»Inwiefern?«
»Ihr Sinn für Ordnung und Genauigkeit, Sir. Das hat mich in meiner Arbeit mit den Wachleuten sehr inspiriert.«
»Ich fühle mich von Ihren Worten geschmeichelt.«
»Ehre, wem Ehre gebührt. Ich frage mich nur, ob es für mich bei Ihnen nicht noch mehr zu lernen gibt als das, was ich aus unseren kurzen Gesprächen erfahren habe?«
»Wie meinen Sie das, Sir?«
»Ich möchte Sie fragen, ob Sie sich heute Abend kurz Zeit nehmen könnten, um, vielleicht in einem Schanklokal, mit mir über die Philosophie Ihrer Ordnung zu sprechen - falls Sie denn mögen. Es erübrigt sich ja wohl zu erwähnen, dass Sie mit Freude mein Gast sind, da Sie doch die Rolle des Lehrers einnehmen und ich die des Schülers.«
Obwohl er sich mit Haut und Haaren der East India Company verschrieben hatte, ahnte ich doch, dass Blackburn das Gefühl hatte, ein wenig belächelt zu werden, also sah er mich zunächst skeptisch an, doch schließlich schien ich ihn doch von der Aufrichtigkeit meiner Worte zu überzeugen.
»Sie wissen, dass das nicht erlaubt ist.«
»Nicht erlaubt?«
»Die Unternehmensleitung hat es den Angestellten untersagt, Tavernen, Hurenhäuser und Spielhöllen zu betreten, denn in der Vergangenheit hat man festgestellt, dass verderbliches Tun der Arbeitsleistung abträglich ist. Würde man mich an einem solchen Orte sehen, könnte ich auf der Stelle meinen Posten verlieren.«
»Aber irgendwo wird man sich doch treffen können.«
Der Anflug eines verschmitzten Lächeln huschte über seine Lippen. »Ein Schanklokal«, sagte er mit gedämpfter Stimme.
»Das ließe sich einrichten, aber mit Bedacht. Ich kenne eine Örtlichkeit, in der wir uns einen Krug oder zwei genehmigen können.«
Ich kehrte zu meinen Pflichten zurück und beobachtete, wie meine Männer in gedrückter Stimmung ihrer Arbeit nachgingen. Um drei Uhr erreichte mich die Nachricht, dass Mr. Forester mich zu sprechen wünsche. Ich verspürte wenig Lust, mich unter vier Augen mit ihm zu treffen, denn ich hielt ihn durchaus für verantwortlich für Carmichaels Tod, obwohl ich nicht sagen konnte, wie oder warum er darin verstrickt war. Doch musste ich den Ahnungslosen spielen, wenn ich den Tod meines Kameraden rächen wollte, und warten, bis meine Stunde gekommen war.
Ich fand die Tür zu Foresters Büro geöffnet vor. Er bat mich, sie hinter mir zu schließen und Platz zu nehmen.
Als ich mich gesetzt hatte, sah ich ihn lächeln. Es sah aus, als hätte er eine groteske Maske aufgesetzt. »Sie sind jetzt mehr als eine Woche persönlich bei Mr. Ellershaw angestellt, ist das richtig?«
»Ja, so ist es.«
»Eine ziemlich ungewöhnliche Vereinbarung, finden Sie nicht?«
Ich tat so, als verstünde ich nicht recht. »Ich vermag nicht zu sagen, was hier als ungewöhnlich gilt oder nicht, denn dazu bin ich noch nicht lange genug hier. Ich kann nur sagen, dass uns manchmal nichts anderes als ungewöhnliche Vereinbarungen bleiben und wir uns mit den Gegebenheiten abfinden müssen.«
Er errötete ein wenig, und ich ahnte, dass er meine Anspielung auf sein Verhältnis zu Mrs. Ellershaw verstanden hatte. »Ich begreife nicht, wieso Ihr Wohltäter es auf seine Kappe und seine Börse genommen hat, Sie als Aufsicht über das Wachpersonal einzustellen.«
»Ich weiß nicht viel über die internen Gepflogenheiten, aber er gehört zu den leitenden Angestellten, und als solchem muss ihm doch an dem Wohle des Unternehmens gelegen sein. Vielleicht war das sein Grund. Ich finde nichts Auffälliges dabei, dass er Schritte unternimmt, die dem Wohl der East India Company dienen. Und da ich es so verstanden habe, dass eine Position wie die meine erst nach der Anteilseigentümerversammlung geschaffen werden könnte, Mr. Ellershaw jedoch einen dringenden Bedarf für eine solche gesehen hat, erscheint mir sein Vorgehen in dieser Angelegenheit durchaus plausibel.«
