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Blackburn jedenfalls war ganz Ohr. »Selbstverständlich, selbstverständlich«, sagte er und fuchtelte mit den Händen, damit ich endlich mit meiner Offenbarung herausrückte.

Ja, es wurde wohl Zeit, auf den Kern der Sache zu kommen. »Carmichael hat mir gegenüber erwähnt, dass einer der leitenden Angestellten in einem Teil eines der Lagerhäuser, wobei ich allerdings nicht mehr weiß, in welchem, Seidenballen für sich beiseitelegt. Er sagte, die entsprechenden Kisten würden im Schutze der Dunkelheit und unter größter Geheimhaltung in das Lagerhaus gebracht, damit nur ja niemand von ihrem Vorhandensein, ihrem Inhalt und ihrer Menge erführe. Nun steht es mir nicht zu, das Handeln leitender Angestellter in Frage zu stellen, aber als Oberaufseher der Wachmannschaft empfinde ich es als ein wenig beunruhigend, regelmäßig in gewisse Vorgänge nicht eingeweiht zu sein.«

Auch Blackburn empfand dies als beunruhigend. Seine Hände zitterten vor Aufregung. »Beunruhigend. In der Tat beunruhigend, Sir. Sogar äußerst beunruhigend. Geheime Lagerräume? Versteckte Waren unbekannter Zahl? Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Die Buchführung dient drei Zwecken. Drei Zwecken, Sir.« Er hielt drei Finger in die Höhe. »Der Etablierung von Ordnung, dem Erhalt von Ordnung, der Sicherstellung zukünftiger Ordnung. Wenn jemand sich darüber erhaben fühlt und meint, Waren hierhin und dorthin verschieben zu können, ohne dies zu dokumentieren, wozu dann« - er wies auf die ungeheuren Mengen von Papieren in seinem Büro -, »wozu dann soll all dies hier gut sein?«

»Aus dieser Perspektive habe ich es noch gar nicht betrachtet«, sagte ich.

»Aber das müssen Sie, das müssen Sie. Ich mache meine Arbeit so, dass jederzeit ein jedes Mitglied des Direktoriums herkommen kann, um genauen Einblick in die Geschäfte des Hauses zu nehmen. Wenn aber jemand meint, auf eigene Faust handeln zu müssen, dann hat das alles keinen Zweck mehr. Überhaupt keinen Zweck.«

»Ich glaube, ich verstehe.«

»Ich hoffe, dass Sie das tun. Ich hoffe es außerordentlich, Sir. Ich muss noch mehr erfahren. Hat Carmichael Ihnen gesagt, welcher leitende Angestellte so frevelhaft handelt?«

»Nein, davon hat er nichts angedeutet. Ich glaube auch nicht, dass er es gewusst hat.«

»Und Sie wissen auch nicht, um welches Lagerhaus es sich handelt?«

An dieser Stelle entschied ich mich, dass es besser wäre, die Taktik zu ändern. Schließlich musste ich Blackburn etwas in die Hand geben, damit er wusste, wo er seine Untersuchung anzusetzen hätte. »Es könnte sein, dass er in diesem Zusammenhang das Greene House erwähnt hat, aber ganz sicher bin ich mir da nicht.«

»Ach ja, natürlich. Es ist, glaube ich, 1689 von einem Mr. Greene gekauft worden, einem Gentleman, der sich unserem verstorbenen katholischen König gegenüber ein wenig zu loyal gezeigt hat, und als dieser außer Landes fliehen musste, hat auch Mr. Greene nichts mehr hier gehalten. Das Greene House hat als Lagerraum stets nur sehr untergeordnete Bedeutung gehabt und soll demnächst ohnehin abgerissen und durch ein neues Gebäude ersetzt werden. Wenn jemand auf dem Gelände der Firma heimlich etwas unterbringen will, wäre er damit gar nicht schlecht beraten.«

»Möglicherweise haben Sie Unterlagen in Ihren Papieren«, sagte ich. »Ladungsverzeichnisse etwa, die uns einen Hinweis darauf geben könnten, wer das Unternehmen hintergeht und was derjenige damit beabsichtigt.«

»Ja, ja. Das ist es. Das muss ich sofort überprüfen. Gegen solche Unregelmäßigkeiten muss eingeschritten werden, Sir. Ich werde das nicht dulden, das lassen Sie sich gesagt sein.«

»Sehr gut. Ich freue mich, das zu hören. Ich hoffe, Sie werden mich unterrichten, falls Sie etwas herausbekommen?«

»Kommen Sie später noch einmal wieder«, murmelte er. Schon hatte er einen gewaltigen Folianten aufgeschlagen, aus dem eine Staubwolke in die Höhe stieg. »Ich werde schon dahinterkommen, das schwöre ich Ihnen.«

Überall im Craven House herrschte immer noch bedrückte Stimmung. Carmichael war sehr beliebt gewesen, und sein Tod ließ keinen unberührt. Als ich durch die Küche kam, hielt mich Celia Glade auf, indem sie ihre schlanken Finger um mein Handgelenk legte.

»Das ist eine sehr traurige Nachricht«, sagte sie leise und machte sich dabei nicht einmal die Mühe, ihre Stimme zu verstellen.

