»Sie ist eine französische Spionin«, unterbrach ich ihn, was wie ein Pistolenknall wirkte und ihn augenblicklich zum Schweigen brachte. Doch sogleich bereute ich meine Worte. Elias war der Dame nicht gewachsen. Wenn es mir nicht gelang, ihn von ihr abzubringen, bräuchte sie ihm nur ein wenig auf den Zahn zu fühlen, und das, was er von mir über sie erfahren hatte, würde ihm wie mit Tinte geschrieben von der Stirn abzulesen sein. Aber nun hatte ich es einmal aufs Tapet gebracht und konnte die Angelegenheit kaum damit auf sich beruhen lassen. »Irgendwo haben wir hier eine Verschwörung von Seiten der Franzosen, Elias. Ich weiß nicht, ob es die größte Schurkerei ist, mit der wir es im Umfeld der East India Company zu tun haben, aber eine Verschwörung ist es allemal. Zuerst finden wir heraus, dass es Franzosen sind, die mein Leben versichert haben, als wäre ich ein todsicheres Papier an der Börse, und nun stellt sich heraus, dass eine französische Spionin versucht, alles über die East India Company und über mich in Erfahrung zu bringen.«
Ich berichtete ihm auch von meinem Treffen mit Miss Glade am Vorabend, doch obwohl ich die amourösen Elemente desselben nach Möglichkeit aussparte, kannte mich Elias doch lange genug und war zu sehr ein Menschenkenner, um nicht doch Verdacht zu schöpfen.
»Hast du etwa ein Auge auf diese verräterische Kreatur geworfen?«
»Sie möchte, dass ich es tue«, antwortete ich.
»Und da sie so gut aussieht und so viel Charme versprüht, würdest du ihr wohl gerne diesen Gefallen erweisen?«
»Ich weiß mich sehr wohl zu beherrschen«, versicherte ich ihm. »Und ich habe kein Verlangen, mich mit einer Frau einzulassen, von der wir längst noch nicht genau wissen, was wir von ihr zu halten haben. In dieser Hinsicht brauchst du dir um mich keine Sorgen zu machen.«
Er vertiefte sich einen Augenblick lang in die Betrachtung seiner penibel gepflegten Fingernägel - ein klares Zeichen dafür, dass ihm etwas Unangenehmes auf der Zunge lag. »Ich gehe davon aus, dass du dich damit abgefunden hast, dass es mit dir und der Witwe deines Cousins nie etwas wird.«
Ich schüttelte ungläubig den Kopf. »Glaubst du allen Ernstes, mein Verlangen nach Miriam wäre das Einzige, was zwischen mir und einer niederträchtigen Spionin stünde?«
»Ich weiß, wie lange du dich nach Miriam Melbury verzehrt hast, und dass es dir das Herz im Leibe zerrissen hat, aber wenn du es so ausdrückst, ziehe ich meinen Einwand zurück.«
»Es beruhigt mich ungemein, das zu hören.«
»Und dennoch näherst du dich dem Alter, in dem ein Mann ans Heiraten denken sollte.«
»Elias, wenn ich mich darüber mit jemandem unterhalten wollte, könnte ich mich ebenso gut an meine Tante Sophia wenden, die Klügeres dazu zu sagen wüsste und mich wahrscheinlich noch mit einem guten Mahl bewirten würde. Übrigens könnte ich das Gleiche von dir behaupten, aber du scheinst mir auch nicht auf der Suche nach der Frau fürs Leben zu sein.«
»Ach, ich bin nicht für die Ehe geschaffen, Weaver, und wenn ich es wäre, dann müsste es eine Gattin mit einer beträchtlichen Mitgift sein, die sich nicht an meiner ständigen Geldknappheit stört. Du hingegen bist Jude, und es bleibt dir gar nichts anderes übrig, als zu heiraten. Wenn du meine Meinung hören willst - eine Frau in deinem Leben würde dir guttun.«
»Ich sollte Mr. Cobb sagen, dass er dich schleunigst in den Schuldturm werfen lassen soll.«
»Wer die Wahrheit ausspricht, macht sich oft unbeliebt.«
»Ja, und du beherrscht diese Kunst meisterhaft. Dürfte ich vorschlagen, dass wir uns darauf beschränken, die Angelegenheit mit den Franzosen zu diskutieren?«
Er seufzte. »Na schön. Ich habe noch nie davon gehört, dass die Franzosen jemanden losschicken, damit der sich in die Geschäfte eines der großen Handelshäuser einmischt, aber es würde mich nicht überraschen, wenn sie auf eine solche Idee kämen. Immerhin verschaffen diese Handelhäuser unserem Land einen enormen Reichtum, und die East India Company streckt ihre Finger auch nach möglichen Kolonialgebieten aus. Es könnte jede Menge Gründe für die Franzosen geben, Craven House zu infiltrieren.«
Mehr wusste Elias dazu leider auch nicht zu sagen. Inzwischen hatte ich ausgetrunken und hielt es für angebracht, mich wieder auf dem Gelände der East India Company blicken zu lassen, ehe jemandem meine Abwesenheit auffiel. Zwar glaubte ich nicht, dass ich in diesem Falle viel zu befürchten hätte, aber ich hielt es für besser, keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.
