»Das habe ich nicht. Ich würde Sie doch nie so hintergehen.«
»Es spielt auch keine Rolle. Man hat uns bestimmt beobachtet. Wahrscheinlich hat man uns zusammen im Wirthaus gesehen und mich deswegen entlassen.«
»Es tut mir wirklich leid, Sie in solche Schwierigkeiten gebracht zu haben.«
»Mir auch. Ich hätte mich nicht mit Ihnen sehen lassen dürfen.« In seiner Stimme schwang keinerlei Groll mit. Er schien nicht bei mir, sondern bei sich selber die Schuld zu suchen -so, als wäre er übermütig auf ein Pferd gesprungen und hätte sich dabei verletzt.
»Es tut mir in der Seele weh, Ihnen das angetan zu haben«, sagte ich. Das stimmte wirklich, obwohl ich nicht hinzufügte, dass er sich glücklich schätzen konnte, nur seine Arbeit und nicht sein Leben verloren zu haben, wie es jenem anderen Unglücklichen ergangen war, den ich um Informationen angezapft hatte.
Er schüttelte den Kopf.
»Ja, es ist schade. Wirklich schade, dass sich das Unternehmen ohne mich in den Ruin wirtschaften wird. Wo sollen sie einen anderen Mann von meinem Fähigkeiten herbekommen, Sir? Wo?«
Darauf wusste ich ebenso wenig eine Antwort wie Mr. Black-burn, der bereits erste Tränen des Kummers zu vergießen begann.
»Zögern Sie nicht, mich darauf anzusprechen, wenn ich Ihnen in irgendeiner Weise behilflich sein kann, Sir.«
»Mir kann niemand mehr helfen«, klagte er. »Ich bin ein Buchhalter ohne Anstellung. Ich bin wie ein Geist, Sir. Ein lebender Geist, der ohne Sinn und Freude auf Erden wandelt.«
Auch darauf wusste ich nichts zu erwidern, also überließ ich ihn sich selber, während ich versuchen wollte, meine Schuldgefühle zu Wut gären zu lassen. Ich war nicht schuld, sagte ich mir, sondern Cobb. Cobb würde dafür büßen müssen.
Als ich an diesem Abend nach Hause kam, stellte ich fest, dass Devout Hale meine Nachricht erwidert hatte. Das traf sich gut, denn in meinem Bestreben, Cobb alles heimzuzahlen, konnte ich mir keinen besseren Verbündeten vorstellen als ihn, also wollte ich ihn aufsuchen. Hale hatte mir ausrichten lassen, ich könne ihn an diesem Abend in einem der Kaffeehäuser in Spi-talfields antreffen, also begab ich mich nach einem kurzen Besuch bei meiner Tante dorthin.
Hale legte mir den Arm um die Schulter und führte mich in eine verschwiegene Nische. »Na, was gibt es denn so Dringendes?«, wollte er sogleich wissen. Er sah kränker aus als bei unserem letzten Zusammentreffen - als hätte sich seine Tuberkulose durch meine Probleme im Craven House ebenfalls verschlimmert. Er faltete die geröteten Hände und sah mich aus blutunterlaufenen, tief liegenden Augen an. »Du hast überall nach mir gefragt und siehst sehr verstört aus. Gibt es etwas Neues vom König?«
»In dieser Hinsicht habe ich noch keine Fortschritte machen können«, sagte ich. »Es tut mir leid, Devout, aber ich hatte dir ja gesagt, dass ich über so weit reichende Beziehungen nun auch nicht verfüge, und der Ärger mit der East India Company hat mich ganz schön in Trab gehalten.«
»So geht's uns allen. Ich wollte dich auch nur an dein Versprechen erinnern. Nun sage mir, was ich für dich tun kann.«
»Ich muss dich nach jemandem fragen. Hast du je den Namen Absalom Pepper gehört?«
»Selbstverständlich.« Er fuhr sich mit der Hand durchs dünner werdende Haar, und eine erschreckende Menge davon blieb an seinen Fingern haften. »Er war einer meiner Männer. Er hat am Webstuhl gearbeitet.«
Diese Information musste ich erst einmal kurz verdauen. »Und hat er, soweit du dich erinnerst, irgendwas mit der East India Company zu schaffen gehabt?«
