Ich blickte auf und sah, dass der Junge nicht weitergegangen war, sondern ängstlich in der Nähe verharrte. »Gib mir die Briefe zurück«, rief ich ihm zu. »Wenn ein Schuft sich hier herumtreibt, gibt es vielleicht noch mehr davon. Ich werde eine andere Art der Zustellung wählen.«
Der Junge gab mir die Briefe zurück und rannte davon. Ich blieb ziemlich allein auf der Straße stehen. Mit den Briefen in der Hand betrachtete ich den vorgeblichen Gelehrten und fragte mich gerade, ob ich vielleicht zu rasch die Geduld mit ihm verloren hatte und er mir noch mehr hätte sagen können. Aber einen Augenblick später hatte die Frage sich bereits erledigt, als ich nämlich eine Hand an meinem Kopf spürte, die mich in den schmutzigen Schnee stieß. Ich fiel einigermaßenweich und war sofort wieder beieinander, doch leider eine Sekunde zu spät. Als ich aufblickte, sah ich die Gestalt eines Mannes mit meinen Briefen davonlaufen.
Sofort war ich wieder auf den Füßen und hinter dem Dieb her, aber er hatte schon einen beträchtlichen Vorsprung. Ich sah ihn ein ganzes Stück vor mir - für seine massige Figur war er unglaublich behände. Ich hingegen, der ich mir einmal böse das Bein gebrochen hatte, konnte kein solches Tempo vorlegen und musste befürchten, dass der Kerl mir trotz all meiner Bemühungen, den Schmerz nicht zu beachten und mich ins Zeug zu legen, entkommen würde.
Er lief zum Virginia Planter Hill und auf die Shadwell Street zu, was ich als Glück für mich erachtete, denn die Straße war breit und gut beleuchtet, und es würden zu dieser späten Stunde fast keine Passanten mehr dort unterwegs sein. Es bestand also die geringe Chance, dass es mir doch noch gelang, ihn einzuholen.
Während ich mich sputete, um den Abstand zwischen uns zu verringern oder den Mann wenigstens nicht ganz aus den Augen zu verlieren, bog er in die Shadwell Street ein. Im nächsten Moment sah ich, wie er zurückprallte und beinahe hintenüberfiel, als ein Einspänner mit großer Geschwindigkeit an ihm vorbeiraste, dessen Kutscher dem Mann, den er um ein Haar zu Tode gefahren hatte, eine Unflätigkeit zurief.
Aber der Verfolgte fing sich rasch wieder, setzte zum Sprung an wie eine riesige Katze, und als eine weitere Kutsche an ihm vorbeikam, sprang er mit einem Satz auf den Wagen. Über das Klappern der Hufe und das Poltern der Räder hinweg konnte ich gerade noch den überraschten Aufschrei des Kutschers hören. Was musste das für ein Mann sein, dachte ich, der sein Leben in höchste Gefahr brachte, indem er auf eine vorbeirasende Kutsche sprang? Es stachelte meine Wut nur umso mehr an, denn nun blieb mir nichts anderes übrig, als es ihm nachzutun.
Ich lief so schnell ich konnte, aber ein weiterer Einspänner überholte mich, dann noch einer, und schließlich schien es, als wären acht oder zehn davon in einer Wettfahrt begriffen. Als ich die Shadwell Street erreichte, näherte sich mir gerade noch ein Nachzügler, und den wollte ich auf keinen Fall verpassen. Trotz der Dunkelheit konnte ich erkennen, dass die Kutsche grün gestrichen und mit goldenen Streifen verziert war - und dass einer dieser Streifen die Gestalt einer Schlange hatte. Und dann ging mir auf, dass dies der Wagen sein musste, von dem vor einiger Zeit Mr. Chance angefahren worden war. Der Kutscher war ein junger Tunichtgut gewesen, der seinem törichten Rennen mehr Wert beimaß als einem Menschenleben. Nun, ebendieser Kutscher musste nun mit meiner Gesellschaft vorliebnehmen, denn ich schwang mich in die Luft und hoffte dabei inständig, dass ich im Wageninneren und nicht unter den Rädern landen würde.
Und tatsächlich landete ich wirklich ziemlich unsanft in der Kutsche, deren Besitzer vor Schreck aufkreischte.
»Seid Ihr denn von Sinnen?«, verlangte er zu wissen, und in seinen weit aufgerissenen Augen spiegelte sich das Licht der Straßenlaternen.
Ich schwang mich neben ihn und riss ihm die Zügel aus der Hand. »Du bist ein Dummkopf, ein Scheusal und ein miserabler Kutscher noch dazu«, versetzte ich. »Nun sei still, sonst stoße ich dich vom Bock.«
Ich trieb das Pferd mit einem Peitschenhieb voran, und siehe da, es konnte schneller laufen, als sein Besitzer es ihm abverlangt hatte, denn dieser schien mir nicht unter mangelndem Durchsetzungsvermögen, sondern an mangelndem Schneid zu leiden, denn er kreischte schon wieder auf, als ich das Tempo erhöhte.
