Aber wie verhielt es sich nun wirklich mit Miss Glade? Wenn sie nicht war, als was sie sich ausgab, was war sie dann? Ich hegte durchaus meine Vorbehalte, denn ich hatte ihr schon die Geschichte davon, wie sie sich für ihren Galan verkleidet hatte, nicht abgenommen. Und sie war vermutlich auch keine Schauspielerin, denn das hätte sie doch nicht zu verhehlen brauchen. Aber wer sonst war so geschickt darin, sich als jemand anderes auszugeben?
Über die Antworten auf solche Fragen hatte ich nachgesonnen, als ich ihr Glas umstieß. Es war kalt in dem Raum, und sie würde sich erschrecken und, so hoffte ich, einen Schrei ausstoßen, und zwar mit unverstellter Stimme. Es waren nur vier Worte gewesen, nur vier Silben, aber das hatte mir gereicht, um die Spur von einem Akzent herauszuhören. Das langgezogene o, das s, das wie ein Zischlaut klang, das t, das viel gehauchter geklungen hatte, als es die Briten betonen. Es war nicht der Akzent einer Einheimischen, und erst recht nicht das Jiddisch der Juden Mittel- und Osteuropas. Oh ja, den Akzent kannte ich, konnte ihn sogar anhand so weniger Worte zuordnen.
Miss Glade war eine Französin, die etwas anderes zu sein vorgab, und ich konnte mir keinen anderen Grund dafür denken, als dass sie eine Spionin im Dienste der französischen Krone war, im Dienste eben jener Männer, die, wie ich annehmen musste, auf mein baldiges Ableben spekulierten.
16
Warum sollte den Franzosen so viel daran gelegen sein zu erfahren, was ich mit der East India Company zu tun hatte? Auf diese Frage konnte ich beim besten Willen keine Antwort finden, also wollte ich mich möglichst rasch von der Lady trennen, um in Ruhe über diese neue Erkenntnis nachzusinnen, doch ich musste mir genügend Zeit lassen, damit sie nicht merkte, dass ihr Aufschrei etwas über sie verraten hatte.
Ich begleitete sie - oder vielmehr, sie begleitete mich, denn sie kannte sich in dem Labyrinth von St. Giles weit besser aus als ich - zur High Holborn Road, wo ich eine Droschke für sie besorgen wollte. Im Gehen begann sie, Teile ihrer Verkleidung abzulegen und in einem Beutel, den sie mit sich trug, zu verstauen. Zunächst die Perücke, dann ihre abgerissenen Handschuhe, die sie gegen neue austauschte; schließlich wischte sie sich mit einem Tuch die Schminke aus dem Gesicht. Sie war immer noch so gekleidet, dass es kaum ihren weiblichen Liebreiz betonte, und ihre Zähne blieben vorerst verfärbt und lückenhaft, doch als wir auf die lebhafte Straße hinaustraten, sah sie schon nicht mehr aus wie eine Schlampe, sondern wie eine schöne Frau, die eben nur schäbig gekleidet war.
»Wie bevorzugen Sie mich denn?«, verlangte sie zu wissen.
»Erlauben Sie mir, dass ich die Antwort erwäge«, sagte ich, »und Sie werden sie in Bälde von mir bekommen.« Ein Droschkenkutscher fing meinen Blick auf und gab uns ein Zeichen, näherzutreten.
»Gut, ich werde mich von Ihnen hinhalten lassen«, sagte sie, »und ich bedanke mich für Ihre Hilfsbereitschaft mit der Kutsche. Aber was wird nun aus Ihnen?«
»Zunächst muss ich Sie sicher auf den Weg bringen, dann kümmere ich mich um ein eigenes Transportmittel.«
»Vielleicht können wir uns einen Wagen teilen«, schlug sie unerwartet keck vor.
»Ich wüsste nicht, dass wir die gleiche Richtung haben.«
Sie kam ganz dicht an mein Ohr. »Es ließe sich doch bestimmt einrichten, dass unsere gleiche Richtung genau die ist, in die wir fahren.«
Ich weiß nicht, ob ich je in meinem Leben härter darum gerungen habe, meine Leidenschaft zu zügeln. Mit leicht geneigtem Kopf schielte sie zu mir hoch; ihre Lippen waren ein wenig geöffnet, so dass ich das verlockende Rosa ihrer Zungenspitze sehen konnte. Es wäre einfach, so einfach gewesen, ihr dorthin zu folgen, wohin sie mich führen wollte, ihr zu gestatten, mich in ihre Arme zu nehmen. Ich hätte mir einreden können, dass es meinen Zwecken dienlich wäre, dass ich, indem ich ihr nahe war, mehr über ihr Trachten erfahren würde. Aber ich wusste, dass ich mich damit nur selber täuschte. Würde ich mich ihren Avancen und meinen Gelüsten hingeben, könnte ich von diesem Augenblick an meinen eigenen Instinkten nicht mehr trauen. Wenn es nur um mein Leben, mein eigenes Wohlergehen gegangen wäre, hätte ich eine Münze geworfen und sie entscheiden lassen. Aber mein teuerster Freund, ein in Würde alternder Gentleman und mein gebrechlicher Onkel waren darauf angewiesen, dass ich meine Aufgabe rasch und mit Erfolg zu Ende führte - erst dann konnte ich frohen Mutes unter den verzückendsten aller denkbaren Galgen spazieren.
