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Und nun stellte sich heraus, dass Celia Glade die nützlichste Person war, die man in solch verlegenen Momenten an seiner Seite haben konnte, denn sie ließ sich scheinbar durch nichts beirren. Sie trat vor und nahm Miriams Hand. »Mrs. Melbury«, begrüßte sie sie. »Ich habe ja schon so viel von Ihnen gehört. Ich bin Celia Glade.«

Was, hätte ich gerne gefragt, hatte sie denn von Miriam gehört? Im Gegensatz zu meinem Onkel war ihr Name nie in den Zeitungen gewesen. Celia mochte mir gesagt haben, ich solle meinem Herzen folgen, doch dazu musste ich ihr vertrauen können. Sie aber wusste zu viel über mich.

Miriam erwiderte flüchtig Celias Händedruck und machte sogar einen kleinen Knicks. »Es ist mir eine Freude«, sagte sie. Dann wandte sie sich mir zu. »Ich kann nicht mit ins Haus. Ich wollte dir nur mein Beileid zu deinem Verlust ausdrücken. Zu unserem Verlust. Ich war nicht immer in allen Dingen mit deinem Onkel einer Meinung, aber ich habe stets gewusst, dass er ein guter Mensch war, und ich werde ihn vermissen. Die ganze Welt wird ihn vermissen.«

»Es ist schön, dass du das sagst.«

»Es ist nur die reine Wahrheit.«

»Und nun wird wohl wieder Schweigen zwischen uns herrschen.« Ich versuchte, es leicht hingesagt klingen zu lassen.

»Benjamin, ich ...« Aber was immer sie hatte sagen wollen, sie überlegte es sich anders. Stattdessen schluckte sie schwer, als müsse sie die unausgesprochenen Worte hinunterwürgen. »Das genau werde ich tun«, sagte sie und wandte sich ab.

Ich blieb stehen, sah ihr nach, betrachtete die Stelle, an der sie gestanden hatte, versuchte, wie Celia es mir geraten hatte, meinem Herzen zu folgen. Liebte ich sie immer noch? Hatte ich sie je geliebt? In solchen Augenblicken beginnt man, über die Liebe nachzudenken, ob es sie wirklich gibt oder ob sie nur eine Illusion ist, auf die man sich einlässt, ein Wunschtraum, aus Selbstgefälligkeit entstanden, ein Gemütszustand, den man kurzlebigen, unbeständigen Gefühlsregungen zuschreibt. Aber solch müßige Gedanken führen nie zu einem klaren Schluss, sondern nur zu noch mehr Verwirrung.

Celia schüttelte den Kopf, als erwöge sie etwas von größter Wichtigkeit, als wälze sie es in ihrem Kopf hin und her, fasse in Gedanken alles noch einmal zusammen, bevor sie es aussprach. »Ich glaube, der Winter hat ihre Haut angegriffen. Findest du nicht auch?« Klugerweise wandte auch sie sich ab, anstatt die Antwort abzuwarten.

Im Haus floss der Wein in Strömen, und die Trauergäste bedienten sich nach Herzenslust, wie es in unserer Gemeinde nach Beerdigungen schon immer üblich gewesen ist. Ich schüttelte mehr Hände und nahm mehr Beileidsbekundungen entgegen, als ich zählen konnte, hörte mir zahllose Geschichten über die Herzensgüte meines Onkels an, seine Wohltätigkeit, sein Geschick in Geschäften, seinen Einfallsreichtum, sein fröhliches Gemüt.

Schließlich nahm mich Mr. Franco beiseite und führte mich in eine Ecke, in der Elias schon auf mich wartete. »Morgen müssen Sie Ihren Schmerz vergessen und wieder ins Craven House gehen.«

»Hör auf ihn«, sagte Elias. »Wir haben uns darüber unterhalten. Keiner von uns möchte so scheinen, als handele er aus Eigennutz. Mir persönlich wäre es eine Freude, wenn du diesem

Cobb sagst, er solle sich zum Teufel scheren. Ich habe schon mal wegen Schulden im Gefängnis gesessen, und ein weiteres Mal wird mich auch nicht umbringen, aber ich glaube, die Sache läuft langsam aus dem Ruder. Es ist nun schweres, unverzeihliches Leid angerichtet worden, und wenn du Cobb die Stirn bietest, verschaffst du dir vielleicht Befriedigung, aber deinen Onkel hast du damit nicht gerächt.«

