Eine Weile lang war ich wie vor den Kopf geschlagen und stand nur da, während um mich herum Männer hin- und herliefen. Ich erwachte erst aus meiner Benommenheit, als ich Aadil vorbeikommen sah. Ich packte ihn beim Handgelenk.
»Sag mir, was passiert ist«, verlangte ich.
Er sah mich nur an und lachte. Wie widerwärtig sein ohnehin schon unangenehmes Gesicht werden konnte, wenn sich auch noch grausame Schadenfreude darin abzeichnete. »Solltest du doch selber wissen, du Aufseher der Wachmannschaft.«
»Bitte jetzt keine Spitzfindigkeiten. Sag's mir.«
Er zuckte mit den Schultern. »Warum Carmichael letzte Nacht hier? Ich weiß nicht. Er nicht hier sollte sein. Er nicht getan, wofür er hier ist. Er sich Tee genommen. Kann sein eilig, Angst, er wird gesehen. Ist unvorsichtig. Wird zerquetscht.« Er zuckte noch einmal die Achseln. »Besser als gehängt, nicht wahr?«
»Ich will die Leiche sehen.«
Er sah mich fragend an. »Weswegen?«
»Weil ich es will. Sag mir, wo man ihn hingebracht hat.«
»Ist schon weg«, sagte er. »Ich weiß nicht, wo. Kann sein zum Gericht. Zu seine Familie? Keiner mir gesagt, ich auch nicht gefragt.«
Dieses Gespräch rang mir übermenschliche Zurückhaltung ab. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass Aadil Carmichael um-gebracht haben musste, entweder von Forester dazu aufgefordert oder mit dessen stillschweigender Billigung. Aber das war nur ein Verdacht, eine Unterstellung, die ich nicht beweisen konnte, also kam ich damit nicht weiter. Für mich war nur von Bedeutung, dass Carmichael mir gefällig gewesen war und dafür den Tod gefunden hatte - und ich keine Möglichkeit sah, seinen Mörder seiner gerechten Strafe zuzuführen.
Damit er mir nicht anmerkte, dass ich mehr über die Ereignisse der vergangenen Nacht wusste, als mir lieb war, wandte ich mich ab und strebte dem Craven House zu.
Argwöhnte Aadil, dass ich etwas mit der Sache zu tun hatte? Er tat mir gegenüber sehr geheimnisvoll, doch was konnte ich anderes von ihm erwarten? Andererseits - kaum hatte ich hier meine Arbeit aufgenommen, brach Carmichael in das Heiligtum des Geheimverstecks ein. Forester wusste, dass ich für Ellershaw arbeitete, und dem misstraute er. Warum schnappten sie sich dann nicht meine Wenigkeit? Allerdings gab es keinen Grund, warum sie das Versäumte nicht noch nachholen sollten.
Es war nun dringender denn je, dass ich herausfand, was Forester im Greene House versteckte, oder vielmehr, warum er es versteckte, denn wir hatten ja bereits festgestellt, dass dort nichts von Wert lagerte. Da es kein Ventil für meine Wut gab, wollte ich die Angelegenheit nun auf die einzig mir denkbare Weise verfolgen - indem ich mich an Mr. Blackburn wandte.
Ich fand den Buchhalter in seinem Büro vor, wo er über seinen Schreibtisch gebeugt saß und mit gelenker Hand Zeile um Zeile eines Blattes Papier vollschrieb. Es dauerte einen Augenblick, bis er mich gewahrte und aufblickte. »Ah, Weaver. Ich nehme an, Sie sind gekommen, um sich zu erkundigen, wie es um Ersatz für Ihren verlorenen Wachmann steht.«
Ich schloss die Tür hinter mir. »Ich habe nichts derart Profanes auf dem Herzen. Carmichael war mein Freund, und es geht mir nicht darum, dass er einfach so mir nichts, dir nichts ersetzt wird.«
Er sah mich verwundert an - so, wie er immer dreinblickte, wenn er nicht mit seinen Papieren beschäftigt war. Es kam mir vor, als könne er sich gar nicht vorstellen, sich mit so etwas Zeitraubendem wie Freundschaft oder Zuneigung abzugeben.
»Ja, nun«, sagte er nach kurzem Zögern. »Trotzdem müssen die Dienstpläne aufgestellt werden, oder? Wir brauchen jeden Wachposten. Es wäre töricht, sich von Gefühlen leiten zu lassen, wenn die Arbeit getan werden muss.«
»Ja, so ist es wohl.« Ich nahm ungebeten Platz.
Es war unzweifelhaft, dass Blackburn nur den einen Wunsch hatte, mich schnell wieder loszuwerden, damit er sich erneut seinem kleinlichen Tun zuwenden konnte, das ihn so beschäftigte. Aber den Gefallen wollte ich ihm nicht erweisen. Dass meine Anwesenheit ihm lästig war, würde ihn vielleicht sogar zu einer Äußerung verleiten, die ihm sonst nicht herausgerutscht wäre.
