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»Diebstahl?« Carmichael lachte. »Wozu? In einem Monat gibt es für diese Stoffe keinen Markt mehr.«

»Vielleicht einen Schwarzmarkt, wo sie die Ware unter der Hand verkaufen?«

Wieder schüttelte er den Kopf. »Nein. Das Gesetz verbietet nicht den Verkauf von Seide, nur deren Tragen. Sie können diese Stoffe weiterhin anbieten, aber niemand wird sie abnehmen. Nach Weihnachten wird man sie nicht einmal verschenken können. Hier in England wird all dies bald weniger als nichts wert sein.«

»Und du bist dir sicher, dass an diesem Seidenstoff nichts Außergewöhnliches ist?«

Er nickte ernst. »Ganz normale Seide.«

Ich war mir sicher, dass ich etwas Wichtiges übersah. Auch Carmichael blickte ratlos drein. »Vielleicht sollten wir einen Blick auf die Frachtpapiere werfen«, sagte er. »Könnte doch sein, dass es nicht wegen der Stoffe selber ist, sondern damit zu tun hat, wo sie herkommen oder wo sie hinsollen?«

Das war ein guter Gedanke, und ich wollte Carmichael gerade dafür loben, als wir von unten das unzweifelhafte Geräusch einer Tür hörten, die geöffnet wurde, und gleich darauf gedämpfte, aber erregte Stimmen.

»Beim Scheitan«, fluchte Carmichael. »Sie müssen doch das Licht hinter dem Fenster gesehen haben. Schnell, verschwinden Sie von hier.«

»Wie denn?«

»Durch das Fenster. Das da. Auf dieser Seite des Gebäudes ist das Mauerwerk so uneben, dass Sie auf das Dach klettern und sich dort verstecken können, wenn Sie gelenkig genug sind.«

»Und was wird aus dir?«

»Ich muss das Fenster wieder hinter Ihnen schließen. Machen Sie sich um mich keine Sorgen, Mr. Weaver. Ich kenne mich in diesen Lagerschuppen aus, als wäre ich hier geboren. Sie werden mich nicht finden. Darauf können Sie sich verlassen.«

»Ich kann dich doch nicht so einfach deinem Schicksal überlassen.«

»Es bleibt uns keine andere Wahl. Sie darf um unser beider willen niemand hier antreffen. Und Sie können mir glauben - man wird nie merken, dass ich hier gewesen bin. Mir bleiben noch ein paar Minuten, alles wieder herzurichten, abzuschließen und mich in einer Nische zu verbergen, wo man nicht nach mir suchen wird. Wir sehen uns morgen, aber jetzt müssen Sie zu dem Fenster da hinaus.«

Ich tat es nicht gern, aber ich sah ein, dass er recht hatte. Carmichael hatte es nicht aus Selbstlosigkeit vorgeschlagen, sondern weil es das Vernünftigste war. Also ließ ich mich von ihm zu dem bewussten Fenster führen. Es war lange nicht geöffnet worden und klemmte, aber es gelang mir doch, es aufzureißen. Dann sah ich hinaus. Die Mauersteine waren tatsächlich ziemlich uneben. Jemand, der Angst vor großen Höhen hatte oder in ungewohnten Situationen nicht gut zurechtkam, wäre bei diesem Ausblick vielleicht das Herz in die Hose gerutscht, aber ich sagte mir, dass ich in der Vergangenheit Schlimmeres überstanden hatte, und das auch noch bei Regen und Schnee.

»Ich lasse das Fenster gerade so weit offen, dass Sie sich daran festhalten können, wenn Sie zurückkommen«, sagte Carmichael. »Aber die Tür muss ich hinter mir absperren, also hoffe ich, dass Ihr Werkzeug zu was nutze ist.«

Es waren nicht die Pickel, auf die es ankam, sondern der, der sie benutzte, aber ich war damit nicht unerfahren, also nickte ich nur. »Und du bist sicher, dass du hierbleiben willst?«

»Es ist das Beste so. Nun aber los.«

Also stieg ich aus dem Fenster und stellte mich in der nächtlichen Finsternis auf das zum Glück breite Sims. Ich fand Halt an einem hervorstehenden Mauerstein und zog mich zu einer Art Mauervorsprung hoch und danach zu einem weiteren, und gelangte so mit einer Leichtigkeit, die ich fast bedenklich fand, auf das Dach. Dort legte ich mich an einer Stelle, von der aus ich die Tür gut im Blick hatte, flach auf den Bauch. Aus dem Gebäude hörte ich gedämpfte Schritte, aber mehr auch nicht. Und dann nur noch die nächtlichen Geräusche Londons, die Rufe der Straßenhändler in der Ferne, das Gekeife und das Werben der Huren, das Klappern von Hufen auf Kopfsteinpflaster. Vom Hof drangen das Husten und das Lachen und das Fluchen der Wachleute zu mir hoch.

