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»Nein, aber dies ist ein anderes Land, eine andere Zeit. Für Miguel und die ganze Welt und auch für dich bin ich fast unsichtbar gewesen, weil ich eine Frau bin. Aber nun ist Miguel nicht mehr da, und niemand kann dir mehr den Blick auf mich verstellen. Vielleicht entdeckst du ja, dass ich ganz anders bin als das, wofür du mich dein ganzes Leben lang gehalten hast.«

Ich erwiderte ihr Lächeln. »Kann sein.«

»Haben Mr. Franco und Mr. Gordon mit dir gesprochen?«

»Ja, das haben sie.«

»Gut.« Sie nickte ernst, als führe sie in ihrem Kopf einen Gedanken zu Ende. »Wirst du es schaffen? Wirst du zurück zu diesem Cobb gehen und tun, was er verlangt, bis du hinter seinen Plan gekommen bist?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Ich weiß nicht, ob ich mich in meiner Wut beherrschen kann.«

»Das musst du aber«, sagte sie leise. »Es hilft dir nicht weiter, wenn du ihm etwas antust. Du musst deine Wut in eine Kammer deines Herzens sperren, die du fest verschlossen hältst.«

»Und sie dann öffnen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.«

»Richtig. Aber erst, wenn die Zeit dafür gekommen ist.« Sie gab mir einen Kuss auf die Wange. »Du bist mir heute ein guter Neffe gewesen - mir und Miguel. Morgen aber brauchst du all deine Tapferkeit. Dieser Ambrose Cobb hat deinen Onkel auf dem Gewissen. Ich wünsche, dass du ihn dafür in sein Grab treibst.«

21

Ich hätte eine weitere ruhelose Nacht verbracht, wäre da nicht die Erschöpfung gewesen, die mich niederdrückte. Im Verlauf des Tages war ich von Kummer und Trauer über ohnmächtige Wut zu einer dumpfen Leidenschaftslosigkeit gelangt. Wenn ich morgen aufwachte, würde ich fast ganz wie zuvor mit meinem Leben fortfahren müssen. Ich würde ins Craven House zurückkehren müssen, ich würde mit Cobb reden müssen, ich würde weiter tun, was er verlangte und gleichzeitig gegen ihn arbeiten.

Am nächsten Morgen dann bereitete ich mich vor, all das zu tun. Der Schlaf hatte meiner Traurigkeit neue Nahrung gegeben, aber dann dachte ich an meine Tante, ihre Stärke und ihre eiserne Entschlossenheit, aus dem Schatten meines Onkels hervorzutreten. Sie würde es schon schaffen, das Geschäft zu führen, sagte sie, und sie schien auch mich anleiten, mir den Weg weisen zu wollen, wie mein Onkel Miguel es getan hatte. Ich konnte sie für ihren Mut nur bewundern und versuchen, es ihr gleichzutun.

Ich wusch mich an meiner Wasserschüssel, zog mich an und begab mich zu Cobbs Haus, wo ich kurz nach dem siebten Glockenschlag eintraf. Ich wusste nicht, ob er schon wach war, aber notfalls würde ich bis zu seinem Schlafzimmer vordringen und ihn aus dem Bett holen. Edgar, der mir öffnete, wirkte zwar abweisend, aber auch irgendwie ehrerbietig. Er vermied es, mir in die Augen zu sehen, und ich glaube, er wusste, dass er mir an diesem Tag und bei dieser Gelegenheit keinen Widerstand würde entgegensetzen müssen.

»Mr. Cobb hat Sie erwartet. Er ist im Salon.«

Als ich eintrat, erhob Cobb sich und schüttelte mir die Hand, als wären wir alte Freunde. Ein Unbeteiligter hätte aus seinem Gesichtsausdruck schließen können, dass er es wäre, der einen Angehörigen zu betrauern hatte, und ich nur gekommen war, um mein Beileid auszudrücken.

»Mr. Weaver«, sagte er mit brüchiger Stimme, »erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, wie sehr mich die Nachricht vom Tode Ihres Onkels erschüttert hat. Es ist sehr tragisch, obwohl eine Brustfellentzündung natürlich eine ernste Krankheit ist, gegen die die Ärzte nur wenig ausrichten können.«

Er schien noch etwas hinzufügen zu wollen, sagte dann aber nichts weiter. Ich verstand schon, worum es ihm ging. Er wollte es so hinstellen, als wäre mein Onkel an seiner Krankheit gestorben und nicht als Folge der Sorge, die ihm seine Schulden bereiteten, aber er ahnte natürlich, dass jede Andeutung in diese Richtung meinen Zorn heraufbeschwören würde, und deshalb war er um Worte verlegen.

»Sie wollen sich vor der Verantwortung drücken«, sagte ich ihm auf den Kopf zu.

