Выбрать главу

Ich versuchte, meine Gefühle zu verhehlen. »Sie dürfen sich nicht schämen, zu etwas gezwungen gewesen zu sein, um nur überleben zu können.«

Sie sah mich unverwandt an. »Ich spreche nicht davon, dass ich mich geschämt hätte. Ich hatte sechs Pfund in meiner Hand, die wohl für Monate mein Überleben sichern würden. Und doch nahm ich das Angebot an, denn warum, sagte ich mir, sollte ich auf saubere Kleidung, ein Heim und mehr zu essen als das, was ich brauchte, um mich gerade eben vor dem Verhungern zu bewahren, verzichten? Ich weiß auch etwas über Ihre Geschichte, Sir, denn es ist in den Zeitungen darüber geschrieben worden. Als Sie in Ihrer Jugend ohne einen Heller dastanden, sind Sie in den Ring gestiegen, haben sich also von den Gaben Ihres Körpers ernährt. Ich habe nichts anderes getan, doch wenn Frauen dergleichen tun, werden sie mit allen möglichen Schimpfnamen bedacht. Und wenn ein Mann sich einer Frau annimmt, ihre Bedürfnisse nach Kleidung und Nahrung und einem Dach über dem Kopf stillt und sie als Gegenleistung nur auf die Aufmerksamkeiten anderer Männer verzichtet, nennt man das in manchen Ländern den Stand der Ehe. Hierzulande ist es Hurerei.«

»Madame, es steht mir nicht zu, über Sie zu urteilen.«

»Nicht mit Ihren Worten, aber ich kann in Ihren Augen lesen.«

Darauf wusste ich nichts zu erwidern, denn sie hatte richtig beobachtet. Ich hatte lange genug selber auf der Straße gelebt, um zu wissen, wie töricht es war, den Stab über eine Frau zu brechen, weil sie die ihr gegebenen Möglichkeiten nutzt, um dem Hungertode oder einem kaum erstrebenswerteren Dasein zu entgehen. Und ich wusste auch, dass wir nur deshalb so vorschnell verächtlich über Frauen sprachen, die sich nach ihrem Wohlgefallen ihres Körpers bedienten, weil wir Männer über das Tun und Lassen der Frauen bestimmen wollten. Und doch war ich enttäuscht, denn in meiner Vorstellung sollte sie rein und unbefleckt sein - was wiederum nur zu töricht meinerseits war. Es hatte schließlich mit ihrem Freiheitsdrang, ihrem wachen Geiste zu tun, ihrem Wunsch, mit der Welt im Einklang zu stehen - oder besser noch, die Geliebte der ganzen Welt zu sein -, dass ich mich so zu Celia Glade hingezogen fühlte.

»Wie Sie bin auch ich von der Welt, in die ich hineingeboren wurde, geprägt worden«, sagte ich versöhnlich. »Seit meiner frühesten Jugend ist es mir anerzogen worden, derartige Urteile über Frauen zu fällen, die ähnliche Entscheidungen wie Sie getroffen haben. Und obwohl ich mit reiferen Jahren den Wunsch habe, solche Vorstellungen aus meinen Gedanken zu verbannen, meldet sich doch eine innere Stimme in mir, die mich von dem Gegenteil überzeugen möchte.«

»Ja«, sagte sie, »ich habe Entscheidungen getroffen, und ich wusste, dass diese Entscheidungen zu der Zeit die richtigen waren, doch höre auch ich auf eine innere Stimme. So sehr, wie ich mir wünsche, nicht von Ihnen verdammt zu werden, so wenig will auch ich Sie verdammen. Doch zurück zu meiner Geschichte. Während ich seine Bevorzugte war, hat es mir an nichts gefehlt, und er fand großen Gefallen an meiner Neigung, alles zu parodieren. Zu Anfang ermunterte er mich nur, Bekannte von uns nachzuahmen, aber dann begann er, Kostüme für mich zu kaufen und mich in allerlei Rollen schlüpfen zu lassen - die einer bettelnden Zigeunerin, einer arabischen Kurtisane, eines Bauernmädchens, sogar die einer alten Frau. Ihm zu Gefallen habe ich mir die Fertigkeiten angeeignet, die Sie an mir beobachtet haben. Doch wie es sich unter solchen Umständen ergibt, traf er eine andere Frau, die jünger und interessanter war als ich und noch mehr seinem Geschmack entsprach.«

»Er muss der größte Dummkopf der Welt gewesen sein, dass er eine andere Frau Ihnen vorgezogen hat.«

Ich sah ein selbstgefälliges Funkeln in ihren Augen aufblitzen, doch sie zog es vor, meine schmeichlerische Bemerkung zu ignorieren.

