»Guten Morgen, Celie«, begrüßte ich sie und ignorierte Elias für den Augenblick. »Hältst du es für klug, allen Beschäftigten des Craven House vorzuführen, dass du Bedarf nach dem Ratschlag eines Arztes hast?«
Im Nachhinein ist mir bewusst geworden, dass ich mir eine weniger gehässige Bemerkung hätte einfallen lassen sollen, um ihr Gespräch zu unterbrechen, eine, bei der ich nicht so sehr durchblicken ließ, was ich über ihre Vorgeschichte wusste - die ich immer noch nicht zu glauben bereit war. Zu jenem Zeitpunkt jedoch war ich zufrieden damit, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlt hatte. Miss Glade wurde rot und eilte davon.
Elias zog die Augen zu Schlitzen zusammen und presste die Lippen aufeinander - ein klares Zeichen, dass ich mir seinen Unmut zugezogen hatte. »Das war nicht gerade galant, Wea-ver, muss ich sagen.«
Da ich allerhand mit ihm zu bereden hatte und dies nicht der passende Ort dafür war, zögerte ich nicht, gegen die Dienstordnung zu verstoßen und das Gelände zu verlassen, um ein Schanklokal mit ihm aufzusuchen. Den ganzen Weg lang schimpfte er herum, dass ich seine Unterredung mit Miss Glade abgewürgt hatte.
»Das Mädchen war scharf wie eine Feldhaubitze, Weaver. Das werde ich dir nicht so schnell vergessen, mein Freund.«
»Darüber reden wir später«, grummelte ich.
»Nein, ich möchte jetzt darüber reden«, beharrte er. »Ich bin viel zu aufgebracht, um über etwas anderes zu sprechen.«
Ich duckte mich, um mir nicht an einem der in der ganzen Stadt berüchtigten niedrig hängenden Ladenschilder den Kopf zu stoßen. Elias war viel zu erbost, um darauf zu achten, und ich war so verärgert, dass ich ihn beinahe in sein Unglück hätte laufen lassen, aber letzten Endes wollte ich doch nicht, dass ihm ein Leids geschah, selbst, wenn es sich nur um einen kleinen, geradezu grotesken Unfall gehandelt hätte, und zog ihn im Gehen beiseite. Er aber geriet nicht einmal aus dem Schritt.
»Oh«, sagte er, »da hast du aber gut aufgepasst. Aber damit machst du dein skandalöses Benehmen auch nicht wieder bei mir gut, Weaver. Skandalös, sage ich. Ich werde mir etwas sehr Teures kommen lassen und darauf bestehen, dass du mich dazu einlädst.«
Sobald wir vor unseren Krügen saßen und Elias sich einen Teller mit Brot und kaltem Fleisch bestellt hatte, stärkte er sich mit einer Prise Schnupftabak und fing sein Lamento wieder von vorne an.
»Wenn du mich in Zukunft mit einem hübschen Mädchen siehst, Weaver, wäre mir sehr daran gelegen, dass du ...«
»Dein Leben und das meine und das meiner Freunde hängt davon ab, was im Craven House geschieht«, unterbrach ich ihn. »Und was dich betrifft, so habe ich hier zu bestimmen. Du tust, was ich dir sage und wenn ich es sage und enthältst dich jeglicher Widerworte. Ich werde es nicht zulassen, dass du mit deinem unstillbaren Verlangen nach den Frauen und deiner Unfähigkeit, eine Gefahr unmittelbar vor deiner Nase zu erkennen, uns beide und andere ins Verderben stürzt. Du magst es vielleicht amüsant finden, dich an irgendwelche Frauen heranzumachen, aber in diesem Fall könnte es auf den reinsten Selbstmord hinauslaufen.«
Er starrte in seinen Krug und schien meine Worte zu erwägen. »Ja«, sagte er endlich. »Du hast recht. Es ist der falsche Ort, um nach Vergnügungen Ausschau zu halten, und es stimmt auch, dass ich mir von Frauen leicht den Kopf verdrehen lasse, vor allem, wenn sie so schön sind wie Miss Glade.«
»Gut.« Ich gab ihm einen Klaps auf die Schulter, damit er wusste, dass die Sache für mich erledigt war. »Tut mir leid, dass ich dir so heftig an den Karren gefahren bin, aber ich habe es in jüngster Zeit auch nicht leicht gehabt.«
»Nein, du brauchst dich nicht bei mir zu entschuldigen. Ich brauche ab und zu mal einen Tritt in den Allerwertesten, und den hole ich mir lieber von meinen Freunden als von meinen Feinden.«
»Ich werde mich bemühen, dich zu gegebener Zeit daran zu erinnern«, sagte ich grinsend. Ich war froh, dass der Missklang zwischen uns bereinigt war. »Nun erzähl mir lieber von deinen sonstigen Errungenschaften.«
Ich weiß nicht, ob es sein sprunghaftes Wesen war, das ihn seinen Groll so rasch vergessen ließ, aber seine Miene hellte sich sogleich sichtlich auf. »Deinen Freund Ellershaw hat es ganz schön erwischt«, sagte er und grinste nun seinerseits, obwohl dies ja nun wirklich keine erfreuliche Nachricht war.
