»Ich muss Ihnen noch einmal versichern, dass ich keinen Anlass für diese Beschuldigungen sehe.«
»Hmm. Und wenn Sie es täten - würden Sie es mir dann sagen? Nein, antworten Sie bitte nicht. Es ist eine unfaire Frage, und Mr. Ellershaw ist Ihr Arbeitgeber. Ich weiß, dass Sie ein Mann von Ehre sind, Sir, und dass Sie einem Mann, der sich für Sie verwendet hat, nicht in den Rücken fallen wollen. Aber ich bitte Sie, nicht zu vergessen, dass es Ihre Aufgabe hier ist, etwas für das Unternehmen zu tun und nicht für einen einzelnen seiner Angestellten. Falls Ihnen irgendetwas auffällt, das darauf deutet, dass Mr. Ellershaw nicht im Interesse der East India Company handelt oder nicht mehr in ihrem Interesse zu handeln in der Lage ist, hoffe ich, dass Sie damit zu mir kommen. Dafür ist ein Unternehmen schließlich da.«
»Ich dachte, ein Unternehmen wäre dazu da, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen Geld zu verdienen?«
»Unsinn. Wissen Sie, wo das Wort Company in unserem Titel herkommt? Es ist von dem lateinischen compagnia abgeleitet, und das bedeutet, gemeinsam Brot zu backen. Genau das tun wir hier. Wir sind keine einzelnen Männer auf der Suche nach dem Glück für uns selber, sondern eine Gemeinschaft, die gemeinsam ihr Brot backt.«
»Es beglückt mich zu hören, dass wir hier alle brüderlich an einem Strang ziehen.«
»Nun, da Sie Bescheid wissen, muss ich Sie bitten, ihn nicht noch zu weiteren Narreteien anzustacheln - blaue Herrenge-wänder zum Beispiel. Glauben Sie, Sie können Ihre Stellung hier verbessern, indem Sie ihn zum Gespött der Öffentlichkeit machen?«
»Es war ja nur ein Vorschlag. Ich habe es nicht für so wichtig gehalten.«
»Dann begreifen Sie offenbar nicht, wie leicht er zu beeindrucken ist. Oder Sie wollen es nicht begreifen. Sie bekommen von Mr. Ellershaw Ihr Geld, also nehme ich an, dass Sie den Wunsch haben werden, ihn von diesem Gespräch zu unterrichten. Aber ich bitte Sie, dies nicht zu tun. Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass ich nicht sein Gegner bin, sondern ein treuer Mitarbeiter der East India Company, und wenn er auf den Glauben verfiele, ich würde gegen ihn konspirieren, würde dem Unternehmen aus diesem Missverständnis nur Schaden erwachsen. Ich versuche keineswegs, hinterrücks etwas gegen Mr. Ellershaw in die Wege zu leiten. Ich arbeite nur zum Besten der East India Company, und jemand muss doch seinen Platz einnehmen, wenn er eines Tages nicht mehr da ist.«
»Und das werden Sie sein, nehme ich an. Ein interessanter Gedanke, da er doch keinerlei Andeutungen gemacht hat, dass er seinen Platz zu räumen wünscht. Sie hingegen bestehen darauf, nur aus Sorge um das Wohl des Unternehmens zu handeln.« Ich beschloss, den Bogen zu spannen und den Pfeil abzuschießen. »In wessen Interesse steht denn Ihr Umgang mit seiner Gattin?«
Er wich meinem Blick nicht aus, das musste ich ihm zugutehalten. »Angelegenheiten des Herzens lassen sich nicht immer durch bloßen Willen regeln. Sie als Mann müssen das doch wissen, Weaver.«
Ich kam nicht umhin, dabei an Miss Glade zu denken, und einen Augenblick lang empfand ich sogar Sympathie für Forester. Dann aber besann ich mich rasch wieder und rief mir Car-michaels Tod ins Gedächtnis. Wenn Forester auch Kummer in seinem Herzen trug, so rechtfertigte das doch nicht seine üble Ränkeschmiederei. »Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich nicht derjenige sein möchte, der Mr. Ellershaw darüber ins Bild setzt. Und was dies Gespräch betrifft, liegt mir nichts daran, die Triebfeder für Zwietracht innerhalb dieser Mauern zu sein. Und wenn ich ehrlich sein soll, würde es mir noch weniger gefallen, persönlich im Zentrum einer solchen Zwietracht zu stehen, vor allem nicht, während ich mich hier gerade erst mit allem vertraut mache.«
»Sehr weise gesprochen.«
