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»Warum?«

»Warum? Warum? Reicht es denn nicht, dass es ein unaussprechliches Verbrechen wäre, so nach eigenem Gutdünken mit den Büchern zu verfahren? Aber auch aus einem anderen Grund kam mir die Sache bedenklich vor. Der frühere Hauptkassierer, ein Mann namens Horner, hatte Ihrem Arbeitgeber zu häufig unter die Arme gegriffen, als dass seine weitere Präsenz im Unternehmen diesem noch angenehm sein konnte. Also belohnte man ihn für seine treuen Dienste damit, dass man ihn nach Bombay abkommandierte, wo er dann für den Rest seiner Tage schuften durfte. Ich wollte doch nicht, dass mir das Gleiche widerfährt. Ich glaube nicht, dass ich mich unter lauter Indern wohlfühlen würde.«

»Aber was war mit dem Geld, das Ellershaw benötigte? Ist er ohne es ausgekommen?«

»Aber nicht doch. Ich stellte schon bald das Fehlen besagter Summe fest. Es war ein ziemlich umständlicher Versuch unternommen worden, die Unterschlagung zu vertuschen, aber mich konnte man damit nicht hinters Licht führen.«

»Haben Sie Ellershaw darauf angesprochen?«

»In einem Unternehmen, in dem Loyalität mit einer Verbannung in das wüsteste Klima auf Erden belohnt wird, war mir keineswegs danach, unloyal zu erscheinen. Stattdessen habe ich den Betrug so gründlich getarnt, dass niemand je dahinterkäme. Ich würde nie etwas Unrechtes tun, Sir, aber ich fand nichts dabei, Gras über eine Sache wachsen zu lassen, wenn das Kind nun einmal in den Brunnen gefallen war.«

Ich nickte nachdenklich. »Wie interessant, Ihnen zuzuhören«, sagte ich. »Sie müssen doch noch mehr solche Geschichten zu erzählen wissen.«

»Nun, da gab es schon ein oder zwei Dinge, die mir gegen den Strich gingen - bevor Sie das mit dem Greene House aufs Tapet gebracht haben, um es einmal so auszudrücken. Aber ich will lieber keine alten Geschichten mehr aufwärmen.«

»Ich bitte Sie darum.«

Er schüttelte den Kopf.

Ich beschloss, dass es an der Zeit für einen taktischen Winkelzug war, auch wenn dieser Cobbs Anweisungen widersprach. Er hatte mir untersagt, den Namen Absalom Pepper in den Mund zu nehmen, aber der Mann, den ich auszuhorchen trachtete, war schon ziemlich alkoholisiert, also glaubte ich, einen Versuch wagen zu können.

»Sprechen Sie von der Geschichte mit dem Pepper?«, fragte ich Blackburn.

Er wurde ganz blass und bekam große Augen. »Was wissen Sie darüber? Wer hat Ihnen davon erzählt?«, fragte er leise.

»Wer mir davon erzählt hat?« Ich lachte. »Das weiß doch jedes Kind.«

Er klammerte sich mit beiden Händen an der Tischkante fest. »Jedes Kind weiß es? Sie sagen, das weiß jedes Kind? Wer hat da nicht den Mund gehalten? Wie hat er davon erfahren? Oh, ich bin ruiniert. Das ist das Ende.«

»Beruhigen Sie sich«, sagte ich. »Sie müssen mich missverstanden haben. Wie konnte ich ahnen, dass die Erwähnung dieses Pulvers Sie so aufregt?«

»Pulver? Was für ein Pulver?«

»Paprika. Capsicum annuum. Hierzulande Pepper genannt. Da die East India Company sich, wie ich zu erinnern vermeine, früher fast ausschließlich mit dem Import von Gewürzen befasst hat, hätte es mich interessiert, ob bei der Umstellung auf Textilien und Tee organisatorisch alles glatt gegangen ist.«

Er ließ den Tisch wieder los. »Ach so. Das meinen Sie.« Dann nahm er einen herzhaften Schluck aus seinem Krug.

Das war der Moment, auf den ich gewartet hatte. Ich hätte ein Dummkopf sein müssen, die Gelegenheit nicht beim Schopfe zu packen. »Ich habe von dem Gewürz gesprochen, Sir. Nur von dem Gewürz.« Ich lehnte mich zurück, bis meine Schultern die Wand berührten. »Aber was haben Sie denn verstanden?«

Jetzt stand alles auf Messers Schneide. Ich spielte ein gefährliches Spiel, und ich kannte kaum die Regeln. Würde er merken, dass ich ihn hereingelegt hatte, ihn dazu gebracht hatte, zuzugeben, dass er über einen gewissen Pepper etwas wusste - wenn auch nicht genau, was -, und würde ihn das gegen mich aufbringen? Oder würde er sich in sein Schneckenhaus zurückziehen?