»In der Tat, das ist es.«

Sie ließ meinen Arm los und nahm mich stattdessen bei der Hand. Ich gebe zu, dass es mir schwerfiel, sie nicht zu mir heranzuziehen. Der Anblick ihrer großen Augen, ihrer schimmernden Haut. Und ihr Duft. Ich spürte, wie mein Körper gegen meinen Verstand rebellierte, und trotz der Gräueltat, die sich an diesem Tage zugetragen hatte, verlangte es mich, sie zu küssen. Ja, ich glaube wirklich, ich hätte mich auf so dünnes Eis begeben, wenn nicht just in diesem Moment zwei Küchenjungen hereingekommen wären.

Celia und ich trennten uns wortlos voneinander.

Nach einem düsteren Tag, an dem ich mir das Gemurre der Männer anhören und jedes Mal, wenn Aadil mir den Rücken zukehrte, das Verlangen unterdrücken musste, ihm einen Schlag auf den Kopf zu versetzen, kehrte ich am frühen Nachmittag noch einmal in Blackburns Büro zurück, weil ich hoffte, etwas Neues zu erfahren. Aber dem war leider nicht so.

Er war blass im Gesicht; seine Hände zitterten immer noch. »Ich kann nichts finden, Sir. Keinerlei auffällige Unterlagen. Ich werde eine Inventur des Greene House anordnen müssen und dann versuchen herauszubekommen, wie das, was ich dort vorfinde, dort hingekommen ist und was damit zu tun beabsichtigt wird.«

»Und durch wen«, fügte ich hinzu.

Er sah mich wissend an. »Genau.«

»Allerdings«, wandte ich ein, »könnte eine hochnotpeinliche Untersuchung ein Direktoriumsmitglied, das sich einer solchen Mühe unterzogen hat, um etwas beiseitezuschaffen, dazu bewegen, noch einen Schritt weiterzugehen.«

»Sie meinen, mich meines Postens zu entheben?«

»Das wäre zu bedenken.«

»Meine treuen Dienste sind nie in Zweifel gezogen worden.« Ein Anflug von Panik war aus seiner Stimme herauszuhören. »Ich bin seit sechs Jahren hier, Sir, habe mich zu meiner Stellung hochgearbeitet, und bin stets nur mit Lob bedacht worden. Mehr als einer der Direktoren hat sich manchmal laut gefragt, wie die Geschäfte vor meinem Eintritt überhaupt haben reibungslos ablaufen können.«

»Daran hege ich keinen Zweifel«, pflichtete ich ihm bei.

»Aber ich brauche Ihnen wohl kaum zu sagen, Sir, dass ein Mann in Ihrer Stellung von dem Wohlwollen derjenigen, die über ihm stehen, abhängig ist. Eine oder zwei Personen von Einfluss, die Ihnen Böses wollen, könnten alles zunichtemachen, wofür Sie sich abgerackert haben. Das müssen Sie sich stets vor Augen halten.«

»Aber wie wollen wir denn nun vorgehen?«

»Heimlich, Sir. Still und heimlich. Ich fürchte, mehr können wir im Moment nicht tun. Wir müssen beide unbedingt die Augen nach einem Hinweis auf einen Betrug offenhalten. Dann kommen wir vielleicht den Hintergründen dieses geheimen Warenlagers auf die Spur.«

Er nickte verdrießlich. »Da haben Sie wahrscheinlich recht. Ich werde alles tun, um mehr herauszufinden, aber ich will dabei auf Ihren Rat hören und die Sache insgeheim verfolgen, anhand der Geschäftsbücher nämlich anstatt mit Worten.«

Ich lobte ihn für seine Entschlossenheit und verließ sein Büro und das Craven House. Ich war fast bei dem größten Lagerhaus angelangt, als ich wie angewurzelt stehen blieb.

Der Einfall war mir so unvermittelt gekommen, dass ich im Laufschritt zu Blackburns Büro zurückeilte, obwohl eine solche Hast gar nicht vonnöten gewesen wäre. Ich wusste ja, dass ich ihn dort antreffen würde, und Zeit spielte gewiss keine große Rolle. Trotzdem nahm ich die Beine in die Hand, denn es drängte mich, etwas Bestimmtes in Erfahrung zu bringen.

Ich betrat das Büro und schloss, wie es meine Gewohnheit geworden war, hinter mir die Tür. Dann setzte ich mich Mr. Blackburn gegenüber und schenkte ihm ein breites Lächeln. Mein Verlangen, ihn mit Fragen zu bombardieren, war stark, aber ich hielt es im Zaum. Es könnte ihm als unangemessen erscheinen, wenn ich in scharfer Form Auskunft von ihm verlangte. Ich wusste ja, dass er nicht gerne über unklare Verhältnisse und Puzzleteile, die nicht zusammenpassen wollten, redete und wollte mich daher behutsam heranpirschen. »Sir«, begann ich, »ich hatte bereits den halben Hof überquert, als ich mit einem Male den Wunsch verspürte, noch einmal zurückzugehen und Ihnen zu sagen, dass ich Sie sehr bewundere.«