Ich holte tief Luft. »Er hat mich davor gewarnt, Vertrauen in Sie zu setzen und - nun, Sir, er hat mir gesagt, Sie wären wahnsinnig.«
»Zum Teufel noch mal!«, schrie er und rammte die Faust so heftig auf den Tisch, dass seine Teetasse klapperte und überschwappte. »Verdammt, Weaver, habe ich Sie gebeten, mit meinen Kollegen vom Beirat zu plaudern? Was nehmen Sie sich eigentlich heraus? Sie wissen ganz genau, dass mir die verfluchte Versammlung der Anteilseigner im Nacken sitzt. Ich kämpfe hier ums nackte Überleben, und Sie kommen mir mit einem solchen Unsinn!«
Ich muss zugeben, dass sein Wutausbruch mich völlig unvorbereitet traf. Es hagelte nur so Tadel auf mich herunter. »Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie zu mir von geheimen Komitees gesprochen, die sich gegen Sie verschwören und dass Sie vor der Anteilseignerversammlung alles darüber in Erfahrung bringen müssten«, verteidigte ich mich. »Mr. Foresters Versuche, ihre Arbeit und Ihren Ruf zu unterminieren, tragen doch ganz gewiss -«
»Ruhe!«, brüllte er. »Genug von dem Palaver. Ich lasse mir von einem einfachen Untergebenen kein solch ehrabschneidendes Gerede gefallen. Wären wir in Indien, hätte ich Sie für das, was Sie eben gerade zu mir gesagt haben, vor die Tiger geworfen. Haben Sie denn keine Ahnung, wie es in einem großen Unternehmen zugeht, was es bedeutet, Teil eines solchen Unternehmens zu sein?«
»Beim gemeinsamen Brotbacken sein Bestes zu geben?«, fragte ich.
»Gehen Sie jetzt zurück an Ihre Arbeit.« Er sprach wieder mit ruhigerer Stimme. Seine Wut hatte sich ein wenig gelegt, obwohl ich mit meiner provokanten Bemerkung leicht noch einmal Öl in sein Feuer hätte schütten können. »Gehen Sie Ihren Pflichten nach und ich den meinen, und stören Sie mich nicht weiter mit Ihren Theorien von geheimen Komitees und Verschwörungen. Wenn Sie mir jetzt, wo so viel auf dem Spiel steht, Ärger machen, werden Sie es bereuen, Weaver, das verspreche ich Ihnen. Und sehen Sie zu, dass Sie Ersatz für Ihren toten Mann kriegen. Ich werde keine Lücke im Wachpersonal dulden, bloß weil ein Dummkopf sich von einer Kiste erschlagen lässt.«
Mit diesen Worten entließ er mich; ich hatte nun Zeit und Muße, über all die Fehler nachzudenken, die ich am Tag zuvor begangen hatte.
18
A.n diesem Abend traf ich mich mit Mr. Blackburn in der Schenke seiner Wahl. Es war eine gemütliche Taverne mit vielen Kerzen und Leuchtern. Sie befand sich in der Nähe des Holzlagers in Shadwell - ausreichend weit vom Craven House entfernt. Die Gäste - Handwerker, kleine Kaufleute, sogar ein Geistlicher mit Brille - aßen und tranken in Ruhe. Blackburn und ich suchten uns einen Tisch in der Nähe des Feuers - zum einen, weil es dort warm war und zum anderen, weil Black-burn meinte, dass eventuell auf die Kleidung geschüttetes Bier dann schneller trocknen würde. Als wir Platz genommen hatten, erschien ein hübsches Mädchen, um unsere Bestellung entgegenzunehmen.
»Wer bist denn du?«, verlangte Blackburn zu wissen. »Wo ist Jenny?«
»Jenny fühlt sich nicht wohl. Deswegen bin ich für sie hier.«
»Nein, das geht nicht«, sagte Blackburn. »Ich will Jenny.«
»Aber es muss gehen«, antwortete das Mädchen. »Jenny hat die Ruhr, und das Blut schießt ihr so aus'm Arsch, dass sie's wohl nicht mehr lange machen wird, also musste schon mit mir vorliebnehmen, mein Süßer.«
»Ja, dann geht es wohl nicht anders«, sagte er, sichtlich enttäuscht. »Aber du musst ihr sagen, dass ich das als Kränkung aufnehme. Nun gut, also hör jetzt genau zu, denn ich möchte es nicht zweimal sagen. Du bringst mir einen Krug Ale, aber vorher wäscht du den Krug gründlich aus. Gründlich, sage ich, und dann trocknest du ihn mit einem sauberen Tuch ab. Es darf kein Fleck darauf zu sehen sein und in dem Bier darf nichts schwimmen, was nicht hineingehört. Du wirst es dir genau ansehen, bevor du es mir bringst. Merk dir gut, was ich gesagt habe, Mädchen. Wenn du das nicht tust, wirst du es mit Mr. Derby zu tun kriegen.«
Sogleich wandte sich das Mädchen mir zu, als wäre es das Beste, solche Sonderwünsche kommentarlos hinzunehmen. »Und Sie, Sir?«
»Ebenfalls ein Ale«, sagte ich. »Aber ich werde mich nicht beschweren, wenn nicht mehr als die übliche Menge Schmutz darin schwimmt.«
Das Mädchen ging und kam ein paar Minuten später mit unseren Bierkrügen zurück, die sie vor uns hinstellte.