Er schüttelte den Kopf. »Schon gut. Es war nicht so wichtig.«

»Nicht so wichtig«, wiederholte ich in so jovialem Ton wie möglich. »Dafür, dass es nicht so wichtig war, hat es Sie aber mächtig aufgeregt, Sir.«

»Ich sagte doch, es war nichts.«

Ich beugte mich zu ihm vor. »Nun kommen Sie schon, Mr. Blackburn«, flüsterte ich. »Wir können einander doch vertrauen, und Sie haben meine brennende Neugier erweckt. Worauf, glaubten Sie, hätte ich angespielt? Sie können es mir ruhig sagen.«

Er nahm noch einen Schluck. Ich weiß nicht, was ihn zum Reden brachte - der Alkohol, das Gefühl, in mir eine verwandte Seele gefunden zu haben, oder die Erkenntnis, dass die Geschichte ohnehin schon halb heraus war und er mir ebenso gut auch noch den Rest erzählen konnte, um sie dann endgültig mit dem Mäntelchen des Vergessens zuzudecken. Jedenfalls holte er tief Luft und stellte seinen Krug hin. »Es gibt da eine Witwe.«

»Was für eine Witwe?«

»Es ist keine fünf oder sechs Monate her, da erhielt ich vom Direktorium einen versiegelten Brief. Er war von keinem einzelnen Direktor unterschrieben, sondern nur mit einem Siegel beglaubigt. Darin wurde ich angewiesen, dafür zu sorgen, dass eine Witwe eine Rente von einhundertzwanzig Pfund im Jahr erhielt, ansonsten aber kein Wort davon zu irgendwem zu sagen, nicht einmal zu einem Vorgesetzten, da es sich um eine geheime Vereinbarung handelte, die unsere Rivalen gegen uns verwenden könnten. Ja, es wurde mir in dem Brief sogar damit gedroht, dass ich meine Stellung verlöre, wenn die Angelegenheit an die Öffentlichkeit dränge. Ich hatte keinen Grund, diese Drohung auf die leichte Schulter zu nehmen, denn ursprünglich war Horner, der Hauptkassierer, für die Auszahlung dieser Rente verantwortlich gewesen. Es war seine letzte Amtshandlung, bevor man ihn in die Hölle Asiens verfrachtet hat. Jeder Dummkopf hätte erkannt, dass ich inmitten geheimer Machenschaften von großer Tragweite steckte, und mir blieb nur, den Anweisungen zu folgen, wenn ich einem schrecklichen Schicksal entgehen wollte.«

»Und der Name dieser Witwe war Pepper?«

Blackburn fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und wandte den Blick ab. Dann schluckte er schwer, um anschließend einen großen Schluck aus seinem Krug zu nehmen. »Ja. Sie ist die Witwe eines gewissen Absalom Pepper.«

Obwohl ich mir alle Mühe gab, gelang es mir nicht, Black-burn weitere Informationen zu entlocken - auch nicht mit Hilfe zweier weiterer Krüge Ale. Er blieb dabei, nur zu wissen, dass Mrs. Pepper eine Witwe war, zu deren Unterhalt das Direktorium der East India Company beizutragen beschlossen hatte. Sie lebte nahe der Stadtgrenze in dem Weiler Twickenham, wo sie ein Haus in der neu erbauten Montpelier Row besaß. Darüber hinaus wüsste er nichts - außer, dass sie es scheinbar einmalig gut getroffen hatte, denn die East India Company zahlte nie Renten, nicht einmal an scheidende Direktoren. Darüber hinaus schien es keinerlei Verbindung zwischen Pepper und der East India Company zu geben, außer eben, dass die Firma seiner Witwe eine stattliche Rente zukommen ließ und die Angelegenheit mit größter Diskretion behandelt wurde.

Ich drängte Blackburn, soweit es mir tunlich erschien, aber es zeigte sich bald, dass ich an die Grenzen seines Wissens gestoßen war. Und doch tat sich hier ein Pfad auf, der zur Erfül-lung von Cobbs innigstem Herzenswunsch führen könnte - was für meine Freunde und meinen Onkel höchstwahrscheinlich die Befreiung von dem Joch bedeuten konnte. Ich wagte nicht zu hoffen, dass auch ich selber so bald aus dieser verworrenen Angelegenheit freikäme, aber vielleicht konnte ich mein erworbenes Wissen über diesen Absalom Pepper dazu nutzen, wenigstens die Bürde meines Onkels ein wenig zu erleichtern.