»Er? Wohl kaum. Dafür war er nicht geschaffen, musst du wissen. Er war ein zierlicher Knabe, blass und dünn, mehr wie ein Mädchen als wie ein Mann. Und so hübsch wie ein Mädchen war er auch. Nun, gewisse Frauen mögen Männer von weiblicher Anmut, aber ich habe da immer ein bisschen meine Vorbehalte, wenn du verstehst, was ich meine. Aber um nun auf deine Frage zurückzukommen - irgendwelchen Händeln mit dem Craven House wäre er nicht gewachsen gewesen. Wenn wir anderen loszogen, um den Saustall auseinanderzunehmen, haben uns seine guten Wünsche begleitet, aber mehr auch nicht. Aber am Webstuhl, da hat er ganze Arbeit geleistet, und Köpfchen hat er auch gehabt. Er war wohl der geistreichste von uns allen, aber man kann ja nie wissen. Er war ziemlich verschlossen, und in seiner freien Zeit hat er immer dies oder jenes in sein kleines Buch eingetragen. Die meisten von uns können ja weder lesen noch schreiben, wie du weißt, also haben sie ihn nur angesehen, als wäre er der Leibhaftige höchstpersönlich, und er ist ihnen zuweilen auch mit teuflischem Hochmut begegnet.«
»Was hat er sich denn immer so aufgeschrieben?«
Hale schüttelte den Kopf. »Er hat's mir nie verraten, und mir ist es ehrlich gesagt auch nie wichtig genug gewesen, als dass ich ihn gefragt hätte. Er war weder mein Freund noch ich der seine. Wir waren nicht miteinander verfeindet, das darfst du nicht denken, aber wir waren eben auch nicht miteinander befreundet. Er hat seine Arbeit getan und seinen Platz mehr als gut ausgefüllt, aber mit seinen Eigenheiten konnte ich nie viel anfangen. Als Kollege war er in Ordnung, aber als Kameraden hätte ich ihn nicht bezeichnet.«
»Hast du nach seinem Tod seiner Witwe irgendwelche Rentenzahlungen angeboten?«
»Eine Rente? Hah! Das ist ein kolossal guter Witz. Wenn jemand stirbt, sammeln die Kollegen manchmal etwas, aber meistens nur, wenn sein Tod mit der Arbeit zu tun hatte - bei einem Unfall oder so. Oder wenn es sich zumindest um jemanden handelt, den die Jungs mochten. Aber Pepper? Ich habe gehört, er hätte sich eines Abends betrunken und wäre im Fluss ersoffen. Könnte auch jemand nachgeholfen haben -so, wie er immer alle von oben herab behandelte. Könnte sein, dass er es mit seinen Sticheleien bei einem derben Burschen etwas zu weit getrieben und der es ihm ein wenig zu heftig heimgezahlt hat.«
»Also ist es ausgeschlossen, dass durch dich oder eure Standesvereinigung seiner Witwe eine Apanage ausbezahlt wird?«
»Eine Apanage? Das wird ja immer besser. Du weißt ganz genau, dass wir gerade eben unseren Bäcker bezahlen können. Wie gesagt - wir kümmern uns durchaus um unsere Leute. Als letztes Jahr Jeremiah Carter am Wundbrand gestorben ist, nachdem er bei einem Unfall sämtliche Finger verloren hat, haben wir über zwei Pfund für seine Witwe gesammelt, aber Jer-miah ist immer sehr beliebt gewesen, und seine Frau blieb mit drei Kleinen sitzen.«
Ich zog keinen Vergleich zwischen der genannten Summe und dem kleinen Vermögen, das die East India Company für Peppers Witwe aufbrachte.
»So, nun bin ich dir gefällig gewesen, Weaver. Jetzt ist die Reihe an dir. Worum geht es hier?«
Es wäre nicht gelogen gewesen, ihm zu sagen, dass ich es nicht wüsste. »Es ist noch zu früh, das zu sagen.« Ich erwog meine Worte behutsam, war immer noch unentschieden, wie viel ich andeuten durfte. Das Damoklesschwert, das über mir und meinen Freunden hing, machte mich unwillig, überhaupt irgendwelche Informationen weiterzugeben, aber ich wusste auch, dass ich Hale vertrauen konnte und er mir gefällig gewesen war, und, was schließlich den Ausschlag gab, dass vielleicht noch mehr zu Tage käme, wenn ich mein unvollständiges Wissen mit ihm teilte. Ich verpflichtete ihn daher, Schweigen zu bewahren und erzählte ihm, was er meiner Meinung nach erfahren durfte.
»Worum es hier genau geht, weiß ich auch nicht«, sagte ich. »Ich weiß nur, dass die East India Company sich bereiterklärt hat, Peppers Witwe eine beträchtliche jährliche Summe auszu-bezahlen, und zwar unter der Vorgabe, dass das Geld von irgendeiner erfundenen Gilde der Seidenweber stammt.«
»Eine beträchtliche Summe, sagst du?«, entfuhr es Hale. »Aber das arme Mädchen lebt in erbärmlichsten Verhältnissen.«
»Ich fürchte, da befindest du dich im Irrtum. Ich bin in Twi-ckenham gewesen und habe mit eigenen Augen gesehen, dass die Dame für die Witwe eines Seidenwebers ausgesprochen gut lebt - jede Witwe in ihrer Lage könnte sich glücklich schätzen.«