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Es war kalt an diesem Tag, Frost lag in der Luft, und dunkle Wolken hingen am Himmel, aber es war überraschend windstill. Weder regnete noch schneite es, und als wir vor dem Grab standen, fand ich, dass das Wetter irgendwie zu dem Anlass passte - es war düster und streng, aber wir empfanden es nicht wie ein Gottesgericht. Es begleitete unseren Kummer, ohne uns von ihm abzulenken.

Nachdem die Abschiedsgebete gesprochen waren, warfen wir jeder eine Schaufel voll Erde auf den schlichten Holzsarg. In dieser Hinsicht gehen die Juden meiner Meinung nach viel vernünftiger mit ihren Toten um als die Christen. Ich verstehe nicht, warum darauf bestanden wird, dass diese festlich gekleidet und in reich geschmückten Särgen bestattet werden - oder sollten die Christen etwa demselben Aberglauben anhängen wie die altägyptischen Könige? Für mich ist ein Leichnam eine Hülle ohne Leben darin. Man sollte doch eher der heimgegangenen Seele gedenken anstatt der fleischlichen Überreste, die zurückbleiben, und solch ein protziges Gepränge ist ein Zeichen irdischer Eitelkeit und nicht der Hoffnung auf Erlösung im Himmel.

Nach der Beerdigung gingen wir gemessenen Schrittes zurück zum Haus meiner Tante, wo für uns nun die traditionelle zehntägige Trauerwoche beginnen sollte. Während dieser Zeit verlassen die Hinterbliebenen nicht das Haus, erhalten aber tagsüber Besuch von Freunden und Gemeindemitgliedern, die auch Speis und Trank mitbringen, damit es den Trauernden an nichts fehlt und sie sich stets in der Gemeinschaft aufgehoben wissen. Es machte mir sehr zu schaffen, dass ich mich nicht daran halten konnte, weil ich unmöglich über eine Woche dem Craven House fernbleiben durfte. Am letzten Tag der Trauerphase sollte die Versammlung der Anteilseigner stattfinden, und wenn ich Ellershaw unterstützen sollte, was ja schließlich meine Aufgabe war, konnte ich mich nicht einfach zurückziehen, ohne damit Elias und Mr. Franco in Gefahr zu bringen. Cobb würde mir vielleicht einen oder zwei Tage gewähren, aber ich wusste, dass es seine Menschenfreundlichkeit überstrapazieren würde, wenn ich mehr verlangte.

Wie ich nun inmitten meiner Freunde und der anderen Trauergäste einherging, spürte ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter. Als ich mich umwandte, sah ich Celia Glade neben mir. Ich gebe zu, dass mein Herz einen Freudensprung machte und ich für einen wundervollen, vergänglichen Augenblick all meinen Kummer vergaß und nur schieres Glück angesichts ihrer Gegenwart empfand. Und obwohl dieser Kummer bald wieder mein Herz umfassen würde, durfte ich mir gestatten, einen Moment lang alles zu vergessen, was diese Dame an Rätseln aufwarf - dass ich nicht wusste, wer sie wirklich war, ob es sich bei ihr um eine Jüdin handelte, wie sie behauptete, ob sie in Diensten der französischen Krone stand, was sie von mir wollte. Einen Augenblick lang nur gestattete ich mir, all diese Fragen als Lappalien zu betrachten. Ich gestattete mir zu glauben, dass ihr etwas an mir läge.

Ich trat einen Schritt zur Seite, stellte mich unter einen Torbogen, und sie tat es mir nach, die Hand immer noch an meinem Arm. Mehrere der Trauergäste betrachteten uns neugierig, also schlüpfte ich in eine schmale Gasse, die zu einem Hof führte, wo wir, wie ich wusste, ungestört sein würden, und sie folgte mir.

»Was tun Sie denn hier?«, fragte ich.

Sie trug Schwarz; die Farbe betonte ihr dunkles Haar, ihre dunklen Augen und ihre helle Haut äußerst vorteilhaft. Nach der Beerdigung war ein leichter Wind aufgekommen, der Haarsträhnen unter ihrer dunklen Haube hervorblies. »Ich habe das mit Ihrem Onkel gehört. Unter uns Juden gibt es keine Geheimnisse, wie Sie ja wissen. Ich bin nur gekommen, um Ihnen mein Beileid auszudrücken. Ich weiß, dass Sie und Ihr Onkel sich sehr nahestanden, und ich kann Ihnen Ihren Kummer nachfühlen.«

»Erstaunlich, dass Sie meine Gefühle für ihn kennen, wo wir doch nie darüber gesprochen haben.« Meine Stimme klang ruhig und gleichmäßig. Ich wusste nicht, warum ich mich darauf einließ - außer, dass ich mir so sehr jemanden wünschte, dem ich vertrauen konnte und daher nur zu gerne sämtliche Zweifel über Bord geworfen hätte.