»Auch wenn ich nicht länger die Dame seines Herzens war, hat jener Gentleman, dessen Namen ich nicht nennen werde, doch seine Pflicht erkannt - anders als Mr. Ellershaw, wie Sie ihn mir beschrieben haben - und fuhr damit fort, mich zu unterstützen. Nachdem ich zwei Jahre lang von ihm getrennt, aber von seinen Zuwendungen gelebt hatte, suchte er mich eines Tages auf, um mir zu sagen, dass er wünschte, ich würde meine Talente zu seinem Nutzen anwenden. Da ich ihm einiges zu verdanken hatte, konnte ich ihm diesen Wunsch schlecht abschlagen, vor allem, da ich mir auch in Zukunft sein Wohlwollen nicht verscherzen mochte. So bin ich als seine Augen und Ohren ins Craven House gekommen, um möglichst viel über die illegalen Machenschaften der East India Company in Erfahrung zu bringen und damit auch anderen Geschäftsleuten den Handel mit Asien zu öffnen. An dem Abend unserer ersten Begegnung hielt ich Sie für einen Bediensteten meines Wohltäters, der gekommen war, um die Abschriften einiger Papiere zu holen, die ich für seine Zwecke angefertigt hatte, und dadurch habe ich mich unwillkürlich verraten.«

Mir lag die Bemerkung auf der Zunge, dass ich wohl nicht der Einzige war, der Geschichten zum Besten gab, in denen Stoff für einen Roman steckte, aber das wäre ungalant gewesen, also nickte ich nur. Doch als dann die Andeutung einer Träne in ihrem Augenwinkel erschien, strich ich ihr über die Hand, wobei ich ein Ginglas umstieß, das seit ihrem Eintreffen unberührt auf dem Tisch gestanden hatte, und da wir recht weit entfernt vom Feuer saßen, konnte ich mir vorstellen, dass sie über die kühle Flüssigkeit in ihrem Schoß erschrecken musste.

»Oh, ist das kalt!«, entfuhr es ihr in ihrer eigenen Stimme - ganz und gar nicht der einer alternden Hure. Sie sprang auf und wischte sich das Getränk von der Kleidung. Zum Glück war es noch nicht tief eingedrungen, und obwohl sich die übrigen Gästen über das Missgeschick amüsierten, schien es niemandem aufgefallen zu sein, dass sie wie eine junge Dame gekreischt hatte und nicht wie eine verbrauchte, verwelkte Metze.

»Ich bitte sehr um Entschuldigung«, sagte ich und eilte zum Tresen, wo ich mir von dem Wirt ein einigermaßen trockenes Handtuch geben ließ. Danach konnte Miss Glade wieder Platz nehmen.

»Sie müssen meine Ungeschicklichkeit entschuldigen«, sagte ich noch einmal, nachdem ich das Handtuch zurückgebracht hatte. »Ich muss so von Ihrer Schönheit geblendet gewesen sein, dass ich gar nicht mehr wusste, was ich tat.«

»Ihre charmanten Worte klängen noch überzeugender, wenn ich nicht so gekleidet wäre«, sagte sie mit einem schiefen Grinsen, aber ich wusste, dass sie es mir nicht nachtrug. Im Gegenteil - der Zwischenfall hatte sogar dazu beigetragen, die Spannung zwischen uns zu lösen.

Es gab nun einiges, über das ich nachdenken musste. Wie viel davon sollte ich Cobb anvertrauen? Es war mir klar, dass Miss Glade die Unwahrheit gesagt hatte - zumindest, was ihren Versuch betraf, einem Kaufmann, dem man übel mitgespielt hatte, zu seinem Recht zu verhelfen. Ihre Geschichte ähnelte zu sehr meiner eigenen - eine Mär vom Streben nach Genugtuung. Aber wer wollte ihr die gute Absicht verübeln? Höchstens ein Angehöriger der East India Company. Doch für was auch immer sie mich halten mochte, eines wusste sie: Ich steckte nicht mit denen unter einer Decke.