»Darf ich mich im Vertrauen an Sie wenden?«, fragte ich. »Es geht um eine heikle Angelegenheit, die eine ziemlich unorthodoxe Verwendung des Geländes und der Ressourcen der East India Company mit sich bringt.«
»Schon recht, schon recht«, sagte er. Er hatte seine Feder beiseitegelegt und bekleckerte geistesabwesend das Blatt mit Tinte, während er mich ansah. Immerhin schenkte er mir so viel Aufmerksamkeit, wie ich nur erwarten konnte.
»Ich hoffe, dass ich vertraulich zu Ihnen sprechen kann, Sir. Ich wäre sehr unglücklich, wenn meine Bemühungen, eine Schlampigkeit im Unternehmen zu beheben, dazu führen würden, dass ich meines Postens verlustig ginge. In Sie habe ich Vertrauen, Sir. Ich möchte nur das Richtige tun, dafür sorgen, dass es keinen Schwund bei den Warenbeständen gibt. Wenn jedoch Männer von Einfluss in einen solchen Schwund verwickelt sind, ist es manchmal nicht leicht zu beurteilen, ob das Richtige zu tun auch im eigenen Interesse liegt.«
Er lehnte sich über seinen Schreibtisch und reckte dabei sei-nen schmalen Oberkörper wie eine Schildkröte, die ihren Hals aus ihrem Panzer streckt. »In dieser Hinsicht brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen, Mr. Weaver. Ich versichere Ihnen, dass Sie vertraulich mit mir sprechen können, und Sie haben mein Wort, dass ich nichts davon, was Sie mir zu sagen haben, an irgendjemanden weitergebe, solange Sie es nicht wünschen. Ich denke, das genügt.«
Fast. »Das würde mich sehr freuen«, sagte ich und versuchte dabei, ein wenig verunsichert zu klingen. »Doch birgt dies ein großes Risiko für mich. Vielleicht sollte ich lieber wiederkommen, wenn ich mehr in Erfahrung gebracht habe. Ja, das wäre bestimmt besser.« Ich machte Anstalten, mich zu erheben.
»Nein!« Es klang nicht wie ein Befehl, sondern wie eine flehentliche Bitte. »Wenn Sie etwas wissen, müssen wir auch etwas unternehmen. Ich kann es nicht ertragen, dass etwas nicht seine Ordnung hat, dass eine Wunde unversorgt bleibt und im Gewebe der Firma eitert. Sie tun sehr recht daran, Sir, dass Sie mich darauf aufmerksam machen, und ich verspreche Ihnen, dass ich nichts unternehmen werde, was Sie nicht wünschen. Nur müssen Sie mir alles sagen, was Sie wissen.«
Wie sonderbar, dachte ich. Dieser Angestellte würde sich für seinen Arbeitgeber tatsächlich ein Bein ausreißen, wie man es gemeinhin nur für sein Kind, seine Herzallerliebste oder einen geliebten Schoßhund tat. Wenn ich ihn nun im Unklaren beließe, würde die unerträgliche Ungewissheit ihn schier in den Wahnsinn treiben, und doch hatte er keinen persönlichen Gewinn zu erwarten, wenn er das Unrecht, auf das ich ihn hinwies, abstellte. Er war einfach ein Mann, der wollte, dass alles seine Ordnung hat, ob es ihn nun persönlich betraf oder nicht, und der sich durch nichts davon würde abhalten lassen, eine Abweichung von der Vorschrift zu korrigieren.
Ich räusperte mich; ich wollte ganz gelassen von meinen Beobachtungen berichten, um ihn umso heftiger auf die Folter zu spannen. »Gegen Anfang der Woche hat Carmichael mich auf eine Unregelmäßigkeit hingewiesen. Ich maß der Angelegenheit keine besondere Dringlichkeit bei und wollte mich zu gegebener Zeit darum kümmern, aber wie Sie ja leider wissen, ist von Carmichael keinerlei Hilfe mehr zu erwarten. Zwar war es auch ihm nicht übermäßig wichtig, aber in dieser Hinsicht waren wir beide uns ähnlich, wenn Sie verstehen. Auch ich möchte die Sache jedenfalls nicht ewig auf sich beruhen lassen.«
Nach wie vor vermied ich es, gezielt darauf zu sprechen zu kommen, worum es denn eigentlich ging, und zwar nicht nur, um Blackburn zu quälen, sondern auch, um zu betonen, dass ich dem Fall keine allzu große Bedeutung beimaß. Keinesfalls wollte ich andeuten, was mich wirklich beschäftigte - dass Carmichael nämlich wegen dem, was ich Blackburn zu berichten gekommen war, sein Leben hatte lassen müssen.