»Ich fürchte, dass ich noch eine dringende Verabredung habe«, redete ich mich heraus.
»Dann sollte ich vielleicht für einen anderen Abend eine dringende Verabredung mit Ihnen eingehen«, schlug sie vor.
»Vielleicht«, brachte ich hervor, obwohl mein Mund staubtrocken wurde. »Gute Nacht, Madam.«
»Warten Sie.« Sie packte mich fest am Handgelenk. Ein jäher Taumel der Erregung, heiß wie Feuer, durchfuhr mich. Auch sie musste es gespürt haben, denn sie ließ sogleich los. »Ich hoffe«, sagte sie, offensichtlich nach Worten ringend, »... ich ... ich weiß, dass ich sehr verspielt wirken kann, aber ich hoffe, ich genieße ein wenig von Ihrer Wertschätzung. Das tue ich doch, oder?«
»Selbstverständlich, Madam«, stieß ich hervor.
»Und doch sind Sie immer noch so formell. Wollen Sie nicht ungezwungener mit mir umgehen?«
»Daran wäre mir sehr gelegen, doch ich glaube, dies ist nicht der rechte Zeitpunkt dafür. Gute Nacht«, wiederholte ich noch einmal, wandte mich hastig ab und entfernte mich eilig.
Ich hatte ihr die Wahrheit gesagt. Ich würde gerne ungezwungener mit ihr umgehen, aber dies war wirklich nicht die rechte Zeit, damit anzufangen. Das war nicht gelogen. Ich hatte bloß versäumt zu erwähnen, dass es meiner Ansicht nach meiner Freiheit, wenn nicht gar meinem Leben, zuträglich sein könnte, ihr gegenüber vorerst noch eine Spur gesundes Misstrauen zu hegen.
Eine fast schlaflose Nacht voller verstörender Gedanken brachte mir auch nicht mehr Klarheit. So war es ein Glück, dass ich am nächsten Vormittag Gelegenheit fand, mich mit Elias zu besprechen. Es war niederschmetternd genug zu erfahren, dass die Franzosen meinen Tod herbeiwünschten, aber die Erkenntnis, dass Miss Glade, eine junge Dame, zu der ich eine nicht geringe Zuneigung zu fassen begann, vielleicht auch zu ihnen gehörte, verwirrte mich nur umso mehr und stimmte mich noch verdrießlicher.
Ich hatte an diesem Morgen eine Unterredung mit einem der Angestellten des Craven House, und nachdem dies erledigt war, entdeckte ich zu meiner Freude Elias in der Eingangshalle des Gebäudes. Er war in ein Gespräch mit einer Frau vertieft. Einen Moment lang fragte ich mich, was er hier wollte, aber dann fiel mir ein, dass er in seiner Eigenschaft als Ellershaws behandelnder Arzt zugegen war. Ich wollte zu ihm hineilen, aber mein Eifer verließ mich fast augenblicklich, als ich sah, dass die Person, mit der er sprach, keine Geringere war als Celia Glade.
Bevor ich auch nur ein Wort aus seinem Munde erhaschen konnte, erkannte ich an seinem Habitus - kerzengerade Haltung, ein breites, blendendes Lächeln, eine Hand in der Manier des ehrlich meinenden Gentleman auf die Brust gepresst -, dass er auf der Jagd nach Beute war und sich durch nichts und niemanden so leicht davon würde abbringen lassen.
Ich ahnte, dass er gerade etwas Amüsantes geäußert hatte, denn Miss Glade hielt sich die Hand vor den Mund, um ein Kichern zu unterdrücken - ein Geräusch, das im Craven House als höchst unangebracht erachtet wurde. Ich meinerseits fand es höchst unangebracht, dass er versuchte, sie für sich einzunehmen, oder, was mich noch viel mehr störte, dass sie sich auch noch darauf einließ. Ich wusste, dass ich mich angesichts solch formidablen weiblichen Charmes nicht auf Elias' gesunden Menschenverstand verlassen durfte, also trat ich rasch vor, um diese Zusammenkunft, aus der nichts Gutes gedeihen konnte, zu unterbinden. Was wusste Miss Glade? War ihr bekannt, dass ich mit Elias befreundet war? Dass sein Schicksal so eng mit dem meinen verknüpft war? Ich konnte nur eines mit Bestimmtheit sagen: Ich wollte nicht, dass sie noch mehr erfuhr, als sie ohnehin schon wusste.