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»Sir«, sagte sie. »Ich muss Ihnen eine einzige Frage stellen. »Beabsichtigen Sie mit Ihrem Tun im Craven House, dem Unternehmen zu schaden oder ihm zu nützen?«

»Keines von beiden«, sagte ich nach einem Augenblick des Zögerns. Ich hatte diese Frage nicht erwartet und musste mit meiner Antwort auf Nummer sicher gehen. Von einer neutralen Position ließ sich immer leichter abweichen. »Mir ist das Schicksal der East India Company gleichgültig, und ich lasse mich in meinem Handeln weder von dem einen noch von dem anderen beirren.«

Die Antwort schien sie zufriedenzustellen. »Ich freue mich, das zu hören, denn es bedeutet, dass wir nicht auf verschiedenen Seiten kämpfen. Nun aber dazu, was ich für die East India Company tue. Wie Ihnen bekannt ist, Sir, besitzt das Unternehmen kein Monopol auf seinem Gebiet. Jedes Unternehmen, das über die notwendigen Mittel und Beziehungen verfügt, kann mit Indien Handel treiben.«

Wieder musste ich lachen. »Ja, das habe ich auch schon gehört. Es scheint ein bevorzugtes Thema im Craven House zu sein.«

»Das ist auch nur zu begreiflich. Die East India Company muss ständig auf der Hut vor denjenigen sein, die ihr schein-bar ihren Reichtum nehmen wollen. Also wird häufig etwas unternommen, um einen potenziellen Mitbewerber auszustechen. Doch manchmal bleibt es nicht dabei. Manchmal wird zu unfairen Praktiken gegriffen und auch vor Diebstahl nicht zurückgeschreckt, um ein kleines Unternehmen, dass nicht mehr als einen Fingerhut voll vom Reichtum des Ostens abhaben möchte, im Keime zu ersticken.«

»Und Sie gehören zu einem solchen Unternehmen?«

»In der Tat. Ich stehe in Diensten eines Handelsherren, dessen geschäftliche Ideen und Kontakte ihm von Agenten der East India Company abspenstig gemacht worden sind. Ich halte mich im Craven House auf, um Beweise für diese Missetat zu finden und das begangene Unrecht wiedergutzumachen. Wie auch Ihnen liegt mir weder etwas daran, der East India Company zu schaden, noch ihr zu nützen. Ich will nur Genugtuung.«

»Die Direktoren der East India Company werden ein wenig anders darüber denken, aber das soll mir gleich sein. Wenn Ihrem Auftraggeber ein Unrecht widerfahren ist, wie Sie sagen, kann ich Ihnen nur Erfolg bei Ihren Bemühungen wünschen.«

»Vielen Dank, Sir. Könnten Sie mir nun vielleicht sagen, was Sie so umtreibt?«

»Aber gewiss.« Ich hatte mir darüber ausgiebig Gedanken gemacht, nachdem von Miss Glade der Vorschlag für diese Zusammenkunft gekommen war, und ich hatte mir eine Geschichte zurechtgelegt, von der ich glaubte, dass Sie meinen Zwecken aufs Vorzüglichste dienen würde. »Ich stehe in Diensten eines Gentleman, der mehr persönliche Verdienste als Vermögen vorweisen kann. Es handelt sich dabei um den leiblichen Sohn von Mr. Ellershaw. Unser werter Kollege hat ihn vor ungefähr zwanzig Jahren gezeugt, danach aber weder dem Kind noch der unglücklichen Mutter den Unterhalt gewährt, den auch solche unehelichen Kinder zum Leben brauchen. Ja, er hat die Mutter sogar auf die herzloseste Weise abgewiesen, als diese ihn um Hilfe anflehte. Auf Wunsch dieses Sohnes bin ich nun hier, um Beweise für Ellershaws Vaterschaft zu erbringen, damit gegen ihn ein Verfahren angestrengt werden kann.«

»Ich glaube, ich habe von dem Fall gelesen«, sagte Miss Glade.

»Tatsächlich?« Meine Verblüffung musste mir am Gesicht abzulesen gewesen sein.

»Ja. Miss Eliza Haywood hat ihn in einem ihrer romantischen Romane verwendet.«

Ich hustete nervös. Ein Mann am Nebentisch schaute zu uns herüber, um sich zu vergewissern, dass ich auch nicht erstickte. »Sie verfügen über einen wachen Geist, Madam, aber Sie wissen doch, dass Romanschriftstellerinnen sich rühmen, wie aus dem Leben gegriffen zu schreiben. Es kann daher nicht verwundern, wenn eine Geschichte aus dem wahren Leben in gewisser Weise einer Romanepisode ähnelt, die ihr nachempfunden ist.«

»Kann sein, dass Sie eher gewitzt als überzeugend sind.« Sie machte eine ausholende Geste mit den Händen und grinste dazu.