»Aus mir spricht nicht Weisheit, sondern Umsicht. Ich möchte in nichts verwickelt werden, was über unser gemeinsames Brotbacken hinausgeht, gleich, was Mrs. Ellershaw denkt. Die Dame hat mich bezichtigt, mit Nachforschungen beschäftigt zu sein, von denen ich gar nichts weiß. Welches besondere Interesse unterstellt Sie Mr. Ellershaw denn in Hinblick auf ihre Tochter?«
Er lächelte. »Sie sind sehr gewandt, Sir. Sie sagen mir, dass die Angelegenheit Sie nicht interessiert, doch gleichzeitig versuchen Sie, mir höchst intime Informationen zu entlocken.«
»Wenn Sie nicht darüber sprechen möchten, ist das Ihre Sache. Schließlich kann ich Mr. Ellershaw auch selber fragen.«
Er richtete sich in seinem Stuhl auf. »Das sollten Sie nicht tun. Ich glaube, Mrs. Ellershaw irrt sich darin, dass ihr Ehemann auf der Suche nach ihrer Tochter ist, aber wenn Sie darauf zu sprechen kommen, könnte das sehr wohl das schlafende Gespenst der Neugier erwecken.«
»Dann sollten Sie es mir vielleicht sagen.«
Er seufzte. »Sie werden nur so viel von mir hören, dass dieses Mädchen, Bridget Alton, die Tochter aus Mrs. Ellershaws erster Ehe ist. Eine umwerfende Schönheit, wenn Sie mir diese Bemerkung gestatten. Sie schlägt sehr nach ihrer Mutter - sie ist hochgewachsen und hat die hellste Haut, die ich je gesehen habe, und auch ihr Haar ist so hellblond, dass man es beinahe als weiß bezeichnen könnte, während ihre Augen von einem höchst bemerkenswerten dunklen Braun sind. Sie zog die Blicke nur so auf sich, und man konnte nirgendwo mit ihr hingehen, ohne von Männern angestarrt zu werden. Dass sie aus einer angesehenen Familie stammte und eine beträchtliche Mitgift mitbrachte, machte sie nur umso begehrenswerter. Doch trotz alledem entschied sie sich, ohne die Einwilligung ihrer Familie zu heiraten. Es war eine jener schäbigen, heimlichen Eheschließungen - Sie wissen ja. Mr. Ellershaw, der bei Tisch sonst kaum zwei Worte mit ihr zu wechseln pflegte, bekam einen fürchterlichen Wutanfall, als er davon hörte. Er schwor sich, das Mädchen aufzuspüren und zu bestrafen, also hat Mrs. Ellershaw alles Menschenmögliche getan, um ihren Mann von ihrer Tochter fernzuhalten.«
»Also eine private Familienangelegenheit«, sagte ich, »die nichts mit gemeinsamen Brotbacken zu tun hat.«
»So ist es.«
Ich hielt es für das Beste, so zu tun, als würde ich ihm glauben, also erhob ich mich und verabschiedete mich mit einer Verbeugung. Als ich nach dem Türknauf griff, rief er mich noch einmal zu sich zurück.
»Wie viel zahlt Ihnen Mr. Ellershaw?«
»Wir haben uns auf vierzig Pfund im Jahr geeinigt.«
Er nickte. »Für einen Mann mit einem so unregelmäßigen Einkommen wie Sie muss dass äußerst angenehm sein.«
Ich hielt einen Augenblick inne. Wollte er sich über mich lustig machen? Hatte er denn keine Ahnung, dass Ellershaw mir nur einen Bruchteil dessen bezahlte, was ich verdienen könnte, wenn ich meiner üblichen Tätigkeit nachging? Ich ging nicht davon aus, also nickte ich meinerseits und verließ den Raum.
Der Teufel musste mich geritten haben, denn ich zögerte keinen Augenblick, im Anschluss sogleich Ellershaw einen Besuch abzustatten. Vielleicht wollte ich mich bei dem Mann, dem ich die Schuld an Carmichaels Tod gab, rächen, vielleicht wollte ich aber auch nur im Wespennest stochern, um zu sehen, was dabei herauskam. Denn ich fand, dass ich lange genug gewartet hatte, und wenn ich etwas erreichen wollte, dann musste ich endlich etwas unternehmen, auch wenn es das Verkehrte war.
Es war niemand bei Ellershaw, und er hieß mich einzutreten, obwohl er mit irgendwelchen umfangreichen Dokumenten beschäftigt war und scheinbar nur ungern gestört werden wollte. »Ja, ja, was gibt es denn?«
Ich schloss die Tür hinter mir. »Sir, ich komme gerade von Mr. Forester zurück. Er hatte mich zu sich bestellt.«
Er blickte von seinen Papieren auf. »Na und?«
»Ich glaube, er führt Böseres im Schilde als Sie ahnen, Mr. Ellershaw.«
Nun hatte ich seine vollste Aufmerksamkeit. »Was wollen Sie damit sagen?«