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Wieso ich nicht unter den Hufen zu Tode getrampelt oder von den Rädern zermalmt wurde, wird mir stets ein Rätsel bleiben, aber irgendwie kam es, dass genau im Augenblick meines Sprunges meine Kutsche einen Schlenker nach rechts machte, so dass der Abstand zwischen den beiden Wagen sich verringerte und ich tatsächlich den Kutschbock des Einspänners neben uns erreichte, wobei ich dem Mann, der die Zügel in der Hand hatte, einen unsanften Stoß versetzte. Ihn hielt ich für den Kerl, der meine Briefe gestohlen hatte, also schob ich ihn grob beiseite, riss die Zügel an mich und brachte das Pferd durch ruckartiges Annehmen der Zügel so jäh zum Halten, dass ich mich mit aller Kraft gegen das Spritzbrett stemmen musste, um nicht nach vorne geschleudert zu werden. Meine unfreiwilligen Mitfahrer waren nicht darauf vorbereitet und flogen Hals über Kopf vom Kutschbock herunter, wobei auch sie es nur einer göttlichen Fügung verdankten, nicht unter die Räder einer der nachfolgenden Kutschen zu geraten. Es war ein Zeichen der Gefühllosigkeit dieser Leute, dass keiner der an dem Rennen Beteiligten auch nur daran dachte, anzuhalten und seinen Kameraden zu Hilfe zu eilen. Sowie der Wagen stand, sprang ich vom Bock und rannte zu der Stelle, an der die beiden Männer nebeneinander am Straßenrand kauerten. Schon hatte sich eine johlende Menge um sie versammelt -Sympathie konnten diese Wagenlenker nicht erwarten.

Sie waren ziemlich benommen und bluteten an mehreren Stellen, schienen aber nicht ernsthaft verletzt. Doch das konnte sich rasch ändern.

Ich griff in die Tasche und zog meine Pistole. Es hatte leicht zu schneien begonnen, und die geringste Feuchtigkeit konnte es unmöglich machen, die Waffe abzufeuern, aber ich hoffte, dass die zwei Burschen in ihrem angeschlagenen Zustand nicht auch auf diesen Gedanken kämen. »Wer von euch hat meine Briefe gestohlen?«, verlangte ich zu wissen.

»Wir waren es nicht!«, rief einer der beiden.

»Es muss einer von euch gewesen sein. Eurer war der einzige mit zwei Personen besetzte Wagen. Also, wer von euch war es?«

»Wir waren es nicht«, echote sein Gefährte. »Er sagt die Wahrheit. Der Kerl war stark wie Herkules und hatte Narben im Gesicht. Er hat mich von meinem Wagen heruntergeworfen. Da bin ich mit Johnny hinter ihm her. Wir wollten's Ihnen ja zurufen. Wir hätten ihn bestimmt gekriegt, wenn Sie uns nicht dazwischengekommen wären.«

Schweigend steckte ich meine Pistole wieder ein. Ich konnte es fast nicht glauben, dass ich so viel aufs Spiel gesetzt und doch nichts damit erreicht hatte. Ich hatte mein Leben riskiert, um den falschen Wagen anzuhalten, und nun war der Schurke mit meinen Briefen auf und davon.

»Er war der reinste Herkules«, beschwerte sich einer der beiden noch einmal, während er sich mit seinem spitzenbesetzten Ärmel das Blut von der Nase abtupfte. »Ein großer, dunkelhäutiger Herkules. So jemanden habe ich noch nie zu Gesicht bekommen.«

Ich schon. Ich war so einem erst jüngst begegnet. Über kurz oder lang würde Aadil dafür bezahlen müssen, aber vorerst kannte er zu viele von meinen Geheimnissen und war damit mir gegenüber im Vorteil. Ich wusste nicht, was davon mich wütender machte.

19

Wenn jemand las, was ich Ellershaw geschrieben hatte, so war dies nicht weiter tragisch; das, was ich Elias hatte mitteilen wollen, war dagegen wirklich nur für ihn allein bestimmt gewesen. Ich musste also zu einer Entscheidung kommen. Mein Gegner wusste, was ich wusste, und das war bisher nicht viel. Sollte ich mich zurücklehnen und abwarten, bis er sich rührte, um mehr zu erfahren, oder sollte ich in der Hoffnung, damit die Oberhand zu gewinnen, zuerst zuschlagen? Hätte ich Zeit in Hülle und Fülle, würde ich mich für Ersteres entscheiden, aber ich konnte Craven House nicht nach Lust und Laune fernbleiben und entschied mich daher für die zweite Möglichkeit. Ich wollte mit den Informationen anfangen, die ich Blackburn entlockt hatte, denn ich hoffte, aus ihnen meinen Vorteil ziehen zu können. Zunächst jedoch schrieb ich meine beiden Briefe noch einmal und versuchte dann, ein wenig Schlaf zu bekommen.

