»Wofür wird dieser Stoff denn jetzt verwandt?«, fragte ich.
»Halstücher«, sagte Ellershaw. »Strümpfe, Binder, solche Accessoires. Und natürlich für Damenkleider.«
»Dann wäre es vielleicht nicht schlecht, auch die Männerwelt zu ermuntern, sich Kleidung aus diesem Stoff fertigen zu lassen«, schlug ich vor.
Forester lachte laut auf. »Ein Herrengewand, meinen Sie? Selbst der verrückteste Geck würde es sich nicht einfallen lassen, sich in einer so weibischen Farbe zu kleiden. Die Vorstellung ist geradezu lächerlich.«
»Kann sein«, sagte ich schulterzuckend. »Aber hat Mr. Eller-shaw nicht gesagt, dass der Schlüssel zum Erfolg darin zu suchen sei, dass unsere Warenbestände die Mode bestimmen und nicht umgekehrt? Sollte die East India Company nicht vielmehr eine breite Öffentlichkeit für diese Stoffe zu interessieren versuchen, anstatt ihre Handelsware der gängigen Mode anzupassen? Dann könnten wir so viel davon verkaufen, wie wir wollen. Wie ich es verstanden habe, braucht man doch nur genügend Gewänder aus diesem Stoff unter die modebewussten Herren zu bringen, damit es schon bald keineswegs mehr lächerlich wirkt, sich so sehen zu lassen. Wenn Ihnen dies ge-lingt, wird sich schon im nächsten Jahr niemand mehr daran erinnern, dass diese Farbe einmal unbeliebt gewesen ist.«
»Unsinn«, sagte Forester.
»Nein«, widersprach Ellershaw ihm. »Er hat recht. Genau darum geht es. Fangen Sie damit an, dies bei Ihren Mittelsmännern unter den modebewussten Gentlemen durchblicken zu lassen. Machen Sie Termine, damit sie von einem Schneider aufgesucht werden.«
»Sir, das wäre doch nur vergeudete Zeit und Mühe«, wandte Forester ein. »Niemand wird ein Gewand in einer so grotesken Farbe tragen.«
»Die ganze Welt wird diese Farbe tragen«, sagte Ellershaw. »Sehr gut, Weaver. Es sind noch zwei Wochen bis zur Versammlung der Anteilseigner. Vielleicht kann ich meinen Kopf doch noch retten. Noch ist das letzte Wort längst nicht gesprochen. Nun aber zurück zu Ihren eigentlichen Aufgaben.«
Ich verbeugte mich vor beiden und ging. An Foresters Gesichtsausdruck sah ich, dass ich soeben weiteres Öl in die Flamme des Hasses auf mich geschüttet hatte, die in ihm brannte.
An diesem Abend traf ich mich zur verabredeten Zeit mit Car-michael hinter dem größten der Lagerschuppen. Der Himmel war ungewöhnlich dunkel - dichte Wolken, aus denen nur vereinzelt Schneeflocken fielen, verdeckten den Mond. Obwohl das Gelände gut beleuchtet war, gab es doch überall genügend Schatten, in deren Schutz wir uns voranschleichen konnten. Ich wusste, dass die Hunde meinen Geruch inzwischen kannten und nicht anschlagen würden und auch, wann die Wachposten wo auf ihren Rundgängen vorbeikämen. So war es nicht schwierig, sich in der Finsternis ungesehen zu bewegen.
Carmichael führte mich zu der nördlichsten Ecke des Geländes, zu ebenjenem Gebäude, das sich Greene House nannte. Es ragte drei Stockwerke empor, war aber schmal gebaut und hatte auch schon bessere Tage gesehen. Es war die Rede davon, dass es irgendwann im nächsten Jahr abgerissen werden sollte.
Die Wachposten hatten keinen Zugang zu dem Gebäude, da man argwöhnte, sie könnten sonst versucht sein, sich nach Herzenslust zu bedienen, weshalb die Tür auch verriegelt war. Ich als der Oberaufseher jedoch besaß einen Schlüssel, und nachdem einer der Männer, dem man an seinem schwankenden Gang ansah, dass er während seiner Arbeitszeit ein wenig zu sehr dem Bier zugesprochen hatte, an uns vorbeigetorkelt war, verschafften wir uns Zutritt.
Vorsichtshalber hatte ich bereits Kerzen und Zündholz an einer leicht wiederzufindenden Stelle deponiert. Dann wandte ich mich in dem dunklen Gebäude, von dessen hohen Wänden sämtliche Geräusche widerhallten, nach Carmichael um, dessen Gesicht vom flackernden Kerzenschein erhellt wurde.