»Langsamer!«, schrie er so schrill, dass Kristallglas davon hätte zerspringen können. »Sie bringen uns noch um!«
»Habe ich nicht mal gesehen, wie du einen Mann umgefahren hast und nichts als ein Lachen für ihn übrighattest?«, rief ich laut, damit er mich über das Geräusch der Hufe und des Fahrtwindes hören konnte. »Ich glaube kaum, dass du mein Mitleid verdienst.«
»Was wollen Sie denn nur von mir?«, wimmerte er.
»Die anderen Kutschen überholen«, sagte ich. »Und wenn mir danach noch Zeit und Gelegenheit bleiben, dir einen Denkzettel verpassen.«
Erbarmungslos trieb ich das Pferd zu immer halsbrecherischerem Tempo an, aber mir blieb keine andere Wahl. Wir überholten den ersten Wagen, dessen Kutscher verdutzt zu mir und dem zusammengekauerten Mann an meiner Seite herüberschaute, dann den zweiten und dritten. Wenn ich es wollte, dachte ich, dann könnte ich dieses Rennen gewinnen.
Die noch vor uns liegenden Kutschen bogen in die Old Gra-vel Lane ein und verlangsamten dementsprechend ihre Fahrt. Wenn ich jedoch meine Briefe wiederhaben wollte, konnte ich auf Sicherheitsbedenken keine Rücksicht nehmen und nahm meinerseits kaum Fahrt weg, so dass wir auf zwei Rädern um die Ecke rasten. Ich hielt mit der einen Hand die Zügel und schob mit der anderen meinen greinenden Passagier an seinem Mantelkragen ans äußerste Ende der Sitzbank, so dass wir gerade eben das Gleichgewicht zurückbekamen und nicht umkippten. Währenddessen hatten wir noch drei weitere Wagen überholt, so dass sich jetzt nur noch drei vor uns befanden.
Unser Pferd schien nicht minder begeistert wie ich selber, dass wir dieses waghalsige Manöver gemeistert hatten und holte noch die letzten Reserven aus sich heraus, mit deren Hilfe wir den verbleibenden drei Wagen immer näher kamen. Nun konnte ich schon erkennen, dass nicht die Kutsche an der Spitze, sondern der Einspänner dahinter mit zwei Personen besetzt war. Ich musste alles tun, um sie zum Anhalten zu zwingen und griff in der Hoffnung, das Pferd würde gehorchen - wenn es denn gehorchen konnte -, noch einmal zur Peitsche. Ich hatte ja keine Ahnung, wie viel Kraft noch in dem Tier steckte, und während der Wagen ganz vorn seinerseits das Tempo erhöhte, begann der mit den zwei Männern darin langsamer zu werden, so dass ich mich neben ihn setzen konnte.
Der seitliche Abstand zwischen uns änderte sich von Sekunde zu Sekunde, lag aber immer zwischen zwei bis höchstens vier Armeslängen.
Die beiden Männer in der Kutsche, mit der ich nun im Wettstreit lag, riefen mir etwas zu, was ich aber nicht verstehen konnte, und ich hatte auch kein Verlangen und keine Zeit, genauer hinzuhören. Wieder nahm ich die Zügel in die linke Hand und zog mit der rechten den Feigling vom Boden des Kutschbocks hoch, wo er sich verkrochen hatte.
»Nimm du jetzt die Zügel!«, schrie ich ihn an. »Halte dich so nahe wie möglich. Wenn du nicht tust, was ich sage, wirst du es bereuen. Deinen Einspänner erkenne ich jederzeit wieder, und dann wirst du dir wünschen, mir nie begegnet zu sein.«
Er nickte. Erst hatte er Angst, dass wir zu schnell fuhren, jetzt musste er zusehen, dass wir nicht zu langsam wurden. Jedenfalls nahm er die Zügel und versuchte, sie ruhig zu halten, während ich an das Ende der Sitzbank rutschte und meinen ganzen Mut zusammennahm. Ich wusste, dass ich diese Manöver besser gar nicht erst versuchen sollte: Zwar habe ich in meinem Leben schon viele Dummheiten begangen, aber nichts, was so töricht war wie das hier. Sollte es mir misslingen, würde es mein sicheres Ende bedeuten. Doch wenn ich es nicht versuchte, würden meine Widersacher mit meinen Briefen entkommen, und dann würden sie viel mehr wissen, als mir lieb war. Ich durfte nicht zulassen, dass meine Pläne zunichtegemacht wurden und mein Onkel in den Schuldturm kam, also holte ich tief Luft und sprang ins Leere.