»So könnte man es sehen«, räumte Forester ein. »Es könnte durchaus sein, dass all dies nur ein Zeichen von Ellershaws Weitsicht ist. Ich habe jedoch meine Schwierigkeiten mit dieser Theorie, und die basieren auf anderen Entscheidungen seinerseits und gewissen Neigungen, die ich an dem Mann beobachtet habe.«
»Und die wären?«
»Ich glaube, Ellershaw droht den Verstand zu verlieren. Er verrennt sich in eine amouröse Verstrickung. Ich bin sicher, dass Sie es auch schon mitbekommen haben. Jeder weiß es.«
»Manchmal«, sagte ich betont geheimnisvoll, »sind die Dinge, die jeder weiß, genau die Dinge, die jeder falsch sieht.«
»Versuchen Sie nicht, mich auf den Arm zu nehmen. Sie haben sein Benehmen zweifellos mit eigenen Augen beobachten können. Und selbst, wenn Sie es vorziehen, die durch die Französische Krankheit hervorgerufenen Merkmale zu ignorieren, können Sie doch nicht bestreiten, dass er sich von der Areka-nuss abhängig macht - eine widerwärtige Angewohnheit, die er sich bei den Eingeborenen in Indien abgeschaut hat.«
»Dieses braune Zeug, das er kaut?«, fragte ich ehrlich erstaunt, denn ich hatte wirklich keine Ahnung, was für eine Bewandtnis es damit hatte.
»Ja, das Zeug macht, wie ich gehört habe, zunehmend süchtig. Halb Indien ist von dem Wahn dieses Giftes gepackt. Man sagt, es wirkt sich wie Kaffee auf den Körper aus, nur stärker, und sowie man einmal auf den Geschmack gekommen ist, lässt es einen nie wieder los und hat seine Nebenwirkungen.«
»Wahnsinn?«
»Genau.«
Ich musste einen Moment überlegen, wie ich auf diese Anschuldigung reagieren sollte. »Sie scheinen mir ziemlich fest entschlossen zu glauben, Mr. Ellershaw wäre nicht mehr Herr seiner Sinne, und es scheint Ihnen auch sehr viel daran zu liegen, dass ich es ebenfalls glaube. Ich wünsche meinen Vorgesetzten in jeder Hinsicht gefällig zu sein, doch in dieser Angelegenheit, fürchte ich, kann ich Ihnen nicht entgegenkommen. Sie behaupten, mein Wohltäter wäre verrückt, ich aber kenne ihn kaum gut genug, um dies zu bestätigen, denn ich habe ihn immer nur so erlebt, wie er jetzt ist.«
»Würden Sie einem Fremden begegnen, der eine Schafherde anheult, Mr. Weaver, bräuchten Sie nicht erst seine Lebensgeschichte zu studieren oder seine Freunde zu befragen, um zu wissen, dass so ein Verhalten sonderlich ist oder zumindest ungewöhnlich für den Betreffenden. Ebenso sollte es Ihnen nicht schwerfallen, meine Beobachtungen zu teilen und sie im Zusammenhang zu sehen.«
»Ich muss noch einmal wiederholen, dass Sie sich meiner Meinung nach täuschen.«
»Mein Gott, Sir, haben Sie nicht gehört, wie er gedroht hat, einen alten Mann mit einem glühenden Schüreisen aufzuspießen? Ist das kein Zeichen von Wahnsinn?«
»Er würde erwidern, dass es sich nur um eine Taktik gehandelt habe, und ich bin noch nicht lange genug im Craven House, um es besser zu wissen. Ich habe nichts wahrgenommen, was mich zu einem solchen Schluss verleiten könnte. Aber ich weiß, dass solche Anschuldigungen mit Vorsicht zu genießen sind, wenn derjenige, der sie erhebt, bei dem Niedergang des Beschuldigten viel zu gewinnen hat.«
Er beugte sich in einer fast onkelhaften Pose zu mir vor. »Gewiss sehen Sie mich in einer unvorteilhaften Position, aber ich schäme mich nicht dessen, was zwischen mir und dieser Lady vorgefallen ist. Sie müssen nicht glauben, dass ich diese Anschuldigungen nur um meiner selbst willen ausspreche. Nein, sogar im Gegenteil. Ich habe die Dame erst kennengelernt, als ich mir bereits Sorgen wegen des Verhaltens ihres Ehemannes zu machen begann.«