»Die französische Krankheit?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, nicht die französische. Die englische. Wahnsinn.«
»Wie meinst du das?«
»Was ich meine, Weaver, ist, dass er sich von einer fortgeschrittenen und höchst ansteckenden Syphilis befallen glaubt. Er spricht davon zwar als einer Gonorrhöe, weil er den Unterschied nicht begreift, aber auf jeden Fall weist er keinerlei Symptome auf. Ich kann keine wunden Stellen, keine Pusteln, keinen Ausschlag und keine Entzündung feststellen. Und auch kein Anzeichen dafür, dass es je solche gegeben hat.«
»Bist du dir da sicher?«
Er nahm einen tiefen Zug von seinem Ale. »Weaver, die letzte Stunde habe ich damit verbracht, das allerprivateste Körperteil eines wirrköpfigen alten Fettwanstes zu befingern. Bitte frage mich nicht, ob ich meiner Sache sicher bin. Ich möchte diesen Vormittag so schnell wie möglich vergessen.«
»Und was hast du ihm nun gesagt?«
»Du weißt, dass ich per Eid verpflichtet bin, meine Patienten nach bestem Wissen zu behandeln.«
»Ja, schön und gut. Aber was hast du nun zu ihm gesagt?«
»Da ich nicht verpflichtet bin, nicht wenigstens so zu tun, als würde ich einen Mann, der sich nur krank wähnt, behandeln, vor allem, wenn ihm dies Seelenfrieden verschafft, habe ich ihm gesagt, dass ich ein Mittelchen wüsste, das erst jüngst von Barbados an unsere Küsten gelangt ist, und dass ich der Überzeugung wäre, dass dieses ihm Linderung verschaffen würde. Ich habe ihn ein wenig zur Ader gelassen, seinen Darm entschlackt und ihm ein ziemlich harntreibendes Diuretikum dagelassen. Sowie ich hier mit dir fertig bin, werde ich meinem Apotheker eine Nachricht zukommen lassen, dass er Ellershaw eine Anzahl Mixturen schicken soll, die keine andere Wirkung haben werden, als seine Aufregung zu dämpfen. Und da er an meine Medizin zu glauben scheint, wird ihm das vielleicht guttun.« Er hielt eine glänzende Guinee hoch. »Auf jeden Fall hat er sich sehr erkenntlich gezeigt.«
»Alle Achtung. Und wirst du ihn weiterhin behandeln?«
»So gut es geht, aber es könnte ihn verstimmen, wenn ich mich weigere, ihm Quecksilber zu verabreichen, denn das möchte ich vermeiden. Ihm fehlt nichts, was die Vergabe eines so starken Mittels rechtfertigt.«
»Gib ihm doch, was er will, solange er dich bei Kasse hält.«
»Quecksilber wirkt bei Geschlechtskrankheiten Wunder, aber es hat auch böse Nebenwirkungen. Es widerspricht der Ethik, einem Mann eine Medizin zu geben, die er nicht nötig hat und die Nebenwirkungen bei ihm hervorruft, unter den er nicht zu leiden bräuchte.«
»Entspräche es der Ethik, wenn du den Rest deiner Jahre im Schuldnergefängnis verbringen müsstest, nur, weil du dich um die Gesundheit eines habgierigen alten Dummkopfs gesorgt hast?«
»Da ist was dran«, sagte er. »Ich werde zu gegebener Zeit darüber nachdenken.«
»Aber lass es mich bitte wissen, bevor du etwas unternimmst.«
»Auf jeden Fall. Wenn du erlaubst, möchte ich nun noch ein letztes Mal auf das Mädchen zu sprechen kommen. Hast du mal daran gedacht, dass es mir einen Vorwand verschaffen würde, mich öfter im Craven House aufzuhalten, wenn ich eine amouröse Beziehung mit ihr anfinge? Zwei Paar Augen sehen mehr als nur eines alleine und .«