»Ich wollte nur sagen, dass es nicht allein ...« Schon wusste er wieder nicht weiter.

»Wissen Sie, was ich mir vorgestellt habe, Mr. Cobb? Ich habe mir vorgestellt, dass ich zu Ihnen gehe und Ihnen sage, Sie sollen sich zum Teufel scheren - und dann eben die Folgen auf mich nehmen. Ich habe sogar erwogen, sie zu töten, Sir, was mich wohl von sämtlichen weiteren Verpflichtungen Ihnen gegenüber befreit hätte.«

»Nun, Sie müssen wissen, dass ich Vorkehrungen getroffen habe, falls mir etwas .«

Ich brachte ihn mit hochgehaltener Hand zum Schweigen.

»Aber ich habe mich ja nun anders entschlossen. Ich verlange nur von Ihnen, dass Sie meine Tante von der Bürde befreien, unter der mein Onkel leiden musste. Wenn Sie ihr die Schulden erlassen und ihr die Waren zurückerstatten, die Sie meinem Onkel vorenthalten haben und damit die alte Dame nicht auch noch zwingen, sich in all ihrem Kummer mit den Forderungen raffgieriger Gläubiger auseinandersetzen zu müssen, können wir so fortfahren wie bisher.«

Er schwieg einen Moment lang, dann nickte er. »Das wird nicht möglich sein«, sagte er, »aber ich kann ihr einen Aufschub verschaffen, Sir. Ich kann die Wechsel prolongieren und dafür sorgen, dass die Gläubiger ihr nicht vor - sagen wir mal, nicht vor der Aktionärsversammlung zu Leibe rücken. Wenn wir bis dahin mit Ihrer Arbeit zufrieden sind, werden wir die Lady, und nur sie, von ihren Verpflichtungen befreien. Sind wir aber nicht zufrieden, werden wir auch keine Milde walten lassen.«

Um ehrlich zu sein war das mehr, als ich erwartet hatte, also nickte ich zustimmend.

»Wo Sie gerade hier sind«, sagte Cobb, »gibt es etwas Neues zu berichten? Irgendwelche Fortschritte?«

»Drängen Sie mich nicht, Sir«, sagte ich und verließ auf der Stelle das Haus.

Im Craven House verhielten sich die Männer, mit denen ich zusammenarbeitete, einschließlich Ellershaw, ausgesprochen zuvorkommend mir gegenüber, aber wie es in so großen Unternehmen nun einmal ist, war meine Trauer bald vergessen, und am Ende des Tages ging alles wieder seinen gewohnten Gang. Ich lief mehrmals Aadil über den Weg, der grunzend etwas zu mir sagte, worauf ich wie immer ebenso mürrisch reagierte. Er konnte sich sehr wohl vorstellen, dass ich ihn wegen des Diebstahls meiner Briefe in Verdacht hatte, also gab es auch keinen Grund für mich, den einzigen Vorteil, den ich ihm gegenüber hatte, aus der Hand zu geben. Ich begegnete ihm mit dem gleichen Argwohn wie immer und dachte nicht anders über ihn als vor dem Wagenrennen.

Gegen Ende des Tages erfand ich einen Vorwand, um Mr. Blackburn in seinem Büro aufzusuchen. Ich war neugierig, ob er sich noch daran erinnerte, was er mir alles erzählt hatte und ob er meinte, einen Groll gegen mich hegen zu müssen, weil ich mir dieses Wissen zu Nutze gemacht haben könnte. Zu meiner größten Verwunderung traf ich ihn nicht bei seiner Arbeit an, sondern dabei, wie er seine privaten Dinge zusammenpackte und seinen Schreibtisch aufräumte.

»Was geht hier vor, Mr. Blackburn?«, fragte ich.

»Was soll hier schon vorgehen?«, sagte er mit dünner Stimme. »Man hat mich entlassen. Nach all den Jahren treuer Dienste hat man sich entschlossen, auf mich zu verzichten.«

»Aber weswegen denn?«

»Man behauptet, die Bezahlung, die ich bisher erhalten habe, entspräche nicht dem Dienst, den ich dem Unternehmen leiste. Und deswegen müsse ich gehen, weil man niemanden hier haben wolle, der meine, mehr wert zu sein, als er verdiene, und man auch nicht beabsichtige, jemandem mehr zu bezahlen, als er wert sei. Somit ist heute mein letzter Arbeitstag.«

»Das tut mir sehr leid für Sie. Ich weiß ja, wie Sie Ihre Arbeit geliebt haben.«

Er stellte sich vor mich hin, vermied es aber, mich anzusehen und sprach weiter mit gesenkter Stimme. »Sie haben doch nichts von unserem Gespräch durchsickern lassen? Sie haben doch keinem gesagt, dass wir miteinander gesprochen haben?«