Nachdem ich ihn lange genug ausgefragt hatte, war Mr. Blackburn zu betrunken, um nach Hause gehen zu können -er konnte sich nicht einmal mehr auf den Füßen halten, um es genau zu sagen. Also setzte ich ihn in eine Droschke, bezahlte den Kutscher und konnte nur hoffen, dass er den armen Kerl zu allem Unglück nicht auch noch ausnahm.
Obwohl auch ich den Magen voller Bier hatte und nicht mehr ganz und gar klar im Kopf war, schien die Stunde mir nicht zu spät, um Cobb noch einen Besuch abzustatten und ihm von meinen neuesten Erkenntnissen zu berichten. Aber zunächst wollte ich alles noch einmal überdenken, also ging ich ins Gasthaus zurück, setzte mich wieder ans Feuer und trank meinen letzten Schluck Bier. Dabei kam ich zu dem Ent-schluss, den Besuch bleiben zu lassen, denn ich war doch noch genügend bei Verstand, um mir zu sagen, dass ich Cobb nicht mehr verpflichtet war als Ellershaw. In erster Linie musste ich jetzt an mich selber denken und überlegen, wie ich mich aus diesem dicht gewobenen Spinnennetz befreien konnte. Also würde ich mein Wissen nach Möglichkeit vorerst für mich behalten.
Ich rief die fügsame junge Annie zu mir und bat sie um einen Stift und Papier. Dann schrieb ich zwei Briefe. Der eine war an Ellershaw gerichtet; ich teilte ihm darin mit, dass ich am nächsten Tag nicht ins Craven House kommen könne, da es mich mit blutigem Durchfall - man sieht, wie mir das Schicksal der armen Jenny als Inspiration diente - aufs Krankenbett geworfen hatte. Wenn man sich mit einem Schnupfen oder mit starken Schmerzen entschuldigt, empfängt man oft ungefragt gut gemeinte medizinische Ratschläge, also gab ich eine so unappetitliche Krankheit vor, dass Ellershaw sich hüten würde, persönlich nach dem Rechten zu sehen.
Mein zweiter Brief galt Elias Gordon. Ich bat ihn, mich an einem Ort zu treffen, an dem wir unbeobachtet waren. Dann gab ich die beiden Schreiben zusammen mit noch einer Münze Annie, die mir versprach, sogleich den Küchenjungen damit loszuschicken.
In diesem Augenblick erhaschte ich, wenn auch nur ganz am Rand, den Blick eines kleinwüchsigen Burschen mittleren Alters, der in eine der hintersten Ecken gekauert saß. Ich hatte ihn schon beim Eintreten gesehen, mir aber nichts weiter gedacht, und er wäre mir auch jetzt nicht aufgefallen, wenn er nicht so rasch den Blick von mir abgewandt und ihn auf Annie geheftet haben würde. Dies mochte ohne jede Bedeutung sein, reine Neugier eines Gastes, aber es machte mich doch misstrauisch, und ich nahm den Mann unwillkürlich ein wenig näher in Augenschein.
Er trug ein abgewetztes braunes Gewand, und seine ungepflegte und altmodische Perücke hing ihm auf beiden Seiten wie ein kranker Schoßhund auf die geflickten Schultern seines Rockes. Seine kleine Brille war ihm halb auf die Nase gerutscht, doch da der Raum nur spärlich beleuchtet war, vermochte ich nicht in seinen Zügen zu lesen. Am ehesten kam er mir vor wie ein verarmter Gelehrter, doch konnte es durchaus sein, dass er sich nur als ein solcher ausgab und in Wirklichkeit im Dienste finsterer Mächte stand. Andererseits war nicht von der Hand zu weisen, dass ich mich möglicherweise durch die Umstände verunsichern ließ und er wirklich nicht mehr war, als es den Anschein hatte.
Dennoch erweckte etwas meinen Argwohn. Jener vermeintliche Gelehrte hatte einen schwarz gebundenen Oktavband vor sich, in den er recht vertieft zu sein schien. Es gab aber in dem Raum viel besser beleuchtete Plätze als den, den er sich ausgesucht hatte, und selbst jemand, der keine Brille brauchte, würde seine Schwierigkeiten haben, in dem Dämmerlicht, in dem der Unbekannte hockte, etwas zu lesen. Also blieb mir doch nur der Schluss, dass er auf mich angesetzt war, ob nun von Cobb oder sonst wem.
