottich und zog mir den Hut tief ins Gesicht, während ich mein gepanschtes Ale trank. Es dauerte noch zwei Krüge von dem Gesöff, bis Miss Glade eintraf, und ich muss zugeben, sie nicht auf Anhieb erkannt zu ha-ben, was allerdings weder an der Finsternis noch an meinen leicht benebelten Sinnen lag, sondern an ihrer Kleidung. Offenbar wusste sie in noch mehr Rollen zu schlüpfen als die des Dienstmädchens und die der Angestellten in einem Handelshaus. Heute war sie als alte, schlampige Hure verkleidet und wirkte so unansprechend, dass sie ebenso gut auch unsichtbar hätte sein können. Aber man konnte sich wohl kaum besser tarnen als durch die äußere Erscheinung einer Kreatur, von deren Anblick ein jeder sich am liebsten abwendet. Zu Hunderten schleichen diese unglücklichen Weiber, deren verwitterte Körper für ihren Beruf nicht mehr taugen, in der Hoffnung durch die Straßen, einen Mann zu finden, der zu betrunken oder zu verzweifelt ist, um sich daran zu stören.
Miss Glade hatte sich in verlotterte Kleider geworfen, sich das Haar zerzaust, sich ein paar Zähne schwarz übertüncht und sich andere bräunlich gefärbt, um einen möglichst unappetitlichen Anschein zu erwecken. Am überzeugendsten jedoch war ihre Haltung. Mir war noch nie aufgefallen, dass ältere Huren einen ganz bestimmten Gang an sich haben, aber nun sah ich es. Nur Miss Glades dunkle, glänzende und wache Augen verrieten, dass sie es war.
Damit ihre Verkleidung überzeugend wirkte, bestellte ich auf ihren Wunsch hin einen Gin für sie. Ein paar der Gäste amüsierten sich zwar über meinen Geschmack, was Frauen betraf, aber niemand schien sich weiter etwas dabei zu denken -für sie war ich eben nicht mehr ganz nüchtern, und diese Frau konnte von Glück reden, auf mich gestoßen zu sein.
»Nun gut denn«, sagte ich und kam mir dabei ziemlich albern vor. »Mit Ihrer Maskerade hätten Sie mich beinahe hereingelegt, aber sei's drum - wir haben allerhand zu bereden.«
»Und das wird gar nicht so einfach sein, denn keiner von uns traut dem anderen.« Unter Schichten von Theaterschminke kam wie ein Palimpsest ein Lächeln zum Vorschein - ihr wahres Lächeln.
»Das, Madam, ist die traurige Wahrheit. Vielleicht wären Sie so gut, mir zu erklären, was Sie im Craven House eigentlich tun. Und wenn Sie schon einmal dabei sind, könnten Sie mir auch gleich verraten, inwiefern der Aufstand der Seidenweber neulich abends Ihre Pläne durchkreuzt hat.«
Sie zwinkerte unwillkürlich mit den Augen, was mir verriet, dass ich ins Schwarze getroffen hatte. »Meine Pläne?«
»Als Sie meiner angesichtig wurden, haben Sie etwas wie >Da sind Sie ja< oder so gesagt und dann Ihre Überraschung darüber zum Ausdruck gebracht, dass ich von der Menschenansammlung am Tor nicht aufgehalten worden war. Es ist klar, dass Sie mich für jemand anderes gehalten haben, weswegen Sie in meiner Gegenwart auch nicht Ihre Stimme verstellt haben, wie Sie es sonst im Craven House zu tun pflegen. Wenn wir uns an jenem Abend nicht begegnet wären, hätte ich wohl nie den Schluss gezogen, dass Sie sich als jemand anderes ausgeben, während Sie Ihrer Arbeit bei der East India Company nachgehen.«
»Sie ziehen eine ganze Menge Schlüsse«, sagte sie.
»Das stimmt. Falls Sie mich aber mit Fakten versorgen, werde ich weniger aufs Schlüsseziehen angewiesen sein.«
»Oder wie wäre es, wenn Sie mich mit Fakten darüber versorgen, was Sie so treiben?«
Ich musste lachen. »Wenn wir weiter wie Katz und Maus umeinander herumschleichen, kommen wir nie einen Schritt weiter. Sie müssen sich Ihre Gedanken gemacht haben, sonst hätten Sie sich nicht mit mir verabredet.«
Sie presste nachdenklich die Lippen aufeinander. »Da haben Sie natürlich recht. Es hat wenig Sinn, um den heißen Brei herumzureden. Wenn keiner von uns es wagt, den Mund aufzumachen, kommen wir nie zu einer Lösung. Und Sie dürfen mir glauben, dass es mein größter Wunsch ist, dass wir am selben Strang ziehen.«
»Und warum das?«, erkundigte ich mich.
Noch einmal zeigte sie mir ihr Lächeln. »Sie dürfen einer Lady nicht eine solche Frage stellen«, sagte sie. »Aber ich glaube, Sie kennen die Antwort.«
Ja, das hoffte ich auch. Aber ich durfte dieser Frau nicht trauen. Sie hatte Charme, sah gut aus und verfügte über Humor - eine Mischung, die ich ziemlich unwiderstehlich fand, und in ihr verbanden sich diese vorzüglichen Eigenschaften auf eine Weise, die mich geradezu magisch anzog. Doch alles, was ich bisher von ihr gesehen hatte, sagte mir, dass sie die Kunst, anderen etwas vorzumachen, auf das Trefflichste beherrschte, also musste ich davon ausgehen, dass jeder Versuch, mir zu schmeicheln, so falsch sein konnte wie ihre Kostümierung.