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»Weaver, ich hätte dich nie für einen solchen Dummkopf gehalten. Seine Witwe wohnt doch gar nicht in Twickenham. Sie wird nie auch nur davon träumen, in Twickenham zu leben. Sie hockt in einem heruntergekommenen Haus in der Nähe des Little Tower Hill, und ich kann dir versprechen, dass sie nichts dergleichen wie eine Apanage bezieht. Was ihr bleibt, ist der Gin, und sie kann von Glück reden, wenn sie genug davon hat.«

Das ging noch eine Weile so hin und her, bis wir übereinkamen, dass es sich um zwei verschiedene Frauen handelte und Mr. Absalom Pepper sich des unter einfachen Männern nur allzu verbreiteten Vergehens schuldig gemacht haben könnte, mit zwei Frauen gleichzeitig verheiratet gewesen zu sein. Aus diesem und noch vielen anderen Gründen begann ich mich nun außerordentlich für seine Person zu interessieren.

Während der Droschkenfahrt zu Peppers zweiter Witwe ließ Hale seinen Gedanken freien Lauf. »Irgendwas stimmt hier nicht«, sagte er mit grollender Stimme. Er hörte sich an wie ein Hund, der irgendwo in der Ferne die gerade eben noch vernehmbaren Schritte eines Fremden wahrnimmt. »Nie hat es auf der Welt eine herzlosere oder pfennigfuchserischere Bande von Dieben gegeben als die East India Company. Ihnen geht es nur um ihren eigenen Profit, und wenn sie dieser angeblichen

Witwe Peppers etwas bezahlen, dann nur, um ihr Schweigen über irgendeine Scheußlichkeit zu erkaufen. Glaube mir, sie haben Pepper auf dem Gewissen. Wie viel bekommt sie denn von denen?«

Gegen mein besseres Wissen nannte ich ihm die Summe.

»Jesus Christus«, ereiferte er sich. »Das ist Blutgeld. Um etwas anderes kann es sich gar nicht handeln. Es ist Wahnwitz, ihr so eine Summe auszuzahlen, und es ist noch wahnwitziger, dass sie auch noch glaubt, das Geld käme von uns. Das ergibt doch keinen Sinn, Weaver.«

Da hatte er natürlich recht. Zu diesem Schluss waren Elias und ich auch schon gelangt. Allein die Höhe der Summe musste Aufsehen erwecken, und das trug nicht gerade dazu bei, etwas unter den Teppich zu kehren.

»Die Dame, mit der ich gesprochen habe, hat uns erzählt, Pepper hätte sich immer Notizen über irgendwelche Dinge gemacht. Du hast nicht zufällig etwas davon aufbewahrt?«

»Mich beschäftigen andere Dinge als das Gekritzel eines Seidenwebers.«

»Und du hast ihm dabei auch nie über die Schulter schauen können?«

»Ich hab's versucht, aber es hat mir nichts genützt, weil ich nie zu lesen gelernt habe.«

Als er sah, wie ich erst ganz große Augen bekam und dann verschämt den Blick senkte, fügte er rasch hinzu: »Es stimmt schon, dass ich nicht lesen kann, aber ich kann Buchstaben erkennen, und Peppers Aufzeichnungen bestanden nicht nur daraus.«

»Nicht nur aus Wörtern?«

»Nun, es gab schon welche, aber auch Zeichnungen. Bilder von Dingen.«

»Was für Dinge?«

»Schwer zu sagen. Ich habe ja nur mal kurz einen Blick riskiert. Wenn Pepper merkte, dass ich mich für seine Aufzeich-nungen interessierte, hat er sie schnell weggepackt und mich wütend angestiert. Ich habe versucht, es mit einem Scherz abzutun, und ihm gesagt, ich könne sein Zeugs ebenso wenig lesen wie die Zeitung, aber das hat seine Stimmung nicht gebessert. Er meinte, ich wolle ihm etwas wegnehmen, und ich habe gesagt, ich hätte kein Interesse daran, ihm sein Geschreibsel zu stehlen, und schon gar keine Ahnung, was ich damit anfangen könnte.«

»Aber was war denn nun auf den Zeichnungen zu sehen?«, fragte ich noch einmal.

»Nun, es sah so aus, als würde er Zeichnungen von uns machen.«

»Von den Seidenwebern?«

»Nicht eigentlich von den Männern, sondern von dem Raum und den Werkzeugen, also den Webstühlen. Wie gesagt, mehr als ein flüchtiger Blick darauf war es nie. Doch das erklärt immer noch nicht, warum ihm jemand ein Bild von ein paar Seidenwebern mit ihrem Arbeitszeug stehlen sollte. Wer kann denn mit so etwas Belanglosem was anfangen?«

Mir fiel dabei ein Unternehmen ein, dem der unbeugsame Wille der Seidenweber Schaden zugefügt hatte. Die East India Company.

