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»Vielleicht möchtest du ihn dir einmal etwas näher ansehen?«

Er antwortete nichts darauf.

»Ich war indisponiert«, erklärte ich, »aber inzwischen geht es mir schon wieder besser, und ich habe einen Spaziergang gemacht, um einen klaren Kopf zu bekommen.«

»Mr. Cobb wünscht, dass ich Ihnen sage, dass er sich nicht an der Nase herumführen zu lassen gedenkt. Sie haben sich morgen wieder im Craven House einzufinden, Sir, oder er wird es erfahren. Worauf Sie sich verlassen können.«

»So, nun hast du deine Nachricht überbracht. Nun nichts wie fort mit dir.«

»Mr. Cobb wünscht ferner zu erfahren, ob Sie in der Angelegenheit des Namens, den er Ihnen genannt hat, schon weitergekommen sind.«

»Nein, ich habe noch nichts in Erfahrung gebracht.« Ich wusste mich sehr wohl als ein Muster an Aufrichtigkeit zu geben, wenn ich jemandem die größte Lüge auftischte. Ich hoffte, mich nicht durch mein Auftreten verraten zu haben, aber wenn Aadil für Cobb arbeitete und der nur leidlich verschlüsselte Inhalt meines Briefes an Elias verstanden worden war, konnte es durchaus sein, dass man mit der Witwe Pepper gesprochen hatte und wusste, was ich wusste. Es war möglich, aber doch eher unwahrscheinlich. Ich hatte keine Ahnung, auf wessen

Seite Aadil stand, noch, wie weit sein Einfluss reichte, aber ich glaubte nicht, dass er mit Cobb im Bunde war.

»Hoffentlich ist das auch wahr«, sagte Edgar. »Wenn er erfährt, dass Sie ihm Informationen vorenthalten, wird das schlimme Folgen für Sie haben, und Sie werden es bitter bereuen. Das weiß ich, und Sie sollten es auch wissen.«

»Gut, dann geh jetzt. Ich habe verstanden.«

Edgar ging tatsächlich, und ich war gleichzeitig erleichtert und enttäuscht darüber, dass es bei dieser Begegnung mit ihm ohne Gewaltanwendung abgegangen war.

Ich glaubte, der Tag wäre damit für mich erledigt, und ich wollte vor dem Schlafengehen nur noch ein Glas Portwein vor meinen Kamin genießen und so weit als möglich an nichts denken, die Ereignisse des Tages vergessen, die Erkenntnisse, die er gebracht und die Fragen, die er aufgeworfen hatte. Dabei muss ich wohl in meinem Sessel eingedöst sein - jedenfalls weckte mich ein Klopfen an der Tür unsanft aus meinem Schlummer. Meine Vermieterin informierte mich darüber, dass unten ein Junge mit einer Nachricht stand, die angeblich keinen Aufschub duldete.

Verwundert erhob ich mich. Es ärgerte mich, dass mir nicht auch nur ein Augenblick der Ruhe vergönnt war, aber als ich die Treppe hinunterkam, sah ich sofort, dass der Junge einer meines Volkes war. Ich kannte ihn aus dem Lagerhaus meines Onkels, und als ich in seine geröteten Augen blickte, ahnte ich sofort, dass der Brief, den er mir überbrachte, Trauriges verhieß. Entsprechend nahm ich ihn mit zitternder Hand entgegen und faltete ihn auseinander.

Der Brief kam von meiner Tante. Er war auf Portugiesisch verfasst, ihrer Muttersprache. In der Stunde der Not hatten ihre unvollkommenen Kenntnisse der englischen Sprache sie wohl verlassen. Und dann las ich, wovor ich mich am meisten gefürchtet hatte. Die Brustfellentzündung meines Onkels hatte sich mit einem Male so sehr verschlimmert, dass er nicht mehr davon genesen konnte. Eine Stunde lang hatte er noch tapfer um Atem gerungen, aber seine Kräfte hatten nichts gegen das Wüten der Krankheit vermocht. Er war tot.

20

Ich will meinen geneigten Lesern und mir selber die Schilderung der Szenen der Trauer ersparen, die ich durchmachen musste. Ich will nur so viel sagen, dass sich bei meinem Eintreffen beim Haus meines Onkels bereits viele Nachbarn dort eingefunden hatten und die mit ihr bekannten Frauen sich bemühten, meiner Tante so viel Trost zu spenden, wie es in solchen Augenblicken eben möglich war. Ja, mein Onkel war schwer krank und sein Ende abzusehen gewesen, aber ich begriff nun, dass meine Tante einfach nicht hatte glauben wollen, dass es doch so schnell gehen würde. Irgendwann, gewiss, und eher, als sie es für gerecht erachtete, aber doch noch nicht in diesem Jahr, und auch nicht in dem nächsten, und hoffentlich auch noch nicht in dem Jahr darauf. Und nun war ihr wunderbarer Freund, ihr Beschützer und Gefährte in allen Lebenslagen, der Vater ihres verlorenen Sohnes, auch für sie verloren. Ich habe manchmal an meiner Einsamkeit zu verzweifeln geglaubt, aber ich habe nie eine solche Einsamkeit gekannt, wie sie sie ohne ihren Ehemann empfinden musste.