Ich hatte auf meinem Weg zu den Lagerhäusern kaum das Tor passiert, als ich eine dringliche Stimme meinen Namen rufen hörte.
»Mr. Weaver, würden Sie bitte auf mich warten?«
Als ich mich umdrehte, sah ich Carmichael mit seinem Strohhut in der Hand auf mich zugerannt kommen.
»Was gibt es denn?«
»Mr. Ellershaw ist vor einer knappen halben Stunde hier gewesen. Es schien ihn sehr zu bekümmern, dass niemand wusste, wo Sie waren.«
Ich bedankte mich mit einem Kopfnicken und machte mich auf den Weg zu Ellershaws Büro. Auf mein Klopfen hieß er mich einzutreten. Ihm gegenüber an seinem mit Stoffproben vollgestapelten Schreibtisch saß Forester. Beide schienen wenig erbaut, mich zu sehen.
»Weaver.« Ellershaw spuckte ein paar Krümel von der braunen Masse aus, auf der er immer herumkaute. »Wo haben Sie gesteckt, Mann? Bezahle ich Sie, damit Sie sich auf meine Kosten vergnügen oder für Ihre Arbeit?«
»Tut mir leid, dass ich Ihrem Ruf nicht gleich Folge leisten konnte«, sagte ich. »Ich habe gerade eines der Lagerhäuser inspiziert, als Sie nach mir schickten.«
»Wenn Sie in einem der Lagerhäuser waren, wieso hat dann niemand Sie finden können?«
»Weil keiner es zu wissen brauchte. Inspektionen sind am wirkungsvollsten, wenn sie überraschend stattfinden.«
Ellershaw erwog dies einen Moment lang und nickte dann bedächtig. Seine Kiefer mahlten unterdessen weiter. »Das stimmt.«
Forester hielt ein Stück blauen Stoffes in der Hand, in dessen Betrachtung er vertieft war. Er schien es geradezu darauf anzulegen, den Blick nicht eine Sekunde lang von dem Tuch abzuwenden. Ich nahm an, dass er den Blickkontakt mit mir mied, weil mir sein Gesicht sonst etwas verraten hätte. Heimlichtuerei war nicht seine Stärke, und das wusste er. Ich aber konnte mir diesen Umstand zu Nutze machen.
»Was führt Sie denn nun her?«, verlangte Ellershaw von mir zu erfahren.
»Ich wollte mich nur bei Ihnen melden, weil Sie nach mir gesucht haben, Sir«, sagte ich.
»Jetzt habe ich aber keine Zeit für Sie. Merken Sie denn nicht, dass wir hier mit Dingen zu tun haben, die nicht Ihre Angelegenheit sind? Oder sehen Sie das anders, Forester?«
Forester behielt den Blick gesenkt. »Keineswegs. Ein Mann von seinem Schlage hat dem, was wir hier bereden, nichts hinzuzufügen.«
»Nun, da haben Sie aber eine sehr strenge Meinung von Mr. Weaver«, wies Ellershaw ihn zurecht. »Er mag zwar mit unseren Geschäften nichts zu tun haben, aber er verfügt über einen scharfen Verstand. Möchten Sie uns etwas sagen, Wea-ver?«
»Ich weiß ja nicht, worum es hier geht.«
»Nichts, was Sie interessieren könnte«, knurrte Forester.
»Was Sie hier vor sich sehen, Weaver, sind die Stoffe, die das Parlament, mögen sie allesamt in der Hölle schmoren, uns nach Weihnachten auf dem Binnenmarkt verkaufen lassen will. Nicht gerade eine üppige Auswahl, was? Den größten Teil unseres Handels werden wir mit diesen blauen Stoffen tätigen« -er hielt ein Stück hellblauen Baumwollstoff in die Höhe -, »und ich fürchte, die Umsätze, die wir damit erreichen, werden nur ein Schatten dessen sein, was wir vorher verkauft haben.«
Ich enthielt mich jeden Kommentars.
»Da haben wir es«, bemerkte Forester. »Er hat weder Erfahrung mit noch Interesse an solchen Dingen. Ich möchte den Burschen nicht beleidigen, aber er ist nicht der Mann, an dessen Meinung Ihnen gelegen sein sollte.«