Ein leichter Regen durchnässte mich durch meinen Mantel hindurch bis auf die Haut, aber ich blieb mucksmäuschenstill liegen, bis ich sah, wie sich eine Gruppe Männer von dem Lagerhaus entfernte. Aus der Höhe konnte ich nicht hören, was sie sagten und nicht erkennen, wer sie waren, sondern nur, dass es vier Männer waren und es sich bei einem von ihnen seiner Statur nach um Aadil handeln musste. Einer der vier schien sich auf der Treppe verletzt zu haben, denn einer seiner Begleiter musste ihn stützen.

Ich wartete noch ein paar Stunden, bis ich schließlich befürchten musste, dass man mich in der Morgendämmerung würde sehen können, und machte mich auf den Abstieg, der weit beschwerlicher und beklemmender ausfiel als der Aufstieg. Vorsichtig tastete ich mich bis zu dem Sims vor und fand das Fenster angelehnt, wie Carmichael es versprochen hatte. Meine Pickel brauchte ich nicht einzusetzen, denn die Tür war nicht wieder verschlossen worden. Ich wusste nicht, ob Car-michael es einfach nur vergessen hatte oder es mir damit hatte leichter machen wollen oder ob es das Versäumnis der Männer gewesen war, die das Gebäude durchsucht hatten. Aber in dem Moment war es mir auch gleich. Später sollte mir aufgehen, dass es mir nicht gleich hätte sein sollen, aber das konnte ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht ahnen.

Ohne Kerze musste ich mich sehr behutsam die Treppe hinunterbewegen und fragte mich die ganze Zeit, ob Carmichael vielleicht schon in der Nähe auf mich wartete. Im Erdgeschoss warf ich einen vorsichtigen Blick aus einem Fenster, ob auch niemand zugegen war und verließ dann ungesehen das Greene House. Von Carmichael war keine Spur zu entdecken. Danach musste ich mich noch eine halbe Stunde lang von Schatten zu Schatten ducken, um den Wachmännern auszuweichen, bis ich endlich das Gelände verlassen konnte. Zu Hause angekommen blieb mir eine Stunde Schlaf, bis ich wieder aufstehen musste, um dem neuen Tag entgegenzusehen - und den furchtbaren Neuigkeiten, die er bringen würde.

17

ich nach der anstrengenden und dazu auch noch wenig erkenntnisreichen Nacht noch müde und mürrisch gelaunt war, fiel mir zunächst die gedrückte Stimmung gar nicht auf, die auf dem Gelände der East India Company herrschte. Erst ein paar Minuten nach meinem Eintreffen merkte ich, dass sowohl die Wachmänner als auch die Arbeiter gleichermaßen niedergeschlagen wirkten.

»Was ist los?«, fragte ich einen meiner Männer.

»Es hat einen Unfall gegeben«, sagte er. »In den frühen Morgenstunden. Keiner weiß, was er hier zu suchen hatte - er gehörte nicht zur Nachtschicht. Aadil meint, er wollte etwas stehlen. Man hat Carmichael im Westschuppen gefunden - wo der Tee gelagert wird, wie Sie ja wissen. Da ist es passiert.«

»Ist er verletzt?«, fragte ich sofort.

»Ja, und zwar tödlich. Er lag zerquetscht wie eine Ratte unter der Kiste Tee, die er offenbar hat stehlen wollen.«

Tee.

Eine schlaue Tarnung, wie ich zugeben musste. Denn was immer Forester und Aadil im Schilde führten - mit Tee hatte es nichts zu tun. Da es keine triftige Erklärung dafür gab, wieso Carmichael in den Stunden zwischen Nacht und Morgen Teekisten gewuchtet hatte, ließ das Geschehene nur einen Schluss zu: dass hier ein ganz gewöhnlicher Diebstahl vorlag,

dass Carmichael etwas aus dem Teelager hatte mitgehen lassen wollen, um sein mageres Einkommen damit aufzubessern.

Solche Gelegenheitsdiebstähle waren ein offenes Geheimnis, aber es wurde ein Auge zugedrückt, solange niemand zu habgierig wurde. Tatsächlich wurden die Wachleute und die Arbeiter ganz bewusst so schlecht bezahlt, weil man fest davon ausging, dass sie sich schon ihr Teil holen würden. Wenn man ihre Löhne aufbesserte, sagte man sich, würden sie deshalb nicht weniger stehlen, also gab es nichts zu gewinnen, wenn man ihnen einen auskömmlichen Lohn zahlte.