Am nächsten Morgen nahm ich schon früh die Kutsche nach Twickenham, eine Fahrt von ungefähr zwei Stunden. Die gleiche Zeitspanne verbrachte ich anschließend damit, in einem Wirtshaus auf das Eintreffen der zweiten Kutsche an diesem Tag zu warten, mit der Elias angereist kommen würde. Ich hatte peinlichst darauf geachtet, dass mir am Morgen niemand gefolgt war, aber da mein Widersacher es sich durchaus einfallen lassen konnte, auch meinen Freund Elias zu beschatten und Elias leider nicht die Geistesgegenwart besaß, einen solchen Beschatter rechtzeitig zu bemerken, hatte ich es für das Beste gehalten, dass wir getrennt fuhren.

Er bestand auf einer Mahlzeit und ein paar Schlucken Bier, um sich damit von den Anstrengungen der Reise zu erholen. Sowie sein Hunger und sein Durst gestillt waren, erkundigten wir uns nach dem Haus von Mrs. Pepper. Die mit Bäumen gesäumte Montpelier Row mit all den neuen Häusern war eine bekannte Adresse in der Stadt, und wir fanden ohne Schwierigkeiten unser Ziel.

Nun aber mussten wir auf unser Glück hoffen, denn ich hatte unseren Besuch nicht angekündigt, so dass es sein konnte, dass Mrs. Heloise Pepper ihrerseits irgendwo zu Besuch war oder gerade Einkäufe erledigte. Doch die Sorge erwies sich als unbegründet: Mrs. Pepper war daheim. Auf unser Klopfen öffnete uns ein stilles, wenig anziehendes Mädchen von etwa sechzehn oder siebzehn Jahren mit einem von Pockennarben entstellten Gesicht und einem Pferdegebiss. Sie führte uns ins Wohnzimmer, wo uns schon kurz darauf eine gut aussehende Frau von ungefähr fünfundzwanzig empfing. Sie trug natürlich Schwarz, aber ich muss sagen, dass niemals das Trauerkleid einer Witwe eine Frau besser gekleidet hat, vor allem, da es in perfektem Einklang zu ihrem ebenfalls rabenschwarzen Haar stand, das sie zu einem schicklichen, wenn auch etwas unordentlichen Knoten zusammengebunden hatte. Aus dieser schwarzen Pracht schaute ein Gesicht wie aus Porzellan mit grünbraunen, leuchtenden Augen hervor.

Elias und ich verbeugten uns aufs Zuvorkommendste, er noch tiefer als ich, denn er schenkte ihr seine ganz besondere Verbeugung, die ausschließlich schönen Witwen mit einer ansehnlichen Apanage vorbehalten war.

»Mein Name ist Benjamin Weaver, und dies ist mein getreuer Freund Elias Gordon, ein bekannter Londoner Arzt.« Das Letztere hatte ich in der Hoffnung hinzugeführt, es würde unserem Besuch gewissermaßen eine höhere Weihe verleihen. »Ich bitte die Störung zu entschuldigen, aber wir sind in einer dringenden Angelegenheit hier, in der Sie uns vielleicht weiterhelfen könnten, falls Sie bereit wären, ein paar Fragen betreffs Ihres verstorbenen Gatten zu beantworten.«

Ihr Gesichtsausdruck hellte sich merklich auf, und sie bekam vor Freude rosige Wangen. Es war, als hätte sie wider alle Wahrscheinlichkeit darauf gewartet, dass eines Tages ein Fremder an ihre Tür klopfen und ihr Fragen nach ihrem Ehemann stellen würde. Nun, da waren wir.

Und doch zögerte sie ein wenig - ein leichter Argwohn, als müsse sie sich gemahnen, nicht zu gutgläubig zu sein, so, wie ein Kind sich dazu zwingen muss, dem Feuer fernzubleiben. »Was haben Sie denn in Hinblick auf meinen lieben, guten Ab-salom mit mir zu besprechen?«, fragte sie. Sie hielt sich eine Jacke vor die Brust, die sie vermutlich gerade stopfte, aber mir entging nicht, dass sie sie zu einem Bündel zusammenrollte und sie wiegte, als wäre sie ein Kind.

»Ich weiß, dass sein Tod Ihnen großen Schmerz bereitet haben muss, Madam«, fuhr ich fort.