»Wohin?«
»Nach oben«, sagte er. »Es ist im obersten Stockwerk, das nicht mehr genutzt wird, weil es eine Heidenarbeit ist, Lasten hinauf- und hinunterzutragen. Und die Treppe ist ziemlich morsch, also müssen wir uns sehr vorsehen. Bleiben Sie auch mit der Kerze weg vom Fenster, sonst sieht man uns. Man weiß nie, wer zu Aadils Gefolgsleuten gehört und wer nicht.«
Das war unzweifelhaft ein guter Rat, also übergab ich lieber ihm die Kerze und ließ mich von ihm, wie ich hoffte, sicher führen. Schließlich war es durchaus möglich, dass Carmichael doch kein so braver Kerl war - unter Umständen konnte man ihm doch nicht trauen. Ich war hier schon mehr falschem Spiel begegnet, als ich gewohnt war, obwohl ich durchaus bereits früher die Erfahrung gemacht hatte, dass in großen Unternehmen wie diesem Missgunst an der Tagesordnung war.
Als wir vor der letzten Treppe standen, wandte sich Carmi-chael zu mir um und sagte: »Ab hier wird's schwierig.«
Im Licht der Kerze begriff ich sofort, was er meinte. Die Stufen waren faulig, und die ganze Treppe drohte jeden Moment in sich zusammenzustürzen. Nichts gab einen Hinweis darauf, wo sie das Gewicht eines Mannes noch zu tragen vermochte und an welcher Stelle sie unter meinen Füßen nachgeben würde. Ganz so morsch konnte sie nun aber auch wieder nicht sein, sagte ich mir, denn wie sollten Aadil und seine Männer sonst Kisten in den dritten Stock hinaufschaffen? Trotzdem folgte ich vorsichtig Carmichaels Schritten.
Oben angekommen, führte er mich einen staubigen Gang hinunter, der an einer Tür endete. Sie war verschlossen, doch ich hatte mich vorbereitet und zog einen Satz Pickel, die im Schein der Kerze glänzten, aus meiner Tasche. Carmichael aber wollte sich auch nicht lumpen lassen. In der Düsternis sah ich ein Grinsen aufblitzen, und schon hatte er einen Schlüssel in der Hand.
»Ich bin sicher, dass Sie mit einem Pickel gut umzugehen wissen, Sir, aber das hier macht die Sache für uns ein ganzes Stück leichter.«
Ich steckte die Pickel wieder ein und nickte zustimmend. Dann nahm ich ihm die Kerze ab und sah zu, wie er den Schlüssel ins Loch schob, am Knauf drehte und die Tür aufstieß. Mit einer großen Geste, hinter der wohl mehr steckte als bloße Höflichkeit, ließ er mich vor ihm eintreten.
Ich hielt die Kerze hoch, um mich in dem großen Lagerraum umzuschauen, in dem Kisten verschiedener Größen aufeinan-dergestapelt standen. Manche Stapel reichten bis fast unter die Decke; weitere Kisten waren scheinbar wahllos hier und dort auf dem Boden abgestellt. Alle waren verschlossen.
Als ich ein Stemmeisen entdeckte, stellte ich die Kerze ab, ergriff das Eisen und trat auf die nächstbeste Kiste zu.
»Nicht«, rief mich Carmichael zurück. »Sie dürfen sie nicht aufbrechen. Dann wissen sie, dass wir hier gewesen sind.«
»Sie werden natürlich sehen, dass jemand hier oben gewesen ist, aber nicht, dass wir es waren. Und wir sind nicht herge-kommen, um nur mal einen abschätzenden Blick in den Speicher zu werfen. Ich muss wissen, was hier versteckt wird.«
Er pflichtete mir mit einem wenig enthusiastischen Kopfnicken bei, und ich stemmte die erste Kiste auf. Sie enthielt dicke Stoffballen mit buntem Blumenmuster. Ich hielt die Kerze näher heran.
»Was ist das?«, fragte ich Carmichael.
Er nahm eine Ecke Stoff, rieb sie zwischen den Fingern, strich darüber und hielt sie ans Licht. »Das ist nichts«, flüsterte er. »Das ist der gleiche Stoff, der auch in den übrigen Schuppen gelagert wird.«
Wir öffneten willkürlich noch ein halbes Dutzend weiterer Kisten, fanden aber wiederum nichts außer der üblichen Importware der East India Company. Carmichael schüttelte den Kopf. »Das verstehe ich nicht«, sagte er. »Warum macht man sich die Mühe, das Zeug heimlich und unter Geheimhaltung hier raufzuschaffen? Das ist doch nichts Besonderes.«
Es dauerte einen Moment, bis ich dahinterkam, warum ein leitender Angestellter sich der Mühe unterzog, einen Verschwörertrupp zusammenzustellen, um Güter zu verstecken, die ebenso gut auch irgendwo anders gelagert werden konnten. »Könnte es sein, dass sie sich diese Kisten unter den Nagel reißen und den Inhalt zu ihrem eigenen Profit verkaufen wollen?«, fragte ich Carmichael.