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»So ist es mir erklärt worden.«

Allein schon der Gedanke daran grenzte ans Absurde. Einhundertzwanzig Pfund jährlich für die Witwe eines Seidenwebers. Solche Männer konnten von Glück reden, wenn sie zwanzig oder dreißig Pfund im Jahr verdienten, und obwohl ich wusste, dass Handwerker Einrichtungen ins Leben riefen, um einander unter die Arme zu greifen, hatte ich doch noch nie von einer Standesgilde der Seidenweber gehört. Zu meinem Glück jedoch besaß ich unter ihnen einen Vertrauten, jenen Devout Hale nämlich, dessen Hang zu Aufrührerei ich mir zu Nutze gemacht hatte, um mich in die East India Company einzuschleusen. Ich konnte nur hoffen, dass er mir auch ein weiteres Mal gefällig sein würde - mit einer Information.

»Nur damit wir uns nicht noch mehr missverstehen«, sagte ich. »Ihr Gatte war also Seidenweber in London. Ist das richtig?«

»Das ist richtig.«

»Dann müssen Sie doch wissen, was Ihr Mann mit seinem Handwerk verdient hat, Madam. Hat es Sie da nicht überrascht, dass er Altersbezüge bekäme, die dem Vielfachen seines jährlichen Einkommens entsprächen?«

»Oh, über etwas so Profanes wie Geld hat er nie mit mir gesprochen. Ich wusste nur, dass er genug verdiente, damit wir davon gut leben konnten. Mein Vater beharrte auf der Vorstellung, ein Seidenweber sei nichts Besseres als ein Lastenträger, aber hat mein Absalom mir nicht Kleider und Schmuck gekauft und mich ins Theater ausgeführt? Kann das ein Lastenträger?«

»Es gibt unter den Seidenwebern gewiss solche, die sich bei ihrem Handwerk als besonders geschickt erweisen«, sagte ich. »Vielleicht könnten Sie mir mehr darüber sagen, in welchem

Bereich Ihr Gatte als Seidenweber tätig gewesen ist, dann wäre es ...«

»Er war ein Seidenweber«, erklärte sie abschließend, als hätte ich durch meine Fragen seinen Namen beschmutzt. Dann jedoch fügte sie weniger brüsk hinzu: »Er wollte mich nicht damit langweilen, dass er mir von seiner Arbeit erzählt. Er wusste, dass es ein anstrengender Beruf war, aber er hat sich darein gefügt. Er hat damit unser Brot verdient, mehr, als wir für unser Glück brauchten.«

»Um noch einmal auf die East India Company zurückzu-kommen«, hakte ich nach. »Sie wissen von keiner Verbindung Ihres Gatten zu dieser Gesellschaft?«

»Gar keine. Aber wie ich schon sagte, habe ich mich niemals in seine geschäftlichen Dinge eingemischt. Es wäre auch ganz und gar unangebracht gewesen. Sie sagen also, meine Apanage sei nicht in Gefahr?«

Obwohl es mir widerstrebte, einer so reizenden Dame Kummer zu bereiten, wusste ich doch, dass ich mich nun als ihr Verbündeter gegen mögliche Angriffe preisgeben musste, denn wenn ich noch einmal mit ihr sprechen wollte, sollte sie ehrlich und offen zu mir sein. »Ich hoffe, dass es sich so verhält, und ich will alles in meiner Macht Stehende tun, um dafür zu sorgen, dass Sie diese Summe auch weiterhin erhalten.«

Auf der Rückfahrt konnten Elias und ich nur leise miteinander reden, denn wir teilten die Kutsche mit zwei älteren, ungewöhnlich grimmig dreinblickenden Handwerkern. Sie hatten mich sofort als Juden erkannt und verbrachten den überwiegenden Teil der Fahrt damit, mich feindselig anzustarren. Ab und zu wandte sich einer der beiden seinem Gefährten zu und sagte so etwas wie: »Wie findest du es, gemeinsam mit einem Juden in einer Kutsche zu sitzen?«

»Es hat mir noch nie gefallen«, pflegte der andere dann zu antworten.

»Eine Zumutung«, sagte dann der Erste. »Reisen mit der Kutsche sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren.«

Sodann verfielen sie wieder in finsteres Starren, bis es an der Zeit schien, erneut gehässige Bemerkungen auszutauschen.

