Ich bedankte mich bei ihm für seine Güte, mich an seiner Weisheit teilhaben zu lassen, und bat ihn, mich noch weiter in seine Philosophie der Ordnung einzuweihen. Also setzte er zu einem längeren Vortrag an, der nur durch gelegentliche zustimmende Bemerkungen meinerseits unterbrochen wurde. Blackburn ließ sich weit über eine Stunde lang aus, doch obgleich ich durchaus fand, dass sein Prinzip der Serie etwas für sich hatte, schien dies doch das Juwel in der Krone seiner geistigen Ergüsse darzustellen. Allzu selten kam er in seinen Ausführungen über onkelhafte Maximen wie Es gibt für alles einen Platz und alles hat an seinem Platz zu sein oder Sauberkeit kommt gleich nach Gottesfürchtigkeit hinaus. Und doch machten nicht solche Plattitüden das Sonderliche an Black-burn aus. Während er redete, stellte er unsere Bierkrüge nebeneinander, kramte den Inhalt seiner Taschen hervor, ordnete ihn und steckte ihn wieder ein. Unablässig zupfte er an seinen Rockaufschlägen, wobei er verkündete, auch hier gebe es einen Lehrsatz, ein Verhältnis von Rock zu Ärmelaufschlag, das unbedingt beachtet werden müsse.
Schon bald bewahrheitete sich, was ich bereits vermutet hatte, dass sein Hang zur Ordnung nämlich keine Form von Besessenheit darstellte, sondern eher eine Marotte - wenn auch eine ziemlich bedenkliche -, die möglicherweise auf eine Ungleichmäßigkeit seiner Oberarmknochen zurückzuführen war. Außerdem fiel mir auf, dass er, sooft ich ihn drängte, mir von Fehlentscheidungen im Craven House zu erzählen, eine deutliche Abneigung zeigte, irgendetwas Schlechtes über die East India Company zu sagen. Jede Art von Unordnung schien ihm zuwider zu sein, aber seine Loyalität war unerschütterlich. Mir blieb also nichts anderes übrig, als seine Zunge auf andere Weise zu lösen.
Ich entschuldigte mich damit, dass ich einmal austreten müsse, dies aber sehr ungern in aller Öffentlichkeit täte. Ich nahm an, dass ihm dieses Bedürfnis zusagte, also ging ich hinaus - allerdings nicht, um Wasser zu lassen, sondern um die Gegebenheiten zu erkunden.
Ich betrat die Küche, wo das Serviermädchen gerade Krüge auf ein Tablett stellte. »Ich möchte mich für das rüde Benehmen meines Begleiters vorhin entschuldigen«, sagte ich. »Bei ihm muss alles blitzsauber sein, und er hat es bestimmt nicht böse gemeint.«
»Iss sehr freundlich, dass Sie das sagen.« Das Mädchen machte einen Knicks vor mir.
»Es handelt sich nicht um Freundlichkeit, sondern um gute Manieren. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, ich wäre damit einverstanden gewesen, wie er dich behandelt hat. Ich kenne ihn geschäftlich, und er ist für mich eher eine Art Widersacher als ein enger Freund. Nennst du mir deinen Namen?«
»Annie«, sagte sie mit einem weiteren Knicks.
»Annie, wenn du mir einen Gefallen erweist, will ich mich erkenntlich zeigen.«
Nun blickte sie schon ein wenig skeptischer drein. »An was für einen Gefallen haben Sie denn gedacht?«
»Mein Bekannter ist von ziemlich nüchterner Natur. Er findet ständig an seinem Ale etwas auszusetzen, aber ich würde ihm gerne die Zunge ein wenig mehr lösen. Glaubst du, es gelingt dir, einen Schuss Gin in sein Bier zu tun? Nicht so viel, dass er es merkt, aber genug, um ihn ein bisschen in Stimmung zu bringen?«
Sie warf mir ein verschlagenes Grinsen zu, wischte es aber sogleich wieder mit dem Handrücken fort. »Ich weiß nich' recht, Sir. Es scheint mir nich' recht, die Unwissenheit eines Gentleman so auszunützen.«
Ich hielt ihr einen Schilling hin. »Geht es nun besser?«
Sie nahm die Münze aus meinen Fingern. »So wird's gehen.«
Sowie ich wieder am Tisch saß, brachte sie uns zwei neue Krüge. Blackburn und ich unterhielten uns über dieses und jenes, während er sein gestärktes Ale trank. Nach und nach merkte man an seiner Sprechweise und seinen Bewegungen, dass der Gin seine Wirkung tat. Meine Gelegenheit war gekommen. »Für einen Mann, der eine solche Abscheu gegenüber Unordnung hat, muss es nicht leicht sein, im Craven House zu arbeiten.«
»Zuweilen, zuweilen«, sagte er und nuschelte dabei schon ein wenig. »Es geschehen dort allerlei unerfreuliche Dinge. Unterlagen werden falsch zugeordnet oder gar nicht, Ausgaben ohne ordentlichen Beleg getätigt. Einmal«, sagte er und senkte dabei die Stimme, »ist der Mann, der die Nachttöpfe leert, auf dem Wege zur Ausübung seiner Pflichten totgeschlagen worden, also blieben in jener Nacht die Töpfe ungeleert. Den meisten hat das gar nichts ausgemacht. Sie haben ihre vollen Töpfe einfach den Tag über stehen gelassen. Unsaubere Wilde, das ganze Pack.«
»Schlimm, schlimm«, pflichtete ich ihm bei. »Ist sonst noch etwas vorgefallen?«
»Oh, gewiss ist sonst noch etwas vorgefallen. Mehr, als Sie glauben würden. Über einen der Direktoren - den Namen will ich aus dem Spiel lassen - habe ich gehört, gehört, wohlver-standen, also weiß ich nicht, ob es der Wahrheit entspricht, dass er seinen Hemdsaum benutzt, um sich abzuputzen und dann mit seinem schmutzigen Hemd wieder an die Arbeit geht.«
»Aber es sind doch bestimmt nicht alle Männer dort so ver-abscheuungswürdig?«
»Alle? Na, das wäre ja noch schöner. Es hält sich in Grenzen.«
Das Mädchen kam, nahm unsere geleerten Krüge und stellte uns volle hin. Mit einem raschen Augenzwinkern gab sie mir zu verstehen, dass der für Blackburn wiederum einen Schuss Gin enthielt.