Ich beschloss daher, abzuwarten. Wenn er vorhatte, mir beim Verlassen des Wirtshauses zu folgen, wollte ich es darauf ankommen lassen. Entweder verlor ich ihn aus den Augen, oder er ging mir bis zu meiner Unterkunft nach. Sollte er doch. Falls er sich aber erheben und versuchen sollte, den Jungen aufzuhalten, würde ich meinerseits ihm folgen müssen, denn ich konnte es nicht darauf ankommen lassen, dass meine Briefe, vor allem der an Elias, in die Hände eines mir unbekannten Widersachers fielen.
Noch einmal rief ich Annie, bat sie, sich zu mir herunter-zubeugen und legte eine Hand auf ihr einladendes Hinterteil. »Lach«, sagte ich. »Lach, als hätte ich etwas zu und zu Amüsantes geäußert.«
Zu meiner großen Überraschung lachte sie ohne Umschweife laut auf.
»So, nun dreh dich bitte nicht um, aber dahinten in der Ecke sitzt ein gelehrt aussehender Bursche. Weißt du, von wem ich spreche?«
»Worum geht's denn?«
»Darum, dass für dich ein weiterer Schilling dabei herausspringt.«
»Oh, das klingt gut. Er iss schon den ganzen Abend hier. So wie Sie.«
»Und was trinkt er?«
»Man sollte es nich glauben - nichts als Milch. Ein erwachsener Mann, der Milch trinkt ohne Brot dazu. Wie 'n Kind.«
Ich glaubte es durchaus. Der Junge, dem ich meine Briefe anvertraut hatte, schien vor seinem Botengang noch andere Pflichten zu erledigen gehabt zu haben, aber nun sah ich ihn zur Tür hinausgehen. Augenblicklich hielt es auch den vermeintlichen Gelehrten nicht mehr auf seinem Platz. Ich wartete einen Moment; dann drückte ich dem Mädchen eine Silbermünze in die Hand, erhob mich rasch und folgte dem vorgeblichen Mann von Bildung.
Als ich auf den Market Hill kam, hatte er sich dem Jungen bereits bis auf wenige Schritte genähert. Auf dem Boden lag festgetretener Schnee, auf dem es sich nicht gut laufen ließ, aber zur Not war ich bereit, die Beine in die Hand zu nehmen.
»Warte«, rief unser Gelehrter dem Jungen nach. »Warte auf mich, mein Sohn. Ich habe etwas mit dir zu bereden, und es soll dein Schaden nicht sein.«
Der Junge sah sich um, blickte aber nicht in ein lächelndes, harmloses Gesicht, sondern in eines, das sich vor Schmerz verzerrte, als ich dem Burschen einen Schlag gegen den Hinterkopf versetzte und ihn damit in den Straßenschmutz niederstreckte.
»Er wollte nicht mit dir reden, sondern dir etwas antun«, sagte ich zu dem Jungen. »Nun geh und gib deine Briefe ab. Um den Unhold werde ich mich kümmern.«
Der Junge konnte nicht zu starren aufhören, so fasziniert war er von dem Spektakel, das sich vor ihm abspielte, aber da der Schurke nicht mehr an ihn herankonnte, spielte die kurze Verzögerung keine große Rolle. Der Fremde zappelte und schien nicht recht zu begreifen, was ihm widerfahren war, aber ich stellte einen Fuß auf seine Hand, damit er gar nicht erst versuchte, sich zu erheben. Rasch merkte er, dass jede Bewegung nur zur Folge hatte, dass ich ihn noch stärker zu Boden drückte.
»So, Sir, nun erzählen Sie mir mal, für wen Sie arbeiten.«
»Es ist eine Ungeheuerlichkeit, einen Angehörigen der Universität niederzuschlagen. Und sowie die Welt erfährt, dass der Täter auch noch ein Jude war, wird das schreckliche Konsequenzen für Ihre Leute haben.«
»Ach, und woher wollen Sie wissen, dass ich Jude bin?«
Ich bekam keine Antwort.
»Es interessiert mich nicht, ob Sie an der Universität sind oder nicht. Mich interessiert nur, dass Sie mich beobachtet und versucht haben, den Jungen aufzuhalten, der meine Briefe austrägt. Also - für wen arbeiten Sie?«
»Von mir erfahren Sie gar nichts.«
Damit musste ich mich wohl abfinden, und da es für meine Pläne ohnehin von untergeordneter Bedeutung erschien, ob er nun von Cobb oder Ellershaw oder sonst wem geschickt worden war, unternahm ich gar nicht den Versuch, ihn zum Sprechen zu bringen, sondern schlug seinen Kopf auf den Boden, bis er das Bewusstsein verlor. Alsdann durchsuchte ich ihn, fand aber nichts Wichtiges bis auf eine Zehnpfundnote, die von demselben Goldschmied ausgestellt war, von dem auch die Geldscheine stammten, mit denen Cobb mich bezahlte.