Nachdem ich mir das drei oder vier Mal hatte anhören müssen, sprach ich die beiden an. »Es gehört nicht zu meinen Gewohnheiten, Männer aus der Kutsche zu werfen, die das fünfundvierzigste Lebensjahr bereits überschritten haben, aber sooft Sie Ihren Mund aufmachen, werden Sie in meinen Augen um fünf Jahre jünger und meine Skrupel dementsprechend geringer. Nach meinen Berechnungen und dem Anschein, den Sie machen, werde ich Sie ohne weitere Überlegung hinauswerfen, sowie Sie noch eine einzige Unflätigkeit von sich geben. Und erwarten Sie nicht, dass der Kutscher eingreift. Ein paar Münzen werden dafür Sorge tragen, und wie Sie ja wissen, haben wir Juden keinen Mangel daran.«

Obwohl ich es kaum über mich bringen würde, tatsächlich einen Mann, der hart auf die Siebzig zuging, auf die Straße hinauszustoßen, bewirkte doch schon die Androhung dessen allein, dass die beiden schwiegen. Sie schienen sich danach sogar zu scheuen, uns auch nur anzusehen, was die Unterhaltung zwischen Elias und mir ein ganzes Stück ungezwungener gestaltete.

»Heloise und Absalom«, sinnierte Elias und brachte uns damit wieder auf das zurück, was uns eigentlich beschäftigen sollte. »Eine ausgesprochen ungünstige Kombination zweier Namen. Ein Gedicht, das ich ungern lesen würde.«

»Mrs. Pepper schien sich bei dem bösen Omen nichts gedacht zu haben. So verzückt war sie jedenfalls von ihrem verstorbenen Mann.«

»Man fragt sich, was für ein Mensch er wohl gewesen ist«, spann Elias den Faden fort. »Trotz all seiner persönlichen Vorzüge kann ich mir doch nicht erklären, warum die East India Company seine Witwe so reich entlohnen sollte.«

»Das liegt doch klar auf der Hand. Sie haben ein schweres Unrecht an ihm begangen, und nun wollen Sie sich das Schweigen seiner Witwe erkaufen.«

»Keine schlechte Theorie«, gab Elias mir recht, »aber doch überzeugt sie mich nicht ganz. Wenn man ihr zehn oder zwanzig oder auch dreißig Pfund im Jahr angeboten hätte, wäre die Geschichte mit der Gilde noch glaubwürdig gewesen. Aber einhundertzwanzig? Selbst wenn sie überzogene Vorstellungen davon hat, was die Dienste ihres verstorbenen Mannes wert gewesen sein mögen, und sie Tatsachen gegenüber blind ist, wie es scheint, kann die Frau doch nicht allen Ernstes glauben, eine solche Wohltätigkeit wäre Usus. Wenn also die East India Company bei dem Tod des Knaben ihre Finger im Spiel hatte, warum sollte sie dann Aufmerksamkeit auf sich ziehen, indem sie sich so übertrieben großzügig zeigt?«

Eine gute Frage, und ich hatte keine Antwort darauf parat. »Vielleicht war das Verbrechen, das sie begangen haben, so abscheulich, dass man es jetzt vorzieht, jeden aufkommenden Zweifel doppelt und dreifach zu ersticken, anstatt sich auch nur den Anschein zu geben, etwas wiedergutmachen zu wollen? Möglicherweise weiß die Witwe ganz genau, dass das Geld nicht von der Gilde stammt, klammert sich aber an der Vorstellung fest, ihr Mann wäre allen anderen überlegen gewesen?«

Elias erwog diesen Einwurf, kam aber zu keinem vernünftigen Schluss. Wir verständigten uns darüber, dass wir wohl erst noch mehr in Erfahrung bringen mussten, ehe wir hinter das Geheimnis kamen.

Wieder in London angekommen, wollte ich sogleich Devout Hale aufsuchen, denn von ihm erhoffte ich mir Aufschluss darüber, welche Rolle Pepper unter den Seidenwebern gespielt hatte. An den Orten, wo man ihn gewöhnlich antraf, war jedoch keine Spur von ihm zu entdecken. Ich hinterließ überall, dass ich ihn zu sprechen wünsche, und kehrte dann in meine Wohnung zurück, wo kein anderer als der erpelge-sichtige Edgar bereits auf mich wartete. Die meisten seiner Blessuren begannen bereits zu verheilen, obwohl er immer noch ein blaues Auge hatte und an den Stellen, wo früher einmal seine Zähne gesteckt hatten, natürlich noch die Lücken klafften.

»Ich würde gerne auf ein Wort hereingebeten werden«, sagte er.

»Und ich hätte gerne, dass du verschwindest.«

»Das werde ich nicht tun, und Sie können mich gerne davonjagen, aber ich glaube, Sie wollen nicht das Aufsehen Ihrer Nachbarn erwecken.«

Da hatte er gewiss recht, also bat ich ihn widerstrebend zu mir herein. Hier setzte er mich darüber ins Bild, dass sein Herr aus zuverlässiger Quelle erfahren hatte, dass ich an diesem Tag meiner Arbeit ferngeblieben sei.

»Es hieß, Sie hätten sich krank gemeldet, aber für mich sehen Sie ganz gesund aus. Ich sehe jedenfalls kein Blut aus Ihrem After träufeln.«