»Trotzdem«, sagte ich, »würde ich, wenn wir nun schon dabei sind, einander gegenseitig auf den Zahn zu fühlen, gerne etwas von Ihnen erfahren. Wie kommt es, dass eine junge Dame über eine solch bemerkenswerte Verstellungskunst verfügt? Und Sie wissen sich nicht bloß zu kostümieren, sondern auch Ihre Stimme, ja Ihren ganzen Habitus dem Kostüm anzupassen.«

»Nun ja.« Sie blickte zu Boden. »Ich habe Ihnen noch nicht alles von mir erzählt, Mr. Weaver. Aber da wir nun einander unser Vertrauen schenken und ich glaube, dass Sie mir nichts Böses wollen, will ich mich bemühen, noch ehrlicher mit Ihnen zu sein. Mein Vater, Sir, war ein jüdischer Handwerker, der ...«

»Sie sind Jüdin?« Ich musste mich gehörig zusammenneh-men, um ihr meine Frage nicht ins Gesicht zu schreien. So kam sie mehr als ein grollendes Flüstern heraus.

Sie sah mich amüsiert aus großen Augen an. »Erstaunt Sie das so sehr?«

Meine Antwort fiel ziemlich direkt aus. »Ja.«

»Ich verstehe. Eine brave Jüdin bleibt zu Hause, kocht, entzündet die Kerzen und stellt ihr Leben in den Zweck, es einem Vater oder Bruder oder Ehemann oder Sohn behaglich zu machen. Nur englischen Frauen ist es gestattet, sich frei auf der Straße zu bewegen.«

»So habe ich das nicht gemeint.«

»Sind Sie sich da ganz sicher?«

Nein, das war ich nicht, also vermied ich es, die Frage zu beantworten. »Es gibt nicht so viele von uns auf dieser Insel, als dass ich erwarten könnte, eine charmante Fremde wie Sie darunter zu finden.«

»Und doch verhält es sich so. Aber dürfte ich nun mit meiner Geschichte fortfahren?«

»Selbstverständlich.«

»Wie ich sagte, war mein Vater Handwerker, ein gelernter Steinmetz, der als junger Mann seine Heimatstadt Wilna verließ, um sein Glück zu suchen. Viele Männer wie ihn verschlug es nach England, denn nirgendwo in Europa können Juden so unbehelligt leben wie hier. Und hier ist ihm auch meine Mutter begegnet, die ebenfalls nach England ausgewandert war. Geboren war sie als Kind armer Eltern in einem Ort namens Kazimierz.«

»Also sind Sie eine Aschkenasin?«

»So pflegt Ihresgleichen uns zu bezeichnen«, sagte sie nicht ohne Bitterkeit. »Sie mögen uns nicht sehr.«

»Ich hege keine Vorurteile. Dessen können Sie gewiss sein.«

»Und wie viele Juden von meiner Sorte zählen Sie zu Ihren Freunden?«

Es war mir äußerst unangenehm, so ausgefragt zu werden,

also legte ich ihr nahe, doch mit ihrer Erzählung fortzufahren.

»Teils wegen der Frömmelei der Engländer, teils wegen der Bigotterie unseres eigenen Volkes fand er es sehr schwer, hier in seinem Beruf zu arbeiten, doch nach vielen Jahren der Mühe brachte er es zu einem einigermaßen auskömmlichen Leben. Leider ist er bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen, als ich gerade siebzehn Jahre alt war. Ich kann mich nur damit trösten, dass die Arbeit mit Stein eben vielerlei Gefahren mit sich bringt. Meine Mutter war nicht in der Lage, uns zu ernähren, und wir hatten sonst keine Angehörigen in diesem Land. Also waren wir auf die Wohltätigkeit unserer Synagoge angewiesen, aber im Gegensatz zur anglikanischen Kirche verfügt diese nur über sehr geringe Mittel und konnte es sich kaum leisten, uns unser täglich Brot und ein Dach über dem Kopf zu gewähren. Diese Schande war zu viel für meine Mutter, so dass sie meinem Vater binnen eines halben Jahres ins Grab folgte. In all meinem Kummer fand ich mich auch noch mutterseelenallein auf der ganzen Welt.«

»Es tut mir sehr leid, das zu hören.«

»Sie machen sich kein Bild davon, wie schlimm es um mich stand. Alles, was ich besaß, war mir genommen worden, und mir standen nur bitterer Mangel und Elend bevor. In dieser Situation beschloss ich, die Papiere meines Vater zu durchforsten und stellte dabei fest, dass ein Mann von gewissem Ansehen ihm noch drei Pfund schuldig war. So bin ich zu Fuß durch diesen Moloch von einer Stadt gezogen und habe mir die übelsten Schmähungen gefallen lassen müssen, die Sie sich nur vorstellen können. Und ich wusste dabei um die Torheit meines Unterfangens, denn Männer wie der Schuldner meines Vaters pflegen ihre Rechnungen nicht zu begleichen, wenn sie es denn vermeiden können. So viel war mir längst klar geworden. Ich erwartete, grob abgewiesen zu werden, aber ich sollte mich gründlich getäuscht haben. Trotz der Fetzen, die ich am Leibe trug und meines elenden Aussehens empfing mich der Gentleman persönlich und übergab mir unter dem Ausdruck seines tiefsten Bedauerns ob der Verzögerung und meines Schicksals die mir zustehenden Silbermünzen, ja, er bezahlte mir sogar das Doppelte, um mein Leid zu mindern. Und er tat noch mehr für mich, Mr. Weaver. Er fragte mich, ob ich nicht als seine Gefährtin bei ihm bleiben wolle.«