Sie biss sich auf die Lippe, fing sich wieder und schloss für einen kurzen Moment die Augen. »Wissen Sie denn nicht, dass Sie so etwas wie eine Gestalt des öffentlichen Lebens unter den Juden sind, Mr. Weaver? Unter den Engländern übrigens auch. Die Zeitungen schreiben gerne über Sie und Ihre Verwandten. Ich kann es Ihnen nicht verdenken, wenn Sie mir eine finstere Absicht unterstellen, aber ich wünschte, Sie täten es nicht.«

»Und warum soll ich es nicht tun?«, fragte ich, schon wieder ein wenig versöhnt.

Einen Augenblick lang nahm sie mich beim Arm, aber dann fand sie es wohl in Anbetracht der Umstände unschicklich. »Ich wünsche es mir, weil -« Sie schüttelte leicht den Kopf. »Weil ich es mir wünsche. Besser kann ich es nicht ausdrücken.«

»Miss Glade«, sagte ich. »Celia. Ich weiß nicht, wer du bist. Ich weiß nicht, was du von mir willst.«

»Halt«, sagte sie mit so sanfter Stimme wie eine Mutter, die ihren Säugling beruhigen möchte. Sie führte zwei Finger an meine Lippen und strich zärtlich darüber. »Ich bin deine Freundin. Das weißt du. Der Rest sind unwichtige Kleinigkeiten, die sich nach und nach klären werden. Alles zu seiner Zeit. Für den Augenblick weißt du, was zählt. Du kennst die Wahrheit in deinem Herzen. Folge ihm.«

»Ich möchte aber ...«, hob ich an, doch sie unterbrach mich erneut.

»Nein. Wir sprechen später darüber. Dein Onkel ist gestorben, und du musst jetzt trauern. Ich bin nicht hergekommen, um dich zu etwas zu zwingen oder dir Fragen zu stellen oder mir von dir dein Herz ausschütten zu lassen. Ich bin nur aus Achtung vor einem Mann hier, den ich nie kennengelernt, von dem ich aber große Dinge gehört habe. Nein, ich bin gekommen, um dir meine Hilfe anzubieten und dir zu sagen, dass auch du einen Platz in meinem Herzen hast. Mehr kann ich nicht tun, und ich kann nur hoffen, dass es genug sein wird und auch nicht zu viel. Nun überlasse ich dich deiner Familie und deinen portugiesischen Freunden. Wenn du mir noch etwas sagen möchtest, findest du mich in der Küche des Craven House.«

Ihre Lippen verzogen sich zu einem schelmischen Lächeln. Sie beugte sich vor und gab mir einen zarten, flüchtigen Kuss auf die meinen.

Während unseres Gesprächs war die Sonne durch eine kleine Wolkenlücke gedrungen und beschien genau den Punkt, an dem die Gasse in den Hof mündete. Und da zeichnete sich plötzlich wie eine Silhouette gegen das Sonnenlicht die Gestalt einer Frau ab - sie war hochgewachsen und von anmutiger Figur; ihr schwarzes Kleid wehte in dem auffrischenden Wind, und das Haar flatterte ihr unter der Haube hervor.

»Es tut mir leid, dass ich störe«, sagte sie, »aber ich sah dich in die Gasse gehen, doch nicht, dass du nicht allein warst.«

Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber die Stimme erkannte ich sofort. Es war die Witwe meines Cousins, vormals die Schwiegertochter meines Onkels, die Frau, die ich hatte heiraten wollen. Es war Miriam, eine Frau, die nicht einen, sondern mehrere andere Männer mir vorgezogen hatte. Sie hatte meine Anträge häufiger abgelehnt, als ich zählen konnte. Und doch war mir in diesem Moment, als müsse ich etwas zu ihr sagen, erklären, was ich hier mit Celia Glade tat, mich ihr gegenüber rechtfertigen, eine überzeugende Geschichte erfinden. Dann jedoch besann ich mich wieder. Ich schuldete ihr keine Erklärung.

Aber etwas schuldete ich ihr doch, denn sie hatte geschworen, nie wieder ein Wort mit mir zu wechseln. Und doch war sie mir gefolgt. Miriam hatte gemeint, sie wäre nicht dafür geschaffen, die Ehefrau eines Privatermittlers zu sein; sie hatte stattdessen einen Parlamentarier namens Griffin Melbury gewählt und war zur Kirche von England übergetreten. Leider hatte Melbury sich mehr als nur ein wenig in den Skandal um die jüngste Unterhauswahl verstricken lassen, und obgleich ich ursprünglich geneigt war, ihn zähneknirschend als einen ihr würdigen Ehemann zu akzeptieren, war sein wahrer, flatterhafter Charakter dann doch zum Vorschein gekommen, auch wenn seine Gattin es vorzog, die Augen davor zu verschließen. Miriam machte mich verantwortlich für den Ruin und den Tod ihres Mannes, und obwohl ich Verantwortung weder zu übernehmen noch in Bausch und Bogen abzulehnen pflege, wusste sie sehr wohl, dass ich ihn nicht schätzte und kein Mitleid mit ihm empfand.