Hale sagte dem Kutscher, wo er anhalten solle. Ich sprang als Erster vom Wagen und streckte meinem kranken Freund die Hand entgegen, aber er schüttelte den Kopf. »Ich habe dich hergebracht, Weaver, aber weiter geht's nicht. Ich habe die arme Jane Pepper schon als Mädchen gekannt, und ich bringe es nicht übers Herz, zu sehen, was aus ihr geworden ist. Ihr Vater, Friede seiner Seele, war ein Freund von mir, und es schneidet mir ins Fleisch, wenn ich daran denke, dass er sein ganzes Leben lang gespart hat, um zwanzig Pfund als Mitgift für sein kleines Mädchen zusammenzukratzen. Schon damals habe ich gedacht, dass er das Geld Pepper in den Rachen wirft, wenn er sie ihn heiraten lässt, und heute weiß ich es genau.«

Noch einmal schüttelte er den Kopf. »Es gibt Dinge, die ich mir lieber nicht ansehen möchte.«

Ich konnte seinen Widerwillen nur zu gut verstehen. Mir hat es auch nie behagt, mich nach Einbruch der Dunkelheit noch in St. Giles aufzuhalten, und hatte Hale nicht eine Warnung in seinen Worten mitschwingen lassen? Umso unbehaglicher war mir zu Mute. Nichtsdestotrotz folgte ich seiner Wegbeschreibung und stand bald vor dem Haus, zu dem er mich geschickt hatte. Auf mein Klopfen öffnete mir eine sehr alte Frau in einem zerlumpten Kleid. Als ich ihr sagte, ich wünsche Mrs. Jane Pepper zu sprechen, seufzte sie kummervoll und bedeutete mir, die Treppe hinaufzugehen.

Mrs. Pepper empfing mich so dürftig bekleidet an ihrer Tür, dass ihre Verwahrlosung seit dem Tod ihres Gatten einfach nicht zu übersehen war. Sie trug ihr Haar offen und hatte ihr Kleid nicht zugeknöpft, so dass ihr üppiger Busen darunter hervorschaute. Und sie roch nach Gin. Ich sah auch die tiefen Falten um ihre Augen, sah die hervorstehenden Wangenknochen, über denen sich die Haut straffte, und ich ahnte, dass hier nicht mehr ein Mensch bloß vom Trunk besessen war, sondern der Trunk längst von dem Menschen Besitz ergriffen hatte. Und doch kam unter ihren abgezehrten Zügen noch ein Rest der Schönheit zum Vorschein, die sie einmal gewesen war. Absalom Pepper schien einen Kennerblick gehabt zu haben, was Frauen betraf.

»Hallo, mein Lieber«, begrüßte sie mich. »Komm doch herein.«

Ich nahm ihre Einladung an und setzte mich, ohne dazu aufgefordert worden zu sein, auf den einzigen Stuhl im Zimmer. »Was darf ich heute Abend denn für dich tun, mein Liebster?«

Ich griff in meine Börse, zog einen Schilling hervor und gab ihn ihr. »Mir nur ein paar Fragen beantworten. Das ist für Ihre Zeit.«

Sie schnappte nach der Münze, wie ich Affen nach gezuckerten Pflaumen hatte schnappen sehen. »Meine Zeit«, sagte sie mit fester Stimme, »ist drei Schillinge wert.«

Ich konnte nur schwer glauben, dass ihr jemals jemand für eine ihrer Gefälligkeiten so viel bezahlt hatte, vor allem nicht für das Wenige, was ich von ihr verlangte, aber mir war nicht danach, mit dem armen Ding zu zanken, und ich legte den Rest dazu.

»Ich möchte Sie nach Ihrem verstorbenen Ehemann fragen.«

»Oh, mein Absalom«, schwärmte sie sogleich. »Hat es je einen lieberen Mann gegeben?«

Mir fiel sofort auf, wie sehr beide Mrs. Pepper gleichermaßen von ihrem Gatten angetan waren. Ich wusste nicht, wie der Verstorbene die Damen so für sich eingenommen hatte, aber ich hätte gerne ein wenig über sein Geheimnis erfahren.

»Er ist Ihnen also ein guter Ehemann gewesen?«

»Er war ein guter Mann, Sir. Der Beste. Aber es stimmt leider, dass ein so guter Mann nicht immer die Muße findet, auch ein guter Ehemann zu sein.«

Vor allem nicht, wenn er voll und ganz damit beschäftigt ist, noch einer weiteren Frau ein guter Ehemann zu sein, dachte ich, obwohl mir nicht im Traume eingefallen wäre, es laut auszusprechen. »Was können Sie mir über ihn erzählen?«

»Oh, er war gut zu mir, Sir. So gut ist er zu mir gewesen. Wenn er bei mir war, hätte ich nie geglaubt, dass es noch andere Frauen auf der Welt gäbe, denn er war in Gedanken immer nur bei mir, hat nur für mich Augen gehabt, wenn wir zusammen spazieren gingen. Wir konnten in St. James auf die feinsten Leute der Stadt treffen, und er schien niemanden davon auch nur wahrzunehmen. Und er ...« Hier hielt sie inne und warf mir einen kritischen Blick zu. »Warum wollen Sie das wissen? Wer sind Sie?«