Blackburn brauchte bloß einen kurzen Blick auf den seinen zu werfen, und schon brach es aus ihm heraus. »Nein!«, kreischte er. »Nein, so geht das nicht. So geht das ganz und gar nicht. Sieh dir das an, du dumme Schlampe. Da ist ein fettiger Fingerabdruck auf dem Krug. Bist du denn blind, dass du das nicht gesehen hast? Nimm diesen Dreck weg und bring mir einen sauberen Krug.«
»Sauberer wird er davon auch nich', wenn ich ihn aufm Kopp trage, oder was meinen 'Se?«, sagte das Mädchen. Mein weniger erhitztes Gemüt begriff, dass die Frage mehr rhetorischer Natur sein sollte, aber Mr. Blackburn schien sie durchaus ernst aufzufassen. »Ich kann so ein Gerede nicht dulden«, erregte er sich. »Allein schon der Gedanke an einen solchen Angriff gegen meine Person ist eine Abscheulichkeit.«
Das Mädchen stemmte keck die Fäuste in die Hüften - eine Haltung, die sie wohl schon oft eingenommen hatte.
Der Wortwechsel hatte die Aufmerksamkeit der meisten anderen Gäste erregt, und aus der Küche kam nun ein recht beleibter Mann mit einer Schürze vor dem Bauch und ohne Pe-rücke auf seinem kahl geschorenen Kopf. Er schob sich durch die Menge bis zu unserem Tisch vor. »Was ist los? Was gibt es hier für Schwierigkeiten?«
»Gott sei Dank, Derby«, keuchte Blackburn. »Dieses unverschämte Weibsbild serviert hier die Getränke in Nachttöpfen mit Resten von Notdurft darin.«
Das erschien mir denn doch als eine grobe Übertreibung, aber ich hielt mich zurück.
»Er iss doch glatt übergeschnappt«, verteidigte sich das Mädchen. »Iss doch bloß ein Fettfleck.«
Derby versetzte dem Mädchen einen Klaps an den Kopf, aber mehr zum Schein, denn er berührte dabei gerade mal eben ihr Haar und ihre Haube. »Schenk ihm ein Neues ein«, sagte er, »und sieh zu, dass der Krug sauber ist.« An Blackburn gewandt fügte er hinzu: »Es tut mir leid. Jenny hat die Ruhr, und dies Mädchen ist nicht vertraut mit deinen Vorlieben.«
»Ich hab's ihr aber gesagt«, protestierte Blackburn.
Derby streckte in einer Geste der Hilflosigkeit die Handflächen in die Höhe. »Du weißt doch, wie diese Mädchen sind. Sie wachsen im Dreck auf. Man sagt ihnen, sie sollen die Getränke sauber servieren, und solange keine tote Ratte darin schwimmt, gilt es als sauber. Ich werd's ihr schon noch begreiflich machen.«
»Das musst du auch«, schimpfte Blackburn. »Es gibt drei Elemente der Sauberkeit: die Anwendung von Seife, die vollständige Entfernung der Seife mit klarem Wasser und das Abtrocknen mit einem sauberen Tuch. Innen und außen, Derby. Das bringst du ihr bitte bei.«
»Ich werd's tun.« Der Mann entfernte sich, und Blackburn setzte mich darüber ins Bild, dass Derby der Bruder des Mannes seiner Schwester war, dem er, wie er mir zu verstehen gab, bei einer oder zwei Gelegenheiten, wenn das Geld knapp war, ausgeholfen hatte, was ihm nur dank seiner bescheidenen Lebensweise möglich gewesen sei. Daher nehme der Wirt Rück-sicht auf seine besonderen Vorlieben, was seine Schankwirtschaft zu der einzigen in der Stadt mache, in der er, Blackburn, guten Gewissens etwas zu sich nehmen könne.
»Nun, Sir«, wechselte er das Thema, »zu Ihrem Anliegen. Ich will Ihnen gerne zu Diensten sein, und Sie haben soeben auch schon eines der wichtigsten Prinzipien kennengelernt, mit dem sich Ordnung herstellen lässt, nämlich die Serie. Indem man seinem Gesprächspartner darlegt, dass man in drei Schritten zu argumentieren gedenkt, hat man eine Serie geschaffen, und eine Serie, Sir, lässt sich nicht wegdiskutieren. Sowie jemand den ersten Punkt hört, will er auch die nächsten erfahren. Dieses Prinzip habe ich schon oft zu meinem Vorteil angewandt, und nun teile ich das Geheimnis mit Ihnen.«