Die Männer der Beerdigungsbruderschaft hatten den Leichnam meines Onkels bereits zur rituellen Reinigung abgeholt, um ihm danach das Totenkleid anzulegen. Einer von ihnen würde anschließend die Totenwache bei ihm halten. Es ist seit je Sitte bei uns, dass unsere Toten so rasch als möglich bestattet werden, am besten schon am nächsten Tag, und als ich mich erkundigte, erfuhr ich, dass von den Freunden meines Onkels, zu denen auch Mr. Franco gehörte, bereits die Vorbereitungen dazu getroffen worden waren. Von einem Angehörigen des Ma'amad, des Ältestenrates der Synagoge, erfuhren wir, dass die Beerdigung am folgenden Vormittag um elf stattfinden sollte.

Ich sandte Ellershaw eine Nachricht, dass ich noch einen weiteren Tag nicht ins Craven House käme, und legte ihm den Grund dar. Da ich Edgars Warnung noch im Ohr hatte, informierte ich auch Cobb. Ich schrieb ihm, ich hätte die nächsten zwei Tage keine Zeit, und da ich davon ausging, dass sein Handeln zum verfrühten Tod meines Onkels beigetragen hatte, riet ich ihm, mich ja in Ruhe zu lassen.

Irgendwie ging der lange Abend vorüber. Die letzten Besucher waren gegangen, und ich blieb gemeinsam mit den engsten Freundinnen meiner Tante im Totenhaus. Ich bat auch Mr. Franco zu bleiben, doch er lehnte ab, weil er, wie er sagte, noch nicht lange genug mit der Familie befreundet sei und sich nicht aufdrängen wolle.

Wie es bei uns Juden Brauch ist, richteten die Nachbarn am nächsten Morgen ein Stärkungsmahl, aber meine Tante aß nur wenig und beschränkte sich auf einen Schluck verdünnten Wein zu einem Stück Brot. Danach halfen ihre Freundinnen ihr, sich anzuziehen. Schließlich begaben wir uns alle gemeinsam zur Bevis Marks Synagoge, jenem mächtigen Mahnmal für die Bemühungen portugiesischer Juden, in London eine wahre neue Heimat zu finden.

In all ihrer grenzenlosen Hoffnungslosigkeit glaube ich doch, dass es ein kleiner Trost für meine Tante gewesen ist, als sie sah, wie viele Trauergäste sich eingefunden hatten. Mein Onkel hatte innerhalb der jüdischen Gemeinde viele Freunde, und es waren auch einige Aschkenasim und sogar ein paar englische Kaufleute zugegen. Wenn es etwas gibt, was ich am christlichen Glauben hoch schätze, dann die Sitte, dass Männer und Frauen beim Gottesdienst nicht getrennt sitzen. Nie habe ich die Trennung der Geschlechter mehr bedauert als an jenem Tag, denn ich wollte so gerne bei meiner Tante bleiben und sie trösten. Aber vielleicht empfand ich auch so, weil ich selber eines Trostes bedurfte. Sie saß ja wenigstens im Kreise ihrer Freundinnen, die sie, wie ich zugeben muss, viel besser kannten als ich und schon die richtigen Worte für sie finden würden. Für mich war sie stets eine stille, freundliche Lady gewesen, in meinen Kindertagen immer rasch mit einer Süßigkeit oder einem Stück Gebäck zur Hand und später, als ich erwachsen war, mit einem guten Wort. Ihre Freundinnen wussten, was sie tief in ihrem Herzen hören wollte, während ich, der ich noch viel zu betäubt war, bestimmt um die passenden Worte verlegen sein würde.

Aber auch ich hatte Freunde, die mich trösteten. Seit meiner Rückkehr in das Viertel um den Duke's Place war ich hier stets willkommen gewesen und saß nun inmitten vieler Menschen, die mir mit ihren Segenswünschen Trost spendeten. Auch Elias war an meiner Seite. Wohl aus Stolz hatte ich ihn nicht vom Tod meines Onkels unterrichtet, denke ich, weil ich nicht wollte, dass er mich in meiner Trauer sah, aber mein Onkel war ein bekannter Mann in der Stadt gewesen, und so war die Neuigkeit rasch auch zu ihm gedrungen. Ich muss sagen, dass es mich überraschte, wie gut er mit unseren Traditionen vertraut war, denn er hatte keine Blumen mitgebracht, wie es bei einer christlichen Trauerfeier üblich gewesen wäre. Stattdessen sprach er mit dem Rabbi über eine Zuwendung im Namen meines Onkels für einen wohltätigen Zweck.