»Sie können nur zurückschlagen«, sagte Mr. Franco, »wenn Sie herausbekommen, was er will, und zwar, indem Sie der Spur folgen, die er für Sie auslegt, ihn glauben lassen, er stünde kurz von dem Erreichen seiner Ziele, und ihn dann ins Verderben rennen zu lassen. Wie Mr. Gordon ginge auch ich frohen Herzens ins Gefängnis, wenn ich glaubte, damit etwas Gutes zu erreichen, aber das würde nur eine Verzögerung bedeuten, bis Cobb seine Ziele doch noch erreicht, und ihn nicht nachhaltig treffen.«

Ich nickte. Nur zu gerne würde ich Cobb die Meinung sagen, ihn verprügeln, ihm ein Messer in den Rücken stoßen, aber meine Freunde hatten den dichten Nebel meiner Wut durchblickt und waren ihm an den Kern gedrungen. Ich musste Cobb büßen lassen, aber das konnte ich nur, indem ich herausfand, was er eigentlich beabsichtigte.

»Ich werde mich Ihrer Tante stets zur Verfügung halten«, versprach Mr. Franco. »Ich lebe im Ruhestand und habe keine anderen Verpflichtungen. Ich werde dafür sorgen, dass es ihr an nichts fehlt, Mr. Weaver. Zudem hat sie mindestens ein Dutzend Freunde, Menschen, die von alledem nichts wissen und sich liebevoll um sie kümmern werden. Sie mögen den Wunsch haben, bei ihr zu bleiben, aber es wird nicht nötig sein.«

»Ich weiß, dass Sie recht haben«, sagte ich, »und ich würde ja auch gerne Ihrem Rat folgen, aber ich fürchte, damit die Gefühle meiner Tante zu verletzen. Was muss sie nur denken, wenn ich sie in der Stunde der Not allein lasse?«

Die beiden sahen einander an. Dann ergriff noch einmal Mr.

Franco das Wort. »Sie sollten wissen, dass wir ganz nach dem Wunsch Ihrer Tante handeln. Sie ist auf mich zugekommen und hat mich gebeten, dass ich Ihnen das sage. Streben Sie nicht unseretwegen nach Vergeltung, sondern weil die trauernde Witwe Sie darum bittet.«

Es war schon fast Mitternacht, als ich aufbrach. Ein paar Freundinnen meiner Tante hatten sich bereiterklärt, über Nacht bei ihr zu bleiben, obwohl sie ihnen versichert hatte, dass dies nicht nötig sei. Es war Zeit, sagte sie, sich an das Alleinsein zu gewöhnen, denn damit würde sie den Rest ihres Lebens verbringen.

Bis auf besagte Freundinnen war ich der Letzte, der noch im Haus weilte, also erhob ich mich endlich, gab meiner Tante einen Kuss und nahm meinen Mantel. Sie begleitete mich noch zur Tür, und obwohl ihr Gesicht eingefallen war und ihre Augen von Tränen gerötet, entdeckte ich darin eine Entschlossenheit, die ich noch nie an ihr gesehen hatte.

»Fürs Erste führt Joseph die Geschäfte weiter«, sagte sie. »Fürs Erste.«

Ich fürchtete, nur zu gut verstanden zu haben, worauf sie hinauswollte. »Liebe Tante, ich bin für diese Aufgabe nicht .«

Sie schüttelte den Kopf und versuchte, so zu tun, als würde sie lächeln. »Nein, Benjamin. Ich bin nicht dein Onkel, der etwas von dir verlangt, was nicht in deiner Natur liegt, der bei aller Liebe etwas aus dir machen wollte, was du nicht bist. Ich liebe dich, und ich werde dich nicht darum bitten. Joseph übernimmt die Geschäfte während meiner Zeit der Trauer. Danach führe ich sie allein weiter.«

»Du?« Ich hatte es unnötig laut ausgesprochen, aber ich konnte mich vor Schreck nicht zurückhalten.

Meine Tante lächelte noch einmal milde. »Du bist ihm ja so ähnlich. Wenn wir darüber gesprochen haben, was sein würde, wenn er eines Tages nicht mehr da ist, hat er immer von dir und von Joseph und von Jose gesprochen. Ich stand nie zur Debatte. Aber ich stamme aus Amsterdam, Benjamin. Dort gibt es so manche Geschäftsfrauen.«

»Holländerinnen«, wandte ich ein. »Jüdische Geschäftsfrauen gibt es nicht.«