»Ich glaube, die Schlampe findet Gefallen an mir«, bemerkte Blackburn. »Haben Sie gesehen, wie sie mir zugezwinkert hat?«
»Es ist mir nicht entgangen.«
»Ja, sie mag mich. Aber ich würde mich nicht neben so eine legen, bis ich nicht gesehen habe, wie sie vorher ein Bad nimmt. Oh, ich sehe gerne Frauen beim Bade zu, Mr. Weaver. Das ist mein höchstes Vergnügen.«
Während er trank, informierte er mich über weitere Verstöße gegen die Hygiene, von denen er Kenntnis hatte. Ich ließ ihn damit fortfahren, während er den größten Teil seines mit Gin gemischten Bieres trank, aber da er zunehmend undeutlicher sprach und ich befürchten musste, dass ich seinen Ausführungen bald nicht mehr würde folgen können, unternahm ich einen weiteren, wie ich hoffte, nicht zu auffälligen Vorstoß. »Was gibt es sonst noch zu berichten? Was ist mit den Schludrigkeiten, die Sie angedeutet haben und die über persönliche Unreinheit hinausgehen? In der Führung der Bücher etwa?«
»Ja, es kommen dabei Fehler vor. Überall und ständig. Es greift geradezu um sich. Manche benehmen sich, als besäßen sie unsichtbare Diener, dienstbare Geister, die hinter ihnen herräumen. Und dabei handelt es sich nicht immer um Re-chenfehler«, sagte er und zwinkerte nun seinerseits unmissverständlich.
»Ach?«
»Ihr eigener Brotherr zum Beispiel - aber ich rede zu viel.«
»Sie haben schon zu viel gesagt, als dass Sie jetzt nicht weitererzählen könnten. Es wäre grausam, mich so auf die Folter zu spannen. Fahren Sie bitte fort. Wir können einander doch vertrauen.«
»In der Tat, in der Tat. Da haben Sie recht. Es ist wie mit der Serie, nicht wahr? Wenn man einmal einen Gedanken angefangen hat, muss man ihn auch zu Ende spinnen. Ich denke, das haben Sie von mir gelernt.«
»Durchaus. Nun erzählen Sie weiter.«
»Sie sind aber ausgesprochen neugierig«, bemerkte er.
»Und Sie zieren sich wie ein kokettes Mädchen«, sagte ich so versöhnlich wie möglich. »Sie wollen mich doch wohl nicht im Ungewissen belassen?«
»Nein, keineswegs. Ich glaube, ich darf noch ein wenig weiter ausholen.« Er räusperte sich. »Ihr Brotherr, dessen Namen ich nicht aussprechen werde, weil man nie weiß, wer einem noch alles zuhört, ist einmal mit dem Begehren an mich herangetreten, eine beträchtliche Summe aus den Büchern verschwinden zu lassen, damit er darüber verfügen könne. Mit dem Hauptkassierer wäre alles bereits abgesprochen, meinte er, doch er bräuchte auch meine Mitwirkung, um das Verschwinden des Geldes vor neugierigen Augen zu verbergen. Er hatte sich sogar eine Geschichte zurechtgelegt, dass es für eine wichtige Unternehmung innerhalb der East India Company sei, doch könne er mir nicht mehr darüber sagen, aber ich ahnte sofort, dass es sich bei dieser wichtigen Unternehmung um die Begleichung von Spielschulden oder um das Erlangen von Mitteln für seine Herumhurerei handeln dürfte. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich seinen Wunsch abschlägig beschieden habe.«